Er gilt als der wohl angesehenste Preis für Literatur. 2018 wurde der Literaturnobelpreis aufgrund von Korruptions- und Missbrauchsvorwürfen ausgesetzt. Es rumort im Inneren dieser prestigeträchtigen Institution. Dieses Jahr werden zwei AutorInnen ausgezeichnet, die Wogen sollen wieder geglättet werden. Es lohnt sich dennoch, die Autorität des Nobelpreises für Literatur zu hinterfragen.

Die mit dem Literaturnobelpreis prämierten Autoren und Autorinnen erlangen spätestens mit der Auszeichnung Weltrang, der Preis gilt als unfehlbares Qualitätssiegel. Er wird dieses Jahr zum 110. Mal vergeben und hat eine lange Tradition. Eine Liste aller Preisträger liest sich wie das Who-Is-Who der internationalen Literatur. Die Werke der Ausgezeichneten sind fast allesamt kanonisch.

Kanon mit Scheuklappen

Während sich in Forschung und Literaturkritik der Kanon aber seit wenigen Jahrzehnten zu öffnen beginnt, wirkt der des Nobelpreises sehr einseitig. 87,6 Prozent der Autoren sind männlich, noch mehr sind weiß und kommen aus westlichen Industrieländern. Angeführt wird die Rangliste von Frankreich, Großbritannien und den USA, danach dominieren diese vor allem europäische Länder wie Deutschland, Italien, Spanien und Irland. Dieser Eurozentrismus ist natürlich historisch bedingt und daher nicht automatisch zu dämonisieren. Doch auch seit dem Jahrtausendwechsel wurde beispielsweise kein afrikanischer Schriftsteller, keine nichtweiße Autorin ausgezeichnet. Die erst kürzlich verstorbene Toni Morrison hat 1993 Geschichte geschrieben, als sie als erste afroamerikanische Frau mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wurde. Seitdem hat sich aber wieder nicht viel geändert.

Kolonialismus wirkt in die Literatur

Man kann nicht davon ausgehen, dass die Schwedische Akademie europäische Überlegenheitsphantasien auslebt und wissentlich Kandidaten und Kandidatinnen aus Ländern der sogenannten Dritten Welt ignoriert. Das Problem ist ein strukturelles, das seine Wurzeln im Kolonialismus hat. Es ist ein Privileg, die zeitlichen und finanziellen Bedingungen, um gute Literatur zu produzieren, erfüllen zu können. Ein Privileg, in dessen Genuss nicht jeder kommen kann. Die seit Jahrhunderten einzementierte Schieflage zwischen globalem Norden und globalem Süden manifestiert sich logischerweise auch in der Statistik des Literaturnobelpreises. Man muss sich trotzdem fragen, ob es sich die Schwedische Akademie nicht zu leicht macht. Ein Blick über den Tellerrand hinaus wäre angebracht. Bisher scheint es nur ein Blinzeln zu sein.

Mehr Mut

Nichtsdestotrotz hat man 2016 einen mutigen Schritt gewagt, als man Bob Dylan mit dem Preis auszeichnete. Die Entscheidung wurde in allen Feuilletons mitunter auch polemisch diskutiert. Der amerikanische Songwriter polarisierte. Aber auch außerhalb der Elfenbeintürme sorgte er für große Aufmerksamkeit. Plötzlich diskutierten viele wieder, was Literatur darf, kann und ist. Der Mut, das klassische Terrain zu verlassen, wurde belohnt. Der poetische Diskurs war wiederbelebt worden. In Zeiten, in denen die Literatur wieder einmal totgesagt wird, tut es gut, dass Entscheidungen gegen die Konvention getroffen werden.

Korruption und Intransparenz

Nachdem der Literaturnobelpreis letztes Jahr aufgrund eines Korruptions- und Missbrauchsskandals und darauffolgender Rücktritte aus der Schwedischen Akademie nicht vergeben wurde, werden heuer zwei AutorInnen mit der Auszeichnung geehrt. Die Wogen scheinen aufs Erste geglättet zu sein. Trotzdem ist fraglich, inwieweit die Institution ihren angesehenen Ruf verspielt hat. Bereits in  vergangenen Jahren wurde immer wieder Kritik laut. Während andere Literaturpreise nach transparenten Kriterien vergeben werden, sind die Nominierungslisten und der Entscheidungsprozess hier geheim.

Unhinterfragte Autorität

Trotzdem erhält die Vergabe jährlich eine derartige Aufmerksamkeit, von der andere Literaturinstitutionen nur träumen können. Skandale und wiederholte Kritik ändern nichts an der Autorität der Schwedischen Akademie. Deren Urteilsspruch legt den Maßstab für „gute“ Literatur fest und entscheidet darüber, was gelesen werden soll und welche Werke im Unbekannten bleiben. Die Geheimnistuerei sorgt für Spannung im sonst so unbeachteten Literaturbetrieb. Sie bedient die menschliche Sehnsucht nach Wettbewerb, zeigt wie gerne wir in Verlierer und Gewinner einteilen. Im Vergleich zu anderen Preisen, wird mit dem Nobelpreis nicht ein einzelnes Werk, sondern die gesamte Lebensleistung eines Autors, einer Autorin geehrt.

Nachfolge von Kazuo Ishiguro

Als Favoritinnen für den Literaturnobelpreis gelten dieses Jahr zwei Frauen: die kanadische Dichterin Anne Carson und die aus Guadalupe stammende Maryse Condé. Der Leonardo Di Caprio des Literaturnobelpreises, Haruki Murakami, wird auch dieses Jahr als möglicher Preisträger gehandelt, allerdings nicht als Topfavorit. Auch die unter Pseudonym schreibende chinesische Autorin Can Xue, die russische Schrifstellerin Ljudmila Ulizkaja, der kenianische Autor Ngugi Wa Thiong’o und die aus Kanada stammende Margret Atwood sind im Gespräch. Der Österreicher Peter Handke liegt, den Wettquoten nach, weiter hinten. Unabhängig davon, wer schlussendlich das Rennen machen wird, ist zu hoffen, dass die Akademie wieder Mut beweist, denn: Überraschungen gibt es immer. Der Nobelpreis ist renommiert und mächtig. Mit der Entscheidung für experimentelle Literatur oder der Abkehr vom eurozentristischen Einheitsbrei wäre der Literatur im Allgemeinen gedient. In drei Tagen wissen wir, ob der Preis immer noch das Ansehen verdient, das ihm zugeschrieben wird.

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