Franz Paul Horn hat in diesem Herbst im Verlag Kremayr & Scheriau sein Buch „Über die Grenzen – Wien, Damaskus, Kabul: Drei wahre Geschichten von Reise und Flucht“ veröffentlicht. Das hat es in sich.

Es sind drei außergewöhnliche Geschichten, mitten aus dem Leben von jungen Menschen genommen, die unterschiedlicher nicht hätten aufwachsen können. Der Autor selbst fährt mit seinen zwei Freunden Sebastian und Thomas mit dem Fahrrad bis in den Iran. Gleichzeitig wollen die Flüchtlinge Marek und Filip genau in die andere Richtung: nach Europa.

Die Biologen

Die drei Österreicher sind ganz normale Studenten in ihren Zwanzigern: sportlich, offen und Vogelliebhaber. Humorvoll stellt Autor Paul sich und seine Mitreisenden vor:

„Sebastian schwimmt drei Kilometer durch den Lunzer See und kämpft sich durchs Schilf zurück, wenn er mit seinen sieben Dioptrien den Steg nicht mehr findet. […] Thommy-Boy ist Vorarlberger und liebt Agamen. Das ist die interessanteste Familie unter den Schuppenkriechtieren, seiner Meinung nach.“

Der Autor selbst sei „zu großem eigenen Vergnügen und auch aus Gründen der Selbstdarstellung“ ebenfalls sportlich, durchaus kontaktfreudig und offen für das Leben außerhalb der Uni.

Ein Radausflug nach Teheran

Wie kommt man auf die Idee, mit dem Rad 5000 Kilometer weit zu fahren, nur mit Schlafsack, Isomatte und Zelt? Bessere Frage: Warum nicht? Das geht sich mit der Studentenzeit und dem Studentenbudget gerade aus und außerdem müsse man seine Grenzen austesten und etwas tun, von dem keiner glaubt, dass man es tun würde. Über Südosteuropa und quer durch die Türkei führt der Weg.

Damaskus

Filip ist Syrer. Sein Zwillingsbruder ist ein paar Minuten älter als er selbst, also der Erstgeborene und deshalb als Soldat nach Aleppo eingezogen worden. Er wird schwer verwundet und überlebt nur, weil der Vater die Ärzte bezahlen kann, die seine Gedärme wieder zurückstecken und ihn zunähen. Er muss weiterkämpfen, noch drei Jahre lang, dann ist Filip an der Reihe, seinen siebenjährigen Militärdienst abzuleisten.

„Eines Abends, der Krieg dauert mittlerweile schon über drei Jahre, werden wir von den Rebellen aufgehalten. Mit der AK im Anschlag zwingen sie uns, aus dem Auto auszusteigen. Sie fragen uns tausend Fragen, schlagen mich, sagen, ich kämpfe für die Regierung und bin ein Verräter. […] Nach wenigen Kilometern halten uns Soldaten der syrischen Armee an ihrem Checkpoint auf. […] Sie sagen, ich kämpfte für die FSA. Sie schlagen mich und wollen ein Geständnis.“

Sein Vater schickt ihn nach Deutschland. Er muss seine Familie zurücklassen und über den Libanon und die Türkei nach Europa fliehen. Filip flieht vor der Armee, vor den Rebellen und vor dem IS, die sich in einen wahnwitzigen Krieg verheddert haben, unterstützt von Waffen aus dem Ausland.

„Ohne Waffe bist du niemand.“

Malek kommt aus einem kleinen Dorf, das im Osten Afghanistans liegt. Er kennt den Frieden nicht, sondern verbringt seine Kindheit zwischen den Fronten der Amerikaner und der Taliban. Aber er hatte eine Familie, die sich selbst versorgte und verteidigte, so wie viele andere Dorfbewohner. Mit 15 Jahren wird er auf dem Weg zur Schule von den Taliban gekidnappt. Sie wollen ihn und andere Kinder ausbilden, um selbst für die Taliban zu kämpfen. Seine nüchterne Erzählweise erfindet nichts hinzu und lässt nichts aus. Die Situation ist unvorstellbar. Malek ist ein reflektierender junger Mann, der sich nicht von der Hirnwäsche der Taliban beeinflussen lässt. Nicht so aber seine Mitgefangenen:

„Nach der Rede schickt uns der Commander auf den Trainingsplatz zurück. Plötzlich sind die Kinder motiviert. Sie sind wütend und fragen einander: ‚Warum töten die amerikanischen Soldaten unschuldige Afghanen? Warum wollen sie unser Land zerstören? Wir müssen gegen die Gottlosen kämpfen!‘ Es sind Kinder und sie wissen nichts. […] Sie werden zu Taliban, aber ich war in der Schule, ich weiß, was mir mein Vater gesagt hat, ich höre das Urdu in den Reden der Taliban – das ist nicht mein Dschihad.“

Malek hat Glück und kann mit Hilfe fliehen. Die Taliban verfolgen ihn und sein Vater schickt ihn ebenfalls nach Europa. Auch er muss seine Familie und sein Zuhause zurücklassen und begibt sich auf eine Reise, die ihn tief zeichnen wird.

