Österreich befindet sich erneut im Wahlkampf, mittlerweile ein scheinbarer Dauerzustand. Parteisoldaten marschieren, Wahlwerbung müllt die Straßen zu, Parolen werden geklopft. Für viele Wahlberechtigte schon längst eine Frage des kleineren Übels. Dabei könnte alles so einfach sein: Dicht in die Zukunft lautet die Devise von Turbobier.

Drehen wir die Uhr um einige Monate zurück. Noch vor Ibiza und Identitären-Stenzel (War ihr ja nicht bewusst. Wenn schon dicht, dann bitte den Profis überlassen), und noch lange bevor das scheinbar Unerreichbare gelingt: BIER auf den Wahlzettel zu befördern.
Hier, in der heimelig-lauschigen Küche der Brigitte – natürlich in Simmering – dürfen wir Dr. Marco Pogo von Turbobier ganz privat kennenlernen.

(c) Thomas Ranner

Jetzt ist die Platte endlich da, King of Simmering. Wie fühlst du dich am Release-Day?

Prinzipiell ganz gut, aber zu sagen, es wären gemütliche letzte Tage gewesen, wäre wohl auch falsch. Es war ziemlich intensiv, ich habe einen Haufen Interviews gegeben, und in den letzen Tagen vor einem Release, besonders wenn man es selber macht, fallen natürlich tausend verschiedene Probleme an, um die man sich, wenn man nicht selbst released, nicht kümmern muss.
Aber in dem Fall finde ich das sehr gut, da kümmere ich mich gerne um jeden kleinen Schaß, man ist sein eigener Herr.

Wie wichtig war der Wechsel von Major zum eigenen Label, Pogo’s Empire?

Ich denke, das ist eine sehr gute Entwicklung für eine Band. Beides hat seine Vor- und Nachteile. Natürlich werden dir bei einem Major-Label zu Beginn, als frisch startende Band, einige Dinge abgenommen, und es ist ganz angenehm, wenn man sich nicht um alles scheren muss. Aber mit einer gewissen Planung und der Fertigkeit, Dinge selbst zu lösen, ist es natürlich leiwand, wenn du dein eigenes Label bist. Und was bei Turbobier dazu kommt ist, dass wir jedweden Bledsinn, der uns einfallt, so ganz einfach selber umsetzen können. Es bedarf keiner Nachfrage. Ich hab zwar nie nachgefragt, aber es gibt schon Leute, die da künstlerisch dadurch ein bisschen eingeschränkt werden. Dann wird es halt total unspannend.

(c) Thomas Ranner

Denkst du, die Bier-Partei wäre ohne eigenes Label möglich gewesen?

Tatsächlich war die Bier-Partei am ersten Album, das nicht auf Pogo’s Empire erschienen ist. Turbobier hat schon immer das gemacht, was wir für richtig gehalten haben, uns nie einengen lassen. Aber es soll sehr wohl Künstler geben, bei denen kreativ auch mitgeredet wird.
Und, was i ned, Leute in einem Anzug, die einen 9-to-5-Job machen, und in irgendeinem Büro sitzen, wenn die sich dann kreativ überlegen, wie man etwas Geiles macht, ist es vielleicht nicht genau das, was ich als geil empfinde.

Ihr habt ja bereits vor dem ersten Album online Aufmerksamkeit durch das HELENE FISCHER-Cover bekommen. Warum habt ihr euch gerade dafür entschieden?

Das wurde uns quasi in die Wiege gelegt! Das war ganz logisch, weil da gab es damals diese zwei Kiwara, die in Ottakring mit dem Polizeiauto durch die Gegend gefahren sind, und Atemlos gesungen haben. Und das waren zwei so schleimige Bullen, fürchterlich. Das war natürlich eine Steilvorlage für Turbobier, ein Elfmeter ohne Tormann, das darfst du natürlich nicht bringen, da ist klar, dass spätestens am nächsten Tag eine Cover-Version von deinem schlechten Cover im Internet landet. Diese Nacht- und Nebelaktion hat sich dann halt total verbreitet. Also aus Ablehnung der Exekutive gegenüber. Das war der einzige Grund.

Wie alt warst du, als du dich das erste Mal für Bier interessiert hast?

Na, so wie jeder Österreicher, sieben.

Stichwort King Of Simmering – Wie org ist es wirklich in Simmering aufzuwachsen?

Na, wir sind ja jetzt hier in Simmering, und schau dich mal um. Ich glaube die Frage kann man sich ganz leicht selber beantworten, hier zwischen Friedhof und Fritteuse. Wir sind natürlich starke Lokalpatrioten, aber das ist alles mit einem zwinkernden Auge zu sehen. Sicher ist Simmering strukturell der schwächste Bezirk, die Wohnungen sind am günstigsten, deshalb ist das Augenzwinkern – hier ist das Proletariat zu Hause – sicher richtig, bis zu einem gewissen Grad. Aber so wie RAF CAMORA behauptet, im 15. schießen sie dir alle drei Meter ins Knie, so schlimm ist es in Simmering noch nicht.

