Die Musikredaktion von Delay hat die bayrische Elektropunk-Band Frittenbude bei einem Promotion-Termin für ihr neues Album in einer Hinterhauswohnung in Wien getroffen. Im Interview wurde über musikalische Entstehungsprozesse, das Scheitern, Spontanität und Bauchgefühl gesprochen. Weiters standen die Fragen im Raum, ob sich alles stetig wandelt oder beim Alten bleibt und wie man die Welt ein Stückchen besser macht.

Starten wir mit Fragen zum neuen Album „Rote Sonne“, das am 22.2.19 erschienen ist. Auf euren vergangenen Plattencovern waren immer diverse Vertreter aus dem Tierreich zu finden und auch die Titel der Alben waren tierbezogen. Auf „Rote Sonne“ ist jetzt ein Smiley im Vordergrund, im Hintergrund ein Mensch. War das euer Ziel, den Menschen in den Fokus zu rücken?

Johannes: Ja, eigentlich wollten wir beim letzten Album „Küken des Orion“ schon darauf verzichten ein Tier auf dem Cover und im Titel zu haben und wir wussten, dass man irgendwann damit brechen muss. Das war auch so eine kleine Emanzipation von der Vergangenheit. Einfach mal was anders machen, was man immer gleich gemacht hat.

Zu den Namen: Unser erstes Album „Nachtigall“ war ein Tier, „Katzengold“ ein Stein, der nach einem Tier benannt ist. Das dritte Album „Delphinarium“ ist ein Gefängnis für ein Tier, dann „Küken des Orion“, eigentlich ein Himmelskörper, der aber aufgrund einer Verpeiltheit von uns nach einem Tier benannt wurde und „Rote Sonne“ ist ein Himmelskörper. So haben wir trotzdem noch einen weiterlaufenden roten Faden. Ist uns aber auch erst im Nachhinein aufgefallen. (alle lachen)

Von links nach rechts: Martin Steer, Johannes Rögner (Delay: Daniel Wenzel, Teresa Dvoracek) Jakob Häglsperger

Was hat beim Schaffensprozess des Albums musikalisch eure kreativen Feuerwerke gezündet? Zum Beispiel bestimmtes Equipment oder Interaktionen innerhalb der Band? Spezifische Künstler oder Strömungen?

Johannes: Wir haben uns im Endeffekt die Musik vorgespielt, die wir selbst in den letzten Jahren gehört haben. Wir haben ja auch alle unterschiedliche Musikgeschmäcker, aber es gibt immer wieder Schnittpunkte, wie Soulwax (belgische Rockband) oder The Northwest. Und auch das Bierbeben (Techno Punk Deutschland), als ich die gehört habe, war das so wie eine Initialzündung, genau sowas will ich machen.

Jakob: Von der Technik her, war es das erste Album, wo jede Beatidee auf dem MPC (Music Production Center) entstanden ist. Anfangs wollten wir in unseren alten Raum nicht mehr reingehen, weil da ein Tapetenwechsel her musste. Dann habe ich den MPC bei mir im Schlafzimmer angesteckt und Martin kam dann und hat spontan die Gitarre direkt drauf gespielt. Das war sehr simpel und aus dem Moment heraus, ohne groß nachzudenken einfach so schnell wie es geht alles umsetzen. Später im Studio haben wir diese Skizzen dann ausgebaut. Strizi (Johannes, Sänger) hat die Texte parallel oder auch mal vor Ort geschrieben und dann haben wir alles zusammengefügt.

 

Das heißt, es war eher intuitiv?

Jakob: Ja, das war auch sehr bewusst, dass alles wieder mehr aus dem Bauch raus ist. Also rein musikalisch ganz einfach und schnell, ohne dass man alles tausendmal hinterfragt und dann nochmal verändert. War auch egal mit welcher Technik, Hauptsache man hat diesen Moment eingefangen.

 

Klingt nach mächtig Spaß. Ihr habt ja auf Facebook gepostet, dass ihr den Frühling und Sommer im Studio verbracht habt und ein paar Songs über die Liebe, das Leben, die Sucht, das Scheitern und den Hass geschrieben habt. Wie wichtig ist das Scheitern für den Erfolg?

Johannes: Ganz wichtig. Man muss sich ja manchmal komplett selbst zerstören, um sich wieder aufbauen zu können. Wenn man an einen Punkt kommt, wo man etwas macht, nur weil es funktioniert, muss man etwas verändern, dem Stillstand etwas entgegensetzen. Einfach alles einreißen und aus den Trümmern etwas Neues aufbauen.

Jakob: Irgendwie scheitert man ja die ganze Zeit, oder? Jeder Mensch scheitert, bis es gelingt. Aber richtig scheiterst du nur, wenn du nichts machst.

Martin: Es ist auch die Kunst, richtig mit dem Scheitern umzugehen. Man kann natürlich auch verbittern oder Groll entwickeln, aber im Idealfall nimmt man aus dem Scheitern ganz viel mit, vor allem menschlich. Man scheitert ja auch in der Liebe, im Job etc. Es gibt wenig Lebensentwürfe, wo Menschen nicht scheitern. Das ist essentiell in allen Lebensbereichen und im besten Fall wiederholt man den Fehler nicht nochmal.

