Irmgard Fuchs hat sich mit In den kommenden Nächten (Kremayr & Scheriau) an ihren ersten Roman getraut. Bereits 2015 hat sie bei K&S mit Wir zerschneiden die Schwerkraft ein Prosadebüt herausgebracht und zahlreiche Stipendien erhalten.

Doro Grimm hat sich in ihrem eigenen Leben so verfangen, dass sie sich selbst verloren hat. Obwohl sie einen sicheren Job, eine gute Beziehung und Zeit für drei Wochen Strandurlaub im Jahr hat, beklemmt sie das Gefühl, eigentlich nicht zu existieren. Sie muss weg, ausbrechen, überlegt eine Weltreise zu machen und landet doch nur zur Zwischenmiete in einer dreckigen Wohnung mit Vogeltapete in der nächst größeren Stadt.

„Aber wie hätte ich dir auch begreiflich machen sollen, dass ich mir schon lange nicht mehr sicher bin, ob es mich in meinem Leben überhaupt noch gibt. Und auch wenn Ausweise, Schlüssel, Zeugnisse, Urlaubsfotos oder sogar unsere High-End-Eismaschine eindeutig meine Existenz zu beweisen bereit sind, so kann ich es dennoch nicht mehr glauben. Ebenso wie es mir durch und durch unbegreiflich geworden ist, was man eigentlich tut, wenn man lebt jeden Tag.“

Wer bin ich und was jetzt?

 Es ist weniger ein Ausbruch, als ein Steckenbleiben in einer ewigen Welle aus Hitze und An-die-Decke-Starren. Der Leser und Doro befinden sich so weit weg von jeglicher Gesellschaft, dass das Paar von gegenüber eine Illusion zu bekommen scheint, wie ein unerreichbares Idealbild. Doro ist ein typisches Ich, oder Du, geprägt von einer Kindheit zwischen unliebsamen Großeltern und einer alleinerziehenden Mutter, die keine Zeit für ihr Kind hatte.

„Dafür wurde das Verschwinden der Geflügelschere im Verhältnis zur sonstigen Bedeutungslosigkeit aller Dinge für deine Großeltern in seiner Unerklärbarkeit zu einer echten Tragödie, die an jedem der hohen Fleischfeiertage, zu denen deine Mutter und du zu erscheinen hattet, weil es sich im Dorf zu gehörte, aufgeführt wurde.“

Die Kunst des Alltags

Elmar, Doros Freund, ist eigentlich genauso wie sie: Er hat einen Job, die gleiche Beziehung, fährt in den gleichen Urlaub und hat gelegentlich Migräne, nur scheint er trotzdem einfach zufrieden damit zu sein. Die Leserin wird mit reingezogen in das Unbehagen Doros und durch die Du-Erzählform unweigerlich dazu verleitet, sich mit ihr zu identifizieren.

„Irgendwann sagte Elmar in die Dunkelheit einer Nacht, in der du wieder nicht schlafen konntest: Weißt du, der Trick mit dem Glück ist, eben immer nur das zu wollen, was man hat.“

Stilistik der Realität

Man merkt schnell, dass sich die Autorin durch ihr Studium der Sprachkunst an der Universität für angewandte Kunst Wien einen breiten Fächer an Romantechniken angeeignet hat. So beherrscht die Protagonistin einwandfrei sich im Kreise ihrer Gedanken zu drehen und fiktive Gespräche zu führen, nur die echten, da hakt es.

Solides Romandebüt mit Platz nach oben

Die Lähmung der Protagonistin ist spürbar und durchzieht das ganze Buch. Einen Ausweg aus ihrer Situation gibt es nicht, nur eine Besserung. Die Geschichte hört auf, wenn sie anfängt. Trotzdem ist es ein aufwendig gestaltetes Buch, sowohl äußerlich als auch inhaltlich. Doros Geschichte entspringt direkt der Realität, ohne Ausschmückung eines Alltags, der nicht mehr ist, als das er einfach ist. Und so einfach ändert sich auch nichts, ohne dass Doro selbst etwas ändert. Nur das Wetter kriegt sich irgendwann wieder ein, als genug Vögel vom Baum gefallen sind.

© Kremayr & Scheriau

Infos und weiterführende Links

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