(c) Thomas Ranner

Ist euer Denglisch von Richard Lugner inspiriert?

Ich denke Richard Lugner hat auf jeden Österreicher ein bissl abgefärbt, und ist eine Inspirationsquelle für ganz viele Leute. Aber das war jetzt nicht der Beweggrund, die Nummer so zu machen. Im Sprachgebrauch hat man einfach gewisse denglische Ausdrücke, zumindest ich und meine Hawara, und nachdem es noch keinen denglischen Song meines Wissens nach gibt, der wirklich schlecht Denglisch ist, hat jetzt Turbobier hier wiedermal eine Vorreiterrolle eingenommen.

Gratulation an Turbobier.

Danke!

Simmering ist ja zwar eher ein morbides Pflaster, aber ihr habt trotzdem einen gewissen Schmäh – oder, wie du es nennst, Augenzwinkern – dabei. War da die EAV ein Vorbild?

Also ich glaube, jeder der in Österreich auf eine gewisse Art und Weise satirisch oder kabarettistisch angehauchte Musik macht, ist irgendwann in seiner Laufbahn von der EAV inspiriert worden. Und das ist nach wie vor so, dass die EAV in Sachen Text und musikalischen Ideen den jungen, vermeintlich agileren, kreativen Köpfen um nichts nachsteht. Thomas Spitzer ist eine Koryphäe. Da kann sich jeder ein Scheibchen abschneiden, wie großartig diese Band auch nach 35 Jahren ist. Nicht zu vergessen, eine Abschiedstournee mit 90 Daten, wo bereits 100% meiner Musikerfreunde bei 9 Daten zum Sudern anfangen, das ist anstrengend, und viel im Bus sitzen, und blablabla. Alle die ich kenne, egal welches Genre, sudern alle, und die EAV macht einfach 90. Sie legen die Latte hoch.

Im Gegensatz zur EAV habt ihr bereits eine Ost-Asien-Tour hinter euch. Warum denkst du findet ihr so viel Anklang in diesen Ländern?

Das muss rein an der Sprache liegen. Ich glaube das Simmeringerisch ist dem Chinesischen näher als dem Deutschen. Rein aus sprachlicher Sicht, und natürlich muss ich sagen, dass Turbobier von den Arrangements natürlich weltklasse ist, das ist alles over the top, und so gesehen haben die Japaner und Chinesen eine gewisse Affinität zu klassischer, österreichischer Musik. Ich sehe da Turbobier in einer Tradition mit den Wiener Philharmonikern. Wiener Philharmoniker, Johann Strauss Sohn, Operetten, Turbobier.

Wie sehr hat dich Mozart im Songwriting beeinflusst?

Gar nicht, ich war immer mehr so Brahmsfan. Ich bin fast ein Brahmsfangirl.

Können die Fans dort auch mitsingen?

Sicher! Sie singen Deutsch mit, und wir singen japanisch, was auch extrem spannend ist.
Das ist wirklich lustig so. Das neue Album soll übrigens auch auf chinesisch erscheinen. Verliebt in einen Kiwara vom epochalen Vorgänger-Album zu King of Simmering; Das neue Festament, ist Opener auf der Platte. Den Song gibt es auch auf japanisch: Keikan ni zokkon!

(c) Thomas Ranner

Was ist denn dein Lieblingssong vom neuen Album?

Prinzipiell sind alle sehr gut, alles wirklich Topnummern. Wenn ich mir jetzt eine aussuchen müsste – und natürlich gibt es Songs, die wir lieber spielen als andere – Mord im Affekt macht sehr viel Spaß, die hat auch so einen beschwingten Reggae-Flair, das ist ganz geil. Große Schuach macht Spaß, weil es so straight-forward ist, das ist unterhaltsam zu spielen, vom Tempo her. Aber wenn ich mir eine aussuchen muss, würde ich sagen VHS, weil das ist ein herrlicher, dreckiger Popsong.

Ist Punk tot oder lebt er in Österreich weiter?

Punk ist nicht tot, Punk ist maximal oid und gmiadlich geworden. Aber tot ist er noch nicht. Wenn er tot wäre, würden wir jetzt nicht hier im Gasthaus Brigitte eine fulminante Party feiern heute Abend. Dass der Punk gmiadlicher und oider geworden ist, lässt sich dadurch ablesen, dass das Gasthaus Brigitte auch nach dem Konzert noch stehen wird. Wäre Punk noch so wie in den 70ern, würde das Gaushaus heute warm abgetragen werden.

Deine letzen Worte?

Kauf das Album, und sicher’ unsere Arbeitslosigkeit langfristig!

Vielen Dank!

Danke!

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