Das Team von Delay Magazine präsentiert Woche für Woche, was sich in der Welt von Kunst und Kultur getan hat, welche Platten und Singles man guten Gewissens in die Hände nehmen kann, bei welchen Filmen und Vorstellungen sich ein Besuch lohnt und was man tunlichst meiden sollte.

21.01. – 03.02.

In diesem Fall sogar drei Wochen. Die Temperaturen werden milder, die Prüfungen auf der Uni sind (endlich) vorbei, die Albenveröffentlichungen schwanken zwischen cool und lauwarm. Einerseits blicken wir gespannt (und ein wenig entsetzt) dem Comeback der Backstreet Boys entgegen, andererseits lauschen wir entsetzt (und ein wenig gespannt) den sich neu erfindenden Ex-Metalcore-Bubis Bring Me The Horizon. Arch Enemy und Weezer veröffentlichen ein Cover-Album, eines davon aufgewärmte Reste, das andere (mehr oder weniger) liebenswürdige Herumalberei im Studio. Dafür wird gleich doppelt auf die Tränendrüse gedrückt, sowohl bei dem hervorragenden Abschied von Say Anything (wir werden euch vermissen!), als auch bei einer (nicht ganz so traurigen) Neuinterpretation der Manchester Godfathers Of Tears, wiedergeboren als Jäh Division.

Arch Enemy – Covered In Blood
(Melodic Death Metal / Century Media 2019)
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Direkt beim Hören des ersten Titels steigt einem der imaginäre Duft eines neuen Vinyls in die Nase, und schon nach zwei Minuten Hörgenuss im neuen Album ist klar, dass die schwedische Melodic-Death-Metal-Band im neuen Jahr im Gespräch bleiben will. „Covered in Blood“ ist eine Ansammlung von Coverversionen von Metal- und Pop-Klassikern, die aber teilweise auch in früheren Sondereditionen von manchen Alben schon veröffentlicht wurden. Alissa White-Gluz zeigt in diesem Album leider einige Schwächen ihrer Stimme wie zum Beispiel bei dem Cover von Mike Oldfields ‘Shadow On The Wall’. Mit Titeln wie „Braking the Law“ oder „Aces High“ vereint die Band gute alte Erinnerungen und Melodien zu denen man sich problemlos das Gehirn hinaus headbangen kann. Cover von Klassikern in drop tunings enden oft in einer Katastrophe, was man bei diesem Album in keinster Weise behaupten kann. Obwohl Judas Priest‘s Titel „Braking the Law“ und „Starbraker“ schon zig mal gecovert wurden, kann man bei Arch Enemy diesmal auch ein Auge zudrücken, wobei es zu erwähnen is dass bei „Starbraker“ Liiva die Vocals übernimmt, und dem ganzen einen dünnen Sound verpasst. Manowars ‘Kill With Power’ wurde hingegen von Angela Gossow übernommen, die dem Ganzen vielleicht ein bisschen zu viel Motivation zugeführt hat. Der Mittelteil des Albums mit „Nitad“, „When The Innocent Die“, und fünf weiteren Tracks unter denen Titel wie „City Baby Attacked By Rats“ und „Warning“ als Hymnen von G.B.H. und Discharge fungieren, ist mehr als nur genießbar. In „Symphonie Of Destruction“ hört sich Angela Gossow an, wie ein Krümelmonster auf Drogen. Alles in allem wirkt es, als würde sich Arch Enemy mit diesem Album nur an ihre Fans richten. Instrumental ist jeder Titel sauber und ordentlich nachgespielt aber in puncto Gesang lässt dieses Album bei manchen Tracks zu wünschen übrig.
Anspiel-Tipp: Warning, City Baby Attacked by Rats
– Chris

