Anlässlich des Internationalen Frauentages haben wir Freundinnen, Bekannte und Kolleginnen um freie Beiträge zum Thema Frauentag und der eigenen Weiblichkeit gebeten. Eine Pluralität an Ergebnissen.

DISCLAIMER: Auch wenn mein Name unter dem Artikel steht, wurde er in Zusammenarbeit mit vielen, vielen wunderbaren Personen verfasst. Ich bin großteils nur für die Zusammenstellung und Übersetzung verantwortlich. Vielen lieben Dank an alle Personen, die mitgemacht haben!

Man könnte meinen, 2019 wäre es überflüssig eine Festivität wie den Internationalen Frauentag zu begehen. Gleichberechtigt sind doch sowieso schon alle! Oder doch nicht? Werden mittlerweile gar Männer diskriminiert (die böse, böse Frauenquote)?! Und laut Staatssekretärin Edtstadler gibt es in Österreich auch überhaupt kein Patriarchat! Da wäre mir doch vor Schreck fast mein ,,Freche Frauen‘‘-Roman (Buchkategorie gesehen bei Thalia) und der Katalog mit Kindermode (streng geteilt nach blau und rosa) runtergefallen. Ohne Patriarchat, wo kommen wir denn da hin? Da würden wir doch gar keine Frauenquote mehr benötigen, wegen der ich mich diskriminiert fühlen kann! So ein Unsinn. Als ob wir keine anderen Probleme hätten. Und für den unwahrscheinlichen Fall, dass es irgendwann wirklich keine anderen Probleme mehr gibt, kann man sich immer noch auf Überreaktion und Hysterie ausreden. Denn das zieht immer. Besonders im Patriarchat.


 

Regina, 23, BA der Politikwissenschaften und Redakteurin in der DELAY-Musikredaktion, Mexico Stadt (Mexico)

Um die Frage zu beantworten, wie es ist, eine Frau zu sein, muss ich zunächst Folgendes anmerken: Geboren und aufgewachsen bin ich in Mexico, bald werde ich eine Auswandernde sein und ich bin bisexuell. Dementsprechend ist meine Erfahrung damit Frau zu sein unausweichlich mit all diesen Aspekten verbunden.

Für mich war Weiblichkeit stets ein widersprüchliches Konzept. Als Nachfahrin republikanisch-spanischer Migranten, die während des Spanischen Bürgerkrieges nach Mexico gelangten, wuchs ich in einer großteils liberalen Familie mit starken Frauenfiguren auf. Niemals wurde mir gesagt, ich könnte nicht mit etwas spielen oder nicht etwas bestimmtes sein, nur weil ich als Mädchen geboren wurde. Dennoch, viele weitere Erwartungen, die an mein Geschlecht gerichtet werden, wurden auch an mich gestellt: Ich musste mich meinem Geschlecht entsprechend kleiden, was auch Kleider inkludierte, selbst wenn ich mich in ihnen nicht wohlgefühlt habe oder ich sie nicht mochte. Beim Spielen durfte ich mich nicht so grob wie mein kaum älterer Onkel verhalten. Ich musste angemessen sitzen und durfte nicht zu laut sein. Ich musste mich um meine Erscheinung kümmern, wie ich roch und um die Haare auf meinem Körper. Ich musste Burschen mögen und mich ihnen gegenüber in einer gewissen Art und Weise verhalten. Also erwartete selbst eine Familie, die aus ihrem Heimatland aufgrund von massiv beschränkter Freiheit floh, dass ich mich füge, zwar zugegebenermaßen auf eine subtilere, allerdings ebenso heimtückische Art.

Die ersten 14 Jahre meines Lebens konnte ich mich nicht mit dem Konzept von Weiblichkeit identifizieren, mehr sogar, ich hasste es. Damals repräsentierte es für mich all die Dinge, die ich nicht sein wollte, da ich unbewusst eine misogyne Einstellung hegte. Weiblichkeit bedeutete für mich, seelisch schwach, weinerlich, passiv und machtlos zu sein. Seltsamerweise war es gerade die Akzeptanz meiner Liebe zu Frauen, die mir dabei half, zu erkennen, dass das alles nur falsche Annahmen waren. Die Frauen, die ich bewunderte und in die ich mich verliebt habe, waren genau das Gegenteil und dennoch ,,benahmen sie sich nicht wie Männer” oder hatten Probleme damit, Gefühle zu zeigen. Einige mochten sogar die Farbe Pink. Langsam entdeckte ich, dass ich mit toxischer Maskulinität ebenso wenig zu tun haben wollte, wie mit erbitterter, traditioneller Weiblichkeit.

Im Jahr 2018 wurden in Mexico 760 Frauen einzig und alleine wegen der Tatsache, dass sie Frauen waren, ermordet. Laut den Vereinten Nationen erklärten außerdem sechs von zehn mexikanischen Frauen, dass sie bereits Opfer von sexueller Gewalt, Belästigung, öffentlichen Grapschens oder tatsächlicher Vergewaltigung wurden. Solch eine Umgebung gibt dem Konzept der Weiblichkeit unweigerlich eine neue Dimension: die der Wut. Denn plötzlich bestimmt dann die Art und Weise wie man geboren wird, ob man Straßenseiten wechseln, ständig wachsam bleiben, oder einen Pfefferspray mit sich führen muss. Denn sonst schafft man es an dem Tag vielleicht nicht mehr nach Hause.

