Ehrenfeld ist überall – und spätestens seit vergangenem Mittwoch sollte es in Wien darüber keinen Zweifel mehr geben. Wenn Jan Böhmermann mit dem Rundfunk Tanzorchester (RTO) Ehrenfeld in der Bank Austria Halle des Gasometers gastiert, darf sich das heimische Publikum auf ein geladenes Musikprogramm mit politischer Satire freuen. Böhmermann tourte mit der hochkarätigen Showband des Neo Magazin Royal durch Deutschland, Österreich und die Schweiz.

Begleitet von einer plötzlich einsetzenden, imposanten Lichtshow eilen die siebzehn Musiker des RTO Ehrenfeld zu ihren Instrumenten. Als nur einen Augenblick später ein orchestrales Gewitter losbricht, wird zum Einstieg die volle Halle in Hören und Staunen versetzt. Es sollte ein gelungener Auftakt für einen vielversprechenden Abend werden, den Jan Böhmermann mit Gesang und jeden Mengen Gags versüßte. Mit Sonnenbrille, Glitzerhose und einem Pelzmantel betrat dann der deutsche Starmoderator und Komiker die Bühne und eröffnete seinen Auftritt mit einem Chanson.

Unzweideutige Satire und politische Zielscheiben

Im Laufe des Abends wurde ein buntes Potpourri gelungener Arrangements und bekannter Songs aus der Late-Night-Show „Neo Magazin Royale“ dargeboten. Fans kamen auf ihre Kosten. Durch den Kakao gezogen wurden deutsche, aber auch österreichische Politiker unserer gegenwärtigen Regierung. Schließlich wäre Böhmermann nicht Böhmermann ohne politische scharfzüngige Satire. Rainer Wendt, dem Bundesvorsitzenden der deutschen Polizeigewerkschaft, wurde beispielsweise ein eigenes Lied gewidmet, indem der selbstherrliche Politiker sein Fett abbekommt. Wohl der einzige Polizeigewerkschafter der Welt mit einem eigenen Song, wie Böhmermann wohl zurecht mutmaßte. Er vergaß auch nicht auf unser österreichisches Pendant hinzuweisen, das sich ebenfalls gerne als rechter Sheriff produziere und deshalb den Vergleich nahelege. “Herbert K.” hieß das entsprechende Lied dazu. Der österreichische Bundeskanzler, der in jüngster Zeit vermehrt in Kritik geraten ist, fand sogar Eingang in einen Refrain:  „Das Volk ist im Nazi-onalrat zurück, solange Sebastian Kurz schweigt.“ Hier reitet Jan Böhmermann mächtig durch das Tor der Unzweideutigkeit: Eine seiner Spezialitäten, mit der er bereits Staatskrisen auslöste.

Ein großartiger Konzertabend

Zu Gast waren außerdem die Ensemble-Mitglieder Florentin Will und Giulia Becker. Bilderbuch-Gitarrist Michael Krammer, der Überraschungsgast des Abends, legte ein eindrucksvolles Solo hin. Selbstverständlich wurde auch der Smash-Hit „Menschen, Leben, Tanzen, Welt“ performt. Der von Zooaffen per Zufallsprinzip getextete Song versteht sich als Parodie auf die Oberflächlichkeit deutscher Pop-Musik. Ein weiterer Youtube-Hit wurde mit dem Lied „Ich hab Polizei“ geliefert, in dem der Gangsterrapper „Haftbefehl“ persifliert wird. Das RTO Ehrenfeld gab dann noch eine Coverversion von Britney Spears’ „Toxic“ zum Besten, in der Lorenz Rhode, wie schon bei früheren Gesangseinlagen, mittels Talkbox seine Stimme verzerrte. Stimmungsvoll wurde es dann mit Disclosures Elektropop-Nummer „You & Me“ und die durch Udo Jürgens im deutschsprachigen Raum bekannt gewordene Fernsehtitelmelodie „Tausend Jahre sind ein Tag“. Nichts, was diese Band nicht auf grandiose Weise übersetzen könnte. Mit tosendem Applaus, der Böhmermann und sein Orchester nicht allzu schnell von der Bühne entließ, wurde der Konzertabend beendet. Beim Publikum dürfte jeder Zweifel aus der Welt geschafft sein: Ehrenfeld ist überall – jetzt auch in unseren Herzen.

 

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