Für die Headz da draußen ein Held, für unzählige österreichische Beatmaker ein Vorbild: Brenk Sinatra. Der international vernetzte Hiphop-Produzent liefert ab und liefert ab. Unser Redakteur Fero Zboray hat den Künstler in Kaisermühlen getroffen, um mit ihm über sein Schaffen, seine Motivation und sein Leben zu plaudern. INTERVIEW

Wiener Schnitzel oder Bryndzové Halušky*?

Ganz klar Bryndzové Halušky, weil ich halb Slowake bin und kein Fleisch esse.

*Kartoffelnockerl mit gesalzenem Frischkäse aus Schafsmilch, ein traditionelles slowakisches Gericht

Wer bist du und was machst du?

Ich bin Produzent und produziere alle möglichen Sänger, Rapper und eigene Instrumentalalben. Ich mache Musik für mich, Gott und die Welt.

Die Ermordung von Rapper Nipsey Hussle hat nicht nur die Hiphop-Welt erschüttert. Mich hat es wieder daran erinnert, wie präsent die Waffengewalt vor allem in den USA ist. Wie war dein Eindruck als du die USA besucht hast?

Gott sei Dank habe ich das selber nicht so gespürt, aber man merkt es selbst in Hollywood, dass sich die Stimmung ändert sobald die Sonne untergeht. Mir ist noch aufgefallen, dass oft nur die Straßenseite die „gute“ von der „schlechten“ Gegend trennt. Du gehst über eine Straße drüber und bist manchmal echt in einer anderen Welt.

Jeden Abend hörst du dann ständig die sogenannten “Ghetto Birds”, Polizeihelikopter, die dort nicht wie bei uns eher „harmlose“ Dinge aufklären oder einen Rettungseinsatz fliegen, sondern neun von zehn Mal unterwegs sind, weil ein Mord passiert ist. Die Helikopter erinnern dich daran, wo du gerade bist, dass dort Leute oft aufeinander schießen.

Brenk Sinatra

True 2 tha game

Was hat dich am meisten in den USA „geflasht“?

Was mir dort sofort ins Auge gesprungen ist, sind die Verpackungen, dass alles unendlich oft in Plastik verpackt ist. Man hat ein schlechtes Gewissen was zu kaufen, weil zum Beispiel ein Stück Käse vierfach in Plastik eingewickelt wird. Es hat den Anschein, als würden die Amerikaner so leben, als hätten wir drei Welten und alle Ressourcen endlos zur Verfügung. Aber wir haben nur eine Welt. Diese Hyperverschwendung an Allem, was in den USA nun mal Standard ist und dort fast zum guten Ton gehört, ist überhaupt nicht meins.

Was für Musik hört Brenk Sinatra?

Ich höre eigentlich wirklich alles, was sich für mich gut anfühlt, bei weitem nicht nur Rap. Ich bin ein großer Verfechter davon, dass die Leute, die Rap machen, mehr als nur Rap hören sollten, andernfalls bekommt das ganze schnell einen Beigeschmack von “Inzucht”. Im Moment höre ich voll gerne frühe Synthesizer-Musik oder diese ganze Welle an Lo-Fi RnB/PsychRock wie zum Beispiel Connan Mockasin.

Synthesizer: Brenks große Liebe?

Oooh Shit! (lacht) Es hat mit Platten sammeln begonnen. Samples waren für uns immer die Grundlage um Beats zu machen und die kamen oft von der Platte. Ich habe irgendwann auf die Rückseite der Platten geschaut, um rauszufinden, welche Instrumente bei bestimmten Songs verwendet worden sind die mir besonders gut gefallen haben. Und so habe ich dann begonnen, diese ganzen alten Instrumente, also Vintage Synthesizer und Drummachines aus den 70ern und 80ern zu sammeln. Mein ganzes Studio ist voll damit. Die liegen teilweise schon lose am Boden. Ich bin ständig am Umbauen, wie so ein Hamster. Zu kleines Zimmer, zu viele Instrumente.

Was war deine Motivation, an der Musik dranzubleiben?

Im Nachhinein betrachtet, weiß ich es nicht genau. Es war aus damaliger Sicht weder finanziell besonders schlau, noch war es auch nur irgendwie absehbar damit in der Zukunft einen nennenswerten Erfolg zu haben. Zu der Zeit war allein der Gedanke vom Beats-Produzieren leben zu können so weit weg wie sonst was. Es wäre realistischer gewesen, ich hätte gesagt, ich werde ein Kosmonaut in Russland.

Es gab einen Schlüsselmoment 2007/2008 für mich. Ich bin aus der U-Bahn rausgekommen und gegenüber meiner Arbeit gab es einen Kioskstand, wo meine Visage auf einem Hiphop-Magazin abgebildet war. Ich habe mir gedacht: Da läuft was falsch! Weil ich mir mit schmutzigen Händen und verschwitztem Lagergewand ein Magazin gekauft habe, wo ich am Cover war. Klingt vielleicht etwas pathetisch, aber ich wusste, dass das nicht so weitergehen konnte. Mir war klar, dass ich in meiner damaligen Position und Lebenslage, doppelt und dreifach so viel an meiner Musik arbeiten musste, um es zu “schaffen”. Mit “Schaffen” war bei mir nie die Rede von Reichtum oder Ähnlichem, es ging immer nur um meinen Traum, von meiner Musik leben zu können.

