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Im Hip-Hop-Kosmos zählt das Thema „Szene“ sowie die Frage nach Solidarität womöglich zu den ältesten des Games. Sie reiht sich neben ein paar weiteren klassischen Ur–Fragen ein, die ich hier mal völlig willkürlich aufstelle: Wer ist Real? Ist das noch Untergrund? Beef? Promo Beef? Fame? Money? Message? Bei all diesen Fragen gibt es keine eindeutige Antwort. Hier gilt die Deutungs- sowie Definitionsmacht. Bei unserem Thema müssen wir uns aber zuerst mit dem Begriff der „Szene“ auseinandersetzen, denn sie steht in Beziehung zur Solidarität. Ein Kommentar von Ghassan Seif-Wiesner

Die Frage nach der Notwendigkeit

Der Wirkungsraum der Künstler sowie die Notwendigkeit einer Szene haben sich verschoben. Früher war Zugang zur Szene notwendig, um an seine Musik zu kommen. Heute ist das nicht mehr so, Musik ist zu jeder Zeit und allgegenwärtig verfügbar. Dadurch ergibt sich für unsere Fragestellung eine weitere Facette.  Wer braucht heute eigentlich noch eine Szene?

Dennoch bietet das Thema in Foren und Kommentarspalten jede Menge Gesprächsstoff. Unter jeder anständigen Hip-Hop-Diskussion findet man zumindest einmal die Aussage „Das ist kein Hip-Hop!“. Meist gefolgt von einer Wulst von Begleit- und Gegenargumenten und ganz viel Emotion.

Am Anfang war das Chaos

Die Ermächtigung des Hörers bedeutet aber auch weiter verschwimmende Grenzen. Solche Veränderungen lösen oft Unsicherheiten aus. „Ich will, dass die Leute in „meiner“ Szene so ausschauen, wie ich es mir vorstelle!“– ein latenter Wunsch, den man bei diesen Diskussionen zwischen den Zeilen herauslesen kann. Aber auch ein nachvollziehbarer Reflex der Zuordnung. Durch das Kategorisieren wird versucht, Ordnung in das Chaos zu bringen. „Angezogen wie ich“ bedeutet vielleicht auch gleiche Einstellung ? So funktioniert auch Assimilierung in der Gesellschaft als Ganzes.

Fid Mella

Hinter den Wheels of Steel: Fid Mella. Foto: Fero Zboray © 2019

Wie läuft das heutzutage?

Die Realität sieht aber so aus, dass man nicht mehr in einen x-beliebigen Club muss, um einen bestimmten Sound zu hören.  Der Dresscode wurde aufgeweicht. Ja, ich darf auch anders aussehen und trotzdem dieselbe Musik mögen. Man muss nicht mehr mit Leuten ein reales Gespräch führen, um ihre Vorlieben zu erfahren. Ich kann mir im Internet anschauen, was sie liken und weiß ungefähr, worauf sie abfahren.

Kleidung wird immer mehr zu Mode entwertet und dient immer weniger der Identitätsstiftung. Alles kann in Sekundenschnelle angesehen oder angehört werden. Lebenswelten entfernen sich unweigerlich auseinander. Obwohl die tatsächliche Vernetzung, sowie das Bedürfnis nach Verfügbarkeit stetig steigen. Ich kann meinen Lieblingskünstlern über Social Media folgen und habe das Gefühl, Zeit mit ihm oder ihr zu verbringen.

Mit großen Schritten in die Einsamkeit

Parallel dazu erleben wir eine Renaissance der Entmenschlichung. Soziale Kälte hält Einzug in unseren Alltag. Es stehen wieder Autorität und totalitäre Tendenzen an der Tagesordnung. In diesem Spannungsfeld liegt das Phänomen der schwindenden Solidarität! Es liegt nicht an der Technik, wir lernen nur gerade diese zu nutzen. Dabei lassen wir uns, manchmal zu leicht, als bloße Kunden instrumentalisieren.

Mach kaputt, was dich kaputt macht

Wir müssen uns von dem abgrenzen, das unseren Geist verschlossen hält. Neoliberale Egoismen sind Gift für das Miteinander. Es gibt keine Szene, die außerhalb der Gesellschaft stattfinden kann. Aber anstatt sich von der konservativen Gesellschaft abzunabeln, biedert sich Hip-Hop derzeit an die Bürgerlichkeit an. Dadurch findet eine automatische Projektion der herrschenden Ängste, Vorurteile und Wertungen statt.

In Österreich, ja da haben wir alle besonders viel Angst.  Das Klima des goldenen Käfigs wird von einer kompletten Gesellschaft aufrechterhalten! Von Generation zu Generation reproduziert. Angst als Tradition. Also wie durchbricht man einen Kreislauf, in dem man selbst gefangen ist? Wie soll eine Subkultur frei sein, wenn die Menschen darin doch in ihren eigenen Köpfen gefangen sind?

Worum geht es hier?

Und genau dieses Problem auszuklammern, wenn man sich über „seine“ Subkultur unterhält, ist der Kern des Übels. Ein gemeinsamer Kontext schafft eine Szene. Es braucht gemeinsame Feindbilder und eine Debatte darüber. Zurück zum gemeinsamen Nenner.

Pöbel MC

Pöbel MC im Interview mit Delay © Konstantin Kuzmanovski 2019

One Love

Auch wenn wir alle einen unterschiedlichen Hip-Hop-Stil zelebrieren, gibt es Dinge, die wir gemeinsam ablehnen. Die Ablehnung war einmal in der politischen Wurzel des Genres zu finden! Hip-Hop hatte nicht immer den kommerziellen Selbstzweck, den es für manche heute hat. Die Bedeutung einer Szene ergibt sich erst durch ihre Solidarität.

Einen Wert der zwischenmenschliche Beziehungen messbar macht. Bevor man sich über fehlende Solidarität innerhalb der Szene beschwert, sollte man die Frage nach Respekt zuerst an die Innenperspektive richten. Respekt ist nicht Angst. Und Zusammenhalt hat nicht nur etwas mit Sympathie zu tun. Man könnte den Bogen auch so weit spannen zu sagen, Solidarität sei ein notwendiges Übel. Fortschritt durch Kooperation ist in unserer DNA verankert! Vielleicht sollten wir wieder ein bisschen mehr auf unsere Instinkte vertrauen. Like meinen Scheiß, dann like ich deinen Scheiß, aber jemand muss den ersten Klick machen.

 

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