Das Team von Delay Magazine präsentiert Woche für Woche, was sich in der Welt von Kunst und Kultur getan hat, welche Platten und Singles man guten Gewissens in die Hände nehmen kann, bei welchen Filmen und Vorstellungen sich ein Besuch lohnt – und was man tunlichst meiden sollte.

31.12. – 06.01.

Alben & EPs

behemoth

Behemoth – I Loved You At Your Darkest (Symphonic Black Metal, Death Metal / Nuclear Blast 2018)
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Ein Überbleibsel aus 2018, welches aber nicht zuletzt angesichts des vor der Tür stehenden Wien-Besuchs der polnischen Blackened Death-Titanen hier eine Erwähnung verdient. Die schiere Wuchtigkeit, mit der die mittlerweile zwölfte Platte aus dem Hause Behemoth daherkommt, ist gewaltig. Die einzelnen Titel bekommen den Raum zugesprochen, den sie verdienen, das Songwriting ist hervorragend. Besonders die orchestralen Arrangement, die öfters auftauchen, tragen zu einem gewissen Gefühl der Erhabenheit bei, das sich durch die ganze Platte zieht. Textlich wird unspektakuläre Black Metal-Kost serviert, die es jedoch schafft, nicht ins Lächerliche abzudriften (wobei der Songtitel ,,God=Dog” doch eher auf ein Slipknot-Album passen würde). Der Frontmann klingt stimmlich gut wie eh und je, das Album bietet genug Abwechslung, um einem der großen Black Metal-Probleme, Ernüchterung und Ermüdung auf Albumlänge, zu entgehen. Die gelegentlichen, behutsamen Ausflüge in Progressive Metal-Gefilde stehen Nergals wilder Horde gut zu Gesicht. ,,The Satanist” aus 2014 bekommt dank ,,I Loved You At Your Darkest” einen würdigen Nachfolger.
Anspiel-Tipp: Bartzabel, Havohej Pantocrator

callejon

Callejón – Hartgeld im Club (Melodic Metalcore, Trancecore / Century Media Records 2019)
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Überraschend hörbar entpuppt sich das neueste Werk der deutschen Metalcore-Partygranaten Callejón (bzw. hier wieder mit Alter Ego Kallejon unterwegs). Die Prämisse der Platte gibt auf den ersten Blick nicht viel her: Hip Hop Goes Metalcore ist angesagt, populäre deutschsprachige Hip Hop-Titel bekommen ihr Fett weg und durch wummernden Party-Metalcore-Sound ersetzt, ein Cover-Album also. Bei wem nicht bereits der Gedanke Würgereflexe auslöst, und wer tatsächlich zu ein wenig Spaß fähig ist, kann getrost zu ,,Hartgeld im Club” greifen. Auf dem Cover zwei schmusende Szene-Stereotypen, Metal küsst Hip Hop. Ein potentieller Aufreger in beiden Szenen, zumindest in den zurückgebliebeneren Gefilden. Also hierbei bereits alles richtig gemacht. Die Track-List bietet von Casper über SXTN bis RAF & Bonez alles, was das Radio Hop-Herz begehrt (inklusive ,,Willst Du”, weil, wie könnte es anders sein). Und, siehe da, es gelingt auch tatsächlich. Wahnsinn, wie verdammt gut ,,So perfekt” ins Metalcore-Mäntelchen passt! Die härtere Instrumentation steht den Tracks gut, die Rapfähigkeiten der Herrschaften aus Nordrhein-Westfalen ist absolut annehmbar, die Electronic-Einstreusel sind selten genug, um nicht zu nerven. Die zwei Originaltitel gehen ebenfalls klar, besonders die Pilz und Ice-T (!) Features überzeugen. Auch K.I.Z lässt sich für ,,Porn from Spain 3” wieder blicken, ,,damit du mich nie wieder fragst / ob ich mit dir ‘n Feature mach / schneid’ ich mir die Zunge / mit dem Deckel einer Dose Sardinen ab”, so funktioniert Gastauftritt. Mille gab es ja bereits auf Porn 2, vielleicht bekommen wir Tom Angelripper für Porn 4. Also, zurück in die 2000er! Ein Album um sich volllaufen zu lassen und verschämt (oder aus voller Brust, denn: es gibt keine guilty pleasures!) mitgröhlen.
Anspiel-Tipp: Schlechtes Vorbild, So perfekt, Hartgeld Im Club