Alles in allem ist Weiblichkeit, wie jedes andere Konzept auch, ein soziales Konstrukt, allerdings eines, welches grundsätzlich in Verbindung mit Machtverhältnissen und einer kompletten Weltanschauung steht. Ein Konzept, welches ganz konkreten Einfluss auf das persönliche und öffentliche Leben von Individuen und Kollektiven hat, welches in starker Verbindung mit sonstigen Bestandteilen der Identität eines Menschens steht, sie gänzlich durchdringt, manchmal gar definiert. Ich weigere mich zu glauben, dass wir uns für immer von diesem Konzept trennen müssen um unser kollektives Ziel als Frauen zu erreichen. Was ich allerdings glaube, ist, dass wir uns davon befreien, es zerstören, von seiner ursprünglichen Bedeutung reinigen und es aus unserer eigenen Perspektive wiederaufbauen müssen. Es bleibt jeder Frau selbst überlassen, zu entscheiden, wie Weiblichkeit auszusehen hat, wie sie sich zu benehmen hat, und wofür sie steht. Denn Konzepte sind lediglich Wörter, Menschen hingegen haben das Recht sich frei zu entwickeln und sollten stets über diesen Wörtern stehen.

 

 

Jen, 22, Philosophie-Studentin, Frankfurt (Deutschland)

Der Weltfrauentag – entstanden vor dem ersten Weltkrieg, einer Zeit in der die Frauen noch für Grundlegendes wie ihr Wahlrecht kämpfen mussten. Heutzutage müssen wir dies nicht mehr, Dank gebührt den tapferen Frauen, die diese Kämpfe für uns geführt haben. Jedoch auch heute ist eine allgemeine Ebenbürtigkeit der Geschlechter noch nicht vollständig erkämpft. In dieser heißen Diskussion, ob die FeministInnen zu hart vorgehen oder überhaupt noch berechtigt kämpfen, fällt es teilweise schwer von sich zu behaupten, glücklich damit zu sein, eine Frau zu sein.

Meinem Erleben nach werden die klassischen Geschlechterbilder durchaus auf regelmäßiger Basis noch auf einen projiziert und eine Auflösung dieser und tatsächliche Durchmischung der Geschlechter in den Berufsfeldern ist noch lange nicht erreicht. So studiert meine Schwester nun Elektrotechnik und ist beinahe nur von Männern umgeben, wovon einige durchaus noch davon ausgehen, dass sie das nötige mathematische Verständnis nicht so gut erfassen könnte wie sie selbst. In ein solches Umfeld möchte frau sich logischerweise nicht gerne begeben, weswegen diese Einstellung wirklich zeitgemäßer werden muss. Daher ist meiner Meinung nach auch die Feminismus-Bewegung noch gerechtfertigt.

Auch in meinem Philosophie-Studium merke ich die Unterschiede. Die großen Philosophen, die wir lesen, sind zum überwiegenden Teil Männer und entsprechend geprägt sind die Texte. Natürlich ist im Laufe der Zeit auch bei den Philosophen der Frauenanteil gestiegen, doch es stimmt dennoch traurig die Werke eines großen Denkers zu lesen und zu bewundern und zehn Seiten weiter lesen zu müssen, wie der Mann sich das Weibe am Besten gefügig macht. Da fällt es bisweilen schwer diese Denkweise von den philosophischen Erkenntnissen zu differenzieren.

Dem biologischen Frau- oder Mann-Sein sind keine charakterlichen Eigenschaften oder Interessen inhärent, Unterschiede in diesen Belangen sind einzig durch Sozialisation geschaffen; Konstrukte, welche wir Menschen erbaut haben und – das sollte nicht vergessen werden – welchen wir ständig neues Leben einhauchen. Daher können wir die typisierten Bilder vollkommen verändern, und sollten dies auch. Gerade der aktuelle Zeitgeist, in welchem jeder individuell sein will und soll und es ein riesengroßes Spektrum an ergreifbaren Berufen gibt, bietet die perfekte Grundlage dafür. Es erscheint geradezu absurd, dass sich jeweils 50% der Bevölkerung nach denselben Idealen richten sollen, da jeder Mensch individuelle Qualitäten hat und daher ganz offensichtlich mal mehr mal weniger Gemeinsamkeiten mit Anderen hat.

Ich vertrete daher den Standpunkt, dass die individuellen Bedürfnisse und Interessen eines jeden in den Mittelpunkt der Betrachtung gehören und hierzu zählt das Geschlecht nicht primär. Schlussendlich soll jede selbst für sich entscheiden – und ihr sollte erlaubt werden mit welchem Leben sie glücklich ist.

 

 

 

Anna, 17, Schülerin und Redakteurin in der DELAY-Musikredaktion , Wien (Österreich)

Der Weltfrauentag – mehr als ein vom Kapitalismus getriebener Feiertag?

Eigentlich weiß ich ziemlich wenig über den Weltfrauentag – bis vor einigen Jahren hab ich noch genau dasselbe gesagt wie die Bois aus meiner Klasse – „Weltfrauentag ist unnötig, die sollten doch in der Küche sein!“, „Und wann ist der Weltmännertag hm??“  und so weiter – und deswegen nicht wirklich einen Gedanken an den Weltfrauentag verschwendet.

