Marek Šindelka ist einer der bedeutendsten tschechischen Autoren der Gegenwart und wurde mit vielfachen Preisen ausgezeichnet. Im Herbst ist nun sein Buch Der Fehler in deutscher Übersetzung im Residenz Verlag erschienen. Im Interview mit Delay Magazine erklärt er seine Liebe zur Literatur.

Dieses Interview wurde aus dem Englischen übersetzt.

 

Marek, wie kam es dazu, dass du mit dem Schreiben angefangen hast?

Alle meine Bücher bewegen sich auf einem persönlichen Level. Ich habe etwa mit 17 mit dem Schreiben angefangen, als herauskam, dass mein Bruder drogenabhängig war. Es war ein Schock für mich. Ich musste das irgendwie verdauen und suchte nach einem Weg dafür. Während ich ein paar Notizen schrieb, merkte ich, dass über Geschichten, von meiner Familie, meiner Kindheit und meinem Bruder und mir, zu erzählen vielleicht helfen könnte. Also fing ich an Erinnerungen von ein paar Ereignissen zu notieren, die schon ziemlich verschwommen waren. Es war ein komischer Mix zwischen unserer Familienchronik und meinen Gefühlen. Dann bemerkte ich, dass das Poesie war. (lacht)

Ich war überrascht, wie die Leute auf die Gedichte reagierten, weil ich sicher war, dass das nur meine persönlichen Aufzeichnungen von etwas sehr Privatem und Fragilem sind. Aber die Menschen konnten sich mit den Texten identifizieren. Das war der Anfangspunkt. Ich verstand, dass es eine Möglichkeit eine Verbindung aufzubauen gibt, auf der Ebene etwas Universellem, weil Kindheit und der Verlust von jemandem universell ist und deswegen sind die Leute fähig, sich so etwas vorzustellen. Ich bemerkte die Kraft in der Literatur, in der Kunst, dass du Dinge teilen kannst und die Leute ihre eigenen Gedanken reinbringen und dass ich eine Brücke zwischen beiden Seiten bilden kann. Das war fast so etwas wie ein magischer Moment.

Dein Buch Der Fehler kam im Original schon 2008 heraus. Wie waren die Reaktionen?

Ich denke, es war ein Erfolg. Es war mein zweites Buch; das erste war die Sammlung von Gedichten. Es war eine größere Aufgabe, weil es Prosa ist und deswegen verschiedene Leser erreicht. Ich denke für viele Menschen ist es immer noch das Lieblingsbuch von mir. Ich war sehr jung. Als ich das Buch geschrieben habe, war ich eine ganz andere Person. Ich hatte eine ganz andere Sprache und aus heutiger Perspektive ist das ziemlich komisch. Ich bin nicht mehr der Autor dieses Buches, sondern nur ein anderer Leser. Ich bin ein Interpret des Textes und ich mag das, weil ich es liebe, wenn Texte von selbst leben. Ich lasse es praktisch atmen.

Also ist es ein bisschen Geschichte von dir selbst?

Genau. Und das ist in der Sprache selbst verschlüsselt. Ich merke, wie sich das einbringt. Als mein letzter Roman herauskam, sprach ich mit einer Kollegin aus Belgien darüber. Ich erzählte ihr, dass ich eine Tochter habe und sie fragte, wie sich meine Sprache verändert hat, seitdem sie geboren wurde. Für mich war das eine seltsame Frage, aber dann realisierte ich, dass genau das passiert ist. Meine Sätze und Kapitel wurden kürzer und der Ausdruck war wie eine minimalistische Darstellung, wie ich mit meinem Kind spreche. Ich verstand, dass man immer selbst in seinem Buch abgedruckt ist und das ist unvermeidlich.

Der Fehler wurde schon in Englisch, Niederländisch, Ungarisch und jetzt auf Deutsch übersetzt. Was kommt dir in den Sinn, wenn du deine eigenen Worte in einer Sprache hörst, die du kaum oder nicht verstehst?

