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Zwei Künstler laden am 1. und 2. August in den alten Schlachthof Wels zum gemeinschaftlichen Fest und versammeln die heimische und internationale Szene der gezeichneten Straßenkunst mitten in Österreich. Ich habe mich vorab mit Rubin und Asek — den Veranstaltern des Together Jam 2020 — zu einem Interview getroffen. Asek CDG/PIVO & Rubin LSC haben mir eine Woche vor Beginn der eigentlichen Jam trotz Stress noch ein paar Minuten für das Gespräch gewidmet!

Together Jam 2020

Trotz steigender Coronazahlen und Widrigkeiten im Veranstaltungsbereich scheint euer Fest ja reibungslos über die Bühne gehen zu können. Habt ihr Ausnahmeauflagen, wie schaut es in Anbetracht des Coronamodus bei euch aus? Und was viel wichtiger ist: Gibt es noch Risikofaktoren, die alles verhindern könnten?

Asek: Nicht wirklich, denn wir haben es gut argumentieren können. Da jeder Künstler bei uns sowieso seinen eigenen Space, also seine eigenen paar Meter, zu malen hat. Außerdem tragen die Künstler sowieso Aktivkohlemasken und Handschuhe als Schutz vor dem Lack. Daher war das sehr schnell geklärt.

Wir weisen natürlich auch jeden auf die Sicherheitsmaßnahmen wegen Covid hin, da liegt es dann auch in der Selbstverantwortung eines jeden sich daran zu halten. Vor Ort werden wir zusätzlich auch Masken von unseren Sponsoren gratis verteilen. Und unsere Security ist extra angewiesen, darauf zu achten, dass sich alle an die Maßnahmen halten. Das Ganze findet dazu ja auch noch outdoor statt. Also sollte alles eigentlich problemlos klappen.

Asek

Wie und wann kam es genau zu der Idee, gemeinsam ein Fest veranstalten zu wollen?

Rubin: Wir waren gemeinsam malen. Kurz davor haben wir uns auf einer Jam, die ich organisiert hatte, in Wien kennengelernt. Wir haben dann schnell gemerkt, dass wir beide auf einer Linie sind, und es cool finden, wenn mehrere Personen gemeinsam an einem großen Konzept malen. Einerseits weil es einfach leiwand ist und auf der anderen Seite wegen dem Connecten mit den anderen.

Am Anfang haben wir eher sporadisch darüber gesprochen, dass wir selber was organisieren sollten. Dann haben wir plötzlich gesehen, dass es in den nächsten Wochen dafür einen passenden Termin geben könnte und haben gleich voll mit der Arbeit losgelegt. So wurde es von einer kleinen Idee immer größer.

Rubin

Ich habe in irgendeiner Story gesehen, dass ihr erst vor einem Monat mit der eigentlichen Planung losgelegt habt, stimmt das?

Asek: Ja wir haben eigentlich vor knapp zweieinhalb Wochen begonnen, da drüber zu quatschen (lacht). Dann haben wir planungsmäßig die ersten Grundinfos eingeholt. Uns informiert, ob es überhaupt klappen würde. Dass halt alles auf Anhieb sehr gut funktioniert und da wir beide ein dynamisches Duo sind und uns gut ergänzen, haben wir gleich hardcore mit der Arbeit losgelegt. Ja und jetzt ist es nächste Woche schon soweit. Es war für uns eine extra Herausforderung, es in so kurzer Zeit zu schaffen.

Gebt uns mal hier für unsere Leser einen kurzen Überblick darüber, wer von den Artists am Start sein wird. Und wie der Ablauf genau geplant ist!?

Asek: Also was den Ablauf angeht, werden die ersten Artists nächste Woche bereits am Freitag, den 31.7., anreisen. Da geht es vor allem um die, die eine weite Anreise haben. Um ein paar Namen zu droppen: Smoke One aus Italien, PERM aus Rostock, Kaser aus Berlin, Fanta und die ABC Crew aus München und viele mehr.

Perm

Diese Leute werden aus logistischen Gründen schon etwas früher als die anderen kommen. Der Rest kommt dann Samstag in der Früh. Ab 10 Uhr geht es dann mit der Künstlereinteilung los. Wir haben Administratoren, die die Künstler zu ihren zugeteilten Wänden begleiten. Und dann wird los gemalt. Es sind sehr viele Wiener und sehr sehr viele Deutsche vertreten. (lacht)

Rubin:  Es sind aber auch viele internationale Künstler dabei. Wir haben auch Leute aus Griechenland oder Ungarn, die mitmachen.

