Ein Festival mit dem erklärten Ziel, die europäische Idee zu unterstützen, ist heute notwendiger denn je. Umso erfreulicher ist es, dass die mittlerweile dritte Ausgabe des Europavox Festivals voll und ganz überzeugen kann. Die Nachfrage ist vorhanden: Tag 1 ist gut besucht, Tag 2 sogar ausverkauft.

Freitag, 02.11.2018 – Yasmo & die Klangkantine / View / Farveblind / Apollo & Scryss

Der erste Tag, der wesentlich Hip Hop-lastiger als Tag 2 ausfällt, startet mit einer Performance des französischen Hip Hop Duos Apollo et Scryss, welche mit Boom Bap einen gelungenen Einstieg liefern, ganz im Kontrast zu den nächsten zwei Performances. Bei Farveblind, einem Elektroduo aus Dänemark, scheint man sich zunächst auf eine Synthpop / Trap Show einstellen zu können. Nach den ersten paar Titeln wird die musikalische Gangart jedoch deutlich härter, man kommt in ravige Stimmung. ,,Our goal is to make you dance‘‘ heißt es bei ihnen auf Soundcloud, ein Ziel welches bei dieser Darbietung durchaus erfüllt wird. Als sich dann die mobilere Hälfte von Farveblind, namentlich Magnus Pilgaard Grønnebæk, auch noch über die Absperrung begibt und mitten im Publikum mittanzt, gibt es sowieso kein Halten mehr.

Co-Headliner des Abends, der finnische Rapper View, beschallt das WUK mit aggressivem Trap, der nicht nur manchmal an Szene-Größen wie Denzel Curry erinnert, eine düsterblaue Lichtshow wird selbstverständlich mitgeliefert. Das letzte Glück des Abends liefert die Rapperin und Slam-Poetin Yasmin Hafedh AKA Yasmo. Unterstützt wird die eloquente Wienerin durch die groovige Klangkantine. Feministische Tanzmusik steht auf dem Programm und das Publikum lässt sich nicht zwei Mal bitten. Die groovigen Nummern alternieren mit vorgetragenen Poetry Slams. 1000 Liebe für den wundervollen Abschluss des ersten Tages!

Yasmo

Yasmo

Samstag, 03.11.2018 – Zeal & Ardor / Die Nerven / Repetitor / Super Besse

Die Eröffner des zweiten Tages besuchen Österreich aus Weißrussland. Das Trio mit dem klingendne Namen Super Besse legen mit eiskaltem Post-Punk bereits den akustischen Grundstein für den heutigen Festivaltag, der deutlich rockiger ausfällt. Das nächste Trio, Repetitor aus Serbien, erschüttert die Tanz- und Headbangfläche mit Noise Rock-Riffs und manchmal zwei oder dreistimmigen Gesang. Man sieht dem Publikum an, wie begeistert die osteuropäischen Gäste empfangen werden, man schüttelt sich wie wild zu den wunderbar dreckig-verzerrten Riffs, die Boris Vlastelica vorlegt, und folgt der absolut headbangtauglichen Rhythmus-Sektion von Bassistin Ana-Marija Cupin und Drummerin Milena Milutinović. Die Künstler sind durchaus beeindruckt von der Mitmachbereitschaft des Auditoriums, man merkt, wie sie sich noch zusätzlich ins Zeug legen.
Next up: Germany. Irgendwo zwischen Morrissey & Marr, Joy Division und Sonic Youth platzieren sich Die Nerven, die wenig überraschend als Trio daherkommen (man erkennt ein Muster). Mal wiegt man sich zu schmeichelndem Jangle Pop-Gesäusel, mal hüpft man auf und ab zu unglaublich fetzigen Noise-Riffs. Unglaublich, mit wie viel Variation und Bandbreite die Stuttgarter Garde daherkommt. ,,Wien, ihr seid ein Publikum!‘‘ merkt der Grimassen schneidende Herr in legeren Hotpants, Drummer Kevin Kuhn, an. Die Nerven, ihr seid eine Band! Eine verdammt gute noch dazu.

Zeal & Ardor

Zeal & Ardor

Headline-Slot und Abschluss der zweitägigen All-Out-European Festivität übernehmen die Schweizer Zeal & Ardor. Das experimentelle Projekt rund um den Manuel Gagneux kombiniert bekanntermaßen Working Songs und Slave Chants mit Black Metal-Gebretter. Wer hätte gedacht, dass so ein großartiges Projekt seinen Ursprung auf einer Müllhalde wie 4Chan fand.

Was in der Theorie bereits gut, und aufgenommen noch besser kling, ist live unfassbar genial. Unterstützt von zwei zusätzlichen Stimmen überträgt Gagneux seine im Alleingang (!) komponierten und aufgenommenen Stücke (Ausnahme: Auf dem letzten Album ,,Stranger Fruits‘‘ wurden die Drums im Studio von Live-Drummer Marco von Allmen eingespielt) mit voller Wucht auf ein Bühnensetting. Zwar gibt es eine an allen Ecken und Enden blitzende Lichtshow und eine eingenebelte Bühne, auf traditionellen Black Metal-Käse wird ansonsten jedoch verzichtet. Klar erzeugt das, wie bereits das Projekt an sich, Unkenrufe aus der TRVE KVLT-Ecke, die den Schweizern jedoch herzlich egal sein können. Die Setlist lässt keine Wünsche offen, neben Klassikern wie ,,Devil Is Fine‘‘ und ,,Blood in the River‘‘ wird am Schluss der Show selbst die Non-Album Single ,,Baphomet‘‘ gespielt, sehr zur Freude der Fans.
Mit derart unheiligen Klängen werden die Besucher schließlich in die graue November-Nacht entlassen. Das Europavox Wien lieferte sicherlich eines der interessantesten österreichischen Festival-Lineups 2018, man freut sich auf 2019.

 

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