die kammer

Die Kammer – Season IV Some T#ings Wrong (Gothic Rock, Dark Cabaret / Delicious Releases 2018)
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Düstere, makabere Texte, akustische Musik und ein rießen Spaß, kurz gesagt „Die Kammer“. Die sechsköpfige Orchestrierung wurde 2011 gegründet und veröffentlichte 2017 mit „Somet#ings wrong“ ihr viertes Album.
Denken Sie jetzt nichts Falsches, keine Sorge, Sie tun das Richtige! Wir haben das Falsche für Sie eingesperrt, sicher verwahrt, hinter verschlossenen Türen“.
Das Vertrauen darauf, dass alles gut läuft, dass die anderen alles für einen regeln, dass man nichts dafür tun muss: „no need to dare / no need to blare / no need to importune“. Dieses Vertrauen ist etwas, was uns Menschen nur allzu leicht fällt, eine Problematik, mit der sich das Album beschäftigt. Themen werden angesprochen, die viele Personen nicht gerne bereden: „zu anstrengend“. Diese Gedankenanstöße sind jedoch enorm wichtig, der Zweifel an dem in Stein Gemeißelten, an dem Alltagstrott, an dem, was andere sagen, das richtig wäre. So ist auch der Titel „In Dubio“ passend dazu verwendet.
Das Album ist gesellschaftskritisch, durchdacht und trotzdem wunderschön anzuhören. Mal Rock, mal Swing, immer ein bisschen düster und doch kann man kaum die Beine still halten.
Anspiel-Tipp: Mercy Me, In Dubio

mineral

Mineral – One Day When We Are Young (EP) (Midwest Emo, Indie Rock / House Arrest 2019)
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Zu ihrem 25-jährigen Bandjubiläum veröffentlicht
die legendäre Emo-Formation Mineral ein Gedenkbuch, welches den windenden Weg der Band beschreibt. Als ein Zusatzzuckerl erscheint diese Woche parallel dazu eine Zwei-Song-EP mit dem Namen „One Day When We Are Young“, die ihre erste neue Musik in 20 Jahren bringt. Der monumentale Achtminüter „Aurora“ bietet einen klanglichen Rückblick auf die zwei Alben der Band, die im Laufe der Jahre zu Klassikern des Genres geworden sind. Zarte Gitarrenmelodien und Chris Simpsons emotionserweckende Stimme leiten durch einen Wirbelsturm der Melancholie, der in Form der verzerrten Gitarrenriffs des Chorus auf den Hörer einprescht. Emotionale Höhen erreicht „Aurora“ im finalen Teil des Songs, hier formt sich der Titel zu einer triumphalen Sound-Wand, welche dann in ein Fade-Out leitet und somit dem Hörer das Gefühl gibt für immer weiterzuklingen. Was für ein Comeback-Statement! Der zweite Track „Your Body Is The World“ präsentiert sich direkter und getrieben von einem fantastischen Bassgroove. Dieser bildet, gemeinsam mit den treibenden Schlagzeugrhythmen, ein unglaublich stabiles Gerüst für die Weiterführung der emotionalen Retrospektive des ersten Songs. Auch hier gleitet Chris Simpsons Stimme über die kraftvollen Riffs und präsentiert seine poetischen Fähigkeiten, welche nach 20 Jahren kein bisschen an emotionalem Gewicht verloren haben. Mit einer riesen Portion Verlangen in seiner Stimme blickt er zurück auf die Vergangenheit der Band. „One Day When We Are Young“ teleportiert den Hörer nicht nur zurück zu den Glanztagen von Mineral, sondern bringt auch ein modernes Update zu ihrem Sound, ohne die rohe emotionale Kraft der Band einzuschränken. Eine absolut fantastische EP, welche uns beten lässt, dass es nicht wieder 20 Jahre dauert, bevor wir wieder neue Musik von Mineral bekommen. Diesmal hoffentlich auch etwas mehr als zwei Songs. Wenn die Qualität auf dem gleichen Level bleibt ist das Verlangen nach mehr kaum mehr zu zügeln.
Anspiel-Tipp: Beide Songs

