Die Münchner Rapperin Ebow schenkt uns nach ihrem wunderbaren Konzert im fluc noch ein wenig Zeit für ein Interview, in dem wir über Feminismus, Rassismus, persönliche Erfahrungen mit diesen Themen, Drogen und ihre Wahlheimat Wien reden.

Wie bist du eigentlich zu deinem Künstlernamen Ebow gekommen?

Ebow ist so eine dörfliche Aussprache von meinem Namen. Also wenn man Hussein heißt, wird man zu Hussow, Ebru wird zu Ebow.

Wie fühlt sich das an, deine erste Headliner-Tour, und wie ist es, nicht „nur“ Support Act zu sein?

Ist krass viel Verantwortung. Wenn man performt, muss man dem ja auch irgendwie gerecht werden. Wobei ich nicht das Gefühl hab, dass wir jetzt besonders was anders machen müssen. Ich sehe das auch gar nicht so in ‘nem hierarchischen Kontext, dass wir jetzt Headliner sind und dann besser sind als die anderen, die vor uns kommen, gar nicht. Das bedeutet nämlich nicht, dass die Leute unbedingt wegen uns da hinkommen, sondern es ist halt einfach ein Abend, den wir alle zusammen gestalten und für den wir alle die Verantwortung auch tragen. Es ist natürlich vom Veranstalter nochmal so dieses Ding: „Hey, wir haben dich als Headliner ausgesucht“ Das ist glaub ich der einzige Druck, den man so verspürt, wir sind die älteren Geschwister in dem ganzen, take care.

Hast du eine fixe Setlist für jeden Abend oder machst du’s einfach nach Gefühl?

Wallah, unsere Setlist steht seit paar Stunden erst. (lacht)

 

(c) Gabriel Niederberger

Ich hab dein neues Album schon hören dürfen. Im ersten Song kommst du gar nicht zu Wort. Hast du es dafür selber produced oder gemixt oder hast du es ganz jemandem anderen überlassen?

Den ersten Track hat mein Cousin eingespielt und gesungen, ein kurdischer Song. Ich seh das Album sehr wie einen Film, und wenn dieser Film Kanak4Life wäre, dann würde er mit meinen Roots anfangen. Wenn man also zurückgeht, was bedeutet Identität? Was ich als Erstes erfahren hab, war eben einfach diese kurdische Musik. Auch nicht nur kulturell gesehen, sondern auch musikmäßig. Das Erste, was ich gehört hab, war kurdische Musik, wo ich aber nie verstanden hab, um was es geht, weil ich diese Sprache nie gesprochen hab. Mir war’s wichtig, dass das Album mit etwas anfängt, was vielleicht später auf der Platte nicht wieder vorkommt. Also diese Elemente kommen nicht nochmal vor, aber einfach um diesen Film damit beginnen zu lassen. Ich seh da so eine Weite, man zeigt wo ich herkomme und dann geht’s weiter mit Kanak4Life.

In den Liedern 4.20 und High rappst du auch viel über Sucht und Drogen. Hast du einen persönlichen Bezug oder Inspirationen dazu gehabt?

(lacht) Also ich glaub der Grund, warum ich zum Beispiel 4.20 geschrieben hab, war, dass ich’s so schade finde, dass diese Hip-Hop Kultur jetzt immer mehr in dieses Hustensaft-Trinken und Sich-chemischen-Scheiß-geben geht und in dieses Koksen. Das war früher nicht so. Es gibt aber glaub ich auch einen Grund, warum in der Hip-Hop-Kultur Weed so eine Rolle spielt. Weil es etwas Gemeinschaftliches ist, auch wie du den Joint in der Runde rumgehen lässt. Es ist nicht so „Ey, ich zieh mal schnell ‘ne Line und bin dann high“, sondern es ist fast wie so ein Ritual. Man baut zusammen, man raucht zusammen, es connected irgendwo. Und ich wollt’s einfach zurückbringen, an diesen Punkt, dass man sagt „Hey, popp keine Xanny, nur 4.20“. Und bei High geht’s mir nicht wirklich um das Kiffen, bei High geht’s mir einfach darum, mit ‘ner Person high zu sein, um diese Zweisamkeit mit einer Person. Das hat auch etwas Emotionales, es ist jetzt nicht unbedingt: „Ich geh zu einer Person und kiff mit der Person”, wobei ich das auch kenne. Man kennt diese Dates, wo man zusammen ist und kifft und ‘ne gute Zeit hat. Man muss auch nicht viel reden, wenn man zusammen das High genießt.

(c) Thomas Ranner

Was hältst du von anderen Rapperinnen?

