Wortspiele, gute Flows, eine markante raue Stimme und kluge Texte, die sich nicht allzu ernst nehmen: So kennt man den Hamburger Rapper Dendemann, der sich zuletzt mit seinem Engagement bei Neo Magazin Royale bemerkbar machte. Sein langersehntes Album “da nich für” (norddeutsche Variante für “gern geschehen”) erblickte am 25.1.2019 das Licht der Öffentlichkeit. Wir haben uns mit Dendemann auf einen Plausch getroffen und einen reflektierten Rapper kennengelernt, dem man auch im Gespräch gerne zuhört und schon deshalb nicht das Wort abschneiden möchte.

Nach mehrjähriger Release-Pause waren die Erwartungen in Dendemanns Comeback hoch. Seit vergangenem Freitag können sich Fans und Kritiker jedoch davon überzeugen: Mit sehr freshen Beats bestückt, garniert mit persönlich ausgesuchten deutschen Vocal-Sampels, hat man nicht umsonst auf diese runde Scheibe gewartet. Nach einem Interview-Marathon schenkte uns ein gut gelaunter Dendemann eine halbe Stunde seiner Zeit. Zur Feier des Tages gab es auch ein Glas Sekt.

Lieber Dendemann, wie gefällt dir Wien? 

Also das Funkhaus ist immer noch so schön wie früher. Das Hendl hat auch gemundet. Und ich hab wieder nichts von der Stadt gesehen, obwohl ich mir schon Shopping-Adressen rausgesucht habe. Wann siehst du als Musiker schon etwas von Wien? Ja, wenn du privat hingehst. Sonst nicht. Warum habe ich zehn Jahre lang Berlin nicht begriffen? Ja, weil ich immer nur in Clubs war und Backstage herumgehangen bin. Mittlerweile bekommst du mich aber nicht mehr weg von Berlin. Als Hamburger Hiphopper war mir Berlin lange Zeit viel zu groß, viel zu unübersichtlich und hart. Aber vor zehn Jahren habe ich mich dann öfters in Berlin herumgetrieben und dachte mir plötzlich: Mein Gott, das ist New York, nur geiler und billiger.

Hiphop ist in Berlin präsenter als in Wien. Von New York ganz zu schweigen…

1995 war ich zu meinem ersten Videodreh das erste Mal in New York. Ich hab dort Platten gekauft. Jede Platte, die ich dort gekauft hab, ist heute das zehnfache wert. Das ist ungefähr so wie der Jahrgang beim Wein, der immer geht. Hiphop ist in New York der Puls der Stadt. Ich hab dort Dinge begriffen, die ich als Reihenhaus-Mittelschichtskind sonst nie begriffen hätte, wenn ich nicht vor Ort gesehen hätte, wie die Menschen dort sind und dass Hiphop dort der Puls der Stadt ist. Das hat nichts mit dem Prollgehabe bei uns zu tun, wenn du im Auto die Scheibe runterlässt und den Bass wummern lässt. Die Leute atmen und reden so als würden sie rappen. Da fehlt einfach nur der Beat, wenn dir jemand den Weg erklärt.

© Fero Zboray

Hättest du Lust auf eine Freestyle-Session beziehungsweise spielt das in deinem Alltag noch eine Rolle? Und wenn ja, wie oft kickst du welche?

Was soll ein Mensch wie ich beim Ausräumen der Geschirrspülmaschine anderes tun als einen Freestyle für sich zu kicken? Ne, also ich freestyle für mich selber gerne, aber in Gesellschaft eher nicht. Es ist auch eine Frage der Zeit: Man darf nicht vergessen, ich komm direkt aus einer Albumproduktion und zwei Jahren Fernsehen. Ich habe unglaublich viel gerappt in den letzten drei Jahren. Für meine Verhältnisse war ich unglaublich produktiv. Bei Neo Magazin Royal durfte ich viel herumexperimentieren. Um dem Original mit meiner Coverversion gerecht zu werden, habe ich Flows ausprobiert, die ich sonst nie ausprobiert hätte. Das war ein Bootcamp. Zwei Jahre Bootcamp im Fernsehen, die in mir sehr viele Knoten gelöst haben.

Was hat dir persönlich bei Neo Magazin Royal am besten gefallen?

Mich hat die ganze Erfahrung in ein kaltes Wasser geworfen. Ich hab es früher eher vermieden, so funktionieren zu müssen, wie es andere erwarten. Mein Umfeld habe ich in dem Glauben erzogen, dass die Produktion meiner Musik solange dauert, wie ich es für richtig halte. Und plötzlich gibt es da einen Slot, von dem keiner weiß, wie er zu füllen ist. Alles, was wir gesagt bekommen haben, ist: Da geht Jan von seinem Stand-up zu seinem Schreibtisch und wir brauchen eine halbe Minute Übergangsmusik.

