Marie Spaemann ist umtriebig. Als Cellistin für den Filmkomponisten Hans Zimmer, Sängerin bei Dunkelbunt oder als Solo-Act tourte sie durch die Welt. Jetzt hat sie ihr erstes Album Gap veröffentlicht. Wir waren bei der Release Party in der Erbsenfabrik im Brick-5.

Ein gestrichener Celloton, schwere Halftime-Schläge auf den Korpus des Instruments und ein kühl artikuliertes “I sometimes hire a monster eating up the time gap between us”. So eröffnet die österreichische Cellistin Marie Spaemann ihre Album-Release Show in der Erbsenfabrik. Ihr erstes Soloalbum Gap sei das Produkt eines langen Prozesses von Studiosessions. Es sei viel verworfen und das fertig produzierte Album sogar noch einmal komplett neu aufgenommen worden. All das hat dem Album definitiv gut getan.

Ein Klangmosaik

Vielseitig wie Spaemann selbst präsentiert sich auch die Setlist des Abends. Songs wie Metamorphosis setzen auf schlichte Pop Arrangements. Das Cello wird hier zum Percussion-Instrument, dem im ganzen Stück nur eine einzige Bass-Note abgezupft wird. Als Kontrastprogramm versteht sich Shadow. Darin entwickelt eine düster-aufgeregte Cellostimme, die stellenweise an Avishai Coens Kontrabass erinnert, eine starke Unabhängigkeit vom Gesang. Der Live Looper wird sparsam aber gekonnt für Chöre und Cello eingesetzt. Immer wieder bauen sich Arrangements pyramidenartig auf, um dann wieder in sich zusammenzufallen. Spaemanns Solo-Vocals sind immer präzise, bleiben jedoch bei gesprochener wie gesungener Lyrik immer ein wenig unterkühlt.

Klassik für FM4 Hörer

Gegen Ende des Abends streckt Marie Spaemann, wie sie selbst sagt, einen “Mittelfinger gegen die Klassikwelt” hoch. Ihre Vergangenheit als Klassik-Solistin hat auch auf Gap Niederschlag gefunden. Insgesamt vier Werke von Bach, Cassadó und Piazolla performt sie. Bei Letzterem holt sie sich Hilfe von ihrem Duo-Partner Christian Bakanic am Akkordeon. Der Piazolla hat spielerische Leichtigkeit, die dem Bach ein wenig fehlte. Den Klassikstücken ist allen gemein, dass sie, obwohl technisch sauber, ein wenig oberflächlich klingen. Dies kann einer gewissen Publikumsorientierung geschuldet sein. Ein Publikum von einem beatigen Popsong zu einer getragenen Bach-Sarabande zu führen, ist kein leichtes Kunststück. Da kann schon mal etwas dicker aufgetragen werden als es in einem rein klassischen Kontext vielleicht der Fall wäre. Alles in allem fügen sich die Stücke aber stimmig in den Abend ein.

Raushauer mit Feuer

Für die letzte Nummer vor der Zugabe bittet Marie Spaemann zusätzlich zu Christian Bakanic auch Luis Ribeiro und Lucy Landymore auf die Bühne. Mit den zwei Percussionisten spielte sie schon in der Live-Show des Filmkomponisten Hans Zimmer.
Das Quartett wiederholt den Ohrwurm des Abends: Metamorphosis. Nachdem das sonst recht brave Publikum ein wenig zum Mitsingen motiviert wurde, entsteht eine kleine aber feine Solo-Section. Hier zeigen die beiden Trommler was sie können. Besonders Luis Ribeiros Tambourin bleibt als unglaublich energiegeladen in Erinnerung.

Ein Album für Alle

Marie Spaemann hat mit Gap etwas ganz Besonderes geschaffen. Als versierter Jazz- oder KlassikhörerIn kann man den virtuos ausgestalteten Songs viel abgewinnen, als Indie-Pop EnthusiastIn kann man die intimen Soundkonstruktionen schätzen und auch als Fan von Singer-Songwriter-Pop bleiben einem einige Ohrwürmer hängen. Alle Songs vereint ein ausgezeichnetes Verständnis für Arrangement und ein Auge fürs Detail. Weniger ist mehr war nie wahrer.

Infos und weiterführende Links

Marie Spaemann Homepage

Gap auf Spotify

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