Am 17. Juni jährte sich ein weiterer Todestag von Hans Dichand, Gründer der Neuen Kronen Zeitung. Aber es war nicht irgendein Tag wie jeder andere, nein, wir feierten nämlich fünftes Jubiläum. Das Wort „feiern“, mag als makaber erscheinen, ist in dieser Hinsicht aber durchaus angebracht. Die einen weinten sich die Seele aus dem Leib, andere rührten vermutlich fleißig die Partytrommel. Es ist wie es ist. Aber nun stellt sich die Frage, wie ist es eigentlich?  Der als „Österreichische Medienzar“ verrufene Hans Dichand ist von uns gegangen. Seine Zeitung hingegen ist fest im Sattel sitzengeblieben, trotz den unzähligen Prophezeiungen von Journalisten und anderen österreichischen Kleinleuten, die der Zeitung ihr Todesurteil erklärten.

Cato, Der letzte österreichische Zar

Zu meinem Erstaunen wurde verblüffend wenig (eigentlich überhaupt nichts, um genau zu sein) über den fünften Todestag von Hans Dichand berichtet. Die rot-blaue Koalition und der Asylverfahrenstopp von Innenministerin Johanna Mikl-Leitner lassen in der österreichischen Medienlandschaft scheinbar nicht mehr viel Spielraum für solche „banalen“ behind-the-spotlight-Themen. Was Dichand selbst wohl dazu sagen würde, sähe er, wie gleichgültig sein Tod „seinem Land“ doch eigentlich ist…

„Österreichs mächtigster Hundestreichler“

Im Jahr 2010 sorgte Dichands plötzlicher Abgang für viel Lärm. Es wurde viel geredet, gerätselt, aber auch argumentiert, wie es mit seiner Hinterlassenschaft weitergehen könne und werde. Klugen Köpfen wie Armin Thurnher (Falter) oder Redakteuren von „Journalist“ war von Anfang an klar, dass mit Dichands Tod nicht gleichzeitig der Niedergang seiner Zeitung einhergehen würde. Cato – Dichands Pseudonym beim Verfassen von Kommentaren bei Leserbriefen – hat sich viel zu sehr in die österreichische Printmedienlandschaft hineingebohrt und sein Zeitungssystem gekonnt im fruchtbaren Boden einer verkorksten Landeshistorie verankert. Und er hat dafür gesorgt, dass sein Werk in den Händen seiner Familie bleibt (zumindest zu 50%).

Die Krone hat in den ersten vier Jahren nach Dichands Sterben zwar sowohl an Auflage als auch Reichweite eingebüßt, nichtsdestotrotz ist dem Einfluss und der Macht dieser Zeitung nach wie vor mit Ehrfurcht zu begegnen. Von einem Zeitungssterben kann also keine Rede sein, nicht im Entferntesten. „Österreichs mächtigster Hundestreichler“ (so wird er liebevoll von Paul Jandl, Redakteur der Tageszeitung „Welt“, bezeichnet) hat sich zwar von uns verabschiedet, aber durch seine Zeitung lebt er weiter und mit ihr sein Einfluss und seine Macht.

Die Macht der Krone

Wie konnte Dichands System so lange Zeit gut gehen? Und wieso funktioniert dieses System auch noch fünf Jahre nach seinem Tod, so als wäre er immer noch hier? Eines muss man dem Alten lassen, er wusste wirklich, was er tat. Dichand hatte ein Gespür dafür, wie man so ein Projekt richtig angeht, welche Leute in sein Konzept passen wer seine Zeitung repräsentieren solle. Er wusste, wie er mit Politikern umspringen musste, sodass diese nach seiner Pfeife tanzten. Die Beispiele reichen von der Freundschaft mit Bruno Kreisky, dem Aufstieg Jörg Haiders, der ohne der Krone undenkbar gewesen wäre, bis hin zu Wolfgang Schüssel, der 1999 von Haider überholt wurde, weshalb die schwarz-blaue Koalition gebildet wurde – gegen Dichands Willen. Den Zorn bekam Schüssel bald zu spüren, als die Krone eine Kampagne startete, sodass er häufig zum Titelbild aller nur denkbaren Sensationen wurde. Ja, Kampagnenjournalismus war von Beginn an die Spezialität der Neuen Kronen Zeitung.

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Foto: © Wiener Zeitung / APA

Der Vater aller Österreicher

Dichand spürte, was dem österreichischen Durchschnittsarbeiter fehlte, und gab dem Volk, wonach es verlangte. Entertainment. Sensation, vermischt mit etwas Politik, viel Drama, das alles umrandet mit einem Hauch von Sex. Die Vermutung (oder wohl eher die Hoffnung der Konkurrenz), dass die Krone nach Dichands Tod ihrem Untergang geweiht wäre, ist ganz klar ein Schuss ins Leere. So einfach macht es uns Dichand nicht.

Das Erfolgsrezept Dichands besteht aus mehreren Zutaten. Zum einen die bereits erwähnte Sensation-Sex-Kombination. Aber das Geheimnis in der Krone liegt in der Tradition. Dichand sah sich selbst wohl als Vater aller Kronen-Leser, wenn nicht sogar als Vater aller Österreicher. Mit seinen unverwechselbar bissigen Starkolumnisten wie Günther Nenning oder seinem Volksdichter Martin Wolf gab er den Lesern das Gefühl, Teil der Krone zu sein. Nach dem Motto, wir sind alle eine Familie, kommt zu uns, dann klären wir euch auf und beschützen euch. Dichand gab den Lesern das Gefühl, Teil der Kronen-Familie zu sein.

Willkommen im Familienbetrieb „Dichand-Imperium“

Vor seinem Tod im stolzen 90. Lebensjahr setzte sich Dichand dafür ein, die Zeitung komplett in den Schoß seiner Erben zu legen – erfolglos. Nach wie vor gehören 50% der Neuen Kronen Zeitung seinem Sohn Christoph Dichand, Herausgeber und Chefredakteur des Blattes. Die andere Hälfte ist Eigentum der deutschen Funke Mediengruppe (ehemalige WAZ), welche bereits im Vorjahr versuchte, das dichandsche System zu schwächen (Die Presse berichtete).

Der Berliner „Tagesspiegel“ schrieb nach Dichands Tod, dass „die Epoche des Nachkriegsösterreichs endgültig vorbei“ ist. Aber ist das so? Was ist von seinem Imperium geblieben? Sein Sohn Christoph Dichand hat Catos Platz eingenommen, dessen Frau Eva Dichand ist Stifterin und Herausgeberin der Gratiszeitung „heute“, was allerdings erst nach einer Anzeige im Jahr 2012 ans Tageslicht kam. Sie führt die U-Bahn-Zeitung gemeinsam mit Wolfgang Jansky, dem ehemaligen Pressesprecher von Werner Faymann (SPÖ). So sieht Österreichs publizistische Vielfalt in der Medienlandschaft zurzeit aus.

Dichand sitzt vermutlich irgendwo weit weg und blickt mit einem kühlen Drink in der einen, mit einer kubanischen Zigarre in der anderen, weit zurückgelehnt und sieht mit einem weinenden und einem lächelnden Auge, zugleich auf sein noch zu Lebzeiten errichtetes Imperium herab.

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