VRIP

Vienna Rest In Peace – Vienna Rest In Peace (Trauerpop, Indie Pop / Trauerplatten 2017)
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Österreichische Musik liebt den Tod. Es lebe nun mal der Zentralfriedhof, Mozart ist beim Komponieren einer Totenmesse eingegangen und Leichen werden tagtäglich ausgegraben. Und es sterbe die Wiener Stadt nur so dahin, zumindest beim Hören der Debüt-Platte des Düster-Sextetts Vienna Rest In Peace. Unbeschriebene Blätter sind die mitwirkenden Musikerinnen und Musiker der Gruppe allesamt keine mehr – Gregor Tischberger war bis 2017 bei Kreisky tätig, die Brüder Wiesbauer und Florian Emerstorfer musizieren gemeinsam bei Aber das Leben lebt. Ralph Wakolbinger wirkte und wirkt neben Aber das Leben lebt auch bei Mord (der Noise Rock-Gruppe, nicht der Tätigkeit) und Die Buben Im Pelz mit, Marilies Jagsch hat ihre erste Solo-Platte bereits 2008 veröffentlicht.  Das verwundert aber kaum, denn die Platte klingt zwar frisch, aber keineswegs wie ein Erstlingswerk. Viel zu genau sitzt hier jede Melodie, jeder Schlag, jeder einzelne Ton. Und erst die Texte! Der Internetauftritt der Wiener Trauergemeinde zieht den Vergleich zu Element Of Crime selber. Zurecht, die Lyrik ist ähnlich brilliant, aber der Vergleich greift noch etwas zu kurz. Die Melancholie, Sehnsucht und Liebe, die Sven Regener bei den Elements bedichtet und besingt, ist bei den Wienern schon längst unter der Erde. Genretechnisch ist das Werk nicht unbedingt leicht einzuordnen, Trauerpop wird es von der Gruppe selbst genannt. Es tönen Akkordeon, Violine, teils stark zurückgenommenes Schlagwerk und minimalistische Gitarren-Melodien aus den Boxen. Ein bisschen Avant-Garde, ein bisschen Dark Cabaret, ein bisschen Folk. Aber auch Indie Pop und Post-Punk. 12 Titel lang siecht man dahin, will sofort nochmal oder noch mehr. Zum Sterben schön.
Anspiel-Tipp: Staat der Affen, Auf Geisterfahrt

Singles

Benji.Musick

Benji.Musick – A Morning Walk Gone Wrong (Electroacoustic / get it on Soundcloud! 2019)
+
Nicht unbedingt den ruhigsten Jahresstart verschafft das Grazer Elektro Soundcloud-Projekt Benji.Musick. Die chaotische Soundlandschaft, die hier erschaffen wird, durchziehen die Geräusche von zersplitterndem Glas, verzerrten Bongos und dumpfen Kehlkopfgesang. Die elektronische Abwärtsspirale wir nach und nach kakophonischer, über allem schwebt aber die seltsam fröhlich anmutende, unaufhaltsam voranschreitende Hauptmelodie, die wohl auf einem heruntergekommenen Xylophon eingeklopft wurde. So fühlt sich eine Panikattacke in Wald und Wiesen an.

bmth

Bring Me The Horizon – medicine (Alternative Rock, Electropop / Sony 2019)

