Shame

Shame – Songs of Praise | Post-Punk / Indie Rock / Art Punk / Spoken Word | Dead Oceans 2018

So mancherlei mag aus dem explosiven Aufeinandertreffen von Wut und Hoffnungslosigkeit entstehen. Das Debüt-Album der britischen Band Shame beweist, dass einer solchen Kombination auch durchaus eines der interessantesten Alben des Jahres entwachsen kann.

Spricht man über den Zusatz Revival innerhalb einer Genre-Zuschreibung, ist damit unausweichlich ein vorhergehender Tod einer Stilrichtung impliziert. Sobald etwas als Revival kategorisiert wird, ist gleichzeitig eine Wiederbelebung damit angedeutet. Aufgrund einer absehbaren Erschöpfung von Genre-Ressourcen verläuft sich eine Musik-Szene früher oder später in eine Sackgasse. Gelingt eine Kehrtwende und Revitalisierung nicht, passiert es unweigerlich, dass eine Genre dort als Ganzes aufgegeben wird, jedoch mit dem Potential, zu einem späteren Zeitpunkt, wenn die Marktübersättigung durch den Stil bereits in der Vergangenheit liegt, wieder zurückzukehren.
Im Gegensatz dazu ist es umso wichtiger hervorzuheben, dass das Shames Debüt-Album generell als reiner Post-Punk, und nicht etwa als Post-Punk Revival kategorisiert wird, und das zu Recht. Songs of Praise klingt genau so wie das Genre Post-Punk klingen sollte: verzweifelt und skeptisch, doch gleichzeitig energetisch.

Besonders der Gesang von Leadsinger Charlie Steen hilft dabei, dieses Projekt mit Persönlichkeit zu füllen. Einerseits wird der aggressivere Klang des Punks herausgearbeitet, andererseits wird auch einer gewissen Verträumtheit Raum gegeben, ein typisches Charakteristikum des Post-Klangs. Ein wunderbares Beispiel hierfür ist der zweite Track des Albums, ,,Concrete‘‘, in welchem die heisere Stimme Steens – welche der von Joe Strummer nicht unähnlich ist und durchaus als zusätzliches Instrument bezeichnet werden kann-auf rhythmische, fast schon psychedelische Gitarrenklänge trifft, was mehr als genug Kontrast liefert, um den Titel durchwegs interessant zu halten.

Als eines der herausragendsten Stücke der Platte soll ,,The Lick‘‘ erwähnt werden. Hier wird der Hörer mühelos in ein hoffnungsloses, nihilistisches London der 70er transportiert. Die düstere, Noire-ähnliche Atmosphäre, die für eine solche Projektion von Nöten ist, wird hauptsächlich mit spoken-word-Passagen und tiefen, satten Bassklängen heraufbeschworen. Auch der Text des Songs macht keinen Hehl aus seiner Inspiration. ,,To welcome forth our sweet disorder‘‘ zitiert die britischen Post-Punk-Götter Joy Division immerhin direkt, doch während im legendären ,,Disorder‘‘ (das erste Stück auf der Joy Division Debüt-Platte ,,Unknown Pleasures‘‘) das lyrische Ich verzweifelt versucht, Anschluss an die Außenwelt zu finden, interessiert sich der/die Handelnde von ,,The Lick‘‘ herzlich wenig für all die Geschehnisse rund um ihn/sie. Mit den Outro-Zeilen ,,this is how it ends‘‘ schließt sich der Kreis aus Desinteresse und Lethargie gegenüber einer grauen Realität.

Wirft man einen Blick auf die Instrumentation von ,,Songs of Praise‘‘, ist besonders die hochgestimmte Rhythmusgitarre hervorzuheben. Diese liefert den Kontrast, der den Schwerpunkt noch deutlicher auf den Gesang von Steen legt, welcher zusätzlich von atmosphärischen Akkorden und dazu komplementären Drum-Klängen unterstützt wird.
Der dezente Verzerrungseffekt – im Unterschied zu den für einige Post-Punk-Projekte typischen Echo-Klang – sowie die experimentellen, elektronischen Klänge, welche in einigen der Songs (etwa ,,Dust on Trial‘‘) deutlich herausgearbeitet werden, tragen dazu bei, die Platte von ähnlich klingenden Projekten abzuheben.

Trotz der vorhin zitierten Textzeilen stellt der lyrische Inhalt des Projekts eine gewisse Schwäche dar. Typische Thematiken, wie Gleichgültigkeit und kognitive Dissonanz, ziehen sich durch das Werk, werden dabei jedoch recht oft oberflächlich abgehandelt. Positiv herausragende Titel wie ,,The Lick‘‘, ,,Gold Hole‘‘ und ,,Friction‘‘ lassen allerdings erkennen, welches Potential bei Shame vorhanden ist.

,,Songs of Praise‘‘ bietet dem Hörer das, was es verspricht: eine Platte, die keine Angst davor hat, direkt auf den Punkt zu kommen, ohne übermäßiges Brimborium, die allerdings nicht davor scheut, Experimente im Verlauf der beinahe 40 Minuten Spielzeit zuzulassen. Außerdem zeigt das Werk deutlich, dass sich das Post-Punk-Genre nach wie vor eng an seinen Punk-Wurzeln orientiert. Diese verdienen sicherlich mehr Erkundung, bevor irgendeine Art von Revival von Nöten ist.

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