Die in Wien lebende Anna Ullrich bespielt schon seit Jahren die heimischen Clubs, aber auch international ist sie längst keine Unbekannte mehr. Wir haben mit ihr über die Wiener Techno-Szene, ihre Clubreihe „Puppenhouse“ und ihren Drahtseilakt als Mama und Techno-DJ gesprochen.

 

Wenn ihr  Name auf  dem Flyer steht, dann weiß man, was man bekommt. Nämlich progressiven Techno à la carte. Anna Ullrich, die gelernte Fotografin und Mutter, verfolgt seit 2013 mit der Puppenhouse-Reihe im Sass das Ziel, ausschließlich Frauen zu buchen. Dass das in Wien keine leichte Aufgabe ist, bestätigt sie gleich vorweg. Höchste Zeit für ein Interview!

Wie bist du DJ geworden?

Mein bester Freund, der Hans Jung, hat mich da hineingeritten. Er meinte, ich solle doch bei seiner Geburtstagsparty im Sass auflegen. Und in einem einwöchigen Schnellkurs hat er mir dann direkt im Club das Mixen beigebracht. Es ist natürlich ein großer Vorteil, wenn man mit so einer Anlage üben kann. Dafür ein großes Dankeschön an die Leute vom Sass.

Wie lange legst du schon auf?

Jetzt sind es schon über fünf Jahre. Die ersten zwei Jahre habe ich viel Deep House aufgelegt. Danach wurde es mehr Techno.

Du hast ja auch die Clubreihe „Puppenhouse“ gegründet. Erzähl mir was darüber.

Ich hab die Leute im Sass während meiner Übungseinheiten wohl für mich gewinnen können und sie haben mir kurz darauf angeboten, eine eigene Veranstaltung dort zu machen. Mittlerweile mache ich das zusammen mit meiner Partnerin, die Joanish, die außerdem auch DJ ist. Der Name kam dann irgendwann beim Kaffee mit meinen Mädels. Das Konzept bei Puppenhouse ist im Grunde einfach erklärt: Frauen bekommen hier die Möglichkeit, sich zu beweisen. Wir supporten DJ-Frauen und geben Newcomern die Chance, vor Publikum aufzulegen.

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Wie steht es um die Bezahlung der DJs in Wien? Musst du nebenbei arbeiten oder bringt das Auflegen genug Geld ein?

Für mich als Mutter ist es natürlich schwer, aber ich versuche schon, die Musik zu meinem Hauptstandbein zu machen. Am Anfang ist es einfach wichtig, an die richtigen Kontakte für gute Bookings zu kommen, man muss viel unterwegs sein und Leute kennenlernen. Ich finde aber, wenn man sein Können unter Beweis stellt, dann wird das auch gerne honoriert. Ich kann mich also nicht beschweren.

Worauf liegt dein Hauptaugenmerk bei einem Set?

Dazu muss ich ehrlich sagen: Ich bin nicht der Typ, der sich jetzt stundenlang vorbereitet. (lacht) Jedes Mal, wenn ich im Club stehe, pass ich mich eher spontan dem Publikum an. Wenn es den Leuten gefällt und sie tanzen, dann passt es auch für mich. Also Stimmung ist das Wichtigste. Es nützt dir nichts, wenn du den Übergang perfekt machst und die Leute nicht tanzen.

Wo findest du deine Musikschätze?

Ja, ich kaufe das meiste natürlich. Fündig werde ich bei Beatport und diversen anderen Anbietern. Zurzeit bekomme ich auch immer mehr Promos zugeschickt, worüber ich sehr froh bin. Zum Beispiel bekomme ich viel von Formatik Records und Tronic. Aber ich höre mir auch viele neue Sachen gemeinsam mit DJ Kollegen an. Dann mische ich meine Sets mit alter und neuer Musik.

Warum produzierst du nicht?

Natürlich bin ich ja schon öfters im Studio gesessen und hab schon an einigen Projekten gearbeitet. Aber ich bin noch nicht zu 100 Prozent damit zufrieden. Da bin ich dann eher Perfektionistin. Wenn ich was rausbringe, muss es perfekt sein. Mal schauen. Für die Zukunft ist etwas in Planung.

Der Beruf des DJs ist gegenwärtig von Männern dominiert. Wie stehst du dazu? Hast du den Eindruck, oder vielleicht schon Erfahrungen gemacht, dass Männer und Frauen anders behandelt werden?

Als Frau hat man es auf jeden Fall nicht einfach, weil dir viel auf die Finger geschaut wird. Am Anfang ist es hart, weil dich alle belächeln. Wenn man es drauf hat, muss man sich aber keine Sorgen machen. Natürlich merke ich schon, dass es eifersüchtige DJ-Kollegen gibt, die einem versuchen, Steine in den Weg zu legen. Jedoch sehe ich mittlerweile darüber hinweg. Man sollte sich nicht zu viele Gedanken darüber machen. So was gibt es wahrscheinlich in jedem Beruf.