Fraglich, wie lange die ehemaligen britischen Metalcore-Posterboys den verwässerten Sound einer Alternative Rock und Emo Pop-Band der 2000er noch weitertragen können und wollen. Bereits auf ,,That’s the Spirit” (2015) wurde ein deutlich massenfreundlicher Klang gewählt (was nicht bedeuten soll, dass nicht schon das zweite Album ,,Suicide Season” bereits Radio-Metalcore war – aber immerhin mit Biss, viel unterhaltsamer und hörbarer!) der an Post-,,Meteora” Linkin Park erinnerte. Auf dem Album mit dem Schirm haben Oli Sykes und Co. die Kurve – mit unverschämt eingängigen Melodien, die zumindest erst nach dem zehnten Mal etwas nervig wurden – gerade noch gekratzt. Von den drei bereits veröffentlichten Singles ist diese gewiss die schwächste. ,,Mantra” war unspektakulär, aber noch irgendwie eingängig, ,,wonderful life” alleine schon wegen dem Filth-Gastauftritt ein wenig unterhaltsam. Sollte aber das vor der Tür stehende ,,Amo” über längere Strecken einen ähnlichen Sound wie ,,medicine” mitbringen, wird es schwer, die Platte ohne akute Einschlafgefahr zu konsumieren.

