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Die Theatersaison geht zu Ende und ich ergreife die Gunst der Stunde, mich neu zu besinnen und das Jahr Revue passieren zu lassen. Die Spielzeit 2018/19 war in Wien unerfreulich schlecht und erschütterte meinen Glauben an das Theater. Macht es überhaupt noch Sinn, ins Theater zu gehen? Was wünsche ich mir, wenn sich mir die Türen der Theater im Herbst wieder öffnen?

Tiefpunkte

Mehrmals sagte ich heuer aus dem Theater kommend: Das ist der neue Tiefpunkt. Das meinte ich nachdem ich Aischylos’ Die Perser von Michael Thalheimer gesehen hatte, bei dem sich die beiden Schauspieler über zwei Drittel der Vorstellung nicht von der Stelle bewegten. Das meinte ich bei der katastrophalen Ibsen-Inszenierung von Joachim Meyerhoff und Jette Steckl, bei der nach drei Stunden Langeweile eine ungerechtfertigte Publikumsbeschimpfung Empörung hervorrief.

Das meinte ich jedes Mal, wenn ein Klassiker beworben worden war und ich in die Fänge einer Boulevardkomödie geriet. Nun aber fällt es mir leicht, die unverzeihlichste Zumutung zu benennen. Sibylle Bergs Hass-Triptychon unter der Regie des Shootingstars Ersan Mondtag war nicht nur regielich einseitig wie Thalheimers Die Perser, sondern auch banal und anmaßend wie Meyerhoffs und Steckls Ein Volksfeind.

Hass-Triptychon wurde im Rahmen der Wiener Festwochen im Volkstheater aufgeführt und erhielt hymnische Kritiken. Das Stück versuchte, wie es momentan modern ist, sozialkritisch und politisch zu sein. Es handelte von einer Wohngemeinschaft aus sozial Benachteiligten: Wenig originell gab es darunter einen Moslem, einen Schwulen und eine unterdrückte Frau. Sibylle Berg entwarf die oberflächlichsten und klischeehaftesten Charaktere, die mir überhaupt je untergekommen sind. Anstatt einer Handlung schrieb Sibylle Berg voneinander unabhängige Monologe, in denen Charaktere die Traumata ihrer Vergangenheit und Zukunftsängste vortrugen.

Die Seelenleben der Charaktere waren psychologisch und politisch so kalkulierbar, dass sich manche Personengruppen mit Recht pauschalisiert fühlten und sich im Nachhinein beklagten. Ersan Mondtags Umsetzung des Stückes schien wie ein demonstrativer Akt, zum Nachweis, wie viel Budget man ihm anvertraue. Er schuf ein sehr aufwändiges Bühnenbild und verkleidete seine Schauspieler bis zur Unkenntlichkeit. Aber außer derartigen Oberflächkeiten konnte ich keine Regie erkennen.

Parolen

Selbstbewusst diagnostiziere ich dem Theater eine Psychose – es meint, seine politische Meinung möglichst oft und plakativ wiederholen zu müssen. Dabei gibt es überhaupt nur einen einzigen politischen Standpunkt, von dem aus das Theater – monoton wie ein F1-Rennen – polemisiert: Wie oft sollen wir noch LGBTQ+ beklatschen? Wie oft sollen wir Rassismus noch auspfeifen? Und wie oft müssen wir noch betonen, dass Umweltschutz Vorrang gegenüber allen anderen politischen Themen hat? Das macht längst keinen Sinn mehr. Theater und Kunst soll den Menschen auf einer tieferen Ebene erfassen als ein aufgeregter Facebook-Status. Das Publikum soll durch starke Ausdrucksformen oder intelligente Polemiken zum Denken angeregt werden. Im letzten Jahr hat sich die Kommunikation des Theaters mit seinem Publikum als ein Predigen vor der eigenen Herde gestaltet. Als wäre das Theater eine Propaganda-Maschinerie, wird immer wieder dieselbe Message für denselben Applaus vermittelt.

Schenkelklopfer

Neben dem politischen gibt es noch einen anderen Trend, der mir in dieser Spielzeit schwer zu schaffen gemacht hat: die Boulevardkomödie. Sie ist das apolitische Pendant zum Parolenschwingen und verfügt über denselben intellektuellen Anspruch. Auch die Boulevardkomödie setzt immer und immer wieder auf dieselben Pointen und erhält dafür dasselbe Gelächter. Claus Peyman inszeniert Ionescos Die Stühle und entscheidet sich dafür, das tiefsinnige Stück Weltliteratur für ein seichtes Gelächter zu vulgarisieren. Das Werk X macht dasselbe mit Gegen die Wand von Fatih Akin. Das Bronski & Grünberg Theater inszeniert überhaupt nichts anderes als Boulevardkomödien und erdreistet sich, seinen primitiven Witz mit Dostojevskijs Schuld und Sühne zu betreiben. Das wäre alles halb so schlimm, wenn nur das Genre vor der Aufführung angekündigt werden würde, um anspruchsvollere Besucher wie mich zu warnen.

Hoffnung?

Jedenfalls hoffe ich, dass sich das Theater im nächsten Jahr an Johan Simons Woyzeck-Inszenierung oder an Vor Sonnenaufgang orientiert. Ganz eindeutig waren diese beiden Inszenierungen am Akademietheater die wertvollsten für mich. Durch intelligenten Witz unterhielten sie erstklassig und ließen genau so viel von ihrer sozialpolitischen Position durchschimmern, dass man im Nachhinein darüber nachzudenken begann. Weit davon entfernt, sich Klischees zu bedienen, schufen sie starke Bilder voller Witz und Tragik.

Frischer Wind oder Abgasbelästigung?

Das Burgtheater jedenfalls steht mit Martin Kušej unter neuer Führung und kündigt auf seiner Website ausführlich an, mehrsprachig in die neue Saison zu starten. Obwohl ich diese Idee nicht für idiotisch halte, sagt das inhaltlich nicht wirklich etwas aus. Vielmehr klingt es nach einem weiteren Statement gegen Xenophobie. Das zum Download zur Verfügung stehende Programmheft ist zwar künstlerisch sehr aufwändig gestaltet, gibt aber keinen klaren Blick auf die Pläne für das nächste Jahr: Offensichtlich will man das Publikum nicht um den Überraschungseffekt bringen. Alles in allem bin ich pessimistisch. Ich befürchte, dass das Theater noch oberflächlicher werden wird, bis nur noch politische Predigt und Schenkelklopferhumor zu sehen ist.

 

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