Backstreet Boys – DNA
(Electropop / RCA 2019)
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„BACKSTREET`S BACK ALRIGHT!!!“ Die legendäre Boyband Backstreet Boys ist zurück! Ein Statement, das sie bereits seit ihrem zweiten Album in 1997 verkünden. Dabei ist es eigentlich nicht so als wären sie wirklich jemals weg gewesen. Nach ihren goldenen Zeiten Mitte der Neunziger und den frühen Zweitausendern verbrachte die Band die letzten 15 Jahre damit, regelmäßig Alben zu veröffentlichen, welche gleichzeitig versuchten sich unbeholfen in den aktuellen Pop-Zeitgeist einzuordnen und die Hochzeit der Band wieder aufleben zu lassen. 2005´s „Never Gone“ (vor allem die Hauptsingle „Incomplete“) brachte die weichgespülten Alt-Rock Vibes der Hit-Singles von 3 Doors Down („Here Without You“) und Hoobastank („The Reason“). 2009´s „This Is Us“ brachte synthlastige Tanzhymnen um sich dem damaligen „Clubboom“ anzupassen und 2013´s „In A World Like This“ präsentierte formlosen Country-Pop der selbst für frühe Taylor Swift Alben zu kitschig wäre. In dieser Tradition wird auch „DNA“ beherrscht von den trendigen Sounds der Pop-Welt oder zumindest denen von vor zwei Jahren, weil so ein Album braucht ja ein wenig Zeit um sich zu entwickeln. Die songdefinierenden Klavierakkorde in „Is It Just Me“ klingen als wären sie aus einem 2016er Chainsmokers Song gehoben. „Passionate“ klingt wie ein Maroon 5 Song der sogar für Adam Lavine ein wenig zu schleimig wäre. „No Place“ ist einfach nur Justin Biebers „Love Yourself“ nur mit noch weniger Inhalt und „Chateau“ bringt sogar Trap-inspirierte High-Hats in den Mix, die unpassender wirken als 6ix9ine in einer Quantenphysik Vorlesung. Die Lead-Single „Don´t Go Breaking My Heart“ ist einer der wenigen gelungenen modernen Pop-Songs auf dem Album, welcher sich mit einem eingängigen Hook in den Gehörgang des Hörers schleicht, aber zu keinem wirklichen Höhepunkt kommt, außer die ziellosen Gesangsübungen der Sänger die sich über dem letzten Refrain ausbreiten. Grundsätzlich ist das Hauptvergehen von „DNA“ nicht, dass die Songs im Kern darauf wirklich schlecht sind, sie sind einfach komplett harmlos, ohne jegliche Kanten, aber auch ohne jeden Höhepunkt und klingen so einfach stagnierend und leblos. „DNA“ ist ein derivativer Misch-Masch aus den beliebten Pop-Sounds der Zeit, welcher weder einen eigenen Charakter entwickelt, noch irgendwelche Anstalten zeigt kreativ zu werden, aber wer ein weichgespültes, unbedenkliches Pop-Album sucht, könnte hier zufrieden werden.
Anspiel-Tipp: Don’t Go Breaking My Heart
– Daniel

Bring Me The Horizon – AMO
(Electropop, Alternative Rock / RCA 2019)
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Der Trend geht munter weiter: Dass die ehemaligen Metalcore-Posterboys Bring Me The Horizon rund um Frontmann Oli Sykes weiter und weiter Richtung Pop-Rock und Electropop gehen, dürfte niemanden mehr überraschen. Anders als Totalabstürzer wie Fall Out Boy, Imagine Dragons und Coldplay, die allesamt einen ähnlichen Sound verfolgen, klingt das bei den Briten aber doch etwas besser. ,,Sempiternal” (2013) und ,,There Is a Hell, Believe Me I’ve Seen It. There Is a Heaven, Let’s Keep It a Secret” (2010) kann die Platte nicht ganz einholen, mit ,,That’s The Spirit” (2015) aber ganz gut mithalten. Die Tage der von Deathcore-Belanglosigkeit begleiteten Anfänge sind glücklicherweise sowieso längst vorbei. Der größte Kampf auf ,,AMO” wird wohl mit der elenden Repetition ausgefochten: Die Ex-Schreihälse sind eben nicht Ghost oder ABBA, die problemlos eine Kernmelodie auf drei- bis fünfminütige Titel strecken können, irgendwann kommt zwangsläufig Langeweile auf. Symptomatisch für dieses Problem stehen neben Tiefpunkt ,,medicine” auch noch ,,mother tongue” oder ,,in the dark”, irgendwann im Verlauf der Vierminüter schielt man unweigerlich verstohlen auf die Minutenanzeige, sich fragend, wie lange die gleiche Idee denn noch gestreckt wird. Wenn Melodien und Songs allerdings abwechslungsreich genug sind, können sie über lange Strecken überzeugen. Der triumphale Aufstieg aus der Core-Asche als Electropop-Phönix gelingt zwar nur bedingt, als ein exzellentes Feature der Pop-Ungewöhnlichkeit, verleiht Grimes dem gesamten Werk aber bereits eine gewisse Erhabenheit.
Anspiel-Tipp: MANTRA, nihilist blues (feat. Grimes), sugar honey ice & tea
– Gaps