Ich bin mega happy, dass es mittlerweile so viele Rapperinnen gibt. Ich finde aber, dass der deutschsprachige Raum da noch bisschen hinterherhängt. Nicht mal, dass es so wenige Rapperinnen gibt, aber weil zu wenige Rapperinnen im Mainstream-Kontext gepusht oder auch von Labels wahrgenommen werden. Das kommt erst jetzt. Jetzt ist es wirklich erst irgendwie relevant für größere Labels, Künstlerinnen unter Vertrag zu nehmen. Aber wir sind noch so weit hinterher, weißt du, was ist mit non-binary, was ist mit Leuten, die wegfallen aus diesem binären System, was ist mit all den anderen Leuten, die auch Musik machen, Leuten, die andere Körperformen haben? Wir sehen immer das Gleiche. Da sind wir im deutschsprachigen Raum so weit hinten, deswegen würd ich gar nicht hingehen und sagen „Hey, danke, dass ihr jetzt endlich wahrnehmt, dass es auch Rapperinnen gibt!“, sondern eher so „Hey, ihr hängt ein paar Jahre hinterher!“

Ist das auch deine Auffassung von Feminismus, dass auch nicht-binäre Personen inkludiert werden?

Auf jeden Fall, alles andere ist für mich kein Feminismus. Leute, die das nicht so verstehen, die haben das Prinzip von Solidarität nicht verstanden.

Was macht Wien für dich besonders? Du bist ja von München nach Wien gezogen.

Ich bin vor Jahren mal hergekommen und hab hier gespielt und dann fand ich die Stadt mega schön. Ich glaub das war so ein Gefühl. Es gibt Städte, die super schön sind, in die du reist, aber du kannst dir nicht vorstellen, dort zu leben. Und Wien war für mich eine Stadt, wo ich mir gedacht hab: „Ok, ich kann mir vorstellen, hier zu wohnen.“ Und ich bin super happy darüber, auch über die Musikszene und alles, was sich hier entwickelt! Weil ich finde, dass Leute in Wien so eine fuck-off-Einstellung haben, vor allem Künstlerinnen und Künstler, die hast du zum Beispiel in Berlin nicht. Egal, für wie hip sich Berlin hält und wie sehr Berlin so einen auf Vorreiter macht, es gibt einen Grund warum Bands und Musikerinnen und Musiker aus Wien so guten Anklang finden im deutschsprachigen Raum. Ist einfach so, weil sie sich Sachen trauen, die man sich in Berlin nicht trauen würde, weil man Angst hätte, uncool zu sein. Genau, diese fuck-off-Einstellung. Ich glaube, das tut der Kunst einfach extrem gut.

Jugo Ürdens und du habt ja beide nicht-deutsche beziehungsweise nicht-österreichische Wurzeln, ich und viele eurer Fans schon. Wenn ich eure Texte dann höre, hab ich so das Gefühl, dass ich bei Konzerten nicht das Recht hab mitzusingen, weil ich nie eure Erfahrungen gemacht, und die Diskriminierung und den Rassismus erlebt habe, und ihr eben schon. Findest du, dass Leute ohne Migrationshintergrund bei deinen Liedern nicht mitsingen sollten?

Ich würd jetzt nicht wollen, dass diese Leute Kanak4Life mitsingen, weil wenn ich Kanak4Life sage, ist es eine ganz andere Emotionalität, als wenn es jemand sagt, der nie mit diesem Wort bezeichnet worden ist. Und mir das Wort anzueignen und auszusprechen, ist für mich ein Empowerment. Aber wenn ich Stories aus meinem Leben erzähle, will ich schon, dass die Leute daran beteiligt sind, und zwar nicht nur Leute mit meinem Background, sondern auch Leute, die einfach Interesse daran haben. Wenn du da im Publikum drinstehst und dich berührt ein Song, will ich, dass du dann dabei bist. Du machst ja auch nicht bei einem Film, der dich interessiert, die Augen zu, weil du denkst „Ok, das ist jetzt nicht für mich geeignet“. Es geht da eigentlich nur um Wörter, wo ich nicht wollen würde, dass andere die mitrappen.

(c) Thomas Ranner

Ok, also zum Beispiel einfach Wörter auslassen, würde das gehen?

Ja, genau. Aber es geht ja bei mir nicht nur um diesen Kanak-Content, es geht ja auch um Feminismus et cetera. Ich glaube, dass Schmeck mein Blut wahrscheinlich eher etwas ist, was dich trifft.

Auch zu Kanak4Life: Da beschreibst du ja dein Leben als Migrantenkind. Die Erfahrungen, die du mit Rassismus gemacht hast, haben die sich irgendwie verändert, mit deinem Alter oder Selbstbewusstsein?

