Flanieren bei Mondschein unter dunkelbunten Wesen:
Eine Reise zum M’Era Luna, einem Festival der schwarzen Szene in der Nähe Hannovers. Zu Düsterrock, mittelalterlichen Klängen und elektronischen Kompositionen wird bis zum Morgengrauen getanzt.

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Der helle Mond zieht seinen Kreis

Am zweiten Augustwochenende erstrahlt traditionell seit anno 2000 Georges Méliès Mond (das zentrale Schaustück des Sci-Fi Klassikers ,,Le Voyage dans la Lune‘‘ aus 1902) über dem Hildesheimer Flugplatz, um das M’Era Luna in seinen düsteren Schimmer zu tauchen. Längst ist das Festival neben dem Leipziger WGT und Amphi Festival in Köln die dritte etablierte Veranstaltung und gleichzeitig Treffpunkt der schwarzen Szene. Diese zunächst düster anmutende Bezeichnung beschreibt eine heterogene, aufgeschlossene und auch überraschend bunte Gruppe an Menschen, die weit mehr umfasst als etwa die britische Goth-Szene. Natürlich lassen sich auch stilvoll gekleidete, traditionelle Goths unter den knapp 20.000 Besuchern erspähen, doch noch viel mehr: Steampunkbegeisterte, Cybergoths, Fetischliebhaberinnen und Liebhaber, Recken der Mittelalterszene, Technotanzende. Der musikalische Einschlag ist dementsprechend natürlich breit aufgestellt: Von Neuer Deutscher Härte (Eisbrecher), über Mittelalterrock (In Extremo) bist EBM (Front 242) und Industrial Metal (Ministry) lässt sich das Festival-Billing kaum an einem einzelnen Genre festmachen.

Die zusammenfassende Kernaussage des dunkelbunten Treibens: Sei wie du bist, mach was dir gefällt.
Eben dies wird nahe bei Hannover an zwei Tagen im August auf wundervolle Art und Weise zelebriert. Die Eindrücke dieser schönen Stunden, die – wie jedes Jahr – viel zu schnell vergangen sind, sollen in diesem Artikel zusammengefasst werden.

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Hunt like a hound

Angereist bin ich bereits am Vortag, mit leichtem Gepäck und ohne Zelt. Zelten fällt für mich ohnehin ins Wasser, da es mir wirklich schwerfällt, auf den Komfort eines Bettes und eines eigenen Badezimmers zu verzichten – auch wenn ich für diese Einstellung womöglich von geeichten Festivalbesucherinnen und -besuchern belächelt oder gescholten werde. Ich bin regelmäßig auf Festivals unterwegs, konnte bislang jedoch stets Zeltplatz und damit verbundene Strapazen umgehen, und war mehr als einmal froh darüber, nach einem verregneten Tag die Schlammsümpfe der Campinggründe hinter mich zu lassen, und mich in ein warmes Bett zu verkriechen. So auch diesmal in Hildesheim. Ich komme in einem Hotel in Bahnhofsnähe unter, welches selbstverständlich ausgebucht ist – ich bin damit definitiv nicht alleine, beim inkludierten Frühstück meint man, alle Zimmer wären von Festivalbesuchern belegt. Glücklicherweise geht regelmäßig ein Shuttlebus vom Hildesheimer Bahnhof bis direkt vor das Festivalgelände, noch dazu recht häufig. Ein Lob an die Veranstalter! Weniger gut funktioniert das allerdings am Sonntag, da trotz angegebener Uhrzeit der Bus nur einmal pro Stunde fährt. Nachdem ich den Bus wegen falscher Angaben verpasst habe, teile ich mir mit anderen ein Taxi bis zum Festivalgelände  – zehn Euro für etwa sieben Minuten Fahrzeit.

Positiv fällt auf, dass man als Nichtcamper oder Tagesbesucher einen nun wesentlich verkürzten Weg vom Eingang zum Bühnengelände zu bewältigen hat. Nur eine kurze Passage muss zwischen Zelten und Wohnmobilen zurückgelegt werden, schon kann man sich zu den Bühnen begeben. Davon gibt es am M’Era Luna zwei: Eine große Festivalfreiluftbühne, und eine kleinere, überdachte, in einem Hangar. Tendenziell möchte man die rockorientierten Künstler eher auf der Hauptbühne, die EBM/elektronikorientierten eher auf der Hangarbühne verordnen – dort ist es durchwegs düster, was die tollen Lichtshows umso mehr zur Geltung bringt. Allerdings schlägt die Faustregel nicht immer an, so erschallen die Headliner The Prodigy, sowie die Herrschaften von Front 242 von der Hauptbühne, die Goth-Rocker London After Midnight im Hangar.