Jäh Division – Dub Will Tear Us Apart … Again
(Dub, Post-Punk / Ernest Jenning 2019)
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Im Zeitalter der Post-Moderne geht alles. Also, warum nicht auch Joy Division-Titel mit einem entspannten Dub-Groove neuinterpretiert. Vier der insgesamt neun Titel sind bereits auf der 2004 erschienenen EP,,Dub Will Tear Us Apart” erschienen, und waren schon damals solide aufbereitete Post-Punk-Gassenhauer mit der Extraportion Trip und Psychedelic Flair. Ergänzend kommen ganze fünf weitere Titel dazu, einer davon (,,Isolation Dub”) reininterpretiert erneut die Manchester Truppe, vier weitere sind wohl Eigenkompositionen. Nichts weltbewegendes, aber sicherlich ein hörenswertes Kuriosum.
Anspiel-Tipp: Dub Will Tear Us Apart, Disorder Dub
– Gaps

Say Anything – Oliver Appropriate
(Indie Rock, Emo-Pop / Dine Alone 2019)
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„Oliver Appropriate“ markiert das vorläufige Ende der Punk-Exzentriker Say Anything, eine Tatsache die nicht nur Frontman und Mastermind Max Bemis letztes Jahr ausführlich in einem Essay bekannt gab, auch eine, die unübersehbar durch die Musik fließt. Die turbulente Karriere des Kollektivs ist hier genauso so ein zentraler Ankerpunkt wie die Musik selbst. In der Mitte der 2000er hagelte „Say Anything“ auf die Welt des von Emo durchzogenen Pop-Punk ein. Das Durchbruchsalbum „Is a Real Boy“ präsentierte eine Repräsentation des typischen Teenage-Wahnsinns durch die Perspektive eines bipolaren Musikers, übertrieben in theatralische Extreme. Das Album hob emotionales Drama vollkommen aus den Proportionen und blies dieses in komödiantische Extreme, während die Band dabei niemals den höchst menschlichen Kern dahinter aus den Augen verlor. Das nächste Album verbrachte die Band damit sich selbst und ihr komplettes Genre zu dekonstruieren, noch deutlicher als auf dem Album davor, jedoch zu solchen Extremen das danach nicht mehr viel zu zerlegen überblieb, außer sich selbst. Die Band nahm mit der Zeit mehr die Form eines Kollektivs an, mit Max Bemis als die einzige wahre Konstante. Dieser verbrachte die nächsten vier Alben damit, das Bild eines alternden Rockstars zu zeichnen nur um dieses immer und immer wieder zu dekonstruieren. „Oliver Appropriate“ beendet diesen Lauf mit einer letzten Dekonstruktion des Erfolges seines Erschaffers. Es präsentiert sich auch als der spirituelle Nachfolger zu „Is A Real Boy“ und geht dem Gedanken nach was aus seinem Protagonisten wurde und beschreibt das Ende seiner Band. Musikalisch knüpft das Album aber eher an den Akustik-Punk des Albums „Anarchy, My Dear“ an, jedoch zu deutlich effektiveren Maßen. Sentimental und druckvoll gewanden sich die 15 Songs des Albums, welche sich (mit zwei Ausnahmen) um die Zwei-Minuten Marke herumbewegen und präsentieren sich so als pointierte Vignetten die durch Max Bemis messerscharfes Songwriting trotz obskurer Formulierungen großes emotionales Gewicht tragen. Das eröffnende Song-Duo des Albums „The Band Fuel“ und „Daze“ ziehen den Hörer sofort in „Oliver Appropriate“’s Welt hinein. Die Instrumentierung präsentiert sich simpel (Akustik-Gitarre, Bass, Klavier, dezentes Schlagzeug) erweist sich, aber als äußerst effektiv um Max Bemis Geschichten zu übermitteln, indem sie ihm genug Platz lässt diese zu entfalten. So gelingt es dem Album genau der kopflastige, lyrisch getriebene Abschluss zu werden den Say Anything gebraucht hat. Die minimale Klangpalette, das höchst effektive Songwriting, die stetige Melancholie und die großartigen letzten vier Songs des Albums tragen dazu bei, dass „Oliver Appropriate“ stimmig und äußerst gelungen „Say Anythings“ Karriere ausklingen lässt.
Anspiel-Tipp: Daze, The Band Fuel, The Hardest
– Daniel

