Das neue Rammstein-Album steht vor der Tür. Wir konnten es für euch exklusiv bei Universal Music Austria vorab hören. Hier einige Gedanken nach dem ersten Hörerlebnis.

DISCLAIMER: Abgesehen von den bereits veröffentlichten Titeln enstanden sämtliche Meinungen nach einem einzigen Hördurchgang (bei dem zwar aktiv Notizen gemacht wurden, aber dennoch), was nicht unbedingt ein ausgewogenes Review ermöglicht. Die folgenden Meinungen sind Ersteindrücke.

Rammstein ist wieder da. Ohne Titel, worauf die Künstler anscheinend großen Wert legen. Nicht der kleinste Leak wird riskiert. Bei der Prelistening-Session im Universal Austria Büro steht den Promotern nur ein zeitlich begrenzter Stream zur Verfügung, der nach einer gewissen Zeit wieder verschwindet, für einmal Durchhören reicht die Zeit aber. Alles minutiös geplant, nichts wird riskiert, veröffentlicht man das Review vorab, drohen hohe Strafen. Wir unterschreiben. Und dann geht’s los.

DEUTSCHLAND
Titel eins und zwei, ,,Deutschland‘‘ sowie ,,Radio‘‘, sind bekannt. Deutschland zu Unrecht hauptsächlich wegen dem augenscheinlich provokanten, auf den zweiten Blick aber grandios durchplanten Video. Durch das Snippet mit KZ-Häftlingen über Nacht wieder in aller Munde. Moralisch fragwürdig? Möglicherweise. Unglaublich effektive und gut durchdachte Publicity? Auf jeden Fall. Auch jenseits des Videos hat der Titel durchaus einiges zu bieten. Eine Tour-De-Force durch die deutsche Geschichte, die eine ambivalente Haltung zu dieser ausdrückt. Rammstein in a nutshell. Nichts kommt übermäßig plump daher, Zeilen wie ,,Übermenschen überdrüssig‘‘ und ,,Deutschland über allen‘‘ sind geschickt durchdacht.

RADIO
,,Radio‘‘, die bessere der zwei Singles, verneigt sich vor den Großen der deutschen Musik-Szene, der möglicherweise wichtigsten deutschsprachigen Band ihrer Zeit, den vier Robotern im roten Anzug: Kraftwerk. Äußerst tanzbar, toller Synthgroove, solide Texte. Und eine paneuropäische Botschaft! Bitte mehr davon.

ZEIG DICH
Doch jetzt wird’s wirklich interessant: Die neuen Titel. Vorab bereits aus Versehen durch Verklicken angeteasert hört man nun einen Chor durch den Seminarraum hallen. ,,Zeig dich‘‘, ein Kaliber wie ,,Mein Herz brennt‘‘ steht an. Schnell, hart, interessante Melodie im Chorus, Kirchenkritik. Missstände und Missbräuche werden angestrichen, und wenig gute Haare gelassen. Nichts Revolutionäres, aber sicherlich eine der stärksten Nummern auf der Platte, auch textlich.

AUSLÄNDER
Schon der Name des nächsten Titels, ,,Ausländer‘‘, wirkt im aktuellen politischen Klima provokant. Auf vorhandene Missstände wird nicht unbedingt eingegangen – was vielleicht auch besser so ist, die US-Präsidentschaftswahl hat bereits gezeigt, wie grandios die meisten Künstler an allzu direkter Politik-Kritik scheitern können (Solche Inhalte klappen noch immer am Besten im Hip Hop). Dafür ist der alte Hut der ,,Ausländer bin ich überall‘‘-Botschaft durchaus ansprechend verpackt. Lindemann singt in mindestens vier verschiedenen Sprachen im Chorus, der Titel wirkt wie eine Weiterführung von diversen ,,Nationalsongs‘‘ aus früheren Platten (,,Moskau‘‘, ..Frühling in Paris‘‘, ,,Te Quiero Puta‘‘), schlägt aber einen eher leichtherzigen Ton an.

SEX
,,Sex‘‘ ist mindestens so plump wie der Name klingt. Darüber gibt es auch nicht viel zu sagen, zwischen ,,Wer ficken will, muss freundlich sein‘‘ und ,,Loch ist Loch‘‘-Argumenten wünscht man sich die subtileren Tage des Fellfrosch zurück. Next please.