Ich mag das. Zum Beispiel verstehe ich kein einziges Wort Ungarisch. Für mich ist es mehr der Rhythmus und die Melodie, die es ausmacht, weil jede Sprache ihre eigenen Strukturen und Muster hat. So kann man sich immer an der Qualität einer Sprache freuen, auch wenn du nichts verstehst. Ungarisch ist sehr rhythmisch für mich und es ist so verschieden zum Tschechischen, dass es sich anfühlt als würde man einen Song aus einem anderen Teil des Universums hören. Das ist es und das kann ich sehr gut genießen.

Also bekommst du auch eine andere Reaktion von einem Publikum mit einer anderen Kultur?

Das ist eines der interessantesten Dinge – als Schriftsteller und mit dem Schreiben zu reisen. Letztes Jahr war ich in Südkorea und das war natürlich sehr besonders. Wie die Menschen auf die Texte reagierten war anders, aber nicht so weit entfernt wie ich gedacht hatte. In einer gewissen Weise war da mehr Verbindung zwischen ihnen und mir als in manchen europäischen Ländern. Ich habe etwas auf der Ebene der Sprache gefühlt und den Humor. Das Ganze war sehr sensibel. Ich glaube, dass Literatur selbst ein Kanal zum Kommunizieren über Ideen und Schönheit ist und man hat verschiedene Rezipienten der Message. Es ist immer etwas Neues und ich mag diese weit gestreute Möglichkeit, wie durch die Literatur Geschichten und Emotionen geteilt werden.

Es schafft eine Art Community, die auf der Literatur beziehungsweise auf der Kunst basiert.

Ich glaube, dass Literatur mehr ist, zum Beispiel im Vergleich zu tschechischer Musik. Wenn man auf tschechisch singt, bleibt das innerhalb von unseren Grenzen, außer ein paar Ausnahmen. Dieser Transfer ist nicht möglich, aber in der Literatur – dank den ÜbersetzerInnen – kann man das in der ganzen Welt verbreiten und das ist wundervoll. Ich glaube, dass das einer der wichtigsten Wege ist, um zu kommunizieren. Man bekommt ständig von den Medien Information über das, was in der Welt passiert, aber das ist eine andere Art von Information. Die Struktur ist verallgemeinert, auf eine Weise kalt, aber wichtig in diesem Feld.

Literatur hat eine Message in viel tieferen Ebenen der Realität. Der Fokus ist anders und das kann etwas auslösen, das einen wirklich erreicht. Wir gewöhnen uns daran, wie die Welt von den Medien beschrieben wird. Ich denke, dass da ein Mangel an emotionaler Verbindung zu den gezeigten Ereignissen ist, weil wir die Fähigkeit mit Leuten mitzufühlen verloren haben. Wir fühlen nicht richtig mit, mit den Protagonisten oder Vorfällen.

Deswegen ist Literatur ein einzigartiger Weg die Welt zu beschreiben, Leid und die Teilnahme daran zu beschreiben, mit Leuten mitzufühlen und andere Perspektiven und Positionen verstehen zu können. Die Strategien, die ich anwende, existieren in dieser Welt und es ist dadurch vorstellbar, diese Dinge oder zum Beispiel deine Frau, deine Familie, einen Ort et cetera zu verstehen und dem näherzukommen.

Letzte Frage: Was würdest du vorschlagen, wie man das Buch lesen soll: In einem Zug oder ein paar Kapitel und es dann weglegen?

In einem Zug, definitiv, weil es in einem Zug geschrieben wurde und ich vermute, dass das der geeignete Weg ist. Aber es bleibt natürlich dir überlassen. Du hast die Freiheit und wenn du es langsam lesen möchtest, nimm dir deine Zeit.

Vielen Dank für das Interview.

Infos und weiterführende Links

Hier geht’s zum Buch: www.residenzverlag.com

 

 

 

 

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Aus dem Ruhrgebiet. Studentin der Vergleichenden Literaturwissenschaft und Kommunikationswissenschaft. Möchtegern - Fotografin. Kritikerin. Philosophierende. Cosmopolitan.

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