Weezer – Weezer [Teal Album]
(Pop Rock, Synthpop / Crush 2019)
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Vielen lieben Dank an Rivers und alle anderen mitwirkenden Personen, die dieses wunderbare Stück “Music meets Meme” ermöglicht haben. Es handelt sich bei der Überraschungs-Veröffentlichung ,,Teal Album” um eine Platte voller Cover. Die Auswahl folgt keinem ersichtlichen Muster, von Anfang 60er bis Ende 90er, von Heavy Metal bis Synth Pop, von Paranoia bis sassy Don’t-Waste-My-Time-Track ist hier querbeet alles vertreten.  Natürlich ist es wahr, dass sich die Titel nicht wahnsinnig weit von den Vorbildern entfernen. Besonders ,,Sweet Dreams” und ,,Billie Jean” – fraglos wundervoll wiedergegeben – sind lediglich dem Schema ,,Was wäre wenn Rivers Karaoke singen würde” zuzuordnen. Allerdings geben die Power Popper doch jedem einzelnen Stück Musikgeschichte eine persönliche Note, manchmal mehr, manchmal weniger. Zusätzlich ist an dieser Stelle durchaus Lob an Rivers Cuomo, dem Buddy Holly der 90er, angebracht. Nicht jeder vermag es, Ozzy, Jacko und Annie Lennox so treffsicher nachzueifern, und das alles auf der gleichen Platte, Hut ab. Highlights bleiben die Titel, die mehr Neuinterpretation als Cover sind: ,,Paranoid”, die Wegwerfnummer-wird-Welthit-Nummer der Heavy Metal-Demiurgen aus Burmingham, bekommt von den US-Amerikanern einen flotten Neuanstrich, der teilweise tatsächlich besser als die bereits angestaubte Originalaufnahme klingt (wenn man sich ganz ehrlich ist, ist der Titel sowieso die schwächste Nummer der ,,Paranoid”-Platte, eine Aufpolierung kann da überhaupt nicht schaden). ,,No Scrubs”, im Original vom US-amerikanischen, female fronted, Hip Hop-Trio TLC erschaffen, liefert eine weitere Überraschung. Wer hätte gedacht, jemals diese feministische R&B-Hymne der Ablehnung so vollkommen ernst und überzeugend von Weezer, den Godfathers des Nerd Rocks und Awkward Pops, performed zu hören. Das Werk ist sicherlich mehr als nur ein gelungener Zeitvertreib, bis endlich das heiß ersehnte ,,Black Album” Anfang März erscheint.
Anspiel-Tipp: Everybody Wants To Rule The World, Paranoid, No Scrubs
– Gaps

Singles

Billie Eilish – bury a friend
+

Und als ich dachte mein Hype auf Billie Eilish’ neues Album könnte nicht größer werden, wurde “bury a friend” auf die Ohren der Öffentlichkeit losgelassen. Noch nie hat ein Song mit einem dermaßen unüblichen aber extrem wirkungsvollen Einsatz einer vier Viertel – Bass Drum mein Trommelfell umarmt. Oder besser gesagt: Mein Trommelfell zerfetzt, sich den Weg in mein Gehirn gebahnt und dort Eier aus Vorfreude und Erwartungen an die neue Platte gelegt. Jedoch nicht ohne einem einzigen kritischen Gedanken. Ein Teenager mit gewaltiger Fanbase aus wiederum Teenagern, der immer und immer wieder die Line “I wanna end me” wiederholt? Doch dieses Urteil sei jedem selbst überlassen.
– Benni

