Wer die Szene kennt, kennt Harry Unger. Der Wiener ist nicht nur DJ, sondern auch Tonteckniker am Lighthouse Festival. Delay Magazine hat sich mit ihm im 7. Wiener Gemeindebezirk getroffen und über Musik gequatscht.

Wie geht es dir?

Sehr gut, danke!

Wie ist Harry Unger zum Auflegen gekommen ?

Ja, das war so ‘ne Sache. Eigentlich erst sehr spät, das war 2008 glaube ich. Ich habe zwar schon Ende der Neunziger Vinyl gekauft, aber damit selten gespielt. Da fehlten mir die Plattenspieler. In meiner Jugend versuchte ich mich als Keyboarder in einer Reggaeband und kurz darauf mit meiner E-Gitarre in einer Rockband. Daraus ist aber nichts geworden. (lacht) Im Endeffekt blieb dann 1993 nur mehr der Computer als Musikinstrument übrig.

Wie heißt euer Kollektiv und wer ist da aktuell dabei?

2012 habe ich mit einem meiner Freunde mehrere Partys im Badeschiff namens Techno Submarine veranstaltet. Daraus ist dann das Kollektiv T-SUB entstanden. Im Moment sind wir aber nicht aktiv, außer ein bis zwei DKM Shows (Anm.: Digital Konfusion Mixshows) auf FM4 im Jahr.

Bist du auch in anderen Kollektiven tätig?

Ja, aber nur als Gast-DJ. Mittlerweile gibt es viele Gruppierungen mit guten DJs und coolen Partys. Meinem Gefühl und den Erfahrungen nach zu urteilen, wird in Wien viel miteinander und doch immer mit mehr oder weniger Ellbogeneinsatz gearbeitet. Das ist sehr anstrengend. Und wenn du nicht permanent in Sicht bleibst, merkst du es an der Zahl der Bookings. Das laugt einen mit der Zeit ziemlich aus. Man fühlt sich dann irgendwie nicht wirklich zu Hause.

© 2019 Michael Kendlbacher

Welcher Sound erwartet uns, wenn dein Name auf dem Flyer steht?

Ich würde es auf groovigen Techno herunterbrechen, oder einfach Techno.
In erster Linie möchte ich mich technisch und musikalisch immer weiter entwickeln und versuche die Partygäste auch zu fordern. Ich liebe es wenn ich in die Menge schaue und diese spezielle Freude in den Gesichtern sehe. Und dann gibt es diesen magischen Moment. Ein Zeitpunkt zu dem die Meute das Zepter übernimmt und irgendwie bestimmt was und wie du spielst.

Du hast früher viel mit Schallplatten aufgelegt, mittlerweile hast sich das geändert. Warum?

Hauptsächlich wegen nicht funktionierender Technik. Es gibt leider zu viele Veranstaltungen, bei denen nicht genug Wert auf funktionierende Technik gelegt wird. Gerade bei Plattenspielern ist es unumgänglich, dass alles perfekt funktioniert. Wenn dabei Probleme auftreten, wird es schwer, ein gutes Set zu liefern. 2016 habe ich auf einer Party meinen ersten Track gestartet und sofort ein Feedback-Problem bekommen. Der Bass von der Anlage hat über den Plattenspieler ein heftiges Brummen erzeugt. Beim zweiten Track war mir klar, dass das nicht funktionieren wird und ich habe mich nach Hilfe umgesehen. Die Gäste sahen aber nur einen DJ, der gerade schlecht spielt und verhielten sich entsprechend entrüstet. Glücklicherweise stand in dem Moment DJ JoeJoe hinter mir. Er hat auf meine Bitte, ohne zu zögern, mit USB-Stick übernommen. Dieses Erlebnis hat mich dann zum Digitalisieren meiner Platten für den USB Player gedrängt. Also den Vinylsound habe ich nicht aufgegeben.

© 2019 Michael Kendlbacher

Wie steht es um die Bezahlung der DJs in Wien? Musst du nebenbei arbeiten oder bringt das Auflegen genug Geld ein?

In Kombination mit meinen anderen Tätigkeiten als Tontechniker und dem Equipment-Verleih, komm ich über die Runden. In der heutigen Zeit ist es aber noch schwieriger geworden, in einem kreativen Bereich zu überleben. Also sollte hauptsächlich der Spaß im Vordergrund stehen. Wenn du jede Woche drei bis vier normal bezahlte Bookings hast, dann würde es sich wahrscheinlich auch nur mit Plattenspielen ausgehen.
Ich hab das nicht geschafft. Bis jetzt. (lacht)

Du warst ja schon öfters am Lighthouse Festival als Tontechniker, wie war das für dich?

Ja, dort kümmere ich mich um die Technik und den Sound. Gespielt habe ich dort erst einmal. Das war schon sehr lässig. Da hab ich endlich ein lange gedachtes Set mit groovigerem Sound spielen können. Am Tag nach der Opening-Nacht. Mittags am Beachfloor mit einer kleinen aber sehr enthusiastischen Gruppe. Aus der Sicht des Technikers war es aber sehr interessant und zum Glück irgendwie beruhigend, zu erleben, wie das Festival von Artists wahrgenommen wird.

