Franz Kafka: “Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns.”

David gegen Goliath? Der Vergleich will hier nicht recht passen. Schließlich war es David, der sich mit einer Distanzwaffe einen wesentlichen Vorteil gegenüber seinem Kontrahenten verschaffte. Die Geschosse seiner Steinschleuder konnten den Raum spielend leicht durchfliegen und das Ziel aus großer Entfernung treffen (vgl. Internet). Welchen Vergleich also für den ungleichen Kampf einer Buchhandlung gegen einen Riesen wie Amazon bemühen? Immerhin hegt Amazon-Chef Jeff Bezos bereits Ambitionen, den Weltraum zu erobern. Der ohne Internetpräsenz auskommende Buchladen ums Eck mutet in diesem Wettstreit hingegen mittelalterlich an. Als Buchhändler möchte ich hier einige Argumente für den stationären Buchhandel ins Feld führen. Zumal Wien die höchste Buchhandelsdichte im deutschsprachigen Raum aufweist und den Bewohnern dieser Stadt Lesen offensichtlich am Herzen liegt.

“Sie müssen nicht zum Amazonas reisen, wenn es Bücher bei Ihnen um die Ecke gibt.”

Mit feiner Klinge geht der Diogenes-Verlag gegen Amazon vor, indem auf Vorteile des traditionellen Buchgeschäfts hingewiesen wird. Und diese reduzieren sich nicht auf den Luxus einer Kundentoilette. Kompetente Beratung beispielsweise lässt sich niemals durch Kundenrezensionen ersetzen. Das ist besonders für das Kinderbuch wichtig, denn Kinderbücher sind eine Wissenschaft für sich. Schlechte Kinderbücher sind keine Seltenheit und können ganze Regale füllen. Gute hingegen bieten Kindern entwicklungspsychologisch angepasste Orientierung in einer komplexen Welt und vermitteln universelle Werte. Das ist in einer Gesellschaft, die ihre Heterogenität als Chance und nicht als Gefahr wahrnehmen sollte, zunehmend wichtiger.

In einem Buchgeschäft kannst du außerdem leichter auf neue Bücher stoßen, die dich tatsächlich bereichern, als das bei automatisch generierten Suchergebnissen möglich ist. Ständig nur Ähnliches zu konsumieren und im Algorithmus der Suchmaschine zu verbleiben führt unweigerlich zu geistigem Inzest. Du kannst ja im Internet nur nach Begriffen suchen, die sich bereits am Horizont deines erwachenden Bewusstseins abgezeichnet haben. Echte Neuentdeckungen sind das aber nicht. Kostenlos auf einem gemütlichen Sofa ein Buch zu lesen ist auch eines der Vorteile, der dir der stationäre Buchhandel bietet. Wenn unsere Buchhandlung ein bestimmtes Buch nicht vorrätig hat und wir anbieten, es zu bestellen, heißt es gleich: “Passt schon, ich bestell es einfach bei Amazon.” Dass wir in neun von zehn Fällen das Buch zu haargenau denselben Konditionen bestellen können, scheint für die Mehrheit der Menschen nicht naheliegend zu sein. Deshalb wird das Geld lieber an einen multinationalen Konzern überwiesen, der mit Billiglöhnen und unzumutbaren Arbeitsbedingungen bereits Schlagzeilen gemacht hat. Gott weiß, dass ich kein Moralapostel bin.

Buchhandlungen wie Frick oder Kuppitsch können auf eine lange Tradition zurückblicken und gehören zu den ältesten noch bestehenden Buchhandlungen in Wien, deren Geschichte bis in das 18. Jahrhundert zurückreicht. Selbst die Thalia Buch und Medien GmbH, die mit über 300 Filialen in Deutschland, Österreich und der Schweiz als Marktführer im Sortimentsbuchhandel gilt, fing 1919 mit einem einzelnen kleinen Geschäft in Hamburg an. Vergessen darf man allerdings auch nicht die zahlreichen kleinen Buchgeschäfte in Wien, die eine liebevolle Auswahl an Büchern und einen unverwechselbaren Charme besitzen. All diese Geschäfte prägen am Ende auch unser Stadtbild mit.

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Mein Philosophie-Lehrer meinte einmal, dass Lesen sexy sei oder Lesen sexy mache, das weiß ich nicht mehr so genau. Heute denke ich, dass er im Sinne hatte, was das Lesen mit uns macht. Weil wir uns in Teilaspekten in den handelnden Figuren wiederfinden und vor dieser Folie Selbstreflexion spielerisch möglich wird, kann uns die Beschäftigung mit Literatur eine menschliche Tiefe verleihen. Oder wie es in einem Brief von Susan Sontag an Borges heißt: “Bücher sind nicht nur die beliebige Summe unserer Träume und unser Gedächtnis. Sie bieten uns auch das Vorbild für Selbsttranszendenz.” Solltest du also wieder einmal Lust auf ein gutes Buch bekommen, könntest du doch einfach die nächste Buchhandlung aufsuchen. Der öffentliche Raum und die dazu gehörigen Menschen bieten mehr sinnliche Reize als ein sogenanntes Online-Shopping-Erlebnis.

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