Nura – Was ich meine

Jetzt ist die Krasavice auch noch im Video, bewahre! Und ich wiederhole mich nur ungern, aber, schade um SXTN. Wo ,,SOS” mit Remoe noch irgendwie erträglich und hörbar war, stellt ,,Was ich meine” einen Totalausetzer da. ,,Ficke jetzt das Game ganz alleine” ist zwar eine Ansage, die die Zukunft der viel zu jungen Hip Hop-Kapelle besiegeln dürfte, Flexen geht aber deutlich effektiver und geschickter. Man denke nur an ,,Die Fotzen sind wieder da” von ,,Leben am Limit” (2017)! Mit dieser großartigen Representer-Nummer im Hinterkopf meint man hier einer vollkommen anderen Künstlerin zu lauschen. Selbstverständlich sei es der Berlinerin vergönnt, einen ,,neuen” R&B-Weg einzuschlagen, eine dazu passende Stimme hätte sie ja. Diese Ankündigung scheint sich aber als Mogelpackung zu entpuppen, Beats mit Schlafzimmermelodien und Autotune-Singsang machen noch keinen R&B. Dazu kommen natürlich noch die Lines, Reime wie ,,Mula – Nura – Loser” tragen nicht unbedingt zum Wiederspielwert bei. Der Text bleibt wie die Instrumentation völlig belanglos und banal.
– Gaps

Filme

Joy (Sudabeh Mortezai 2018)
      
Im Film Joy, in welchem Sudabeh Mortezai die Regie führte, geht es um eine nigerianische Frau namens Joy (Joy Anwulika Alphonsus), die nach Wien kam um als Prostituierte Geld für ihre Familie in ihrer Heimat zu verdienen. Joy steckt in einem Teufelskreis des Menschenhandels fest, sie wurde gegen viel Geld nach Europa geschickt, verkauft ihren Körper an Freier, hat kein sicheres Umfeld und muss mit anderen Prostituierten in einer kleinen Wohnung unter der „Herrschaft“ der Madame (Angela Ekeleme Pius) leben. Dort muss sie unter anderem die Verantwortung für Precious (Precious Mariam Sanusi) übernehmen und darauf achten, dass auch sie genug Geld für die Madame verdient. In ihrer Welt gibt es kein Vertrauen, keine Sicherheit, keine hohe Lebensqualität, keinen Schutz und keine Obhut anderer – Joy ist wie alle anderen Frauen, die im Film vorkommen auf sich allein gestellt.

Der Film erzählt ihre Geschichte, immer aus ihrer Sicht, immer auf sie konzentriert, immer mit der Frau im Mittelpunkt. Ohne viel schönzumachen, ohne ihren Lebensalltag zu romantisieren.

Die semidokumentarische Weise des Filmes zeigt sowohl sachlich, als auch persönlich und emotional berührend die scheinbare Sackgasse des Lebens, in der sich Joy, Precious und die anderen Frauen befinden. Sudabeh Mortezai beschäftigte sich vor und während des Drehs intensiv mit Menschenhandel und sex-trafficking, besonders mit Frauen aus Nigeria. Dort reiste sie auch hin, um sich einen genaueren Einblick in das Leben Betroffener zu verschaffen. Durch die Wahl der Schauspielerinnen, die zwar behandelte Probleme kennen, jedoch nicht ihre eigene Person verkörpern wirkt das Ganze noch etwas authentischer und weniger wie eine reine Dokumentation beziehungsweise Reportage, gleichzeitig aber auch nicht wie eine Biographie.

Die grandiose Kameraführung, die mitten im Geschehen ist und die stets mit Joy mitgeht um alles aus ihrem Tag zu dokumentieren, ohne zu viel zu zeigen, aber auch ohne etwas auszulassen lässt schon in der ersten Szene, die den Film eröffnet erkennen, wie unglaublich emotional nahegehend und persönlich dieser Film sein wird.
– Anna

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