Ich hatte immer irgendwelche „Brotjobs“, die ich richtig gehasst habe. Ich hab mich dort jeden Tag wie ein Schlachtvieh hingeschleppt und habe mich durch und durch scheiße gefühlt. Aber ich wollte mich trotzdem nicht verkaufen. Ich wollte keine billige Dancemucke, oder was auch immer damals Kohle gebracht hätte, produzieren. Ich wollte meine Schiene fahren, von der ich trotz aller Missstände, immer überzeugt war.

Hall of Fame „Top Five“ Produzenten?

Machen wir Top 6 und “Hip-Hop Producer” draus, weil wir sonst auch alle Kings aus den 70er- und 80er- Jahren listen müssten! (lacht)

  1. Dj Battlecat, weil ich seine Drums und Sounds lange studiert habe und er mir definitiv geholfen hat, meinen eigenen “Brenky Vibe”, meine Handschrift zu finden.
  2. J-Dilla, weil er der Jimmy Hendrix der Beats war und eines oder mehrere Genres erfunden hat.
  3. Dj Quik, weil er für mich immer die perfekte Kombination aus Rapper und Producer war. Ich wollte außerdem auch immer seine Pimp-Haare haben. (lacht)
  4. Cardo, weil er mein Jetztzeit-Hero ist und einfach so einen eigenen Vibe hat.
  5. 1500 or Nothin’, weil sie natürlich eine Menge unglaublicher Dinger gedroppt haben, aber alleine für den Rap Ni**as Beat für Nipsey sind die bei mir Top 10 for ever!
  6. Dj Paul von Three Six Mafia, weil er genauso wie Dilla ein vollkommen neues Genre erfunden hat und für mich einer der wichtigsten Pioniere des Süden- beziehungsweise Trap Sounds ist.

Welche Zusammenarbeit hat dich am meisten beeindruckt?

Da gabs schon einige, aber klar, die Zusammenarbeit mit MC Eiht (Westcoast-Raplegende, Anm.) und Dj Premier war schon was Großes für mich. Wenn du Dogg Pound (Westcoast-Raplegenden, Anm.), B.Real oder Mac Miller über deine Beats rappen hörst, dann ist das etwas Besonderes. Das ist schon manchmal verrückt, wer bereits aller über meine Beats gerappt hat. Die Liste liest sich schon recht gut denk ich. (lacht)

Brenk und Zboray

Der Maestro: Brenk Sinatra im Interview mit Fero Zboray

Welche Träume sind wahr geworden und welche hast du noch?

Der größte Traum, den ich schon mehr als mein halbes Leben verfolgt habe, von Musik leben zu können, ist wahr geworden. Mein Ansporn Musik zu machen war nie irgendein Reichtum oder sowas. Ich hatte nie die Ambitionen, neun Bentleys und zwölf Häuser zu besitzen. Wäre aber auch nicht schlecht eigentlich. (lacht)

Nein, also ich bin froh, wenn ich einen vollen Kühlschrank, ein Dach über dem Kopf habe und kreativ sein kann. Habe zwar nach wie vor viele Träume, aber die haben acht von zehn Mal nichts mit materiellen Dingen zu tun. Wenn man Synthesizer ausschließt. (lacht)

Kannst du dir vorstellen mit RAF CAMORA ein Album gemeinsam zu produzieren?

Vorstellen kann ich mir alles, aber wir sind musikalisch dann doch Welten auseinander. Es fragen mich immer wieder Leute, wie ich mit ihm bin und ob da mal was zusammenkommen könnte. Er ist wohl der einzige österreichische Rapper, den ich nicht persönlich kenne. (lacht) Ich kenne viele Leute aus seinem Umfeld und umgekehrt, aber wir haben uns persönlich noch nie getroffen. Was aber nicht bedeuten soll, dass nicht vielleicht irgendwann mal doch was zusammen gemacht wird, who knows…

Erzähl mal über deine aktuellen Projekte.

Midnite Ride II kann man seit ein paar Tagen vorbestellen – es ist definitv eines meiner besten Alben, wenn nicht sogar das stimmigste. Das Album spiegelt wie keine meiner Produktionen zuvor meinen aktuellen State of Mind, was Musik betrifft. Es klingt 100% nach mir. Früher habe ich oft sehr lange warten müssen, bis Projekte released wurden. Da war dann natürlich oft das Problem, dass die Beats für mich einfach nicht mehr sehr aktuell und frisch waren. Dieses Mal ist das alles anders. Ich bin extrem stolz drauf. Am 6.September ist es soweit! Brenk 2.0!

Was kannst du zu der jetzigen politischen Lage in Österreich sagen?