PUPPE
Weiter geht’s mit einem Knall. Einen zunehmend die Fassung verlierenden Lindemann schreien zu hören ist im besten Sinne ohrenbetäubend. ,,Ich reiß der Puppe den Kopf ab‘‘ lautet es wiederholt, in verschiedenen Graden der Verzweiflung vorgetragen. Die Schwester ist Prostituierte, wohl für die Pflege des auf Medikamente angewiesenen Bruders verantwortlich, die ,,Puppe‘‘ sein einziger Trost. Trostlos und makaber in bester Rammstein-Manier, braucht es sich vor ,,Spieluhr‘‘ und ,,Tier‘‘ kaum zu verstecken.

WAS ICH LIEBE
Umso größer die Ernüchterung bei ,,Was ich habe‘‘. Der Titel ist solide, die Synth-Parts unterhaltsam, alles in allem ernüchternd mittelmäßig. Die ,,Ich-kann-nur-Schlechtes-lieben‘‘-Botschaft erinnert auf ungute Art und Weise an Emopop à la 2005. Das klappt vielleicht bei My Chemical Romance (da hier immerhin noch eine Sprachbarriere vorhanden ist, und man als Deutsch-Erstsprachler nicht allen Weinerlichkeiten unmittelbar ausgesetzt ist), aber nicht bei DER NDH-Band, besonders dann, wenn man bedenkt, dass diese auch durchaus mehr als fähig sind Titel ähnlicher Botschaft fernab von jeglicher Peinlichkeit hervorzubringen. So uferlos die kalte See, so durchwachsen dieser Titel.

DIAMANT
Balladen gibt es im Hause Ramm durchaus seit ,,Herzeleid‘‘-Zeiten – auch wenn an ,,Seemann‘‘ fast nichts herankommt. Gerade die Mischung aus ruhigen, einfühlsamen Abschnitten, und den harschen Riffs machen den Reiz aus. ,,Diamant‘‘ kommt wie ,,Frühling in Paris‘‘, ,,Feuer und Wasser‘‘ oder eben ,,Seemann‘‘ daher – nur ganz ohne Härte und enttäuschend kurz. Der Text schlittert knapp, aber gelungen, an unangenehm vorbei. Somit verbleibt diese doch etwas kurze Ballade als solider Ruhepol vor der nächsten Brachial-Nummer.

TATTOO
Womit wir bei dem vorletzten Track, ,,Tattoo‘‘ wären. Auch hier glänzt man nicht unbedingt durch textliche Kreativität, eine Lobhymne auf Körperverzierungen. Bei machen Reimen biegt sich der ein oder andere Balken, gesamt gesehen lässt die Instrumentation allerdings wenig zu wünschen übrig. Es gibt einen kleinen, feinen Synth-Einschub (zu kurz um ihn als Bridge zu bezeichnen), und dazu ein Standard-Rammstein-Rifffest. Schnell, laut, solide, mit einer kuriosen Bridge, die seltsamerweise etwas an Indie Rock(?) der 1990er erinnert. Da hat wohl Emigrate zugeschlagen.

HALLOMANN
Und da ist auch schon das Ende, ,,Hallomann‘‘. Zugegeben, der Name ist ein wenig irreführend, und verweist auf das Lyrische Ich. Als Abschluss des Albums ist der Song aber durchaus gut gewählt. Der Titel schließt an ,,Wiener Blut‘‘ und, kurioserweise fast noch mehr, an Falcos ,,Jeanny‘‘ an. Es geht demnach um Entführung und Misshandlung Minderjähriger. Im Mitteltempo versucht ein säuselnder Halloman eine Teenagerin in seinen Wagen zu locken – mit dem Versprechen, ihr ,,Muscheln mit Pommes Frittes‘‘ zu kaufen. Aha, also doch eher Frankreich und ,,Frühling in Paris‘‘? Oder vielleicht ,,Feuer und Wasser‘‘, denn das Turteln endet mit einem ertrinkenden Mädchen, dessen Synthgesang über die ausklingenden Riffs der neuen Rammstein-Platte wabert. Wie auch sonst würde Rammstein eine Platte schließen? Glücklicherweise mit einem gelungenen letzten Track.

Ob das Review für oder gegen das Album spricht, weiß ich selbst noch nicht genau. Eine Erfahrung ist selbst ein einziger Hördurchgang aber allemal. Die Zeiten von ,,Sehnsucht‘‘, ,,Herzeleid‘‘ und rohen Parolen sind zwar vorbei, der Blick ist aber nach vorne gerichtet. Beschließen die Künstler, diese Richtung konsequent weiterzugehen, wer weiß, vielleicht überrascht ,,Rammstein VIII” mit Synth Rock. Potenzial dafür wäre mehr als vorhanden.

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