Wo findest du deine Musikschätze?

Normalerweise online bei einem Händler. Ich habe mir immer fast alle Neuerscheinungen angehört, auch Stilrichtungen die ich nicht so wirklich mag. Ab und zu passieren dann Wunder mit Tracks die ich sonst nie entdeckt hätte. Im Moment suche ich aber in meinem Plattenfundus nach Tracks, die zu meinem derzeitigen Stil passen. Das ist mindestens genauso spannend.

Was macht für dich ein gutes Set aus?

Geile Tracks und ungezügelte Kreativität beim Mixen. Viele Tracks werden ja erst durch die zufällig richtigen Kombinationen zum Leben erweckt.

Wie würdest du allgemein die Tanzkulturszene in Wien und Österreich beurteilen?

Eigentlich sehr stark. Auch wenn das veraltete Veranstaltungsgesetz und die weit überzogenen Behördenauflagen dem nicht zuträglich sind.

Wie beurteilst du die Techno-Szene in Wien?

Sehr privat.
Wobei Wien ist sehr privat.

Welche positive Entwicklung würdest du dir für Wien wünschen?

In allererster Linie – und das ist meinem Beruf als Tontechniker geschuldet – würde ich mir einen besseren Sound wünschen. Zu hohe Lautstärke der DJs und falsch eingestellte Anlagen sind für mich ein No-Go. Das gibt es in Wien leider zu oft. Als DJ kommt es auf mehrere technische Faktoren an, wie weit man in die Musik eintauchen kann. Erst wenn alle Faktoren passen, können diese magischen Momente entstehen. Da müssen aber auch die DJs und Musiker ihren Teil dazu beitragen und sich in der Lautstärke am Mischpult zurückhalten. Leider ist das nicht die Regel und somit klingt es nur bei wenigen wirklich gut. Wie bei Autorennen. (lacht) Ein Fahrerteam, das sein Fahrzeug nicht kennt, wird im sechsten Gang im roten Drehzahlbereich mit Motorschaden ausfallen. Andere fahren im siebenten Gang über die Ziellinie. Wenn das Mischpult übersteuert, bedeutet das einen verzerrten Sound, egal wie laut oder leise die Anlage eingestellt ist. Es muss nicht laut sein, um die Ohren zu schädigen.

© 2019 Michael Kendlbacher

Es gibt DJs in Wien, die behaupten, die Szene schrumpft. Hast du auch das Gefühl?

Ein ewiges Auf und Ab. Wie eine Welle. Musik breitet sich in Wellen aus.

Welche Kollektive haben aktuell die geilsten Partys?

Das fällt mir jetzt schwer. Ich steh halt sehr auf treibenden, erdigen Techno und guten Klang. Diese Kombination finde ich leider nicht sehr oft. Die für mich interessantesten Bookings kommen von Zuckerwatt und Techno.Deluxe.

Was ist für die Zukunft geplant? Welche Projekte sind gerade im Entstehen?

Ich möchte gerne wieder live spielen. Ohne Computer. Nur mit Hardware, also Sequenzer+Synthesizer+Drummachine. So wie ich von 1999 bis 2003 und danach nur mehr vereinzelt gespielt habe. Ich bin zwar schon länger dabei, dieses Vorhaben zu realisieren, es scheitert aber noch an einem Teil des Setups.

Hören wir von dir auch was in Richtung Releases oder wirst du mehr auf Tour sein?

Ich hoffe, dass im Zuge des Programmierens für das Live Set einige interessante Tracks entstehen, die einem Release würdig sind. Ein kleiner Teil meines Herzens schlägt sehr stark für broken beats, also Hip Hop und seinesgleichen, aber noch etwas mehr ins Elektronische. Vielleicht schaff ichs ja auch da einmal, etwas zu veröffentlichen.

Wie politisch ist Harry Unger? Was geht dir gerade gegen den Strich in der politischen Landschaft?

Schwierig, hmmm. Undefiniert, würde ich sagen, obwohl ich als Selbstständiger sehr stark davon betroffen bin. Mit den politischen Ansichten, die es derzeit gibt, kann ich mich nicht identifizieren. Egoismus nimmt überall überhand und langfristige Konsequenzen werden ignoriert. Alle hören zu, aber keiner denkt mit. Gute Ideen oder Lösungsansätze werden unsachlich bis zum Stillstand kommuniziert. Wenn Einige versuchen würden, im eigenen Interesse niemandem zu schaden, wäre viel gewonnen.

Letzte Frage: Was ist dein Lieblingsclub?

Gut, das ist jetzt eine noch schwierigere Frage. (lacht) …. wo ich mich gerade wohl fühle.

Danke!

Infos und weiterführende Links

Harry Unger FB

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