Als sich letzte Woche beim Earth Strike weltweit die Straßen und Plätze mit Millionen Menschen füllten, war das für viele ein Gänsehautmoment. Die Generation, der man lange Gleichgültigkeit und Konsumapathie unterstellt hatte, hat begonnen die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Diesen Freitag waren es auch in Österreich Zehntausende. Wer sind die Kinder und Jugendlichen, die jeden Freitag für ihre Zukunft kämpfen? Wir waren am Earth Strike und haben mit ihnen gesprochen.

Es ist kurz vor zwölf. Immer mehr Gruppen treffen am Hauptbahnhof ein. Viele kommen mit der Klasse von Lehrkräften begleitet, die über die lauter werdenden Sprechchöre rufen und versuchen ihre Schüler beeinander zu halten. Eine gute Stunde später setzt sich der Demozug in Bewegung. Ganz langsam drückt sich die Menschenmenge weiter nach vorne, so viele sind gekommen. Dabei gibt es noch zwei weitere Blöcke, am Karlsplatz wollen sich alle treffen. Zu diesem Zeitpunkt gibt es noch keine Teilnehmerzahlen, man kann nur schätzen. Am frühen Nachmittag weiß man es: 30.000 waren es alleine in Wien laut Exekutive, die Veranstalter sprechen von 60.000. 150.000 sollen es in ganz Österreich gewesen sein.

© Jakob Untner

Keine Resignation

Die Zukunftsvision, gegen die die Streikenden ankämpfen, ist düster und beängstigend. Die Bilder, die diese Bewegung tragen, zeichnen nichts weniger als den Weltuntergang. Die Krise ist zu einer Katastrophe aufgewachsen. Weltweit schauen Millionen Jugendliche auf ein Morgen, das es vielleicht so nicht mehr geben könnte.

In den 1980er Jahren prägte ein ähnlich pessimistisches Weltbild eine Generation. Die ständig drohende Nuklearkatastrophe und wachsende Perspektivlosigkeit machten sie zur No-Future-Generation. Heute wird dem entgegengetreten. Mit Wut, mit Entschlossenheit, aber auch mit Hoffnung. Das No-Future von gestern wurde zum For-Future gemünzt. Johnny Rotten, Sänger der Sex Pistols, die mit ihrem Song God Save the Queen den No Future – Slogan mitgeprägt haben, formulierte es in einem Interview so: „Wenn du deine Zukunft nicht selbst in die Hand nimmst, dann wirst du auch keine haben – so einfach ist das.“ Die Generation von heute hat das verstanden.

Viele Jugendliche, mit denen wir  beim Earth Strike reden, blicken noch optimistisch in ihre Zukunft. Trotzdem müsse sich bald etwas ändern, lange könne man nicht mehr weitermachen wie bisher. Aber – es werden immer mehr Menschen, die sich engagieren, das macht vielen Hoffnung. „Wenn sich alle Menschen Mühe geben und zusammenhalten, dann glauben wir schon, dass es noch Hoffnung gibt“, meinen Marina und Rebecca, die beide vierzehn Jahre alt sind.

Enthusiastisch, bunt und gemeinsam

Der Optimismus scheint aber nicht naiv, sondern kämpferisch. Von allen Seiten hört man Kinder rufen: “Wir sind hier, wir sind laut, weil man uns die Zukunft klaut”, oder “What do we want? Climate Justice! When do we want it? Now!” Mit den Slogans der Bewegung zeigen die Jugendlichen: Es ist dringlich. Ihre Forderungen lassen sich nicht mehr aufschieben. Von der von Kritikern oft unterstellten Panikmache oder Hysterie ist hier aber keine Spur. Die Teilnehmenden, mit denen wir ins Gespräch kommen, sind erstaunlich informiert, sachlich und unaufgeregt. Ihr Protest ist nicht verbissen, sondern unglaublich fröhlich. Man singt und tanzt und jeder Passantin, der seine Zustimmung zeigt, wird zugejubelt. Die wenigen Anzugträger, die sich fluchend durch die Menge schieben, werden da gar nicht mehr wahrgenommen.

