Flächenmäßig annähernd gleich groß wie Deutschland hat Polen etwas weniger als halb so viele EinwohnerInnen, nämlich 38,5 Mio. 1025 als Königreich gegründet und 500 Jahre später zu einem mächtigen Reich geworden, musste es sich 150 Jahre lang der Fremdherrschaft beugen: Preußen, Russland und Österreich teilten das Land unter sich auf. Mit dem Ende des Ersten Weltkriegs erlangte Polen seine Unabhängigkeit zurück, stand aber lange unter kommunistischem Einfluss. Seit 2014 ist Polen Mitglied der Europäischen Union. Heute präsentiert es sich als aufstrebendes, florierendes, modernes Land.

Ich weiß nicht, ob es allen so geht: Ein Reiseland vergleiche ich automatisch mit den Gegebenheiten in Österreich – heuer Polen: Lidl und Obi; Pizza, Pommes und Burger; Cola und Bier; Windkraftwerke und Schallschutzmauern (teils mit Guckfenstern); Graffiti und Gartenzwerge; Tätowierte und Übergewichtige; entzückende Kleinkinder und hinter Gartenzäunen bellende Hunde; (beginnende) Mülltrennung und Barrierefreiheit −also alles fast wie zu Hause … Wenn da nicht diese unaussprechlichen Lautkombinationen und eigenartigen Buchstaben wären!

Polnisch für AnfängerInnen

Die polnischen Bezeichnungen für Post, Apotheke, Bibliothek, Friseur oder Privatbesitz sind ja noch relativ leicht zu knacken, aber in anderen Fällen wird es schwierig. Trotz wiederholten Übens komme ich über tak (ja), nie (nein), do widzenia (Auf Wiedersehen) und das bereits sehr herausfordernde dziękuję (danke) kaum hinaus. Da ist man froh, wenn die meisten Jüngeren Englisch, manche Älteren sogar Deutsch sprechen. Zum Glück gibt es auch noch diese nützlichen Piktogramme und nicht zuletzt erweist einem der altbewährte Zeigefinger gute Dienste. Jetzt spüre ich wieder einmal am eigenen Leib (ich unterrichte Deutsch als Zweitsprache), wie es ist, sich in einer fremden Sprache zurechtfinden zu müssen. Übrigens: Die Warnung einer ehemaligen polnischen Kursteilnehmerin: „VORSICHT auf den DIEB!!! Sie sind nicht immer, aber ihr musst vorsichtig sein“, erwies sich als gutgemeint, aber glücklicherweise überflüssig. – So viel zu Vorurteilen.

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On the road

Im Ernst: Polen ist ein angenehmes Reiseland, die Straßen lassen selten zu wünschen übrig, die Bedienung in den Lokalen ist durchwegs sehr freundlich, in den Städten gibt es viele Grünflächen, dafür erfreulich wenige Polizisten. Und die Preise liegen großteils weit unter österreichischem Niveau! Mit unserem Wohnmobil übernachteten wir ausschließlich auf Campingplätzen. Von beinahe luxuriös mit Swimming-Pool bis Substandard, von Massenandrang bis Solobesucher ist alles vertreten. Die Atmosphäre auf diesen Plätzen ist immer eine spezielle und die multinationale Zusammensetzung spannend: Von Spanien, Frankreich, Norwegen, Schweden, Holland bis Dänemark und natürlich Polen ist alles vertreten, dazu auffallend viele Italiener, mehr als Deutsche. Außerdem bieten besonders die morgendlichen Stunden die Gelegenheit zu beobachten, wie Männer (in Unterhosen) und Frauen (in Nachthemden) abseits von Hochglanzmagazinen tatsächlich gebaut sind.

Von Stadt zu Stadt

Die erste Rast in Polen legen wir in Kattowitz (Katowice) ein, wo wir einen Spaziergang durch den historischen Stadtteil Giszowiez unternehmen, wo neben der alten Schule, der Kirche, dem Friseur, dem Försterhaus in einem kleinen Park eine uralte, nicht mehr sehr gesund aussehende Linde namens Anton steht.

Das erste Highlight ist Krakau (Kraków), die einstige Hauptstadt Polens – eine wirklich schöne Stadt mit einem riesigen Stadtplatz. In dessen Mitte befinden sich die berühmten Tuchhallen befinden, wo heute Souvenirs aller Art und Qualität verkauft werden. Mit einem Elektroauto lassen wir uns durch Kazimierz, das ehemalige jüdische Viertel, kutschieren, wo Steven Spielberg „Schindlers Liste“ drehte. Nur mehr in einer der einst über zehn Synagogen werden noch Gottesdienste gefeiert, die anderen dienen teils als Museen. Auf dem kleinen Hauptplatz sollte man unbedingt die für Krakau typischen Zapiekanki essen, belegte baguetteähnliche Brote, die im Ofen überbacken werden. Die teuerste Variante erstehen wir für umgerechnet 2,20 Euro. In diesem Viertel kann man auch koscher essen und Klezmer-Livemusik genießen. Wirklich beeindruckend ist auch ein mehrstündiger Rundgang durch das ein paar Kilometer entfernte Schau-Salzbergwerk Wieliczka. Die Karten im Vorfeld zu bestellen oder eine Fahrt dorthin samt Führung zu buchen empfiehlt sich, will man nicht lange an der Kassa anstehen.