Deswegen fange ich kurz mit einem kleinen geschichtlichen Überblick über den Weltfrauentag und seine Entwicklung an: 1910 wird mit Hilfe der deutschen Sozialistin Clara Zetkins der jährliche internationale Frauentag beschlossen, 1911 findet dieser am 19. März in Dänemark, Deutschland, Österreich, der Schweiz und den USA statt. Die Forderung, die mit ihm und den protestierenden Frauen (zu dieser Zeit eine beispiellose Massenbewegung!) einhergeht ist das Frauenwahlrecht. 1917 folgt die Februarrevolution, in der Zeit des Nationalsozialismus unter Hitler wird der Frauentag verboten und durch den Muttertag „ersetzt“, in den 1950er- und 1960er Jahren rückt der Kampfcharakter des Weltfrauentages in den Hintergrund und dieser Tag wird zum Feiertag. In den 1970ern macht die neue Frauenbewegung den Tag zum Tag der internationalen Frauensolidarität. 2011 feierte der Tag seinen 100. Geburtstag und bis heute gibt es noch einige derselben Probleme, gegen die Frauen auch vor hundert Jahren schon kämpften, nicht mehr alle, aber trotzdem noch zu viele, um von einer gleichberechtigten Gesellschaft zu sprechen.

In Russland ist der 8. März ein besonders wichtiger Tag, laut RusslandJournal fließen hierbei der Valentinstag und der Muttertag in einen einzigen Tag zusammen – soll das eine „Einsparung“ von „Frauentagen“ darstellen? Im konservativen Russland könnte ich mir dies durchaus vorstellen. In einer Ansprache von Wladimir Putin spricht er von der Wertschätzung, die er Frauen gegenüber hegt – für ihre Fürsorge und Liebe, aber auch für die Erziehung der Kinder, die natürlich sie übernehmen und für ihre Leistungen. Dann ein Satz, der mich ein wenig stutzig macht: „Aber Frauen brauchen die Unterstützung unserer Männer.“  Was hat dieser misogyne Satz in einer Rede zum Weltfrauentag zu suchen? Noch nicht mal an diesem einen Tag wird Frauen ihr volles Potential zugeschrieben, zumindest nicht vom russischen Präsidenten. Ist der Weltfrauentag – zumindest für Wladimir Putin – nur ein Feiertag, bei dem Blumenverkäufer und Chocolatiers einen hohen Gewinn machen?

Nein. Nein, für mich ist der Weltfrauentag mehr als ein kapitalistisch angehauchter Feiertag. Nein, für mich bedeutet dieser Tag das Kämpfen unserer Vorfahren, für alle Rechte, die wir jetzt haben. Nein, für mich bedeutet dieser Tag das stetige Weiterkämpfen und Nie-still-sein, wenn Diskriminierung und Marginalisierung gegenüber Frauen geschieht. Nein, dieser Tag ist etwas Besonderes, ein wichtiger Tag, ein Tag der Stärke, Solidarität und ein Tag speziell für Frauen. Also: Weg mit Blumen, Schokolade und Schmuck, her mit gleicher Bezahlung, geteilter Erziehung und Gleichberechtigung!

 

 

 

Alex, 21, Student, Manchester (Vereinigtes Königreich)

Sieht man sich an, was es bedeutet, weiblich zu sein, landet man schnell bei der Überlegung, was das Gegenteil von männlich ist. Während sich die Wahrnehmung von Weiblichkeit im Laufe der Geschichte wieder und wieder verändert hat, blieb der Aspekt der Opposition zur Männlichkeit der Selbe. Beschreibt man etwas als feminin, so erweckt man damit üblicherweise den Eindruck, etwas sei weich, sanft oder zart. Weiblichkeit wird üblicherweise mit Einfühlsamkeit und subjektiven Auslegungen in Verbindung gebracht. Weiters werden Aspekte und Gefühle wie Schönheit, Barmherzigkeit und Fürsorge damit in Verbindung gebracht. Im starken Kontrast dazu steht die Auffassung von Männlichkeit: Härte und Objektivität werden hier in den Mittelpunkt gestellt.

Die Erde und Natur in ihrer Gesamtheit werden üblicherweise mit Weiblichkeit assoziiert, was Charakterisierungen wie ,,Mutter Natur‘‘ zur Folge hat. Der Ausdruck Mutter Natur verweist üblicherweise auf die zugrundeliegende Ästhetik und einzigartige Form der Schönheit, die Unberechenbarkeit und die unmögliche Unterwerfung. Obwohl Wissenschaften, die die Erde als Gesamtes untersuchen, prädominant männlich besetzt sind, so verbleibt nur hier eine männliche Konnotation. Das studierte Subjekt hingegen wird nach wie vor mit Weiblichkeit assoziiert. Was objektiv ist, kann vermessen und analysiert werden, über subjektive Aspekte hingegen kann nur spekuliert werden.

Das Medium der Kunst behält eine weibliche Identität, selbst wenn es von Männern dominiert wird. Kunst erforscht Thematiken des Selbstausdrucks, der Gefühle und der Beziehungen, und sämtliche dieser Parameter können unmöglich objektiv gemessen werden.

Bezeichnet man einen Gegenstand oder eine Neigung als weiblich, scheint dieser vollkommen arbiträr zu sein und bezieht sich auf soziale und kulturelle Normen. Was zu einem bestimmten Zeitpunkt in der Geschichte oder in einer speziellen Kultur als weiblich gesehen wird, kann zu einem anderen Zeitpunkt oder in einer anderen Kultur ganz anders wahrgenommen werden. Gerade deshalb müssen vordergründig die Ursachen, die zu einer solchen Zuschreibung führen, betrachtet werden. Zum Beispiel Schuhe mit Absatz wurden einst als männliches Kleidungsstück wahrgenommen und hauptsächlich von Männern getragen. Die Eigenheiten der Schuhe alleine verlangen keine weibliche oder männliche Zuschreibung, viel eher die Umstände, die den Gegenstand umgeben. Ursprünglich ein Arbeitsgegenstand, hauptsächlich ausgelegt auf Schwerstarbeit, transformierte sich dieser zu einem Modesymbol. Was einst als männlicher Gegenstand wahrgenommen wurde, wird heutzutage zweifellos mit Weiblichkeit in Verbindung gebracht. Eine Entwicklung, die durch die Analyse unserer Auffassung von Arbeit im Gegensatz zu Mode, genauer betrachtet werden kann. Eine objektive gegen eine subjektive Polarisation.

