Die politische Landschaft in Österreich befindet sich seit einem halben Jahr im Ausnahmezustand. Ständig kommt ein neuer Skandal oder eine neue existenzbedrohende weltpolitische Lage daher. In der Öffentlichkeit manifestiert sich das in Daueraufregung. Dabei bräuchte es genau das Gegenteil. Ein Plädoyer für die Ruhe.

Ibiza, ÖVP-Spenden-Gate, “Hackerangriff”, Straches Spesenabrechnung. Nordkorea, Klimakatastrophe, Syrien, der wöchentliche Trump-Tweet. Zugegeben, es gibt genug worüber man sich aufregen kann. Warum wir uns diesem Impuls und den Entscheidungen, die wir infolgedessen treffen, aber nicht hingeben sollten, zeigt uns etwa das Verhalten der SPÖ in den letzten Tagen.

Keine Angst vor gut überlegten Entscheidungen

Die Nominierung von Christian Deutsch als Bundesgeschäftsführer der SPÖ war eine unnötige Reflexhandlung. Das schlechteste Wahlergebnis in der Geschichte der Partei musste natürlich Konsequenzen haben, das steht außer Frage. Ein wenig mehr parteiinterner Diskurs hätte aber bestimmt nicht geschadet. So hätte man sich mit ein wenig Affektkontrolle die ganze Aufregung ersparen können.

Hätte die Führungsriege der SPÖ einen Moment innegehalten, wäre schnell klar geworden, dass ein Mitglied des alten Parteiapparates einen Aufschrei unter den progressiven Kräften in der Partei auslöst. Wen hätte es ernsthaft gestört, wenn man das Köpferollen um zwei Wochen Bedenkzeit verschoben hätte und die verschiedenen Fraktionen in der Sozialdemokratie ausreichend zu Wort kommen gelassen hätte.

Große Fragen erfordern Sachlichkeit

Nach besonderer Besonnenheit verlangen jedoch wichtigere Fragen als die Postenpolitik der SPÖ. Etwa die Bewältigung der Klimakatastrophe, an der die deutsche Bundesregierung vor zwei Wochen glorios gescheitert ist. Klimaexperten stellten fest, dass vor allem die CO2-Steuer viel zu niedrig angesetzt sei, um irgendeinen positiven Lenkungseffekt zu haben. Die Politik aber witterte tagespolitisches Kleingeld und verabschiedete schnell ein Klimapaket, das wirkungsloser kaum sein könnte.

In der Wissenschaft ist der Weg von der Forschungsfrage bis zu einem Forschungsergebnis ein langer und bedächtiger. Die Politik könnte davon viel lernen. Natürlich soll die öffentliche Hand nicht gar so langsam arbeiten, sehr wohl kann aber Wissenschaftlern mehr Gehör geschenkt werden und ihre langwierig erarbeitete Expertise gewürdigt werden. So würde man den politischen Prozess beruhigen und getroffene Entscheidungen bestünden auch einem Wandel des Zeitgeists besser.

Ruhe statt Skandalhunger

Nicht zuletzt geht es aber darum, dass wir alle uns an der Nase nehmen. Unsere Lust am Skandal ist ein ernsthaftes Problem. Wir erwarten uns von Medien, möglichst viel Aufregendes zu präsentieren. Die Sachlichkeit bleibt dabei auf der Strecke. Das schadet einerseits dem öffentlichen Diskurs und andererseits uns selbst. Immer mehr Menschen klagen über Medien-Burnout.

Jedes Update im Twitterfeed hat einen neuen Eklat für uns. Diese permanente Aufregung macht auf Dauer müde. Sind wir erschöpft reagieren wir wiederum leichter gereizt und lassen uns zu voreiligen Schlüssen hinreißen. Eine Abwärtsspirale, die zu einem noch vergifteteren Gesprächsklima führt. Bewusster Konsum von Qualitätsmedien kann da ein wenig Abhilfe schaffen. Diese bemühen sich nämlich zumindest ein bisschen um eine Versachlichung des Dialogs.

Man kann nur hoffen, dass das mediale und politische Klima in Österreich jetzt nach den Wahlen ein wenig abkühlt. Dasselbe gilt für die großen weltpolitischen Probleme, die wohl ohne eine gewisse Besonnenheit nicht bewältigt werden können. Es ist Zeit für eine Beruhigung des Diskurses. Wir alle haben sie bitter nötig.

Infos und weiterführende Links

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