Asek: Insgesamt, glaub ich, sind bis zu sechs verschiedene Nationalitäten vertreten. Wegen der Ausnahmesituation mit Corona konnten viele Jams nicht stattfinden. Uns haben Jams aus Deutschland angeschrieben, ob sie denn zu uns kommen dürfen, da sie ihre eigenen nicht veranstalten konnten. Das hat sich alles entwickelt und war ein sehr schneller und heftiger Selbstläufer. Ausgehend von der Instagram-Seite, die ohne Werbung innerhalb von zwei Wochen komplett raufgeschnalzt ist.

Und alle Künstler dürfen in der derzeitigen Situation auch einreisen?

Rubin: Das haben wir extra vorab abgeklärt und uns die Konditionen ganz genau angeschaut, ob auch alle einreisen können und was für Bestimmungen bei den verschiedenen Ländern bestehen.

Smoke One

Gab es vorab irgendwelche Probleme mit den Behörden oder der Location? Graffiti Künstler werden ja nicht immer mit offenen Armen empfangen.

Rubin: Wir haben das eher gegenteilig erlebt, wir sind mit offenen Armen empfangen worden.

Asek: Ja, auf jeden Fall. Also es war am Anfang nur eine legale Halle geplant, die es als Location schon seit Jahren gibt. Eine sehr coole und große Location, die aber fast niemand kennt. Dann haben wir uns mit dem Stadtrat zusammengesetzt und angefragt ob wir zusätzlich noch Flächen bekommen können. Die sind dann sofort darauf eingegangen und haben gesagt: „Kein Problem!“. Wir haben zusätzlich noch Flächen und Platz bekommen. Damit hatten wir gar nicht gerechnet. Jetzt haben wir vier zusätzliche Flächen, das heißt insgesamt vier Messehallen und eine extra Zentralwand in der Nähe der Halle. Sodass wir es nun geschafft haben, 120 Maler unterzubringen, wo auch wirklich jeder seine 7-8 Meter Platz hat.

Hat die Namenswahl „Together Jam 2020“ eine besondere Bedeutung für euch oder war es einfach ein cooler Name?

Rubin: Ja für mich auf jeden Fall. Denn meiner Wahrnehmung nach hat sich in der Graffitiszene in letzter Zeit widergespiegelt, was so insgesamt auf der Welt abgeht. Nämlich Spaltung. Jeder gegen jeden, jeder ist der Coolste, jeder ist der Stärkste und denkt, er macht es besser als der andere. Und die Idee die wir bereits bei einer vorigen Jam hatten war: Zusammen anstatt gegeneinander! Daher wollten wir es so nennen.

Bewusst um das Gemeinschaftsgefühl der Szenen wieder etwas zusammen zu schweißen?

Rubin: Ganz genau. Ich denke, uns verbindet alle gemeinsam die gleiche Leidenschaft. Wir haben dieselbe Liebe, es ist Kunst und nicht Kampfsport, wo man irgendwie gegeneinander ist. Darum wollten wir das noch extra unterstreichen mit dem Namen.

Asek: Ja, wie er schon gesagt hat, innerhalb von Österreich sind wir nicht so viel wie in anderen Ländern. Da ist der Posse Beef und der Schwanzvergleich untereinander komplett unnötig. Wir haben auch im Vorhinein gesagt „Es kann jeder kommen“. Wir hatten Anfragen von Leuten, mit denen einer von uns beiden in der Vergangenheit schon Beef hatte. Wir meinten zuerst sprechen wir uns aus und dann könnt ihr kommen, überhaupt kein Problem. Denn es heißt nicht ohne Grund „Together Jam 2020“, wir wollen auf der Jam selber keinen Beef. Wir wollen, dass Künstler die Möglichkeit bekommen sich zu connecten. Wenn es Beef gibt, sollte der auf coole Art und Weise ausgetragen werden. Nach dem Motto „Wer mal das bessere Piece!?“, danach geht man gemeinsam ein Bier trinken und das war es. Und in der Zukunft kann man dann wieder gemeinsame Projekte starten.

Erzählt uns mal ein bisschen was zur Location! Findet die Veranstaltung an beiden Tagen tagsüber statt?

Asek: Wels ist nicht die größte Stadt, dennoch haben wir uns ganz bewusst für sie als Location entschieden. Ich habe damals Rubin die Location vorgeschlagen und dann auch gezeigt. Und auf Anhieb waren wir eigentlich beide begeistert.

Was den Ablauf angeht: Es ist tagsüber ab 10 Uhr live painting geplant. Von Streetartists bishin zu Graffiti Harcdcore Oldscooler haben wir eigentlich alles dabei. Leute, die richtig harte Styles hinknallen. Uns war es wichtig, die Vielfalt des Genres präsentieren zu können. Parallel wird es einige Workshops geben, um Menschen, die keine Ahnung von der Szene haben, einen Einblick zu verschaffen. Einen geplanten Sketch Circle wird es auch geben, sowie Breakdancer, die uns eine Show liefern. Das Ganze wird natürlich noch von Live DJing begleitet.