Auf nach Südosten

Thomas, Sebastian und Paul durchqueren währenddessen unter anderem die Slowakei, Ungarn, Kroatien, Serbien, Bulgarien und Rumänien. Durch Pauls lockere und lustige Erzählweise entsteht ein extremer Kontrast zwischen den Geschichten. Die Sequenzen der Reise dienen als emotionale Auflockerung nach den Kapiteln über die jeweilige Flucht von Malek und Filip. Ob dem Autor das Knie schmerzt oder mal wieder ein Fahrradreifen platzt, ist der/dem Lesenden dann ziemlich wurscht. Das Buch wurde geschickt zusammengesetzt, sodass die Kulturen immer wieder aufeinanderprallen.

© Paul Horn

Refugees welcome?

Sowohl Filip, als auch Malek treffen immer wieder auf Menschen, die ihnen helfen, selten ist es sogar die Polizei. Hauptsächlich werden sie jedoch behandelt wie Tiere. Sie werden geschlagen, eingesperrt, bestohlen. Sie treffen auf Schlepper, auf Diebe, auf die Mafia und immer wieder auf gewaltvolle Polizei. Nein, in diesem Europa ist nichts in Ordnung.

„Wir werden nicht freundlich behandelt und das, obwohl wir dafür bezahlen. Wir werden geschlagen, wir sind die stinkenden Afghanen, die Mutterficker, die Hurensöhne, und wir können kein Wort dagegen sagen, sonst gibt es Hiebe – oder wir werden einfach zurückgelassen.“

Die drei Europäer treffen bei ihrem „Radausflug“ immer wieder auf außergewöhnliche Gastfreundlichkeit und Neugier. Je weiter sie sich von Zuhause entfernen, desto exotischer werden sie behandelt. Auch ihnen geben Flüchtlingslager und Geschichten vom IS immer wieder Anreize, sich über die Möglichkeiten der Welt Gedanken zu machen.

„Ich bin schockiert, dass die Kinder hier direkt neben der Autobahn leben, es gibt kein fließendes Wasser, keine Toiletten, die Zelte sehen improvisiert aus, vielleicht leben sie hier sogar illegal. Ich dachte, Flüchtlingen würde es besser gehen, dachte, sie würden vom Staat irgendwie unterstützt.“

Brautschau

Gleichzeitig wird ihnen ihre Position als Mann in der Gesellschaft bewusst, je tiefer sie in eine Kultur eintauchen. Auch wenn das Thema Gleichberechtigung mittlerweile überhängt, hat sich nicht viel verändert. Interessant wird es natürlich in den fremden Kulturen, allerspätestens im Iran, wo die Sittenpolizei aufs Kopftuch schaut. Der Autor lässt Männer aus Südosteuropa, der Türkei und dem Iran zu diesem Thema zu Wort kommen, berichtet von selbstbewussten Frauen und von solchen, die er als Gast im Haus nie zu Gesicht bekommt, weil das gegen die guten Sitten verstoße.

Des Öfteren wird die Frau zum Bewertungskriterium eines Reiselandes, verankert im Trio: ‚Gutes Essen, nette Leute, schöne Frauen‘, nicht selten vom Autor selbst, wofür einige Sympathiepunkte auf der Strecke bleiben.

© Paul Horn

Die Realität von Reise und Flucht

Über die Grenzen beinhaltet drei beeindruckende Geschichten, die fest in Erinnerung bleiben. Bei allen merkt man die tiefen Emotionen, die die Realität hervorruft. Gefüllt mit außergewöhnlichen Begegnungen, der tiefen Freiheit des Reisens und schönen Farbfotos, wäre schon die Reise mit dem Rad bis nach Teheran allein ein Buch wert. Die beiden Flüchtlingsgeschichten sind tieftraurig, gerade weil sie gänzlich ohne sprachliche Verzierungen auskommen. Gerade in Zeiten politischer und gesellschaftlicher Rechtskrümmung, inklusive aller Skandale und Gewalt kommt dieses Werk richtig. Es verbindet den Reisedurst der europäischen Millennials mit dem Gegensatz der Jugend aus den Kriegsgebieten und fördert ein tiefes Kulturverständnis.

Eines der besten Bücher des Jahres.

© Paul Horn/ Kremayr & Scheriau

Infos und weiterführende Links

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