Also du würdest sagen, dass der Druck nützlich war?

Nein, Druck funktioniert bei mir gar nicht. Ich bin druckresistent. Angst und Scham, würde ich sagen, funktionieren bei mir gut. Die ersten drei Sendungen, die kann man in voller Länge online anschauen. Wenn du die gesehen hast, dann weißt du, welchen Weg wir gegangen sind. In einer der ersten drei Sendungen habe ich beispielsweise Ad-libs à la James Brown gemacht, während die Band gespielt hat, weil wir überhaupt nicht wussten, wie wir diesen Slot füllen sollten. Dann die traurigen politischen Ereignisse: Als sich in Paris die Tragödie abgespielt hatte, wussten wir gar nicht, ob wir on air gehen. Der Sender sagte bloß: „Jan, wir wissen nicht, ob wir auf Sendung gehen, du hast alle Zeit der Welt.“ Und da ist ein Knoten geplatzt. Auf einmal dachte ich mir: Fuck, you can really do it. Da ist ein Selbstvertrauen zurück gekommen, das vielleicht gar nie da war. Ich wusste, auf was ich mich bei mir selber verlassen konnte. Ich konnte mich nicht darauf verlassen, dass der Satzbau nach drei Stunden so ausgefeilt war wie bei meinen in drei Monaten geschriebenen Texten. Ich kann mich aber komischerweise darauf verlassen, dass die Doppeldeutigkeiten, die Wortspiele und die Reime da sind. Ich kann zwar nicht den Schliff hier bedienen, aber der war auch nicht gefragt.

© Fero Zboray

Dein Auftritt war also eher durch den Workflow beeinflusst. Ich hatte nämlich den Eindruck, dass ihr Hiphop für ein deutsches Fernsehpublikum salonfähiger machen wolltet. Habt ihr da eine Art Bildungsauftrag wahrgenommen?

Nein, überhaupt nicht. Das geht bei mir zurück auf das Jahr 1997. So sind Lieder wie „ich so, er so“ entstanden. Die ganze Nichtakzeptanz hat mir früher richtig zu schaffen gemacht. Mittlerweile bereue ich auch, dass ich das so ernst genommen hab. Aber es ist halt ein adaptierter Blödsinn. Ich hatte auch Angst um die eigene Karriere, weshalb ich nicht wollte, dass deutscher Hiphop den Bach runter geht. Denn was sollte ich sonst tun? So gesehen habe ich in dieser Zeit irgendwie eine Art Pädagogik entwickelt, die aber nichts mit der Sendung zu tun hatte. Die Leute haben mich oft gefragt: „Warum hast du da zugesagt? Das passt doch nicht zu deinem Werdegang.“ Ich glaube, dass ich Angst gehabt hätte, dass es jemand anderes tut. Da kommt wieder der Aspekt rein, den du angesprochen hast.

Du bist ein Mann der ersten Stunde. Was sagst du zur Entwicklung des deutschen Raps?

Es ist so viel passiert im deutschen Rap. Das hätte jemand wie ich niemals zu glauben gewagt. Wir hatten für 2000 prophezeit, dass 13-jährige uns in Grund und Boden rappen, weil sie damit bereits aufwachsen. Das fand aber nicht statt. Danach kam acht bis zehn Jahre Aggro-Berlin. Rückwirkend muss ich zugeben, dass sie relativ früh erkannt haben, so wie auch heute eine 187-Clique, dass sie von ihrem Zielpublikum Bescheid wussten. Ein Publikum, das nicht mehr verarscht werden will oder hören will, wie geil die Party war, sondern wissen will, wie hart Scheiß-Berlin ist. Die wollen wissen, worum es wirklich geht. Und die wollen die Kacke ohne Scham aus dem Auto pumpen. Und da kommt wieder der New York-Vergleich. Diese Identifikation hat es früher einfach gar nicht gegeben. Diesen Rückschluss auf den eigenen Geschmack hat es nicht gegeben. Das war viel zu vage. Jetzt wird es mit Stolz gepumpt. Wenn man aber bedenkt, dass awkwardness Hiphop vom Grundgedanken her extrem im Weg steht, ist das eine Erfolgsgeschichte. Das Verschwinden der weirden Deutschheit, dieses „Ja, wir machen auch Hiphop“-Ding. Nach zehn Jahren technischem K.O. und schlechtem Inhalt, sind wir seit ein paar Jahren in einer Welt, die ihr Hauptproblem scheinbar zu lösen scheint. Nämlich die awkwardness, die mit Deutschrap immer dabei war. Ich meine das Adaptierte.