Weiter zu einer politischen Frage: Unser aktuelles sozialpolitisches Klima hat in den letzten Jahren bei vielen Künstlern ein stärkeres Verlangen ausgelöst, sich mehr damit in den eigenen Texten zu beschäftigen. Ihr hattet ja schon immer eine sehr präsente politische Seite. Hat das aktuelle Klima etwas an eurer Herangehensweise an das neue Album verändert? Vielleicht auch ein Verlangen wieder etwas plakativer, mit etwas mehr Punk an das Ganze heranzugehen?

Johannes: Man muss Dinge genau aussprechen, damit es auch jeder versteht und deswegen waren plakative Texte und das auszudrücken, was uns auf der Seele brennt auch immer ein Teil von uns. Da haben wir uns nicht überlegt, wie wir was rüberbringen können, das entsteht bei uns aus dem Bauch.

Jakob: Ich glaube auch, dass sich nicht so viel verändert hat. Es ist ja nicht so, dass auf einmal alles schlecht wurde und davor alles toll war. Da wusste man ja auch schon was Sache ist. Damals war das ein Thema genauso wie heute, man hat es nur nicht so klar gezeigt.

Das heißt das Bewusstsein der Gesellschaft hat sich erhöht?

Johannes: Die Leute waren schon immer rechts. Das ist nicht krasser geworden, die waren schon immer so. Sie zeigen es jetzt nur mehr.

Martin: Die schlechten Nachrichten sind meinem Gefühl nach noch viel präsenter, aber die Welt war vor zehn Jahren wahrscheinlich genauso ungleich wie sie jetzt ist. Es wird durch die Überdosis von Informationen alles verstärkt.

Martin: Wer am lautesten schreit, dem hören auch alle zu, das ist ja im Internet dasselbe und letztendlich sind das Propagandatools, die leider von den Rechten zum Teil schlau benutzt werden. Deswegen muss man dem auch was entgegensetzen.

Um mit dem Politischen abzuschließen, haben wir eine Frage an jeden von euch. Man macht die Welt zu einem besseren Ort indem…

Martin: …man kein Plastik mehr benutzt. (Stille)

Jakob: Ja, das ist schon nicht schlecht. (alle lachen) Man kann ganz viel im Kleinen machen, in seinem näheren Umfeld, da kann man viel erreichen, indem man sich seiner Kraft, seinem Einfluss und seiner Verantwortung auch bewusst wird. Es ist natürlich blöd, dass man immer was machen muss, damit die Welt besser wird.  Wenn man einfach nur sein könnte und die Welt würde besser werden, das wäre toll. Wenn man das System so einrichten könnte.

Martin: Letztendlich natürlich auch kein Fleisch mehr essen. Wenn das jeder machen würde, wäre das Klimaproblem viel kleiner. Wenn wir ehrlich sind und zeitgemäß leben würden, würde das keiner mehr machen.

Habt ihr neuentdeckte Lieblingskünstler oder Künstler, die eurer Meinung nach mehr Aufmerksamkeit verdienen?

Johannes: Sammus eine MC aus New York, Lehrerin. Sie ist gerade Doktorandin und hat sich nach dem ersten weiblichen Spielcharakter aus einem Game benannt. Oder theclosing, das sind Freunde von mir, die machen Musik in Richtung ambient, elektro und experimental.

Jakob: Wir nehmen ja auch LUEAM als Vorgruppe mit auf Tour. Da singt der alte Frontman der Band „Findus“, der macht jetzt mehr Solo-Sachen in die Richtung progressive Pop.

Auf „Insel“ geht’s ja auch darum Sachen aufzuschieben. Was ist eure liebste Prokrastinationsbeschäftigung?

Johannes: Rechnungen sortieren, Finanzkram.

Martin: Dinge in der Wohnung von A nach B nach C räumen und dann nicht mehr wissen wo sie sind. Sinnlos aufräumen.

Jakob: Musik machen. Ne, das ist ja meine Arbeit mittlerweile. (lacht) Einfach auf der Couch liegen und alles ausblenden.

Das ist interessant. Kann Musik machen als Musiker auch Prokrastination bedeuten? Wenn das Hobby zum Job wird?

Jakob: Wenn das dann zum Beruf wird, darfst du das nie als Hobby und vor allem als Leidenschaft verlieren, das musst du dir bewahren.

Johannes: Das ist das Größte und Beste was dir passieren kann, wenn du deine Leidenschaft zum Beruf machst und dir die Freude behalten kannst. Das ist das größte Geschenk, das uns passiert ist, dass wir von der Musik leben können.

Vielen Dank fürs Interview und bis zum März.

Weiterführende Infos und Links

Frittenbude

Tourdaten

21.03.2019 Wien  (Flex)

22.03. 2019 Salzburg ( Rockhouse)

23.03. 2019 Graz (PPC)

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