 

Für die Artists gibt es am Abend dann noch eine After-Show-Party in geschlossener Gesellschaft mit Gästeliste. Geschlossene Gesellschaft, da wir wegen Corona eine Auflage haben und nur 200 Personen zulassen können. Daher haben wir uns entschieden, bei der Party nur Artists zuzulassen. Auch einfach, um in einem privaten angenehmen Rahmen untereinander sein zu können. Unsere Securitys werden da auch drauf schauen, dass da niemand Falsches reinkommt.

Ich glaube neben dem “Calle Libre“ ist, das das einzige Graffiti Festival das wir bis jetzt in Österreich haben, ist eine Fortsetzung geplant?

Rubin: Also wir schauen uns das mal in diesem Jahr an, wie alles abläuft. Ich sag mal, es gibt ja auch gewisse Gefahrenherde. Wenn 120 Menschen zusammenkommen, die sich nicht so gerne an Regeln halten, dann kann das alles auch theoretisch in eine andere Richtung umschlagen. Wir sprechen natürlich vorab mit allen und legen ihnen das Motto nah: „Respect the Location!“. Es sollte auch im Eigeninteresse liegen, wenn ihr wollt, dass das Ganze nochmals, vielleicht noch größer, stattfindet, dann haltet euch daran. Wir wären daran interessiert, das fortzuführen, und wie wir gehört haben, auch der Welser Stadtrat hätte großes Interesse daran, das quasi als Fixtermin einzuführen.

Asek: Auf jeden Fall wollen wir Rekordhalter bleiben. Wir hätten Bock, es nächstes Jahr noch größer zu machen. Wer weiß, vielleicht mit 150 – 200 Malern, schauen wir mal.

Was wir gemerkt haben, war wie wir innerhalb kürzester Zeit, also eigentlich innerhalb von zwei Wochen, uns einen Namen mit unserer Jam machen konnten. Es will jeder hinkommen und wir haben auch wirklich versucht, jeden unterzubringen. Auch aus dem meet & greet Charakter heraus, man hat nämlich die Möglichkeit, seine Vorbilder persönlich zu treffen. Meine eigenen Vorbilder werden am Start sein und das feier ich persönlich schon auch sehr. Es gab zwar bereits andere Graffiti Jams in Österreich (zum Beispiel das Graffiti Meeting in Linz), aber in diesem Ausmaß hat es das noch nicht gegeben.

Was sagt ihr allgemein zu Graffiti-Szene in Österreich?

Rubin: (lacht) Also ich begonnen habe zu malen, habe ich es bewundert wie Menschen es riskieren in Häfen zu gehen oder Geldstrafen zu kassieren, nur um ihre Kunst zu machen. Ich dachte, in dieser Szene werde ich aufrechten Menschen begegnen. Also Menschen, wo der freundschaftliche Zusammenhalt noch stimmt. Als ich dann Kontakt mit der Szene bekommen habe, war ich doch leicht enttäuscht, dass doch wieder jeder nur seinen eigenen Film fährt. Ich muss aber auch deutlich formulieren, dass ich auch sehr tolle Menschen kennengelernt habe. Das will ich auch ganz klar sagen. Aber es ist halt auch ein sehr großer Egofilm, den die Leute teilweise fahren.

Asek: Ich komm ja aus Linz, da ist es nochmals anders als in Wien. Da sind wir nochmal um einiges weniger. Ich habe damals angefangen, ohne jemanden zu kennen, vier Jahre komplett alleine straight durchgezogen. Als ich dann langsam in die Szene etabliert wurde, habe ich gleich mitbekommen wie viel Neid und Ego herrscht. Ich denke, dass das auch noch ein Überbleibsel von früher ist, wo noch Beef unter den Crews herrschte. Man kann ja den Beef auch auf cool führen, aber in Österreich wird da häufig einfach komplett übertrieben.

Ich persönlich versuche, mit jedem cool zu sein, wen ich feier, den feier ich, den anderen versuche ich Respekt zu geben. Aber wer mich abfuckt, den fuck ich halt doppelt so hart ab, das ist mein Grundsatz. Aber ich versuche grundsätzlich, zu jedem cool und fair zu sein.

Die ganzen Leute in der Szene sollten mal ihren Beef ein bisschen überdenken und das Unnötige weglassen. Wenn sich jemand Mühe mit bis zu 20 bis 30 Dosen für ein Bild gibt und dann taggt wer einfach rein, dann ist das komplett unnötig. Meiner Meinung nach ist das auch nur Neid, die Leute können es selber nicht und wollen sich trotzdem einen Namen machen. Aber trotzdem muss man auch ganz klar sagen, man hatte in der Szene sehr viele coole Begegnungen und Erlebnisse, ich könnte nicht mehr ohne. Die ganze Action, die man gemeinsam erlebt, das schweißt einfach zusammen. Mit den Jungs in die Nacht loszuziehen, um am nächsten Tag dann das Bild bewundern zu können.