Nicht nur Kinder gehen auf die Straße, auch Studentinnen und Pensionisten haben sich unter die Leute gemischt. Es ist keine homogene Masse, die hier protestiert. Jeder ist auf seine Art dabei. Ein Pärchen mit Kinderwagen hat ein eigenes Schild gebastelt: Family for Future. Als die Demo gerade über die Zweierlinie zieht, übt dort in der Menge ein kleines Kind seine ersten Meter auf dem Fahrrad. Wenig später sieht man einen älteren Herren, der genauso energiegeladen mitmacht wie die quirligen 14-Jährigen. Die Buntheit ist die größte Waffe dieser Bewegung.

©Jakob Untner

Klima sehr wichtig für Wahlentscheidung

Die Politik wacht nur langsam auf. Richtige Zugeständnisse werden keine gemacht. Es gibt nur Beschwichtigungen und kosmetische Verbesserungen. Das von der deutschen Regierung kürzlich beschlossene und von Umweltorganisationen für wirkungslos gehaltene Klimapaket verdeutlicht das. Auch die Jugendlichen auf der Straße erwarten sich mehr von der Politik. Verdrossen ist aber niemand. Die, die alt genug sind, wollen alle auf jeden Fall wählen gehen. Das Organisationsteam der Demonstrationen weist ausdrücklich daraufhin, dass sie nicht von politischen Parteien vereinnahmt werden wollen. Den einen oder die andere Politikerin sieht man dann doch in der Masse. Marlene, Vanessa und Marie freut es trotzdem, dass beispielsweise die Grünen auf den Demos vertreten sind. Viele erzählen uns, dass sie die Wahlprogramme nach den Ansätzen zum Klimaschutz durchforstet haben. Tobias, der 18 Jahre alt ist, findet, dass diese Wahl eine Klimawahl ist, wir uns darauf fokussieren und je nachdem unsere Entscheidung treffen sollten.

Marlene (16), Vanessa (16) und Marie(16) sind Erstwählerinnen und freuen sich, dass die Grünen auf den Demos sind ©Jakob Untner

 

Paula (14) und Fanny (14) finden es schade, dass sie noch nicht wählen dürfen. “Politiker sollen Regelungen schaffen”, sagen sie. ©Jakob Untner

 

Tobi, 18

Emil (17), Basil (17) und Tobias (18) denken, dass diese Wahl eine Klimawahl ist ©Max Bell

 

 

Lea (17) will, dass Politiker nicht nur reden, sondern auch handeln. ©Jakob Untner

 

Benjamin (17) sagt: “Hater wollen dem Problem nicht ins Auge sehen und haben keine Ahnung” ©Jakob Untner

 

Felix (16) wünscht sich Politik für Klimaschutz und gegen Rechts ©Jakob Untner

Mit Wissen gegen Skepsis

Dass die Aktivistinnen auch Hass und Pöbeleien ausgesetzt sind, schüchtert die wenigsten ein. Der 17-Jährige Christoph findet es schade, dass es auch Politiker gibt, die gegen die Bewegung wettern: „Die sollten selbst was machen, nicht wir.“ Viele Teilnehmer des Earth Strike fordern die Kritiker auf sich zu informieren, vorbeizukommen und sich den Protest aus der Nähe anzuschauen. „Wer sich auf YouTube informiert, ist kein Profi“, sagt Basil und lacht. Die Mischung aus Lebensfreude, Entschlossenheit und Faktentreue macht den Protest so stark. Man geht Hand in Hand, gibt Hass keine Chance, lässt Vielseitigkeit zu und vereint sich hinter der Wissenschaft. So wird Geschichte geschrieben. Nicht nur in Österreich.

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