 

 

 

Kirsten, 21, Studentin, Wien (Österreich)

Ich habe eine HTL besucht und wenn Leute das hören ist ihre erste Reaktion meistens: „Was? Du warst auf einer HTL? Du wirkst gar nicht so.“ Wie eine Frau wirken muss, damit man ihr ohne Zweifel glaubt, ist mir nicht klar, aber darum soll es auch gar nicht gehen. Anlässlich des Weltfrauentags werde ich etwas über meine Zeit als Frau an einer männlich dominierten Schule berichten. Anfangs war es nicht anders als am Gymnasium, wenn man das Verhältnis zwischen Burschen und Mädchen einmal außer Acht lässt. Die Mädchen wurden nicht anders behandelt als die Burschen und auch meine Mitschüler waren nett und anfangs sogar etwas zurückhaltend. Mit der Zeit sind sie aber aus der Reserve gekommen und man musste dann schon die ein oder andere Stichelei aushalten, denn sie könnten ja eine witzige Reaktion auslösen, aber es war nie so, dass ich mich als Mädchen je ausgeschlossen gefühlt habe. Ich würde sogar sagen, dass meine Klasse den besten Klassenzusammenhalt hatte, den ich je erlebt habe. Die meiste Zeit war es auch so, dass meinem Geschlecht keine gesonderte Rolle zugeschrieben wurde, außer an Fototagen, da wurden die Mädchen fürs Klassenfoto immer mittig in die erste Reihe gesetzt. Es gab auch keine Zwischenfälle, die in irgendeiner Weise sexuell animiert waren. Nun ja, das stimmt vielleicht nicht so ganz.

Einmal fuhren alle Zweiten Klassen der Informatikabteilung auf eine Wintersportwoche und ich war das einzige Mädchen, das mitfuhr. Zugegeben, ich hatte ein mulmiges Gefühl, da ich mit den Burschen aus den Parallelklassen noch nichts zu tun gehabt hatte, aber ich hatte Vertrauen in meine Mitschüler und Lehrer, mir im Notfall beizustehen. Es passierte auch mehrere Tage lang nichts Erwähnenswertes, bis ich auf einmal eine SMS von einer unbekannten Nummer bekam, in der folgendes stand: „Ich wollte fragen, ob du vielleicht mal Lust auf Sex hast.“ Nun könnte man meinen: „Ach, das ist doch vollkommen harmlos.“ Aber mir machte es Angst. Ich wusste nicht, wer dieser jemand war und ich wusste auch nicht, wie er auf ein Nein reagieren würde. Im Endeffekt passierte nichts Schlimmes diesbezüglich und es kam auch später zu keinem ähnlichen Ereignis.

In der Fünften Klasse blieb ich letzten Endes als einziges Mädchen übrig. Nun war es so, dass wir manchmal Stunden hatten, die von Lehrern suppliert wurden, die unsere Klasse regulär nicht unterrichteten. Diese Lehrer kamen herein und meinten dann: „Bitte setzen Sie sich, meine Herren.“ Ich hatte dann oft den Drang einfach stehen zu bleiben, habe mich aber im Endeffekt nicht getraut. Einerseits, weil ich es noch nie mochte im Mittelpunkt zu stehen und andererseits, weil ich keine negative Reaktion des Lehrers provozieren wollte, wie beispielsweise „Brauchen Sie eine Extraeinladung?“. Heute bereue ich meine Entscheidung etwas, weil es mich interessieren würde, wie die Lehrer reagiert hätten. Natürlich kam es dann auch öfters vor, dass ich bei der Anwesenheitskontrolle als „Herr B.“ aufgerufen wurde. Ich konnte gar nicht so schnell den Mund aufmachen, um ihm zu sagen, dass er einen Herren B. an einer anderen Schule findet, da hatten ihn meine Mitschüler schon verbessert: „Frau B. bitte, Herr Professor“. Die peinlich berührte Entschuldigung, die folgte, war dann immer sehr amüsant.

Mindestens genauso witzig war die Abschlussrede unseres Abteilungsvorstandes bei der Übergabe der Maturazeugnisse. „Sehr geehrte Absolventin! Sehr geehrte Absolventen!“ Natürlich fühlte ich mich geehrt, dass er sich die Mühe machte, um mich als einzige Absolventin dieses Jahrganges der Informatik gesondert anzusprechen, er tat mir aber auch leid, da es ihn in seinem Redefluss etwas zu unterbrechen schien. Und natürlich zog es die Aufmerksamkeit aller Anwesenden auf mich, besonders weil ich eine Rede gehalten habe, von der ich bis zehn Sekunden vorher nichts wusste. Jeweils ein Vertreter der beiden Abschlussklassen sollte eine kurze Rede halten, das ist in meiner Klasse allerdings nicht angekommen. Letzten Endes habe ich es geschafft meine Nervosität zu überwinden und ein paar dankende Worte an meine Kollegen und Lehrer gerichtet.

