CD-BOOKLET

Sir Tralala – Echt gute böse Lieder | Country / Blues / Dark Electro / Avant-Garde Folk | Schallter 2018

Der Name der Platte ist Programm. Erschienen Anfang September beim Wiener Label Schallter, bietet David Hebenstreit neun abartige Ablege des Austro-Pops, für die die Bezeichnung Austro-Death wohl passender wäre.

Das Album bietet eine schimmlig-kalte Platte aus Hirntumor-Folk, dreckigem Country und hochprozentigem Drangler-Blues, mit etwas Danzer, Hirsch und Waits im Abgang. Natürlich lässt sich Sir Tralala in eine Tradition des momentanen Austro-Pop-Hochs im Umkreis von Künstlern und Könnern wie Nino aus Wien, Voodoo Jürgens und Seiler & Speer setzen, ganz gerecht wird ihm das allerdings nicht. Möchte man die textlichen Einschläge literarischen Strömungen gegenüberstellen, so sind die genialen Beisl-Gschichtln von Voodoo dem Realismus gleichzusetzen, in Gesellschaft von Gottfried Keller also, wo vieles angedeutet, dennoch nichts überzeichnet wird. Sir Tralala aber dringt bis weit in den Naturalismus vor, keine Grauslichkeit wird ausgelassen, Gerhart Hauptmann und Arno Holz wären stolz. Schiach und makaber wird gesoffen, gefickt, geflucht und gemeuchelt (eine akkurate Repräsentation von Österreich also). Es geht auch sprachlich durchaus vulgär zu, explizite Darstellungen von Geschlechtsakt und Tod (,,a jede budad jeden dort / in Oasch und in die Birn‘‘; ,,waun mia ana / sein Schwonz ins Oaschloch steckt‘‘; ,,schmusn gibt’s ned / es wird nur gfickt / a Hosal in da Fögn pickt‘‘) sind nichts Außergewöhnliches. Klanglich wird eine Variation an Country (,,Der uroide Wanderer‘‘), Blues (,,I sauf‘‘), elektronischen Elementen (,,Stirb langsam‘‘), sogar warmen Keyboard-Orgelklängen (,,Du liebe Sau‘‘) und klar von Swans inspirierte Schlagwerk-Passagen (,,Schiach‘‘; ,,Stirb langsam‘‘) geboten – äußerst vielfältig.

 

Die Single-Auskoppelung Zombie

Die Stärken des Werks liegen sicherlich in Hebenstreits Reibeisenstimme und seiner ungeheuerlichen Begabung, Volksgeschichten am Rande des Erträglichen zu vertonen. Es bleibt durchwegs dunkel und beklemmend, manchmal eben auch morbide und vulgär. Ein einheitliches Klangerlebnis, sowie das Gefühl, es mit einem in sich geschlossenem Projekt zutun zu haben, sucht man vergeblich – was nicht unbedingt kritisch zu sehen ist, allerdings zu einer gewissen Irritation führen kann. Die Platte ist recht eigenwillig, und sicherlich keine leichte Kost. Das Durchhören stellt eine gewisse Gratwanderung zwischen grenzgenial und ungustiös dar, was allerdings auch den großen Reiz ausmacht. Ist man Fan von traditionellem Austro-Pop, gibt es hier genug, was man erst aushalten und abarbeiten muss. Doch es lohnt sich allemal, lässt man sich erst auf die ungeheuerlichen stimmlichen Dimensionen des Sirs ein, wie er knarzt, knurrt, lallt, und vor allem verzaubert. So erwischt man sich schnell, wie man dem charismatischen Rattenfänger gerne in die erzählerischen Abgründe der menschlichen Existenz folgt. Ein Album zum Anspeiben und darüber auch noch glücklich sein.

 

8/10 | Delay Magazine

 

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