Jeder der mich kennt und verfolgt weiß, wie ich denke. Ich bin schockiert was alles schon „normal“ ist. Vorfälle, die vor vielleicht fünf Jahren noch für einen riesigen Aufschrei gesorgt hätten, werden klein geredet, irgendeine Ausrede wird erfunden und „Fuck it“, weiter geht’s. Keinen interessiert’s eine Woche später noch, unfassbar! Es wäre schon die halbe Miete, wenn gewisse Leute auch abseits von Facebook und irgendwelchen vertrottelten Verschwörungsvideos auf Youtube ihr „Wissen” beziehen würden.

Man muss einfach genauer hinschauen. Es wurden ja fast täglich irgendwelche politischen Blendgranaten gezündet, um von ganz anderen Sachen abzulenken. Es ist so ekelhaft wie von unseren Steuergeldern finanzierte Leute gegen uns und unsere Anliegen und Bedürfnisse arbeiten. Ich verstehe manchmal auch die politische Verdrossenheit bei manchen Wählern, die Politik macht‘s einem auch nicht gerade leicht, ihr zu vertrauen oder generell Glauben zu schenken.

Wer ist dein größter Kritiker?

Ich selber, klingt vielleicht komisch, aber ist so. Ich habe so eine strenge Qualitätskontrolle bei meinem eigenen Stuff, dass ich sowieso alles hundertfach überdenke bis es die Öffentlichkeit hört. Aber auch das möchte ich in Zukunft ändern, beziehungsweise mir manchmal diesbezüglich das Leben einfacher machen und spontaner Sachen releasen.

Wie überwindest du Selbstzweifel?

Ich muss ehrlich sagen, dass ich zu Depression neige, weil ich einfach ein sehr verkopfter Mensch bin. Ich zerlege alles, was nicht zerlegt gehört, was aber auch ganz cool ist auf der kreativen Ebene. Denn es bietet mir die Möglichkeit, alles auszuprobieren und das Beste rauszuholen. Ich glaube, ich bin mein größter Freund und Feind.

Was holt dich aus dem (kreativen) Loch heraus?

Es gibt ein Meme, dass es am besten beschreibt! Es zeigt, dass Künstler nur zwei Emotionen haben:

1. Emotion: Wir sehen einen Künstler eine Sektflasche in der Hand halten und jubeln.

2. Emotion: Derselbe Künstler sitzt in einer Ecke zusammengeknüllt wie ein Häufchen Elend und hasst sich selbst.

Auch ich habe oft kein Mittelding – entweder ich feiere irgendeine meiner Produktion zu Tode, oder ich hasse alles und jeden und will mich einfach nur verkriechen und niemanden sehen. Das sind Phasen die mich oft überfordern, aber ich versuche trotzdem immer positiv zu denken und glaube auch, dass mein allseits bekannter Humor mir da oft sehr hilft.

Was mich aber prinzipiell immer aus einem Tief holt, ist Musik machen. Wenn ich Output habe und Dinge geschehen, geht es mir gut und der Rest fügt sich dem guten Vibe. Weiters hab ich natürlich meine Frau, die gleichzeitig mein bester Freund ist, Familie und alle Homies rund um den Globus.

Auswandern bezüglich Musik?

Ich suche schon länger eine Wohnung in Wien und Berlin. Berlin wäre für mich optimal, weil es mittlerweile zu meiner musikalischen Drehscheibe geworden ist. Ich pendle oft nach Berlin und dort zu leben, würde mir Geld und Zeit sparen. Amerika war immer ein Traum von mir. Aber nach den Erfahrungen, die ich dort gesammelt habe, hat sich der Traum fürs Erste erledigt. Obwohl ich wieder ein paar sehr interessante Andockstellen in LA hätte. Mal sehen was die Zeit so bringt, ich denke aber schon, dass ich meinen California Trip wiederholen werde und aus den kleinen Fehlern vom ersten Mal lernen könnte.

Ich wohne zurzeit zwischen der alten und neuen Donau – a.k.a. im „fucking paradise“. Ich bin ein Kaisermühlner mit jeder Faser meines Körpers. Ich liebe diese Gegend, wir sitzen oft hier (am Wasser) mit Freunden, trinken was und hören Musik, reden über Gott und die Welt. Diese Einstellung hat nichts mit meinem Alter zu tun. Ich habe mit 18 Jahren genauso gedacht wie heute. Bin wahrscheinlich auch auf dieser Bank beim Wasser gesessen, habe billiges Bier getrunken und 2Pac gehört.

Berlin ist oft so eine hektische Betonwüste, zum Arbeiten und Connecten super, aber ich denke ich würde auf Dauer zum Beispiel in Neukölln eingehen. Und die Gegenden wo es viel Grün oder vielleicht sogar etwas Wasser um einen herum gibt, sind in Berlin doppelt unbezahlbar im Moment.

Weil du mit Suff Daddy unterwegs und ein Gin-Liebhaber bist: Eine Saufgeschichte, die legendär ist?

Ja, es gibt viel zu viele. Schlimmer sind aber die Abende, wo du dich nicht mehr erinnern kannst. Irgendwann kommt dann vielleicht eine Biografie in Buchform, da dropp ich dann alle legendären Stories! (lacht)

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