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Der Buchhandel lukriert im Weihnachtsgeschäft normalerweise mehr als die Hälfte des Jahresumsatzes. Gegenwärtig sieht es jedoch so aus, als ob ein großer Teil des Kuchens an den Internetriesen Amazon abfällt. Dabei haben viele Buchhandlungen einen eigenen Bestell- und Lieferservice, der nichts zu wünschen übrig lässt. Grundlos leisten wir aber in diesem ungleichen Kampf dem globalen Konzern Vorschub – aus Gewohnheit. Ein Plädoyer für das Buchgeschäft ums Eck.

Buchhandlung vs. Amazon

David gegen Goliath? Der Vergleich will hier nicht recht passen. Schließlich war es David, der sich mit einer Distanzwaffe einen wesentlichen Vorteil gegenüber seinem Kontrahenten verschaffte. Die Geschosse seiner Steinschleuder konnten den Raum spielend leicht durchfliegen und das Ziel aus großer Entfernung treffen (vgl. Internet). Welchen Vergleich also für den ungleichen Kampf einer Buchhandlung gegen einen Riesen wie Amazon bemühen?

Der Amazon-Chef Jeff Bezos hegt bereits Ambitionen, den Weltraum zu erobern. Der ohne Internetpräsenz auskommende Buchladen ums Eck mutet in diesem Wettstreit hingegen fast schon mittelalterlich an. Als ehemaliger Buchhändler möchte ich hier einige Argumente für den stationären Buchhandel ins Feld führen. Zumal Wien die höchste Buchhandelsdichte im deutschsprachigen Raum aufweist und den Bewohnern dieser Stadt Lesen offensichtlich am Herzen liegt.

“Sie müssen nicht zum Amazonas reisen, wenn es Bücher bei Ihnen um die Ecke gibt.”

Mit feiner Klinge geht der Diogenes-Verlag gegen Amazon vor, indem auf Vorteile des traditionellen Buchgeschäfts hingewiesen wird. Und diese reduzieren sich nicht auf den Luxus einer Kundentoilette. Kompetente Beratung beispielsweise lässt sich niemals durch Kundenrezensionen ersetzen. Außerdem bieten viele Buchhandlungen einen eigenen Bestell- und Lieferservice, der um nichts schlechter ist. Tatsächlich verwendet Amazon teilweise dieselbe Logistik wie der lokale Buchhandel.

Besonders bei Kinderbüchern wäre kompetente Beratung so wichtig. Schlechte Kinderbücher sind tatsächlich keine Seltenheit und können ganze Regale füllen. Gute hingegen bieten Kindern entwicklungspsychologisch angepasste Orientierung in einer komplexen Welt und vermitteln universelle Werte. Das ist in einer Gesellschaft, die ihre Heterogenität als Chance und nicht als Gefahr wahrnehmen sollte, zunehmend wichtiger.

In einem Buchgeschäft kannst du außerdem leichter auf neue Bücher stoßen, die dich tatsächlich bereichern, als das bei automatisch generierten Suchergebnissen möglich ist. Ständig nur Ähnliches zu konsumieren und im Algorithmus der Suchmaschine zu verbleiben führt unweigerlich zu geistigem Inzest. Echte Neuentdeckungen sind das nicht. Kostenlos auf einem gemütlichen Sofa ein Buch zu lesen, ist auch eines der Vorteile, der dir der stationäre Buchhandel bietet.

“Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns.” (Franz Kafka)

Buchhandlungen wie Frick oder Kuppitsch können auf eine lange Tradition zurückblicken und gehören zu den ältesten noch bestehenden Buchhandlungen in Wien, deren Geschichte bis in das 18. Jahrhundert zurückreicht. Selbst die Thalia Buch und Medien GmbH, die mit über 300 Filialen in Deutschland, Österreich und der Schweiz als Marktführer im Sortimentsbuchhandel gilt, fing 1919 mit einem einzelnen kleinen Geschäft in Hamburg an. Vergessen darf man allerdings auch nicht die zahlreichen kleinen Buchgeschäfte in Wien, die eine liebevolle Auswahl an Büchern und einen unverwechselbaren Charme besitzen. Das Phil in der Gumpendorfer Straße beispielsweise ist immer einen Besuch wert. All diese Geschäfte prägen am Ende auch unser Stadtbild mit.

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Mein Philosophie-Lehrer meinte einmal, dass Lesen den Menschen sexy mache. Heute glaube ich zu verstehen, was er gemeint hat: Weil wir uns in Teilaspekten in den handelnden Figuren wiederfinden und vor dieser Folie Selbstreflexion spielerisch möglich wird, kann uns die Beschäftigung mit Literatur eine menschliche Tiefe verleihen. Oder wie es in einem Brief von Susan Sontag an Borges heißt: “Bücher sind nicht nur die beliebige Summe unserer Träume und unser Gedächtnis. Sie bieten uns auch das Vorbild für Selbsttranszendenz.” Solltest du also wieder einmal Lust auf ein gutes Buch bekommen, könntest du doch einfach die nächste Buchhandlung aufsuchen. Der öffentliche Raum und die dazu gehörigen Menschen bieten mehr sinnliche Reize als ein Online-Shopping-Erlebnis.

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Matthias Lehar
Deputy Editor-in-Chief

Gebürtig aus Innsbruck, Studium der Kunstgeschichte und Slawistik in Wien und St. Petersburg (Russland). Musikalischer Amateur. Broterwerb als Buchhändler, Online-Redakteur und journalistischer Allrounder.

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