Ich habe erst gestern mit einem Freund darüber geredet, wann ich angefangen hab, sexistische Erfahrungen zu machen. Und das Ding ist halt bei Rassismus dasselbe: Dadurch, dass er in der Gesellschaft normalisiert ist, nimmst du gewisse Aktionen von Lehrern oder von der Gesellschaft als Kind oder als Jugendliche gar nicht als rassistisch wahr. Weil es als normal akzeptiert wird. Erst in dem Moment, wo du anfängst, dich mit dem Thema zu beschäftigen und in diese Materie hineingehst, wo du gewisse Bücher liest, in denen Leute es geschafft haben, diese Emotionalität zu artikulieren, da fängst du an zu checken: „Ey, warte mal. Diese Erfahrungen, die ich gesammelt hab, das war purer Rassismus!“ Aber du konntest es damals nicht aussprechen, weil alle anderen so getan haben, als wäre es das Normalste. Und das Einzige, was du in diesem Moment hattest, war das Gefühl, dass da gerade etwas geschieht, was ungerecht ist. Und dir wurde aber sozusagen das Recht entzogen, das als ungerecht zu empfinden, weil alle anderen das als normal empfunden haben. Vor allem was Sexismus angeht, hab ich bestimmte Dinge erst später gecheckt, die sexistisch waren und die ich damals als ungerecht empfunden hab oder die mich wütend gemacht haben, aber wo mir das Recht einfach entzogen wurde, das so zu empfinden.

Jetzt wehrst du dich ja auch gegen Sexismus und Rassismus. Was hältst du von den Donnerstags-Demos, die es jetzt in Österreich wieder gibt?

Ich finds wichtig, dass es die gibt und dass das auch so lange geht. Ich muss aber sagen, dass ich an noch keiner teilgenommen hab, weil ich jetzt länger nicht in Wien war. Genau als die Donnerstags-Demos angefangen haben, bin ich weggezogen. Deswegen kann ich jetzt auch gar nicht drüber reden, wie die Donnerstags-Demos an sich sind. Aber ich hab viele Freunde die hin gehen… Wie findet ihr das? (zu Bad&Boujee)

Bad&Boujee: Ich finds super, ja. Ich geh recht oft. Erste Reihe. (lacht) Ja, erste Reihe.

Gibt’s sowas Ähnliches in Deutschland auch?

Wir haben jetzt in Berlin auch angefangen, Donnerstags-Demos zu machen. Wir hatten jetzt erst eine, ist natürlich nicht so groß wie hier. Aber es ist wichtig. Glaub auch, dass es superwichtig ist gegenüber diesem Ohnmachtsgefühl, dass du denkst, dass du gegen all diese Missstände in der Gesellschaft nichts machen kannst. Dass du immer donnerstags so ‘ne Demo hast, wo du siehst, dass so viele andere Leute da sind, die so empfinden wie du. Weil das, was uns momentan beigebracht wird, um gegen diese störenden Umstände vorzugehen, ist: „Kümmer dich um dich selbst,  mach self-care, schau, dass es dir gut geht und der Rest ist egal – so überlebst du die Scheiß-Welt.” Die Realität ist aber dass wir, wenn wir solidarisch miteinander sind, etwas verändern können. Ich glaube, dass solche Demos eben das bewirken.

(c) Thomas Ranner

Ein Textzitat aus Schmeck mein Blut lautet: “Wiens neue Sissi – Berlins neue Dietrich”. Hört sich sehr selbstbewusst an! Wie bist du zu diesem Selbstbewusstsein gekommen? Hattest du das schon immer, hat sich das entwickelt oder ist das alles nur Show?

(lacht) Ich hab das Glück, aus einer Familie zu kommen, die mich sehr selbstbewusst erzogen hat. Ich hab immer sehr starke Frauen um mich herum gehabt, meine Mama war Frauenvorsitzende des alawitischen Vereins in München. Ich hab als Kind schon gesehen, wie meine Mama vor 10.000 Leuten Reden gehalten hat. Das ist halt etwas, was dich voll stark prägt. So: „Hey, du kannst einfach als Frau da stehen“.

Wow. Gibt’s noch was, was du sagen möchtest, zu deinem neuen Album oder zum Konzert?

Bestellt euch das alle vor! Es kommt am 29. März raus. Unterstützt das, weil es hört sich jetzt egoistisch an, aber es ist wichtig, so Künstlerinnen wie mich zu unterstützen, weil Künstlerinnen wie ich oder Bad&Boujee versuchen alle, ein Netzwerk aufzubauen. Scheiß auf fame, fick fame!  Das interessiert keinen Menschen. Es geht aber darum, dass wir einfach unsere eigenen Netzwerke machen können und an einen Punkt kommen wollen, an dem wir gehört werden. Und es ist super schwer, durch diese Strukturen durchzugehen, wo überall weiße Männer am Ende sitzen. Deswegen ist es so wichtig, nicht nur mich, sondern auch andere Künstler wie Yasmo oder Sookie zu unterstützen. Das sind alles Künstlerinnen, die versuchen, unabhängig zu arbeiten und Dinge zu schaffen, die nicht in diesen Strukturen stattfinden.

Super, Dankeschön!

Danke euch!

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