In seinem neuesten Buch Serotonin skizziert Michel Houellebecq verschiedene Stadien des Zynismus: Ein Teufelskreis von Entfremdung und Desensibilisierung. 

Ausschweifungen und Abgründe

Der friedfertige Landwirt Aymeric wird von Frau und Kindern verlassen. Er beginnt zu trinken und endet als deklarierter Waffenfetischist im Zuge einer tödlichen Auseinandersetzung mit Regierungstruppen. Yuzu und der Ornithologe sind bei Einsetzen der Handlung bereits zynisch: Von Yuzu erfahren wir, dass sie unter anderem mit Hunden Geschlechtsverkehr hat; von dem Ornithologen, dass er pädophil ist. Die meisten Charaktere in Serotonin befinden sich zunächst in jenem manisch anmutenden Stadium des seelischen Zerfalls, in welchem die Empathiefähigkeit dem Fetischismus und Extremismus bereits gewichen ist. Egomanie, übermäßiger Genuss von Alkohol und Medikamentenmissbrauch sind charakteristisch, genauso wie Depressionen und die Fetischisierung der Sexualität. So erklärt auch der depressive Ich-Erzähler Florent-Claude gleich am Anfang der Erzählung zu der Begegnung mit zwei jungen Mädchen: „Es war unmöglich von diesem Arsch nicht hypnotisiert zu werden“.

Ein diabolisches Räderwerk

Die ehemaligen Schulfreunde Aymeric und Florent-Claude beschreiten in der zweiten Hälfte des Romans den Weg in die Hölle. Im fortgeschrittenem Stadium des Zynismus verliert nun Zwischenmenschliches ganz an Bedeutung, ebenso die Sexualität. An diese Stelle tritt eine seelische Kälte, die an die eines vom Krieg Traumatisierten erinnert. Aymeric trinkt und kifft exzessiv, immer wieder schaut er „mit toten Blicken“ ins Leere. Sein Wesen ist abgekühlt und seine Liebe zu Waffen beängstigend: Er hat eine ganze Sammlung von ihnen. Als Truppen seinen Grund betreten, kommen sie zum Einsatz. Vom Anti-Depressivum seiner Potenz beraubt, durchlebt auch Florent-Claude diese Phase der Gewalt, nachdem Aymeric ihm das Scharfschießen beibringt. Wochenlang zielt er auf das vierjährige Kind seiner Ex-Freundin Camille, in der Überzeugung, dass er es erschießen muss, um wieder an ihre Seite zurückkehren zu können.

Zuletzt teilt ein Arzt Florent-Claude mit, dass er „vor Kummer sterben“ würde, nachdem die langfristige Einnahme von Captorix eine übermäßige Cortisol-Ausschüttung mit sich gezogen hat. Er erreicht das letzte Stadium des Zynismus: Total abgeschottet von der Außenwelt, impotent und gefühlstot zieht er sich zurück und wartet auf den physischen Tod. In dem fegefeuerartigen Dahinvegetieren erfährt er eine gewisse Form der „Normalität“, die dem Leser zu denken geben sollte: Er ist wunschlos unzufrieden. Eben wie es die im Buch mehrfach erwähnten alten Griechen allesamt guthießen, führt er nun ein recht bescheidenes Dasein auf sich allein gestellt, und genießt Alkohol und Medikamente nur noch in Maßen. Was er mit seinem übrigen Geld anstellen soll, weiß er nicht genau. Er will versuchen, es in gute Küche zu investieren und freut sich darauf, dick zu werden.

Anti-Buddha?

Die Geschichte von Serotonin ist die eines Erkenntnisprozesses: Michel Houellebecq beschreibt den düsteren Weg durch eine Depression, an deren Ende die Weisheit liegt: Unterscheidet sich jene „pessimistische“ Weisheit von einer anderen? Wahrscheinlich nicht. Eben wie sich Hesses Siddharta in Ausschweifungen verlor und mit Suizid-Gedanken zu kämpfen hatte, so entfremdet sich auch Florent-Claude von sich selbst, verliert sich in einem Delirium von Angst und Schmerzen, um sich wiederzufinden an einem Ort der Ruhe und Abgeschiedenheit, frei von allen irdischen Ängsten.

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