Meine Erfahrungen an der HTL haben mich definitiv verändert. Anfangs war ich ein schüchternes, introvertiertes, unsicheres Mädchen. Versteht mich nicht falsch, ich bin immer noch schüchtern, introvertiert und unsicher, allerdings habe ich gelernt, dass ich so an dieser Schule untergehen würde. Ich musste lernen damit umzugehen, dass Mädchen an einer HTL nun einmal besonders auffallen. Sie erhalten keine Spezialbehandlung aber sie ziehen nun einmal Aufmerksamkeit auf sich. So habe ich etwas von meiner Unsicherheit verloren und angefangen mich selbstsicherer zu verhalten. Ich denke es hat auch geholfen, dass meine Klassenkameraden mich in der Fünften Klasse liebevoll zur Klassensprecherin gewählt und mich so dazu gezwungen haben, ohne großartige Vorbereitung vor ihnen zu sprechen, um sie über die Zentralmatura zu informieren.  Das Mädchen, das am ersten Tag die HTL betreten hat, hätte niemals eine spontane, unvorbereitete Rede vor einem Saal voll Menschen gehalten und dass die Frau, die die HTL am letzten Tag verlassen hat, das konnte, macht mich sehr stolz.

 

 

 

Ella, 19, Studentin und Sängerin der Band SOLD, Wien (Österreich)

Als Musikerin bekomme ich oft mit, wie unemanzipiert es in der Musikszene zugeht. Schon früh merkte ich, dass die Jungs ihre Bands gründen und die Mädchen singen und hübsche Verzierung sind. Nun studiere ich Gesang und erkenne dieses Muster wieder: männliche Instrumentalisten, weibliche Sängerinnen.

Mit der Zeit begann ich zusätzlich zu meinem Hauptinstrument, der Stimme, mehr Gitarre zu spielen und härtere Musik zu schreiben. Vor einem Jahr gründete ich gemeinsam mit meinen Mädels die Band SOLD und seither spielen wir leidenschaftlich unseren Grunge Punk. Trotz anfänglich mangelndem technischen Know-how haben wir einfach begonnen.

Ja, wir sind ausschließlich Frauen in der Band – und? Wenn man sich längere Zeit in der Musikszene Wiens herumtreibt, kriegt man mit, wie selten das ist. Außerdem haben viele eine voreingenommene Meinung über die Leistung von Musikerinnen und beurteilen zum Beispiel schneller nach Aussehen als bei Männern.Und das kotzt an. Denn durch Musik Aggressivität und Emotionen rauszulassen ist befreiend und tut SO gut. Wir wollen pure Ehrlichkeit und Gerechtigkeit – nix da mit Bevorzugung, Herablassung und Schubladendenken. Die Menschheit braucht Vorbilder aller Geschlechter um diesem Klischeedenken zu entkommen.

Eines meiner größten Anliegen ist es, Frauen in männlich dominierten Musikrichtungen, wie Punk, Metal und Rock, zu repräsentieren, denn wir haben genau so die Härte und Aussagekraft, die für diese Musik notwendig ist.

Zur Stärkung der Gleichberechtigung finde ich es schön, dass es den Weltfrauentag gibt, um intensiv auf Missstände aufmerksam zu machen. Jedoch zählt jeder Tag, um sich gegenseitig gut fühlen zu lassen und zu kämpfen. Hiermit appelliere ich an alle: tut wonach ihr euch fühlt, ohne euch dabei von Rollenbildern beeinflussen zu lassen. Lasst uns zusammen stark sein.

Seid laut, frech und neugierig.

 

 

 

Anna, 19, Studentin und Redakteurin in der DELAY-Musikredaktion, Wien (Österreich)

Ich bin in einer sehr emanzipierten Familie aufgewachsen, Geschlechterrollen gab es und gibt es bis heute nicht. Es wurde mir auch nie gesagt, dass ich etwas nicht könne „weil ich ein Mädchen bin“. Mir kam auch nie in den Sinn, dass ich meinen männlichen Kollegen, Verwandten und Freunden in irgendeiner Weise unterlegen wäre, bloß weil ich weiblich bin.
In der Vorschule und im Kindergarten hat es jedoch angefangen. Einem wurde es zwar nicht ins Gesicht gesagt, aber Sätze wie „Du rennst ja wie ein Mädchen“, die männlichen Klassenkameraden nach schlechten sportlichen Leistungen zugerufen worden, hat man durchaus mitbekommen.
All dies hab ich als Kind akzeptiert, denn ich wusste, dass es nicht wahr ist.
Was ich jedoch noch nie akzeptiert habe, und auch niemals akzeptieren werde, ist der Satz: „Er ist nur deshalb gemein zu dir, weil er dich gerne hat“.
Durch Sätze wie diese wird uns Mädchen nicht nur immer wieder gesagt, wir seien das schwächere Geschlecht, nein, es wird den Jungs auch anerzogen, davon überzeugt zu sein, sie seien uns überlegen. Und auch wenn Sätze wie „du rennst ja wie ein Mädchen“ größtenteils nach der Vorschule aufhören (wenn auch nur deshalb, weil der Schulsport ab da getrennt stattfindet), so hört die meiner Meinung nach falsche Erziehung nicht auf.
Ein selbstbewusster junger Mann, der seine Meinung ausspricht, ist, so lange die Meinung nicht zu unterschiedlich von der des Umfeldes ist, ein Aushängeschild. Eine junge Frau hingegen soll lächeln und sich hübsch anziehen, ja nicht fünf Kilo zu viel auf den Rippen oder gar eine eigene Meinung haben. Aussagen werden nicht so ernst genommen, man wird mitten im Satz unterbrochen und belächelt. Bevor man überhaupt alt genug ist, die Beweggründe dahinter zu verstehen, wird einem auf der Straße hinterhergepfiffen oder aus einem vorbeifahrenden Auto „Hey Süße“ zusammen mit einem Preisangebot zugerufen. Man lernt jedoch schnell, es zu ignorieren und gewöhnt sich daran. Akzeptieren werde ich es jedoch nie.

