Selten funktioniert eine Theaterinszenierung unter dem Motto Kunst — sofern jener Begriff bedeutet, könnend neue und unerwartete Wege einzuschlagen. Dennoch wird das Gebot des Regisseurs, die Interpretation eines Textes szenisch vorzuführen, ständig gebrochen: entweder wird der Text überhaupt nicht interpretiert oder so entfremdet, dass er nur noch als eine austauschbare Klangfolge im Gemetzel regielicher Intuitionen erscheint. Johan Simons gelingt mit seiner Woyzeck-Inszenierung eine Synthese zwischen Entfremdung und Interpretation. Es entsteht eine dramatische Symphonie von ungezwungener Originalität, poetischer Komik und geführter Orientierungslosigkeit: ein Meisterwerk. 

Jahrhundertdrama

Woyzeck ist Georg Büchners letztes Stück und blieb unvollendet, nachdem der Autor an Typhus erkrankt und verstorben war. Die überlieferten Fragmente handeln von einem Soldaten namens Woyzeck. Dieser hat mit Marie ein uneheliches Kind. Da sein Soldatenlohn nicht ausreicht, um die Kleinfamilie über die Runden zu bringen, lässt er einen Arzt gegen Geld mit sich experimentieren: über Monate soll Woyzeck nichts als Bohnen essen. Seine Kräfte schwinden dahin. Währenddessen beginnt Marie eine Affäre mit dem Tambourmajor. Als Woyzeck davon erfährt, beginnt er Stimmen zu hören und ersticht Marie. Nicht ohne Grund gilt das Stück 2019, bald 200 Jahre nach dem Entstehen, als Weltliteratur und wurde allein bis ins Jahr 2000 mindestens 520 Mal neu inszeniert. Es bietet nämlich für ein breites Spektrum an Regisseuren Zugänge. So findet der sozialkritische Brechtler darin Stoff für eine Kritik der ausbeutenden Eliten und der psychologisch versierte Theatermacher destruktive Relationen und Abhängigkeitsmechanismen in Hülle und Fülle. Johan Simons verwendet den Text um eine aus den Fugen geratene Welt zu zeigen, in der nichts berechenbar ist und selbst die Liebe kaputt zu gehen droht. Den an Soziopathie grenzenden Egoismus der Charaktere stellt er in groteskem Ausmaß dar. Der tobsüchtige Hauptmann zerstört gleich zu Beginn in einem Wutanfall die halbe Bühne, Marie grinst beinah während der gesamten Spielzeit über beide Ohren, auch kurz nachdem sie ihr Kind betrauert hat. Johan Simons verzichtet darauf, innere Konflikte zu zeigen und schafft so den Eindruck, dass sich niemand um seinen Nächsten etwas schert. Nur der selbstlose Woyzeck scheint ein verletzbares Innenleben zu haben. Gegen Ende rast er in einem Anfall nackt über die Bühne und übt eindeutige sexuelle Gesten mit einem Gatter und einem Stahlgerüst aus. Er soll sich nicht mehr erholen und natürlich wird ihm niemand zu Hilfe kommen.

Der enttäuschte Idealist 

Was man sieht, ist vielmehr ein Zustand, als eine aufeinander aufbauende Handlung. Es werden unter anderem Stilmittel der Komödie, der Revue und des expressionistischen Theaters verwendet, um eine an einen Fiebertraum erinnernde Farce zu schaffen. Die sehr starken Bilder lassen einen die Handlung zwar erahnen, stehen allerdings mehr für sich selbst. Trotzdem wird in der Inszenierung nichts ausgelassen: die Essenz, welche Johan Simons dem Publikum mit Woyzeck mitteilen möchte, findet sich durchaus im Text. So ist die stilistische Exzentrizität legitim und sogar Notwendigkeit, denn gezeigt soll die Hässlichkeit einer Welt voller Ich-süchtiger Menschen werden. Eben diese Hässlichkeit erreicht das Publikum über lautstarke Wutausbrüche, boshaftes Grinsen und karneval- ähnliche Einlagen, bei welchen Marie stupide Freudentänze aufführt. Es ist diese chaotisch schaurige Welt, die Woyzeck zu Grunde richtet. Er möchte bloß Frau und Kind ernähren. Als Liebender geliebt werden. Dafür wird er ausgenützt und verbraucht liegen gelassen, erniedrigt bis in den Wahn. Ergeht es nicht vielen Romantikern so? Muss der heutige Idealist nicht an eben jenen Eindrücken leiden? Wird er nicht ständig enttäuscht, von einer reizüberfluteten Welt, in der alles von dem heuchlerischen Schleier der Selbstdarstellung entstellt wird? Seitdem Glück Geld als Gegenstand zur Angeberei abgelöst hat, weiß keiner mehr, welches Lachen ehrlich ist. Wir leben im postbuddhistischen Zeitalter — der Blick auf sich selbst ist zum Starren geworden. Wichtig ist, dass ich glücklich bin. Darum tu ich was ich will. Es ist eine Philosophie der Egomanie gebräuchlich geworden, in der alles erlaubt ist, was einem gut tut. Niemand schert sich um Woyzeck und sein Verkommen: zum Teil wird sogar darüber gelacht. Eine Nuance in der Stimmung, die das Stück vermittelt, ist ein fassungsloses Wundern. So spielt beinah über die ganze Spielzeit eine mirakulöse Melodie im Hintergrund. Sind wir Romantiker nicht auch manchmal sprachlos wegen der Ich-Sucht unserer Zeit?

Lobende Worte und Empfehlung

Johan Simons Inszenierung ist sowohl tiefsinnig, wie unterhaltsam — die Bilder sind zum Teil derart kurios, dass ihr künstlerisches Funktionieren an einen Geniestreich denken lässt. Es ist eine der seltenen Aufführungen, bei der nichts merklich falsch gemacht und riskiert wurde.  Auch zu erwähnen ist die grandiose schauspielerische Darbietung. Gespielt wurde sehr stark charakterbezogen und im Stil der Komödie. Der Erfolg war groß. Am meisten in Erinnerung blieb dem Autoren dieser Rezension Anna Drexler in der Rolle der Marie. Sie objektivierte die stupide Ich-Sucht unserer Zeit mit einem grandios gezeichneten Lächeln und einem unverkennbaren Tonfall in der Stimme. Alles in allem ist Woyzeck am Akademietheater eine dringende Empfehlung: 90 bereichernde Minuten.

 

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