Scharfzüngig liefert uns Luca Pümpel eine Theaterkritik zu Gegen die Wand im Werk X. Die Dramatisierung des mehrfach ausgezeichneten Spielfilms von Fatih Akin war nicht unbedingt nach seinem Geschmack. Seine Gedanken zum Stück kannst du hier nachlesen.

Gegen die Wand im Werk X: Totalschaden

Auf der Suche nach Inspiration besuchte ich neulich eine Gegen die Wand Dramatisierung im Werk X. Ich setzte womöglich zu große Hoffnungen in die Aufführung, denn die Enttäuschung war groß.

Gegen die Wand von Fatih Akin

Im Mittelpunkt des Films Gegen die Wand steht ein großartiger Konflikt: Die junge Sibel ist die Tochter einer konservativen, türkischstämmigen Familie. Zusammen leben sie in Deutschland. Während sich Sibel lieber dem freigeistigen Lebensstil deutscher Kulturkreise anpassen würde, besteht ihre Familie auf ihren türkischen Traditionen. Vater und Bruder achten sehr streng darauf, dass Sibel auf Sex und Alkohol verzichtet. Sie steht unter ständiger Beobachtung. Sie erzählt, dass ihr Bruder auch nicht vor Handgreiflichkeiten zurückschreckt.

Schließlich findet Sibel einen Weg, aus ihren Fesseln auszubrechen, ohne ihre Familie vor den Kopf zu stoßen. Sie überredet einen fast fremden Türken, sie zu ehelichen. Dieser hat überhaupt keinen Bezug zu türkischen Traditionen, sondern führt gegenteilig ein Leben voll von Lastern und Vergnügungen. Sibels Familie wird er als erfolgreicher Geschäftsmann vorgestellt. Durch die Täuschung gibt der Vater seine Tochter frei. Als er später die Wahrheit über Sibel, ihren Gatten und deren Zusammenleben erfährt, verbannt er Sibel aus der Familie. Kaum ist Sibel bei ihrem Gatten eingezogen, beginnen sie gemeinsam Drogen zu nehmen und auszugehen. Sibel erfährt die Abgründe, nach denen sie gesucht hat und dringt immer tiefer in sie ein.

© Yasmina Haddad

Unabhängig von seiner gesellschaftlichen Relevanz thematisiert Gegen die Wand einen dionysischen Urtrieb im Menschen. Ausgehend von einem streng disziplinierten Familienverhältnis, erfahren wir von Sibel über das Bedürfnis und anschließend die Sucht nach geistigem Kontrollverlust. Durch Sex, Drogen oder Tanz versetzt sich Sibel in ekstatische Zustände, bei welchen sie die Handlungsmacht über ihren Körper verliert.

Als Sibel in ihrem rastlosen Umtreiben versinkt, bietet ihr das Leben immer wieder Möglichkeiten, sich zu mäßigen. Doch selbst in Momenten, in welchen sie moralisch dringend dazu angehalten wäre, zu Vernunft zu kommen, scheint sie es überhaupt nicht in Erwägung zu ziehen, sich ihrer Sucht nach Kontrollverlust entgegenzustellen. Die Unterdrückte, mit der man sich zuvor solidarisierte, entwickelt sich nun zu einer Egomanin. An die Stelle ihrer Tragik tritt nun ein Ekel, den man vor ihrem maßlosen Genießen empfindet.

Mit dem Kopf Gegen die Wand

Nach wie vor begeistert mich der Konflikt zwischen familiärer Verpflichtung und Lust an der Freiheit. Wäre der Film so gelungen wie das Konzept, wäre er sehr lange Zeit im Gespräch geblieben. Darum hielt ich es für eine ausgezeichnete Idee, den Film zu dramatisieren.

Ich ging davon aus, dass man versuchen würde, den Defiziten des Films im Theater entgegenzuwirken und dem Konzept die glorreiche Umsetzung zukommen zu lassen, die sie verdient. Im Gegenteil wurde auf die schöne Idee gespuckt, indem man sie als billige Boulevardkomödie umsetzte. Die Handlung wurde oberflächlich und teils wörtlich übersetzt und mit banalen komödiantischen Mitteln gespickt. Sibel grunzte und raunzte auf der Bühne wie eine Idiotin. Ihr Bruder bediente sich viel zu oft einer klischeehaften türkischen Jugendsprache.

Ich halte es für eine Schande, Literatur zu vulgarisieren. Das Genre Boulevardkomödie sollte mit eigenen Texten arbeiten und sich nicht allzu wertvoller Texte und Ideen bedienen. Aber immerhin war ich der einzige, der den Saal vorzeitig verließ und die Inszenierung scheint ein großer Erfolg zu sein. Na bumm.

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