All dies sind negative Seiten der Weiblichkeit. Es gibt jedoch auch positive. Über uns wurden die schönsten Geschichten und die verträumtesten Melodien geschrieben, es wurden Kunstwerke gemalt und Paläste gebaut. Alleine durch unsere Anwesenheit konnten wir Dinge verändern und durch unsere Stimmen werden wir noch viel mehr verändern. Vielleicht sind wir im Moment noch nicht so weit, dass wir eine absolute Gleichberechtigung haben, aber wir können nachkommende Generationen beeinflussen.

Dies ist auch eine positive Seite der biologischen Weiblichkeit: Die meisten von uns können Leben schenken. Wenn man so darüber nachdenkt, ist das, auch wenn ich es, wie sicherlich viele andere auch, monatlich verfluche, eine wunderschöne Sache. (Was natürlich auch erklären würde, warum Damenhygiene in vielen Ländern als Luxusartikel versteuert wird….)

 

 

 

Hanna, 22, Studentin, Reutlingen (Deutschland)

Mein erster Gedanke: „Ja und jetzt?“

Naja, passiert wohl doch eine ganze Menge, wenn man daran denkt wie viele Frauen Tag für Tag dafür kämpfen gleichberechtigt oder eher nicht mehr unterdrückt zu sein.

Das Thema Feminismus war für mich nie ein großer Aufreger (eine Aufreger*in?). Für mich war es seit ich denken kann selbstverständlich, dass ich alles machen kann was ich will und dass mein biologisch- / sozialkonstruiertes Geschlecht dabei keine Rolle spielt.

So ist das nur in der Realität leider nicht.

Mit 16 wurde mir das zum ersten Mal richtig bewusst. Obwohl ich in einer kleinen Großstadtidylle aufgewachsen bin, hieß es auf einmal: „Spätestens um 12 bist du zu Hause und geh nie allein. Zur Not holst du dir ein Taxi, ich zahl das auch.“ Oder: „Pass auf, dass dein Glas nie unbeobachtet steht.“

„Wenn dir jemand zu aufdringlich wird, fang an dich zu wehren und laut zu schreien.“

Manche Mädchen in meiner Umgebung fingen an immer eine Trillerpfeife oder Pfefferspray bei sich zu tragen.

Alle männlichen Wesen in meiner Umgebung fingen an den Beschützer zu spielen. Ich wehrte mich vehement gegen die Vorstellung, dass ich wehrlos wäre und fuhr wütend mit dem Fahrrad davon.

Ist es nicht sonderbar, dass man in einer angeblich gleichberechtigten Gesellschaft immer noch Angst um seine Töchter, Schwestern und oder Freundinnen hat?

Ich denke noch einmal zurück an den Weltfrauentag und wie sehr die Generationen an Frauen immer wieder kämpfen mussten und müssen, um selbstbestimmt leben zu dürfen, ohne Angst vor Konsequenzen.

Ich verwerfe meinen ersten Gedanken und denke an all die Frauen überall auf der Welt, die laut oder leise jeden Tag darum ringen, gehört, gesehen und nicht unterdrückt zu werden. Der Kampf ist noch nicht vorbei. Die Verhandlungen für unsere Bedingungen führen wir alle auf unseren kleinen Schlachtfeldern jeden Tag. Dafür, dass wir alle selbstbestimmt und ohne Ungerechtigkeit leben können, egal wo oder wann.

 

 

 

Emelie, 19, Studentin, Wien (Österreich)

Am 8.3. ist wieder Weltfrauentag. Doch was bedeutet dieser Tag, warum wird er zelebriert und die wichtigste Frage: brauchen wir heutzutage überhaupt noch so einen Tag?

Doch zuerst noch ein kleiner funfact: Im Jahr 1911 wurde der Weltfrauentag nicht am 8. März, sondern am 18. März gefeiert. Erst seit 1921 findet dieser besondere Tag am 8. März statt.

Der Auslöser für diesen Tag war der Kampf um Gleichberechtigung und Wahlrecht für Frauen, um die Zeit vor dem ersten Weltkrieg. Die Begründerin war die deutsche Sozialdemokratin Clara Zetkin, woraufhin sich Frauen in den verschiedensten Ländern trafen und Gleichberechtigung im Beruf, bei Wahlen und in vielen anderen Bereichen forderten.

Der Weltfrauentag wird auf der ganzen Welt unterschiedlich gefeiert. In manchen Ländern finden Veranstaltungen und Events zu diesem Tag statt.

In Berlin, Kambodscha, Kuba, Nordkorea, der Ukraine und noch vielen anderen Orten ist der Weltfrauentag ein gesetzlicher Feiertag. In Russland ist der 8. März eine Mischung aus Muttertag und Valentinstag. In der Volksrepublik China bekommen Frauen den halben Tag frei.