Lindemann

Lindemann – Mathematik (I cannot believe it’s Lindemann, Trap Rap / Vertigo 2018)
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Nein, der Track ist nicht sonderlich gut. Er hat gewiss Ohrwurmpotential, allerdings nicht wegen einer gefinkelten Melodie oder Ähnlichem, einfach nur wegen der repetitiven Wortwahl. So stumpf provokant und vulgär kennt man Lindemann normalerweise nicht. Dieser Aspekt macht den Titel allerdings auch so interessant. Man möchte an dieser Stelle in dubio pro reo annehmen, dass Herr Fleischermeister nicht über Nacht sein lyrisches Talent verloren hat (wenn doch, sehe ich schwarz für das kommende Rammstein-Album), sondern der Song bewusst so simpel gehalten ist. Es ist wohl zu vermuten, dass die – zugegeben recht offensichtliche – Provokation mit voller Absicht und mit einer ganz bestimmten Zielgruppe gesetzt wurde. Doch wer genau empört sich hauptsächlich darüber? Langjährige Rammstein-Fans? Möglich, allerdings ist diese Gruppierung viel zu groß und divers, um geschlossen dem Titel auf den Leim zu gehen. Metal-Puristen? Noch unwahrscheinlicher, da diese die diversen Finessen, die von der Berliner Band (Lindemann ist nunmal schwer von Rammstein getrennt wahrzunehmen, besonders wenn er mittlerweile auch solo auf Deutsch singt) vorgebracht werden, etwa den starken Gebrauch von Flakes Geklimper mit einem Hauch EBM-Einschlag (besonders hörbar auf den zwei besten Werken der Gruppe, ,,Herzeleid” (1995) und ,,Sehnsucht” (1997)), sowieso gerne misstrauisch beäugen, als ,,nicht trve” oder ,,Poser” bezeichnen, und hiermit nur Bestätigung finden. Vielleicht etwa Hip Hop-Fanatiker? Dafür ist der Titel nicht provokant genug, da ist man deftigere Zeilen gewohnt, noch dazu zeigt sich der Song, wird er nur auf Hip Hop-Aspekte hin betrachtet, noch schwächer, weder Haftbefehls eintöniger IchFickeDich-Flow noch Lindemanns nacheifernder Brutalo-Rap sind irgendetwas anderes als Standard, beinahe schon langweilig.
Vermutlich ist die Hauptzielgruppe dieses Titels eine andere. Nämlich Personen, die ,,Greatest Hits” von Queen rauf und runter hören, sich dauernd darüber beschweren, in der ,,wrong generation” geboren zu sein, die der Meinung sind, Led Zepplin und Black Sabbath sind unübertreffbar, die darauf beharren, dass ihre Lieblingsmusik noch mit ,,echten” Instrumenten und ,,echten” Stimmen produziert wird und für die ganz klar ist, dass es im Hip Hop ,,nur um Frauen und Geld” geht. Musikalischer sowie lyrischer Fortschritt ist schon lange hauptsächlich im Hip Hop zu finden, die aktuell größten und gleichzeitig interessantesten Künstler sind eben Tyler, Kendrick, Kanye, Frank, Danny, Travis, Earl, Ride, und wie sie alle heißen. Und nein, das soll nicht bedeuten, dass Rock tot wäre, weit davon entfernt, monatlich erscheinen großartige neue Alben in jedem erdenklichen Rock-Genre. Auch soll hier niemand für seinen Musik-Geschmack angegriffen werden, wer gerne Rock hört, wunderbar, dass man an dieser Musik so viel Freunde findet, die meisten meiner Lieblingskünstler sind auch eher im Rock zu verordnen. Allerdings davon auszugehen, dass sich musikalisches Talent und musikalische Progression einzig und alleine um E-Gitarren, Schlagzeuge und Power Vocals dreht, ist, schlichtweg gesagt, töricht. Wer dann noch pauschal der Meinung ist, dass elektronische Musik oder Hip Hop prinzipiell minderwertige Musik-Genres sind (,,aber Eminem ist schon okay!”), hat wohl Tomaten in den Ohren, und verdient ohne Weiteres das Prädikat Scheuklappen-Denker.
Lindemann öffnet mit diesem Track, mit dieser schön-schrecklichen, aberwitzigen, von keinem für möglich gehaltenen Kombination, hoffentlich einige musikalische Augen und Ohren, um über den von Gitarren begrenzten Tellerrand zu blicken. Denn, wenn einer der größten europäischen Rock-Stars (einer der wenigen, der sowohl unglaublich bekannt als auch ziemlich talentiert ist) sich dazu entscheidet, in diesem Titel seine Parade-Disziplin vollkommen zu verlassen, und plötzlich eine Kollaboration mit einem der diskutiertesten, angefeindetsten, und gleichzeitig populärsten Stars des deutschsprachigen Hip Hops einzugehen, zeugt das von unglaublichem Mut und Freude zur Experimentation. Selbstverständlich ist der Rammstein-Sänger hier kein Schockier-Pionier (man erinnere sich an den schwarzen Tag, als Black Sabbath tatsächlich ein vollkommen unpassendes Ice-T Feature auf einem Album hatten – was allerdings vermutlich nicht mal als Provokation geplant war), allerdings verdient das Ereignis durch die ungemeine Bekanntheit und Reichweite das Duos, sowie der Neigung, zu polarisieren, die beiden Künstlern eigen ist, eine Erwähnung. Kleine Anmerkung: Passend dazu lieferte auch Band-Kollege Kruspe in einem Interview unlängst folgende Aussage ,,Rock is dead […] every time I’m listening to what’s new and it’s definitely not Rock.”. Anfangen mit Hip Hop kann er persönlich allerdings nichts, es langweilt ihn. Wenn er bei dieser Aussage auf einen Hip Hop anspielt, wie ihn sein Band-Kollege Lindemann momentan produziert – wen wundert’s.

nordnord

Nord Nord Muzikk – Neuruppin II (feat. K.I.Z) (Horrorcore / Nord Nord Muzikk 2018)
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Eine Neuauflage eines legendären deutschsprachigen Horrorcore-Bretts liefert Nord Nord Muzikk gemeinsam mit Skinhead Black und der ekelhaften Crew. Beattechnisch kommt Runde zwei der Kannibalen-Hymne nicht an den einmaligen ,,House Of The Rising Sun”-Sample aus 2007 ran, was die an sich bereits recht unspektakulären, dezenten Electroinstrumentals noch schwächer wirken lässt. Auch textmäßig kann das Remake nicht ganz an das Ausnahmelied von ,,Hahnenkampf” anschließen, viel zu ernst wird mit der Thematik umgegangen, die eher zu einem B-Movie Setting passt und sicherlich keine dramatische oder furchteinflößende Wirkung entfalten kann. Highlights wie ,,und deine Küsse schmecken nach Formalin / in unseren ewigen Flitterwochen in Neuruppin” sowie der gnadenlos eingängige Refrain bewahren den Titel vor der vollkommenen Belanglosigkeit.