Auch an Infrastruktur fehlt es bei den dunklen Festivitäten selbstverständlich nicht. Eine Vielzahl von Händlern bietet ihre Ware feil, alles was das Düsterherz begehrt, von Schmuck, über Bandmerchandise bis hin zu aufwändigen Kleidern und Schuhen. Ich selber konnte endlich Creeper in Männergröße erstehen, ein lang gehegter Wunsch. Auch einen Mittelaltermarkt bietet das M’Era Luna, mit eigener kleiner Bühne, auf denen adäquate Darbietungen geboten werden, Mittelalterrock or bust. Besonders positiv hervorgehoben werden soll die kulinarische Versorgung. Zwar werden die Köstlichkeiten zu den festivaltypischen, eher happigen Preisen angeboten, allerdings wissen sie durch Qualität zu überzeugen. Persönliche Empfehlung: Handbrot, ein kleiner Laib Brot, warm, mit, je nach Wahl, eingebackenem Käse und Schinken, mit ein wenig Knoblauchsoße obendrauf.

Natürlich ist es auch unabdingbar, die Gäste zu erwähnen. Kommt man sich bei der Anreise im Flugzeug, vielleicht selbst noch im Shuttlebus zum Gelände mit Ohrschmuck und Netzgewandung overdressed vor – sobald man die Tore durchschreitet, wird klar, wie hoffnungslos underdressed man tatsächlich ist. Die aufwändigen Gewandungen der Besucherinnen und Besucher sind jedes Jahr eine wahre Freude. Dieses Mal hatte ich auch das Vergnügen, als Fotograf vor Ort meine persönlichen Favoriten abzulichten. Auf Foto-Anfragen wird durch die Bank positiv reagiert, man zeigt sich gerne. Kaum ein anderes konventionelles Musikfestival bietet selbst auf Besucherseite ein solches Erlebnis. Einige Eindrücke hierzu finden sich am Ende des Artikels.

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Sag auf Wiedersehn zum Nervensystem

Das musikalische Angebot ist vielfältig und bedient die mannigfaltigen Gelüste der dunklen Gesellschaft. Samstags geben sich unter anderem Tanzwut, The 69 Eyes, Lord Of The Lost, Ministry und In Extremo, London After Midnight und The Prodigy die Ehre, Sonntag erfreuen Szenegrößen wie Peter Hepner, Saltatio Mortis, Atari Teenage Riot, Front 242 und Eisbrecher.

Am Samstagnachmittag beansprucht zunächst Al Jourgensen mit den Herrschaften von Ministry die Hauptbühne für sich, in der Setlist ist hauptsächlich das 2018 erschienene ,,AmeriKKKant” vertreten. Die Titel auf dem Album, sowie deren versuchte Kritik am aktuellen politischen Zustand der Welt – der zugegeben alles andere als erfreulich ist – sind mindestens genau so plump, wie der Name des Albums vermuten lässt. Man hofft auf mehr Songs aus den Glanzzeiten des Musikprojekts (Mitte 80er bis Mitte 90er), bekommt allerdings eine Setlist präsentiert, die zur Hälfte aus dem letzten Album entlehnt ist. In der Menge der Zuschauer kann man förmlich das Fremdschämen angesichts Textzeilen wie ,,we aren’t snowflakes / we are the antifa‘‘ (inklusive ‘‘höchst‘‘ authentischer, maskierter Antifa-Flaggenschwenker im Hintergrund der Bühne, die wohl dem Schwarzen Block nachempfunden sein sollen) und ,,wartocracy and S&M / we’re dropping bombs on them again‘‘ spüren. Dass momentan kritische Worte mehr als notwendig sind, macht den Versuch Jourgensens, diese Probleme anzusprechen, umso schmerzhafter, da sich die Texte durchwegs auf dem Niveau und Verständnis Vierzehnjähriger, die zum ersten Mal in Kontakt mit linkem Diskurs gekommen sind, bewegen. Die plakativ platzierten, aufblasbaren Hühner im Trump-Look, eines zu jeder Seite der Bühne, die unentwegt von Jourgensen drangsaliert, getreten und beinahe von der Bühne gestoßen werden, hinterlassen den Eindruck, einen frustrierten Vierjährigen anstatt des beinahe sechzigjährigen Ministry-Frontmann beim Singen pseudopolitischer Parolen zu beobachten. Klare Highlights der insgesamt durchwachsenen Darbietung sind die klassischen Ministry-Titel ,,Just One Fix‘‘ und ,,So What‘‘.
Die Mittelalter-Rockgrößen In Extremo überzeugen hingegen auf ganzer Linie. Das letzte Einhorn dirigiert das Publikum in stimmlicher Bestform, die sieben Vaganten haben auf dem M’Era quasi ein Heimspiel zu bestreiten. Zwar werden gleich fünf Songs vom letzten Album ,,Quid Pro Quo‘‘ dargeboten, während Klassiker wie ,,Spielmannsfluch‘‘ oder ,,Ai Vis Lo Lop‘‘ vollkommen fehlen, allerdings sieht man den Spielleuten die Freude daran, das neuere Material zu präsentieren, deutlich an. Auch langjährige In Extremo-Fans kommen mit ausgewählten Gustostückerln wie ,,Rasend Herz‘‘ und ,,Rotes Haar‘‘ auf ihre Kosten, die Setlist bedient sich bei nahezu dem gesamten Alben-Katalog. Die Feuershow passt zu dieser überragenden Performance wie die Marktsackpfeife zu Flex.
Als dann spätabends die englischen Breakbeat-Legenden The Prodigy die Bühne überrennen, ist man als Besucher zunächst etwas irritiert: Hip Hop Tracks während des Aufbaus, die über den Flugplatz tönen? Zwar ungewohnt, doch das Publikum nimmt es gelassen. Sobald Howlett und Maxim dann auf der Bühne herumspringen (”Where my party people at? Where my German people at?’’) setzt sich die Masse unweigerlich in Bewegung, zunächst zögerlich, sobald die ersten Takte von ,,Nasty‘‘ durch die überdimensionierten Boxen klingen, gibt es kein Halten mehr. Das ist mehr als nur Schubsetanz, es wird gehüpft, geraved und gefeiert, so viel Bewegung war vor der Hauptbühne im Laufe des Tages kaum zu beobachten. Besonders die zeitlosen Geniestreiche ,,Voodoo People‘‘ und ,,Smack My Bitch Up‘‘ wissen zu überzeugen, doch auch die etwas aggressiveren, direkteren Tracks der ,,Invaders Must Die‘‘-Era erfüllen ihren Zweck und lassen keine ruhige Minute zwischen ,,Omen‘‘ und ,,Take Me To The Hospital‘‘. Ein äußerst gelungener Abschluss für diesen abwechslungsreichen Samstag, zwischen Mittelalter und Megalomanen-Rave.