Anlässlich des Weltfrauentags habe ich mir die Frage gestellt, was für mich Weiblichkeit bedeutet und bin zu dem Schluss gekommen, dass sich diese Frage gar nicht so einfach beantworten lässt und bestimmt viele eine andere Antwort auf die Frage geben würden. Ein Gedanke, der mir durch den Kopf gegangen ist: Ich bin in einem weiblichen* Körper geboren und fühle mich so wohl, ich fühle mich als Frau* und werde von anderen auch so gesehen. Einen Punkt, der die Weiblichkeit noch eher charakterisiert, ist die Möglichkeit Kinder in die Welt zu setzen. Was für mich die Weiblichkeit auf keinen Fall ausmacht, sind die unendlichen Vorurteile oder Klischees an Frauen, wie zum Beispiel Putzen, Kochen und so weiter.

Zusammenfassend würde ich sagen, dass Weiblichkeit für mich bedeutet, dass ich mich gut in meinem Körper fühle und mich als Frau* sehe.

Bei der Frage, ob wir solch einen Tag überhaupt noch brauchen müssen wir nur einen kurzen Exkurs in die Arbeitswelt unternehmen: das Bruttojahreseinkommen auf Basis der Lohnsteuern zeigt 2016, dass Frauen 37.9% weniger verdienen als Männer.
(Quelle: https://www.statistik.at/web_de/statistiken/menschen_und_gesellschaft/soziales/gender-statistik/einkommen/index.html)

 

 

 

Angela, 20, Schülerin, Michigan (USA)

Als ich mich daran machte, Freundinnen, Bekannte und Kolleginnen für den heutigen Artikel zusammenzutrommeln, dachte ich recht bald auch an meine gute Freundin Angela. Da sie in den Vereinigten Staaten wohnhaft ist, wäre das doch sicher ein interessanter zusätzlicher Blickwinkel auf die Angelegenheit. Folgende Konversation hat sich dabei ergeben.

Würdest du über den Internationalen Frauentag schreiben wollen?

Hm? Ich wusste nicht mal, dass das existiert.

Das ist am 8. März.

Ach so, verstehe. Tut mir leid, ich habe da nicht so den Zugang.

Magst du vielleicht darüber reden, warum du keinen Zugang dazu hast?

Ehrlich gesagt weiß ich nicht, ob ich die richtige Person dafür bin. Ich kann überhaupt nicht schreiben.

Deine Meinung wäre aber trotzdem sehr interessant. Was bedeutet es denn für dich, weiblich zu sein?

Schmerzen. Es bedeutet, einmal im Monat heftig zu bluten, es bedeutet, keine Hosentaschen zu haben. Heul, heul und etwas mehr heul.

Mach weiter, ein Achtel haben wir schon!

Es bedeutet … meinen Dobermann zu benötigen, um mich überhaupt beim Spazierengehen wohl zu fühlen.

Hast du dich jemals so gefühlt als ob dich die Gesellschaft gleich behandeln würde?

Mmmh nein, nicht wirklich. Vielleicht als ich noch ein Kind war, jetzt sicher nicht.

Warum jetzt nicht mehr?

Als ich älter wurde, ist es mir öfters passiert, dass mich Leute für dumm gehalten haben. Und das einfach nur aufgrund der Tatsache, dass ich weiblich bin.

Wie denkst du geht deine Umgebung mit Weiblichkeit um? Gibt’s da auch internalisierten Frauenfeindlichkeit?

Naja. Meine Familie unterstützt mich natürlich, aber ab und an gibt es da schon etwas unsinnige Witzchen darüber, wie dumm Frauen nicht wären. Und das ist seltsamerweise gesellschaftlich vollkommen akzeptabel.

Bezüglich internalisierter Frauenfeindlichkeit, das passiert mir schon. Ich schäme mich dafür, aber das wurde mir halt mein Leben lang eingetrichtert.

Warum glaubst du ist das so? Wegen deiner Erziehung? Oder wegen gesellschaftlichen Normen?

Teils, teils. Es ist nicht so als ob meine Familie wirklich frauenfeindlich wäre, da gibt’s nur hier und da ein paar Witze. Es sind eher gesellschaftliche Normen, die ich gehört und nach und nach akzeptiert habe. So ganz kann ich mich nicht von ihnen verabschieden, die schwirren noch immer verschüttet in meinem Gehirn herum und treten manchmal zu tage.

Denkst du, dass wir als Gesamtgesellschaft bezüglich Frauen und Gesellschaft eher Fortschritte oder Rückschritte machen?

HAHAHAHAHA. IN AMERIKA.

Ich weiß. Und warum glaubst du ist das so?

Republikaner. Alte Leute. Und natürlich Twumpy Wump.

Überhaupt keine Fortschritte? Auch nicht in Schulen?

Ich glaube das kommt ganz drauf an wo du lebst. Hier bei uns ist es nicht so schlecht. Da gab es in jüngster Zeit einige Maßnahmen, um Mädchen dazu zu motivieren, Naturwissenschaften zu studieren.

Ist Slutshaming ein Thema?

Ich denke das kommt ganz auf dein Umfeld an.

Gut. Vielen Dank! Gibt’s noch etwas was du dazu noch loswerden möchtest?

Binden und Tampons sollten gratis sein, meiner Meinung nach. Oder leidet, während wir auf alles und jeden bluten!

 

 


 

 

Ich persönlich identifiziere mich zwar als männlich, und fühle mich auch sehr wohl in meinem Körper, möchte aber trotzdem meinen Beitrag zum heutigen Internationalen Frauentag leisten. An dieser Stelle sei ein Exkurs in die wunderbare Welt der Graphic Novels getätigt, mit Blick auf die Thematik Gender und Feminismus.