Paul

Paul McCartney – Get Enough (Electropop / Capitol 2019)

McCartney hat Autotune nicht notwendig, und weiß zu allem Überfluss anscheinend auch nicht, wie man damit umgeht (vielleicht sollte er Rat bei Mavi Phoenix oder seinem Kollaborateur Kanye West einholen?). Die Melodie ist unspektakulär und teilweise aufdringlich, wird gegen Ende allerdings besser. Stellenweise erinnert der Titel an Imagine Dragons, was schon beinahe einem Todesurteil gleichkommt. ,,Egypt Station” (2018) hatte hier deutlich bessere Titel (allerdings auch ,,Fuh You”) zu bieten.

Filme & Serien

 

Bird Box

Bird Box (Susanne Bier 2018)
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Netflix als Serienmogul ist nicht unbedingt für Qualitätsfilme bekannt – mit einigen glücklichen Ausnahmen. ,,Bird Box” wurde teils bereits als Horrorfilm des Jahres gefeiert und klingt in Grundzügen nicht unspannend: Die Menschheit wird von Wesen heimgesucht, welche Personen, die sie erblicken, in den Suizid treiben. Um welche Wesenheiten es sich handelt, wie genau diese vorgehen – all das wird offengelassen. Protagonistin Malorie steckt in all diesem Chaos bald nach Beginn der Handlung schwanger in einem Haus voller fremder Überlebender fest. Zwei Handlungsstränge wechseln sich ab, einerseits Szenen aus dem bald kippenden sozialen System im Überlebendenhaus, andererseits Szenen einer Flucht auf einem Boot Richtung vermeindlicher Sicherheit, welche fünf Jahre nach den ursprünglichen Ereignissen angesetzt sind. Der Film ist mit 124 Minuten zu lange, viel zu oft kommt in einem Werk, welches Spannung erzeugen sollte, schlichte Langeweile auf. Sandra Bullocks Darbietung als Malorie ist absolut unterirdisch, mit einer Gesichtsausdruckspallette zwischen traurig und betroffen, manchmal beides gleichzeitig. Die Charaktere der Überlebenden sind großteils unspektakulär, teilweise nervig. John Malkovich wird dazu verdonnert, den unglaublich eindimensionalen Miesepeter Douglas zu geben, der offensichtlich keinen Aktionsspielraum außer Sarkasmus und Zynismus kennt. Der geniale Lil Rel Howery wird als simple Plot-Erklärungsmaschine missbraucht, Sarah Paulson (die eine der besten Performances des ganzen Films liefert) hat höchstens 15 Minuten Handlungszeit und Machine Gun Kelly ist auch noch da – wozu? Das Skript ist teilweise lachhaft stumpf und simpel, absoluter Tiefpunkt wohl der Moment, der verdeutlichen soll, wie wenig sich Malorie mit Mutterschaft identifizieren kann: In einer Szene, die kurz vor der Flucht mit Boot angesetzt ist, zeigt sich, dass sie offenbar fünf Jahre lang keinen Namen für die beiden Kinder gewählt hat, sie also nur mit ,,boy” und ,,girl” anspricht. Was vermutlich berühren oder schockieren sollte, ist an Lächerlichkeit kaum zu überbieten. Einzig das Ende der zähen zwei Stunden hält eine interessante Wendung bereit, die zeigt, dass Überlebende der Suizid-Apokalypse sich in einem Heim für Blinde ein kleines Asyl aufgebaut haben. 2018 hat weitaus bessere Horrorfilme als ,,Bird Box” zu bieten, daher kann man sich diese zwei Stunden Lebenszeit getrost sparen und in Werke wie ,,Mandy”, ,,Hereditary” oder ,,Suspiria” investieren.