Du bist ja vor kurzem Mama geworden. Wie lässt sich das mit deinem Job als DJ vereinbaren?

Es ist auf jeden Fall hart. Trotzdem bin ich sehr dankbar, denn die Kleine hat einen Supervater, der sich um sie kümmert. Natürlich sind auch gute Freunde wichtig, wenn ich mal einen wichtigen Termin habe sowie heute. (lacht) Wie gesagt, ist es nicht einfach und ich respektiere alle Mütter, die nebenbei arbeiten müssen. Das beste Beispiel war gerade gestern. Da musste ich bis drei Uhr früh auflegen und später dann die Kleine noch in den Kindergarten bringen. Es ist hart und man bekommt auf jeden Fall wenig Schlaf. (lacht)

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Was ist für die Zukunft geplant? Hören wir von dir eher was in Richtung Releases oder wirst du mehr auf Tour sein?

Ja, ich würde sagen beides. Jedoch bin ich lieber hinter dem DJ-Pult und bringe die Leute zum Tanzen, als im Studio zu sitzen. Jetzt am 13.10. 2018 spiele ich noch auf einem Festival am Soundberg in Graz. Darauf freue ich mich schon sehr.

Wie hast du unsere Heimatstadt Innsbruck eigentlich erlebt? Du hast ja bereits im Cloud 9 auf der Seegrube gespielt?

Also ich muss sagen, dass das wirklich einer der schönsten Locations war, wo ich bis jetzt gespielt habe. Ich durfte ja schon öfters in Innsbruck spielen. Ganz am Anfang einmal vor Kalkbrenner. Was mir bei jedem Gig aufgefallen ist, dass die Crowd dort sehr abgeht. Ich muss sagen: Ich liebe Innsbruck und seine tollen Menschen. Wir planen auf jeden Fall das nächste Mal etwas mit Puppenhouse dort zu machen.

Wie findest du die Techno-Kultur in Wien? Wie entwickelt sich hier die elektronische Musik?

Da ich erst seit fünf Jahren Techno spiele, kann ich jetzt so viel dazu sagen: Ich selber habe ja mit Deep House begonnen. Von DJ-Kollegen bekomme ich aber öfters mit, dass die Szene immer familiärer wird. Ich selber habe auch das Gefühl, dass die Szene schrumpft.

Es gibt natürlich Probleme, mit denen ich weniger zutun hab. Manchmal gibt es bei Puppenhouse so Specials, wo wir andere Kollektive einladen. Also es ist nicht so, dass es da Grabenkämpfe gibt, aber natürlich versucht halt jeder, an die Gigs zu kommen. Und so viele Veranstaltungen gibt es meiner Meinung nach in Wien nicht.

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Wie ist dein Standpunkt zu Drogen?

Also ich merke schon, dass auf den Partys viel konsumiert wird. Wenn ich meiner Tante erzähle, dass ich auf Technopartys spiele, ist das Erste, was man damit in Verbindung setzt, dass dort Drogen konsumiert werden. Das geht mir natürlich manchmal auf die Nerven. Aber ja, dass muss jeder selbst wissen. Natürlich glaube ich auch, dass in anderen Genres genauso konsumiert wird. Nur wird es halt dort nicht so thematisiert wie bei Techno. Auf jeden Fall keine Macht den Drogen.

Wer sind deine Vorbilder?

Das klingt jetzt vielleicht ein bisschen kitschig, aber meine Mutter. Sie hatte es nicht leicht mit zwei Kindern und alleinerziehend, plus einem 40 Stunden Job. Von den DJs her: Nastia, die auch ständig auf Tour ist trotz kleiner Tochter.

Welche Tipps hast du für junge DJs ?

Auf jeden Fall keine Angst zu haben, nur weil die Konkurrenz groß ist. Wenn man was schaffen will, dann erreicht man das auch. Am Anfang hat man es nicht einfach, als Newcomer in die Szene reinzukommen. Der Kampf ist da. Man muss sich auf jeden Fall beweisen. Die jungen DJs können sich auf jeden Fall bei mir melden.

Letzte Frage: Was macht für dich einen guten DJ aus?

Also für mich ist halt das Wichtigste, dass die Crowd mitmacht. Solange die Leute abgehen und tanzen, ist es für mich eine gute Party. Darum geht es meiner Meinung nach. Mich freut es immer wieder, dass ich die Leute zum Tanzen bringe.

Danke für das Interview.

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Infos und weiterführende Links

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