Ist da Linz allgemein besser als Wien was den Zusammenhalt angeht?

Rubin: Ich glaube schon. Bei uns in Wien ist es nicht so gängig, dass du Anfänger ein bisschen unter die Fittiche nimmst. Nein, im Gegenteil, da gibt es für die, nur Disrespect, die werden extra noch runter gemacht. Und bei denen in Linz, das hab ich jetzt schon in ein paar Storys gehört, da gibt es dann immer einen, der nimmt sich die Anfänger ein bisschen zur Brust. Auch, damit wenn sie dann loslegen, draußen nicht die öffentlichen Wände gleich voll verschandeln, sondern leiwande Pieces droppen. Einfach den Anfängern langsam die Basics beibringen.

Asek: Ja, das stimmt schon, wie er es sagt. In Linz halten die wenigen schon eher zusammen. Aber vereinzelt gibt es unter den unterschiedlichen Gruppen genauso genug unnötige Reibereien. Aber insgesamt ist es wahrscheinlich schon ein bisschen besser als in Wien.

Ich habe gesehen, ihr habt auch Sponsoring technisch einiges am Start! Unter anderem den Scope Graffiti Shop aus Graz, was hat es damit auf sich?

Asek: Ja also ich kenn die Betreiber vom Scope persönlich. SizeTwo ein sehr guter realistic und Charakter Maler und Afak ein großartiger Style Maler. Obwohl wir auch andere Angebote von Dosenherstellern, zum Beispiel Montana Cans bekommen haben, war es uns wichtig, eher regionale Locals zu pushen. So haben wir den Scope Shop, der erst vor 1 1/2 Jahren seine Tore aufgemacht hat, wegen einer Kooperation angeschrieben. Die waren sofort begeistert und mit dabei. Bei Montana wäre überhaupt kein persönlicher Kontakt gegeben, da wäre einfach nur der Markenname da gestanden und das wollten wir vermeiden.

Über Scope sind wir dann auch zum MTN Sponsoring gekommen, die haben uns dann noch 180 Cans dazu gegeben. Außerdem wird Scope noch Preise für Battles, sowie kleine Goodies sponsern. Also sie unterstützen uns extrem und wir versuchen, uns gegenseitig zu pushen. Sie werden auch vor Ort einen eigenen Graffitishop aufbauen, das hat es auch noch nicht gegeben bei einer Jam. Da kann jeder alle Tools, die er braucht noch dazukaufen. Dosen, Marker, Caps aber auch Merch wie Shirts wird es geben. Coole Partner, mit denen wir auch in Zukunft noch weiter zusammenarbeiten möchten.

Wir haben es vorher beim Ablauf kurz angeschnitten, wie sieht es mit der Verköstigung rund ums Sprayen aus?

Rubin: Ja, wir kümmern uns um Grillerei und mini Pizzen wird es auch geben, da kommt einer mit so nem Wagerl und macht mini Pizzen. Artists werden von uns verpflegt, durch unser Getränkesponsoring bekommen sie auch soweit es geht gratis Getränke. Das konnten wir auch durch das Sponsoring der Stadt Wels und dem von SPS Marketing gewährleisten. Red Bull hat uns auch ein bisschen was zur Verfügung gestellt. Wir werden versuchen, das so ausgeglichen wie möglich zu gestalten, dass auch wirklich jeder Artists mit Verpflegung und Getränken tagsüber gut versorgt ist. Und hoffen, dass alles gut über die Bühne geht.

Alles klar, vielen Dank dass ihr euch für meine Fragen Zeit genommen habt. Ich wünsche euch für die Jam gutes Gelingen und dass alles reibungslos funktioniert. Hardfacts für alle Interessierten packen wir unten noch in den weiterführenden links dazu. Danke euch! 

Weiterführende Links

Together Jam 2020

Rubin

Asek

MTN

Scope Graffiti Shop

 

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Ghassan Seif-Wiesner

Geboren 1987, Alexandria Ägypten. 1996 Flucht nach Österreich. Brot Job Pädagoge im Sozialbereich! Neben der Leidenschaft für das Schreiben großes Interesse für politisches Engagement und Musik. 2007 gründete er das Kunstkollektiv Tektakel Circuit - Elektronische Musik // HipHop // Streetart. Musikalisch Rap aktiv unter dem Pseudonym “Parasit Tektakel“. Beschäftigt sich beim Delay Magazine mit den Themenfeldern: Rap & Politics!

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