Bandersnatch

Black Mirror: Bandersnatch
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Fans der Netflix-Dystopienreihe Black Mirror warten noch immer vergeblich auf Staffel Nummer fünf – dafür gibt es zur Überbrückung zumindest ein neues Feature in Spielfilm-Länge. Von tatsächlichem Film kann jedoch nicht die Rede sein – der Clou an der Veröffentlichung ist der ,,Choose Your Own Adventure”-Aspekt. Während die Handlung weiterläuft, ist es möglich, selber den weiteren Fortgang zu bestimmen, durch auswählbare Boxen am unteren Rand des Bildschirms. So kann man zunächst entscheiden, zu welchen Frühstücksflocken der Protagonist greift, welcher Musik er im Bus lauscht – bis hin zu schwerwiegenden Entscheidungen wie Mord oder Suizid. Die präsentierte Handlung ist mäßig spannend und teilweise etwas konfus, die Darsteller – allen voran Fionn Whitehead als aufstrebender Spieleentwickler und Will Poulter als quasi Mentor – überzeugen dafür auf ganzer Linie. Besonders Liebhaber einer 80er-Spielkonsolenästhetik, von käsigen SciFi-Abenteuern oder auch Rollenspiel-Fanatiker werden hier voll auf ihre Kosten kommen. Das Werk möchte ganz offen Assoziationen zu Philip K. Dicks Science Fiction-Meisterwerke erzeugen – inklusive eines nicht sehr subtil platzierten Posters von ,,Ubik” – was teils auch gelingt. An die Genialität des Vorbilds kommt ,,Bandersnatch” allerdings nicht ganz heran, dafür fühlt man sich teilweise angenehm an ,,Stranger Things” oder ,,Ready Player One” erinnert. Das ,,Choose Your Own Adventure”-Gimmick ist recht geschickt eingebaut, die Zeit, die man zum auswählen der möglichen Optionen hat, wird auch innerhalb der weiterlaufenden Handlung gut überbrückt. Öfters als ein Mal möchte man sich das Feature aber auch nicht antun, durch die interaktive Komponente entsteht natürlich ein Mehraufwand für die Zuseherin/den Zuseher, die/der sich nur bedingt ein zweites oder drittes Mal lohnt. ,,Bandersnatch” bietet ein Abenteuer zwischen Paranoia, Drogenrausch und Atari-Ästhetik, und ist somit mindestens einen Blick wert.

Theater
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(c) Gabriel Niederberger

Die Legende vom heiligen Trinker (Pygmalion Theater Wien)
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Das Ensemble des Wiener Pygmalion Theaters inszeniert mit ,,Die Legende vom heiligen Trinker” eine posthum erschienen Novelle des Autors Joseph Roth. Das Werk handelt von dem unverbesserlichen Alkoholiker Andreas, der wegen seiner Trinkerei kaum dazu fähig ist, Geld zu halten. Er lebt sein genügsames Leben auf der Straße und unter Brücken, immer glücklich über einige Francs, um seinen geliebten Pernod zu finanzieren. Das Schicksal ist ihm allerdings wohlwollend, als ein unbekannter Fremder (in dieser Inszenierung gespielt von Theaterdirektor Mag. Geirun Tino) eine große Geldsumme spendet. Einzige Bedingung dafür: Er soll die Schulden bei der Heiligen Therese begleichen. Andreas scheint ab diesem Ereignis von einer Glückssträhne verfolgt, er bekommt zweite und dritte Chancen, seine Schuld zu tilgen – doch ständig kommen unverhoffte Ereignisse dazwischen.
Das junge Ensemble des Pygmalion, mit Dramaturg Mag. Philipp Kaplan als Andreas, schafft es, die wundervolle Novelle Roths in eine ebenso wundervolle und kurzweilige Vorstellung zu verwandeln, welche trotz all dem Humor nichts an Erhabenheit einbüßt. Unbedingt einen Besuch wert!

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