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Im Hangar bringen am Sonntag die Berliner Atari Teenage Riot die geneigten EBM-Fans mit schnellem Digital Hardcore ins Schwitzen. Der äußerst energetische Auftritt mit chaotischen Klangkonstruktionen, halsbrecherisch schnellen Beats und dem Duo Nic Endo / Alec Empire als unermüdliche Vocalisten und Hyper(wo)men reißen einfach mit, was sich auch bei den Zuschauern zeigt, man kommt schon nach dem zweiten Song bereits ins Schwitzen.
Deutlich gemütlicher spielt es sich beinahe zeitgleich auf der Hauptbühne ab, als die EBM-Veteranen Front 242 das Flugfeld in eine rhythmisch pulsierende Tanzhalle verwandeln. Mit der über 15 Tracks langen Setlist, die sich bunt gemischt aus dem mittlerweile doch umfangreichen Katalog der Künstler zusammensetzt, dürften alle Fanwünsche gedeckt worden sein. Den Herrschaften mit mittlerweile grauem Antlitz und ikonischer Sonnenbrille wird von der Menge sichtlich gehuldigt, und reihen dabei lächelnd Hit an Hit, besonders das Doppelpack ,,Headhunter‘‘ und ,,Im Rhythmus bleiben‘‘ überzeugt.
Als dann schließlich die Headliner des Sonntags-Line-Up, Eisbrecher, am M’Era Luna auf Grund laufen, wird es gedrängt voll vor der Hauptbühne. Zurecht, denn Captain Wesselsky und seine Crew überzeugen auf ganzer Linie. Der äußerst gut gelaunte Frontmann dirigiert eine Sturmfahrt aus den Untiefen der Neuen Deutschen Härte und liefert dabei dem frenetisch klatschenden und mitkreischenden Dunkelvolk headbangwürdige Riffs und frappierend eingängige Refrains. Gleich zu Beginn wird verkündet, ,,das ist ein Mitmachkonzert‘‘, was man der ohnehin bereits enthusiastischen Menge nicht mehrmals sagen muss. Titel wie ,,Himmel, Arsch und Zwirn‘‘, ,,Was ist hier los‘‘ und ,,Das Gesetz‘‘ machen Stillstehen sowieso unmöglich.
Umso mehr möchte man, nachdem die letzten Töne unter dem bleichen Mond verklungen sind, dass die Show, das ganze Festival, doch noch ein wenig weitergehen möge. Bis zum nächsten Jahr, M’Era Luna!

 

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