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Lemmy Kilmister ist tot. Er starb nicht im gleißenden Licht der Bühnenlichter, oder umringt von Verstärkerwänden, sondern in seiner Wohnung in Los Angeles. Die Rock-Musik-Welt ist erschüttert. Nach 23 Studioalben und 40 Jahren Bandgeschichte ist Schluss. Der Rickenbacker bleibt im Koffer – es ist unfassbar. Lemmy und Motörhead, das ist eine Geschichte der Unsterblichkeit. Nun ist der Unsterbliche tot, vier Tage nach seinem 70. Geburtstag.

„Die harten Zeiten sind vorbei”, gestand Lemmy in einem Interview mit dem „Spiegel“ im Juli 2015. Er wolle sich fit halten: Für die Proben, die Gigs und die Tourneen. Der Whisky wurde durch Wodka und die Cola durch Orangensaft ersetzt. Trotz diverser gesundheitlicher Probleme, mit der er in der Vergangenheit immer öfter zu kämpfen hatte: Lemmys Unverwüstlichkeit blieb bestehen. Besonders live, wo er mit edler Wildheit und rauer Anmut das tat, was er die letzten 40 Jahre Motörhead-Bandgeschichte getan hatte: Musik machen. Während andere sich schon mit Dreißig um Hausbau und Familiengründung kümmern, betourte der Rock-Gigant mit seiner Band die Welt: 7 Monate im Jahr. Und das mit einer Inbrunst und einem Idealismus, von dem sich viele (Rock-) Musiker eine Scheibe abschnitten. Ikone und Archetyp war er für viele. Seine Musik war schnörkellos und geradlinig. Auch wenn Kritiker oftmals genau dies bemängelten, es beeinflusste in keinster Weise den Weg seiner Selbstverwirklichung. Das kann man hören – bis heute.

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Unvergessen, die Dialektik seiner Umlaute, seine Affinität für Militaria des Dritten Reichs oder seiner Vorliebe für Whiskey. Held und Ziehvater einer ganzen Kultur, in der Werte durch Songs wie “Heart of Stone” oder “Dancing on your grave” vermittelt wurden, wo Lieder wie “Bomber” oder “Beer Drinkers and Hell Raisers” Jungs zu Männern und Poppern zu Kutte-tragenden Stagedivern werden ließen. Durchzechte Nächte, Pfeifen im Ohr, Nackenschmerz, blaue Augen aber verdammt nochmal am Leben– all das kommt einem in den Sinn, wenn der Name Motörhead fällt. Und noch viel mehr als das. Purismus, Coolnes, Draufgängertum, in einer Umgebung, in der die Schulbank der Asphalt der Straße und das einzig weiche die Brüste einer Frau sind.

Trends kommen und gehen. So auch im Heavy-Metal. In den 80ern waren es Synthesizer und Haarspray, später Eingeweide, Antikreuze und atavistische Götterkulte: Wie kaum eine anderer Musikstil, wurden die Genre-Sparten des Metals immer wieder von neuen Klangexperimenten und sub-kulturellen Ideen beeinflusst. Motörhead unterwarfen sich dieser nie. Inmitten jeglichem musikalischen und lyrischen Trend-Wirrwar, trotzte Lemmys Message konträr und wuchtig wie ein Granitpfeiler dem rauen Wind der Szene-Strömungen. „We are Motörhead – and we play Rock´n´Roll” – klare Ansage, kompromisslos und ehrlich. Ein musikalisches Stahlgewitter mit Riffs, die wie Geschützdonner die Trommelfelle bearbeiten. Dazu der charakteristisch kehlige Gesang Lemmys, welcher intuitiv dafür sorgte, die Brust zu schwellen, dem Gegenüber den Mittelfinger in die Nase zu stecken und zu sagen: “Verpiss dich!” Durch sein unverfälschtes Aussehen und seine ehrliche Art, wurde Lemmy schnell zu einer Kultfigur stilisiert, auch außerhalb der Genre-Grenzen. Er spielte Gastrollen in zahlreichen Filmen, besuchte Talk-Shows und sinnierte in Interviews über sein Leben. Bis zum Ende blieb sich Lemmy dabei selbst immer treu. Er lebte und zelebrierte den Nonkonformismus in all seiner Größe und schaffte es, wie kaum ein anderer, Generationen von Fans unter dem Banner handgemachter, ehrlicher Rock-Musik zu einen. Seine Texte und seine Songs waren hart wie das Leben selbst. Institutionelle Beziehungen, Angepasstheit und religiöse Attitüden waren ihm stets zuwider. Der Rock´n´Roll war die einzige Religion, der sich der unverbesserliche Philanthrop Lemmy jemals unterwarf. “Bis zum Tag an dem du stirbst”, heißt es da in dem Song “Till the end”, der auf dem letzten Motörhead Album “Bad Magic” zu finden ist, veröffentlicht nur vier Monate vor seinem Tod.

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In diesem Kontext erscheint es fast schon absurd, dass nun gerade jene Zeitungen Nachrufe in Ihren Kultur- und Feuilleton-Teilen über Lemmy publizieren, die ihn noch vor wenigen Jahren als alkoholabhängiges Raubein belächelt haben.Es ist zu bezweifeln, ob manch ein Redakteur sich der Tatsache bewusst ist, wie hart der Asphalt der Realität wirklich sein kann, wenn man nichts anderes will und nichts anderes hat, außer der Musik. In Motörheads Songs fanden sich viele. Dennoch galt sie all jenen, die sich nicht gesellschaftlichen Regeln und Dogmen unterwerfen wollten. So auch wie Lemmy, der aus seiner ehemaligen Band “Hawkwind” 1975 aufgrund seines Suchtverhaltens rausgeworfen wurde: „Sie nahmen organische Drogen, ich nahm Speed, das passte ihnen nicht.”Authentizität und Image vertragen sich nicht. Authentizität, das kann man nun mal nicht spielen. Auch Lemmy wusste das. Noch bis vor kurzem wurde in manchen Artikeln darüber gewitzelt, dass der Motörhead Frontman, noch die ganze Welt überleben würde. Jetzt ist die Gewissheit da: Man hat sich geirrt. Das Leben von Mr. Kilmister war exzessiv, turbulent und laut. Wer sich “Everything Louder than everything else” auf die Fahnen schreibt, hat einen Ruf zu verlieren. Lemmy ist nicht mehr unter uns. Doch was bleibt, ist sein lautes Vermächtnis. Halten wir dieses in Ehren, auf das es unsere Trauer übertönen mag.