Der Abstecher nach Zakiopane gerät eher enttäuschend, sind von den versprochenen traditionellen Holzhäusern mit ihren geschnitzten Verzierungen kaum welche zu entdecken. Trotzdem wälzen sich – es ist Sonntag – wahre Touristenmassen durch die Hauptstraße. Ein amüsantes Nebenschauspiel bildet der Umzug von „Werbepuppen“ der Gewürzmarke Kontanyi. Interessant ist auch die für diese Gegend typische Bauweise, bei der das spitz zulaufende Dach gleich über dem Erdgeschoß beginnt, wobei der 1. Stock mindestens auf einer Seite einen Erker aufweist. Im Winter kann man in der sich in greifbarer Nähe befindlichen Hohen Tatra dem Wintersport frönen.

Die nächste Station ist Lublin, das Herzstück Ostpolens. Es überrascht mit geschmackvoll restaurierten Renaissancehäusern, zwei erhaltenen Stadttoren und einer wuchtigen Burg. Besonders gut gefällt mir die Idee, Fensteröffnungen noch instand zu setzender Gebäude mit alten Schwarz-Weiß-Porträts zu füllen. Im Süden der Stadt besuchten wir Majdanek, eine Gedenkstätte für die 80.000 hauptsächlich jüdischen Opfer des Nationalsozialismus. Das riesige Areal, auf dem bis zu 25.000 Menschen inhaftiert waren, lässt die Ausmaße der grausamem Vernichtungsmaschinerie der SS erahnen. Neben den Gaskammern und dem Krematorium für die Ermordeten berührten mich die ausgestellten tausenden von Frauen-, Männer- und Kinderschuhen am meisten.

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Auf dem Weg Richtung Norden streifen wir Warschau (Warszawa), das „Zentrum der Macht“ (Zitat aus dem Reiseführer), nur am Rande. Hier stechen die vielen modernen Gebäude ins Auge, wobei für ganz Polen gilt: Überall wird gebaut, gebaut, gebaut! Sowohl in den Städten als auch am Land, auf dem zahlreiche neue Einfamilienhäuser aus dem Boden schießen, meistens gleich winzig wie die alten. Hier scheinen sich ihre Bewohner darin zu konkurrenzieren, wer den schönsten Gartenzaun besitzt. Darunter Fertigteilzäune aus irgendeinem Baumarkt, die wie aus Kunststoff aussehen, sich nach Überprüfung aber doch aus Beton erweisen. Nur vereinzelt sieht man verlassene und verfallene Häuser, graue Wohnsilos sichten wir kaum welche. Auf den Hochhäusern sind manchmal praktischerweise der Straßennamen und die jeweilige Hausnummer von Weitem sichtbar aufgemalt.

Relikt der Eiszeit

Auf dem Reisprogramm darf die Masurische Seenplatte natürlich nicht fehlen, wo wir drei geruhsame Tage verbringen. Die Seenlandschaft ist wunderschön, das algige Wasser lädt allerdings nicht gerade zum Schwimmen ein. Daher suchen wir Ziele in der Nähe auf: Wer jemals nach Diwitten (Dywity) kommen sollte, muss unbedingt im Restaurant Rukola einkehren! Unsere ratlosen Blicke auf die Speisekarte registrierend, bringt die zuvorkommende Kellnerin sogleich eine Ausgabe auf Englisch. Das andauernde Schnitzelklopfgeräusch aus der Küche lässt uns zuerst Schlimmes ahnen, aber unsere Befürchtungen erweisen sich bald als unbegründet, denn hier isst man äußerst schmackhaft und noch dazu günstig. Apropos: Die traditionelle polnische Küche liebt es deftig – viel Fleisch, recht fette Würstel, Eier und jede Menge Krautiges. Aber zum Glück gibt es Pierogi: Schlutzkrapfen auf Polnisch mit verschiedensten Füllungen von pikant bis süß. Auch die vielerorts angebotenen Waffeln sind durchaus eine Sünde wert.

Essensmäßig weniger Glück haben wir bei der Straußenfarm, wo uns zweimal die Küche verschlossen bleibt, wir dafür aber drei ziemlich zerrupfte Exemplare dieser Großvögel und einiges interessante Geflügel bestaunen dürfen. Als moderne Stadt mit noblen Geschäften erweist sich Allenstein (Olstyn), wo wir das Museum besuchen. Hier hat der berühmte Nikolaus Kopernikus gewirkt, der das damals herrschende heliozentrische Weltbild auf den Kopf stellte, indem er erklärte, dass sich die Erde um die Sonne dreht, und nicht umgekehrt.