(c) Julie Maroh

Blau ist eine warme Farbe (Julie Maroh, Splitter-Verlag 2013)
Als die französische Künstlerin Julie Maroh 2010 diesen Meilenstein der grafischen Queer-Literatur veröffentlichte, konnte wohl noch niemand absehen, welche Wellen das Werk schlagen würde. Spätestens als der Film 2013 mit der Palme d’or von Cannes ausgezeichnet wurde, hat die Geschichte endgültig eine breite Öffentlichkeit erreicht. Und das zurecht, denn was Maroh in ihrem Werk schafft, ist durchaus bemerkenswert. Die schwierige Gratwanderung zwischen erotischem Fanservice und asexueller Stilisierung begeht sie hier mit Bravour. Das Ergebnis, die Darstellung eine leidenschaftliche und kompromisslose Beziehung zwischen zwei Liebenden, geht ohne Rücksicht auf Verluste bis zur letzten Konsequenz. Zum Nachdenken, und nicht nur für verregnete Nachmittage (wobei es sich an der französischen Mittelmeerküste an einem verhangenen Tag bestimmt noch ganz anders anfühlt..).

(c) Patu / Antje Schrupp

Kleine Geschichte des Feminismus im euro-amerikanischen Kontext (Patu / Antje Schrupp, Unrast 2018)
Kurz und knapp, auf gerade mal 88 Seiten schildert die Frankfurter Journalistin und Politikwissenschafterin Antje Schrupp im Schnelldurchlauf eine Geschichte, die von einem über 2000 Jahre andauernden Abmühen und Trotzdem-Weiterkämpfen geprägt ist: die des Feminismus. Der Sachcomic steht in bester Tradition der nun mittlerweile auch schon im deutschsprachigen Raum gekannten ,,Introducing / Graphic Guide‘‘-Serie, die pro Band eine große Idee, egal ob politisch, philosophisch oder naturwissenschaftlich, vorstellt. Von den antiken Anfängen über die Zuspitzung der Bewegung in der Neuzeit bis hin zu modernen Ausprägungen wird hier ein großer historischer Bogen gespannt. Durchsetzt mit Zitaten und (mehr oder weniger) adäquaten Zeichnungen der handelnden Personen informiert und unterhaltet das Büchlein auf ganzer Linie.

(c) Tillie Walden

Pirouetten (Tillie Walden, Reprodukt 2018)
”It’s not a competition!” Mit diesen Worten beruhigte mich Tillie, als ich nach unserem Gespräch meine unverhohlene Bewunderung äußerte, darüber dass sie im Alter von 22 bereits eine international bekannte Künstlerin war, während ich noch Bänke in überfüllten Hörsälen abwetzte. Und damit hat sie natürlich recht. Doch gerade um diesen Aspekt, den Wettbewerb, dreht sich ihr autobiographisches Werk ,,Pirouetten”. Vordergründig steht natürlich der Eiskunstlauf im Mittelpunkt der Erzählung. Diesem Hobby, welches mehr und mehr zur Belastung wurde, ging Tillie jahrelang nach. Als überraschend destruktiv beschreibt sie die doch oberflächlich so elegante und anmutige Sportart. Besonders hinter den Kulissen fliegen die Fetzen, Reibereien, Intrigen, Gerüchte stehen an der Tagesordnung. Doch zwischen all dem Trubel wächst die gebürtige Texanerin auf und reift. Und zerbricht daran fast. Tillies Leben ist geprägt von Beziehungen, zu ihrer Mutter, zu ihren Trainerinnen, zu ihren Freundinnen. Ihr Umgang mit der Entdeckung ihrer Sexualität wird hierbei besonders nachdrücklich behandelt, der Abschnitt der eine versuchte Vergewaltigung zeigt, ist kaum auszuhalten. Der Eiskunstlauf spendet weniger und weniger Frieden und Auslastung für Tillie. Als sie sich dann endlich dazu durchringen kann, die Kufen an den Nagel zu hängen, fällt einem als LeserIn ein Stein von Herzen, so sehr wühlt einen das Gebotene auf. In den Farben Schwarz, Weiß und Gelb werden hier die Jugend und Konflikte der US-Amerikanerin dargestellt, und verbinden dabei Erzählung und Bild mit solch einem eleganten Nachdruck, dass man kaum genug davon bekommen kann. Vollkommen zu Recht wurde an dieses großartige Werk der Eisner Award vergeben.

Weitere unbedingt empfehlenswerte graphische Werke:

(c) Pénélope Bagieu

Unerschrocken (Pénélope Bagieu, Reprodukt 2017)
15 starke Frauen, 15 Portraits in Comicformat. Featuring die Las Mariposas, Agnodike, Nzinga und und und.

(c) Katja Klengel

Girlsplaining (Katja Klengel, Reprodukt 2018)
Mit Augenzwinkern und von Harry Potter bis Sailor Moon quer durch die Popkultur präsentiert Katja Klengel AKA Sailor Katja in sieben Episoden eine individuelle Weiblichkeit, die jedoch so nachvollziehbare Problematiken mit sich bringt und dabei gesellschaftliche Heucheleien aufdeckt, dass man Girlsplaining schon fast als Ratgeber in allen Lebenslagen verwenden möchte.

 

(c) Liv Strömquist

 

Der Ursprung der Welt (Liv Strömquist, 2017)

Intelligent geschrieben, stellenweise unglaublich witzig und dazu mit pädagogischem Mehrwert darf auch dieser Comic nicht in unserer Liste feministischer Graphic Novels fehlen. Liv Strömquist bringt ihren LeserInnen historische Fakten über das Frau-Sein, Feminismus, und die Vulva auf eine spannende Weise näher. Dieses Buch könnte auch ergänzend im Biologie-Unterricht Verwendung finden!

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