Deutschrap bedient gerne Klischees und Schubladen. Gangsterrap, Poserrap, whatever. Wie ist das bei dir? Gibt es ein passendes Etikett für Dendemann? Hast du einen bestimmten Stil, dem du immer treu bleiben wolltest?

Natürlich nicht. Genres wie Conscious Rap hätte niemals jemand aufschreiben dürfen. (lacht) Es ist mir ehrlich gesagt echt egal. Es gibt Popmusik und es gibt Sub-sub-subgenres wie Trap oder Boom Bap. Aber das sind doch nur Vokabeln, die uns helfen, etwas einzuordnen, sowie rechts und links.

Anders gefragt: Wie hat sich Dendemann entwickelt seit seinem letzten Album? Inhaltlich beispielsweise?

Gar nicht. (lacht) Ich glaube immer noch, dass das Prinzip gleich ist. Wenn ich die Idee wertvoll genug finde, dass ich ein ganzes Lied dran bleibe. Das ist immer das gleiche Prinzip geblieben. Ich entscheide jedes Mal: Setz ich mich an den Schreibtisch, weil es wirklich ein ganzes Lied wert ist? Oder ist das nicht der Fall? Geholfen habe ich mir ein wenig mit den deutschen Vocal-Sampels. Bei Neo Magazin Royale habe ich bemerkt, okay, scheinbar kann ich Cover-Versionen ganz gut, also auf etwas Vorhandenes einsteigen. Das bringt mich auf Themen, auf die ich selber nie gekommen wäre. Bei jedem deutschen Sample, das ich mit ins Studio genommen habe, lautete die Frage: Okay, bekommen wir das aber rechtlich gecleared? Woraufhin ich gesagt habe, dass weiß ich nicht. Meiner Meinung nach sollten wir das aber soweit fertig machen, sogar bis zum Master, bevor wir es an die Rechteinhaber schicken. Ich glaube, dass unsere Umsetzung so nachvollziehbar sein wird, dass wir grünes Licht bekommen. Und es hat überall geklappt. Natürlich hat das eine Verzögerung mit sich gebracht. Aber ich hab gesagt: Ich will, dass die Rio-Reiser-Erben, die Hildegard-Knef-Erben, Heinz Erhard, Rolf Kühn, dass die ganzen Leute das fertige Ding hören. Da war natürlich viel Aufwand dabei. Aber ich habe mir damit einen Kindheitswunsch erfüllt.

Hast du noch ein paar Worte über dein neues Album?

Da nich für! ist auch nur eines von drei weiteren Dendemann-Alben. Es ist das erste Album nach dessen Fertigstellung ich sofort weiß, wie ich weitermachen würde. Nicht, dass ich das unbedingt tun werde, aber ich habe einen Sound gefunden, der für mich Zukunft hat. Und ich habe mich nicht daran satt produziert, so dass ich jetzt was anderes bräuchte. Ich habe zwanzig Beats mit deutschen Samples parat. Ich bräuchte einfach nur drauf los schreiben. Er ist sehr unamerikanisch und steht mir vielleicht deshalb so gut.

Die Leute haben immer gesagt: Mach doch mal die Platte, die es nicht gibt von dir. Die Platte, die alle von dir wollen. Besinn dich auf die Stärken von Eins Zwo und bring es auf ein neues Level. Wie auch immer. Wir wussten auf jeden Fall, dass das Album sehr sample-lastig werden und so klingen sollte, als ob die Platte gestern fertig geworden wäre.

Wer ist dein Lieblingsbeatproduzent?

Natürlich Dilla, für immer. Da man sich aber auch auf die lebenden konzentrieren muss: Seit langer Zeit mit großem Abstand Alchemist. Der einzige, der mich wöchentlich abholt. Wirklich, ich liebe diesen Mann. Und national eigentlich alle, die auf meiner Platte oben sind.

Österreichische Rapper oder Musiker unserer Zeit, die du schätzst?

Selbstverständlich gibt es da ein paar, ich hab sie alle heute bei FM4 gespielt. Als allererstes muss da Kamp erwähnt werden. Immer noch ein herausragender Rapper. Kamp forever. Und ich hasse euch für Bilderbuch. Also ich würde durch viele Interviews heiler durchkommen, wenn es eine deutsche Band wär. Einfach zu stylish. Natürlich auch König Crack Ignaz.

Letzte Frage: Wie schauen deine Ziele für die Zukunft aus? Gibt es schon neue Projekte für die Zeit nach dem Album-Release?

Nice try. I don’t do Ziele. (lacht) Ich bin immer schon den Weg des geringsten Widerstands gegangen.

Wir bedanken uns für das Interview!

 

 

TOURDATEN

 

Salzburg: 20.02.2019 Szene Salzburg

Wien: 21.02.2019 Gasometer

Linz: 22.02.2019 Posthof

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