Die Überraschung im Norden

Weiter geht es nach Danzig (Gdànsk), wo wir gerade noch den letzten Tag des Dominikanermarktes erleben, der hier jährlich für drei Wochen im August stattfindet. In der ausgedehnten Altstadt reiht sich Stand an Stand mit überwiegend geschmackvollen Produkten neben dem üblichen Touristenkitsch. Man weiß gar nicht, wohin man vor lauter prächtigen Türmchen, Erkern, Giebeln, Stuckaturen, Fachwerkbauten … zuerst schauen soll. Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs, in dem 90 Prozent der ehemaligen Hansestadt an der Weichselmündung in Schutt und Asche lagen, wurde eine Meisterleistung an Restaurationsarbeit vollbracht. Auch die Neubauten folgen dem Stil des 17. Jahrhunderts und fügen sich wunderbar ins Gesamtensemble ein. Beeindruckend die Zahl der Bürgerhäuser, die teilweise eine vorgebaute Terrasse aufweisen, auf denen die wohlhabenden Familien ihre reich gedeckten Tafeln zur Schau stellten. Im Zentrum der Altstadt die weit aufstrebenden Pfeiler und das Gewölbe der gotischen Marienkirche im typischer Bachsteinbauweise und gleich, gleich in der Nähe ein modernes Riesenrad. Zufällig entdecken wir auch ein Haus mit der Aufschrift Gabriel Fahrenheit, dem Erfinder der Temperaturskala.

Die Lenin-Werft, wo Lech Wałęsa 1980 die unabhängige Gewerkschaft Solidarność gründete, besuchen wir zwar nicht, aber von der Nähe unseres Campingplatzes aus kann man die riesigen Kräne einer Hafenanlage gut erkennen. Als Wasserratte lasse ich mir einen kurzen Schwimmgang in der Ostsee natürlich nicht entgehen, auch wenn sich die Sonne gerade an diesem Tag versteckt hält. Der Strand erstreckt sich übrigens mehr als 500 Kilometer weit. Die angeblich weiße Farbe des Sandes kann ich zwar nicht bestätigen, aber wunderbar weich fühlt er sich schon an.
In einem Café trinken wir die größte Medium-Tasse Kaffee ever – einen gefühlten halben Liter. Das Kulturell hat Danzig viel zu bieten, angefangen von Museen bis zu Musikveranstaltungen aller Art, das kulinarische Angebot ist international. Nicht zu vergessen sind die zahlreichen Schmuckgeschäfte, gilt Danzig doch als Zentrum des Bernsteinhandels. Von hier aus könnte man außerdem ohne Visum einen Tagesausflug in die russische Enklave Königsberg (Kaliningrad) unternehmen. Na, vielleicht das nächste Mal.

Auf der Rückfahrt

Und schon geht es wieder Richtung Süden, der Heimat entgegen. Aufgrund meines doch eher ungewöhnlichen Vornamens Kathrine zieht es mich nach Thorn (Toruń), wo „Kathrinchens“ angepriesen werden, angeblich seit 700 Jahren nach demselben Rezept gebackene Lebkuchen. Auf Höhe der Statue von Kopernikus, der hier geboren wurde und dem im ganzen Land Denkmäler gesetzt sind (wie auch Karol Józef Wojtyła, bekannt geworden als Papst Johannes Paul II), werden wir in einem gleichnamigen Geschäft endlich fündig. Auch diese Stadt zeigt sich quicklebendig mit zahlreichen bestaunenswerten Details.

Unsere letzte polnische Station ist Posen (Poznań), wo wir das angepeilte Musikinstrumente-Museum leider wegen Renovierung geschlossen vorfinden. Dafür schlendern wir wieder über einen prachtvollen Stadtplatz, der von entzückenden Häusern gesäumt ist. In einem hypermodernen Gebäude, in dem auch ein Supermarkt untergebracht ist, geben wir unsere letzten Zloty aus. Bezahlen kann man nebenbei gesagt selten in Euro, Kreditkarten werden jedoch gern akzeptiert.

Nach guten zwei, auch wettermäßig, schönen Wochen und 3700 Kilometern später stellen wir einhellig fest: Polen ist ein angenehmes Reiseland. Wir sind durch ebene Regionen wie in den Niederlanden, hügelige Landstriche wie in der Steiermark, gebirgige Gebiete wie in Vorarlberg bis zur Küste im Norden gefahren. Dazwischen Mischwälder, breite Flüsse und eine Stadt schöner als die andere. Als Touristen haben wir natürlich nicht die Alltagssorgen und Probleme der Bevölkerung kennengelernt, die es ebenfalls geben wird. Möglicherweise sind sie in den Menschen am Land, die neben dem Straßenrand bescheidene Gefäße mit Pfifferlingen und Blaubeeren angeboten haben, sichtbar geworden.

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