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“Mögest du in interessanten Zeiten leben”, so die Redewendung, die als chinesischer Fluch bezeichnet wird. In interessanten Zeiten leben wir. Daher brauchen wir keine noch interessanteren Verschwörungen, die den Blick auf die echten Missstände verstellen. Verschwörungstheorien gedeihen und wuchern jedoch mithilfe des Internets – anything goes im World Wide Web. Ein Kommentar über die Corona-Krise als Krise des Journalismus.

Was Corona-Leugner und der scheidende US-Präsident Donald Trump gemeinsam haben, ist die Absage an den Common Sense: Wir müssen nicht an das glauben, was herkömmliche Medien verbreiten, nur weil ihre Vertreter bereit sind, bestimmte Dinge zu glauben. Wir müssen das nicht tun und können den Spieß umdrehen: Wer um kritische Aufklärung bemüht ist (z.B. JournalistInnen), wird ganz einfach als Lügner oder Marionette bezeichnet.

Wir können den Grundtenor etablierter Medien (“Lügenpresse”,”Fake News”) infrage stellen und die Arbeit an einer gemeinsamen Lösung der Probleme sabotieren. Wir können das, weil jede Aussage im Internet in Sekundenschnelle ein Millionenpublikum erreichen kann – wenn man beispielsweise ein twitternder US-Präsident ist. So werden wir verführt, so können wir aber auch verführen. Für letzteres braucht es im Grunde nur ein wenig Reichweite in sozialen Medien. Das Internet ist das mächtigste Distributionsmittel von gefährlichem Halbwissen. Die Hälfte aller US-Amerikaner glaubt heute noch daran, dass in einer Pizzeria in Washington ein Kinderpornoring unter der Schirmherrschaft Hillary Clintons aktiv war. 

Global Social Content und Partizipation

Keine lästigen Kontrollmechanismen, die Nachrichten auf ihren Wahrheitsgehalt überprüfen: User-generated Content ist der Leitgedanke, der die Hülle und Fülle des Internets ausmacht. Zigmillionen Internet-User mit einem leichten Mitteilungsdrang oder der Neigung, sich selbst darzustellen. Individualisierter Content und persönliche Nachrichten – am Global Social Content partizipiert mehr oder weniger die gesamte Weltbevölkerung. Der wirtschaftlichen Nutzung durch Marketing und Markenbindung räumt das unbegrenzte Möglichkeiten ein. YouTube, Facebook, aber auch Foren für Meinungsaustausch und andere soziale Medien – ein milliardenschwerer Markt, der das Zeitalter des klassischen Kapitalismus (Produktion von Gütern) ablöste.

Die Krise des Journalismus

Auf YouTube tummeln sich viele Verschwörungstheoretiker. Foto: Markus Spiske © Unsplash

Journalismus und “alternative Fakten”  

Das Internet ermöglichte im großen Stil die Entstehung der “alternativen Berichterstattung”. Nun konnte sich ohne viel Aufwand eine Gegenstimme zu den klassischen Mainstream-Medien formieren. All die ursprünglich für kommerzielle Zwecke erdachten Möglichkeiten, das Netz mit Inhalten zu füttern, konnten nun genauso für mehr und weniger fragwürdige politische Ziele eingesetzt werden. Wer braucht schon gut recherchierte Artikel in der New York Times, wenn ich alternative Fakten easy cheesy im Internet verbreiten kann?

Mit denselben Mitteln, mit denen wir verführt werden, können wir verführen: Genauso wie journalistische Medien geben Verschwörungstheoretiker auf ihren Plattformen vor, die Welt (oder zumindest Fragmente davon) in ihrer Berichterstattung möglichst objektiv widerzuspiegeln. Im Internet finden wir die größte mediale Spiegelung unserer Welt. Was postmoderne Theoretiker wie Jean Baudrillard als Simulakrum (lat. Bildnis) bezeichneten, findet hier eine allumfassende Entsprechung: Das World Wide Web als ganz große mediale Scheinrealität, die über die Realität gestülpt ist, so dass wir nicht mehr imstande sind, zu unterscheiden, was wahr und was falsch ist. 

Nehmen wir die berühmte Mondlandung von Neil Armstrong – ob sie wirklich stattgefunden hat, kann die absolute Mehrheit der Menschheit nicht mit völliger Gewissheit beantworten, schließlich kennen wir ja nur Bilder und Aufnahmen davon, die auch gefaked sein könnten. Tatsächlich gibt es nach wie vor viele Skeptiker, oder besser gesagt, Verschwörungstheoretiker, die das glauben. Es gibt unzählige Beispiele an historischen Ereignissen, deren narrative und visuelle Dokumentation leicht manipuliert sein könnte. Das ermöglicht ein anything goes der Relativierung durch “alternative Berichterstatter”.

Matthias Lehar: Journalismus Corona Krise

Verschwörungstheoretiker in Deutschland. Foto: © Markus Spiske

Informationsgesellschaft und Medienkompetenz

Wie kann man im Netz glaubwürdige Inhalte von unglaubwürdigen abgrenzen? Oder ist dieser Zug Richtung Niemandsland abgefahren? Wo ziehen wir die Grenze zwischen Berichterstattung und Propaganda? 

Wir leben in einer digitalisierten Informationsgesellschaft, in welcher Österreich im hinteren Mittelfeld circa fünf bis zehn Jahre nachhinkt. Der kritische Umgang mit (digitalen) Informationen muss in allen Lehrplänen des österreichischen Schulsystems als besonders wichtiger Lehrstoff verankert sein. Was ich hier schreibe, ist keine Neuigkeit. Dennoch ist hier sehr viel Luft nach oben.

Klare Handlungsempfehlungen für den Online-Journalismus? Die Recherche lieber draußen auf der Straße als hinter dem Computer stattfinden zu lassen! Mit den eigenen Augen sehen, mit den eigenen Ohren hören und mit Beteiligten reden – sofern es die derzeitige Situation zulässt. Ein Video-Meeting ist gut, ein echtes Treffen von Angesicht zu Angesicht besser. Analog hierzu kann sich auch jeder Internet-User fragen, woher ein Redakteur bzw. eine Redakteurin Informationen bezieht. Hier gilt also: Geh gleich zum Schmied und nicht zum Schmiedl.

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