Die drei Phasen Theorie

Wenn man es als Band dann endlich mal geschafft hat, den ersten halbwegs anständigen Langspieler unters Volk zu bringen und eventuell sogar bezahle Gigs außerhalb der Burgmauern der Heimatstadt zu spielen, ist man noch lange nicht in der Safe-Zone.

Beni / Yves march through Sandstorm on Novarock

Denn vor der utopischen Phase des smooth sailings, in der man entspannt mal die Roadies die Backline zusammenstecken lässt und in der belederten Chilllounge des Nightliner’s beinfrei eiskaltes Bier als Stärkung vor dem Gig geniessen kann, gilt es noch eine schweißtreibende Durststrecke zu bewältigen.

Das wäre dann die Phase, in der man zwar einen gigantischen Haufen Meter auf den Tacho spult, aber dafür auch unfreiwilligerweise die Inneneinrichtung des Bandbusses sehr gut kennen lernt. Außerdem wuchtest du mit deiner Band schön brav selber den Krempel von der Bühne in den quietschenden Bandbus – der sich allerdings in dieser Phase bereits im Bandeigentum befindet und als Raucherauto deklariert worden ist. Mit Mother’s Cake machte ich genau so einen von Verzicht und ungebrochener Motivation geprägten Trip mit.

Auf dem Weg nach oben

Die Jungs können zwar mittlerweile ihren Lebensunterhalt mit ihrer Musik bestreiten, jedoch würde der dafür notwendige Lebensstil bei jedem Arbeitsplatz-Audit als grob fahrlässig durchfallen. Das Trio, das mir das erste Mal auf dem RokkInn Mountain Festival (einem kleinen Rock Festival in Pfunds in Tirol, das 2011 auf dem Parkplatz des dortigen Moped Club Chapters abgehalten wurde) auffiel, hat sich mittlerweile einen sehr guten Stand in der heimischen Rock-Szene gesichert.

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Ihr progressiver Zugang zum Rock klingt eigenständig, das Niveau der dargebotenen Musikalität ist abartig geil und ihre Show schüttelt die Leute ordentlich durch. An die Hundert Gigs geben sie im Jahr zum besten. Doch der große Erfolg hat sich leider noch nicht eingestellt. Drummer Jan meint den Grund zu kennen: “Wenn man nicht im Radio gespielt wird”, so der blonde Deutsche, “hat man eben schlechte Karten”. Anfang Juni haben sie ihre zweite Platte rausgebracht, “Love the Filth” heißt das gute Stück.

Und um dieses Piece zu supporten, sind sie selbstverständlich motiviert eine Menge Kilometer liegen zu lassen und so tourt man dann auch mal vom Novarock in der Burgenländischen Pampa ins mittelnorddeutsche Dormagen, zwischen Köln und Düsseldorf gelegen. Dabei geht sich ausser Fast-Food-Stopps auf der Autobahn, kurzen Powernappings im Backstage und Auf-/Abbau gerade mal noch ein schnelles Bier aus, bevor es wieder daran geht auf der Bühne all seine Energie in die Saiten und Felle zu prügeln. Alles weitere schneidet ins Schlaf-Budget.

It’s the hard knock life

Die Band kann von den Strapazen des langen Tourens ein Lied singen (warum nicht gleich die Nummer “Insanity” vom letzten Release). “Sei alles trainierbar”, meint Yves – “Mein Körper hasst mich wahrscheinlich schon”, resümiert Benni. Während er den Satz spricht, entzündet sich schon die nächste Zigarette in seinem Mundwinkel an der kleinen Flamme des geschnorrten Feuerzeugs. Danach steigen wir wieder in den orangefarbenen Baustellenbus, der bis unters Dach mit Equipment vollgestopft ist, um mit heruntergelassenen Seitenfenstern bei 140km/h auf der Autobahn in Richtung des nächsten Gigs zu steuern.

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Tag 1

Wie oben erwähnt, startete dieser Weekend-Trip auf den sandgestrahlten und mit Pisse getränkten Pannonia Fields. Mother’s Cake wird die Ehre zuteil, das diesjährige Novarock-Festival zu eröffnen. Die rote Riesenbühne lässt das Trio klein erscheinen, doch Tom, der der mit den Frequenzen tanzt und die Band ebenfalls begleiten wird, hat alle Skills im Repertoire damit der Sound die auf Waldrodung ausgelegten Boxenbananen ordnungsgemäß verlässt. Und was für eine massive Wand Tom da für uns zimmert. Für den ersten Gig des ersten Tages, kommen außergewöhnlich viele Festival-Besucher vor die Bühne. Nach nur 30 intensiven Minuten allerdings ist der Gig auch schon wieder Geschichte. Der Sand bleibt allerdings, bis zur Dusche in der nächsten Location, die wir am späten Nachmittag erreichen.

In Pfarrkirchen wird der Club Bogaloo bespielt, gemeinsam mit zwei weiteren Supportbands. In dieser, von Auto-Proleten und ihren Burn-outs an der Dorfampel geplagten, bayrischen Idylle spielt Mother’s Cake als Headliner vor einer Handvoll Leuten. Gleichgültig der Anzahl an Zuschauern, war es dieser Gig der mich zum wiederholten Male von der unglaublichen Live-Qualität der Truppe überzeugte. Nach einem dermaßen strapaziösen Tag, mit regelmäßigem Bierkonsum aller Temperaturklassen und dem ständigen Orkan in der Bandkarosse, noch eine so glanzvolle Show zu spielen hat einfach Stil. Gleich einmal nach Konzertstart mache ich es mir auf der Bühne neben Jans Drumkit gemütlich. Beinahe weniger um Fotos zu schießen, sondern einfach um dem extrem tighten Sound zwischen Bass-Half-Stack und Kickdrum näher zu sein. Danach wurde bis zum Morgengrauen noch Fanservice auf dem Asphalt vor dem Club und einer nahen Kneipe betrieben. Nach drei Stunden Schlaf im zugemüllten Gemeinschafts-Schlafsaal saßen die Jungs dann schon wieder in der Blechdose auf dem siebenstündigen Weg Richtung Köln.

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Tag 2

In Dormagen, etwas nördlich von Köln, wurden sie nämlich von den Veranstaltern des “20 Jahre Tankstelle” Festivals gebucht, um das Jubiläum der dortigen Absacker-Kneipe “Tankstelle” zu bespielen.

Durch das Dicht des Bühnennebels drückt Mother’s Cakes unverkennbares Rock-Brett. “Levan” der mit seinem Enthusiasmus für ihren Sound dafür sorgte, dass sich Mother’s Cake’s Reise rentiert, konnte sein Glück kaum fassen und lies sich zu einem Stagedive in seine zusammengetrommelte Kollegenschar hinreißen. Diese waren ebenfalls bester Laune, gingen ab wie Zäpfchen und auch den etwas weniger jungen Gästen schien der Groove zu gefallen. Mit jedem Gig erweitern Mother’s Cake ihre Fanbase.

Diese reichte im späten Abend bis in die Apres-Ski-Hölle der “Tankstelle” und führte zu einem nett gemeinten Angebot der leicht überschminkten Dame mittleren Alters, die den Jungs – nach dem Abbau der Backline – vorschlug drinnen doch noch mal zu spielen. Die Aussage “Du hast so eine hübsche Stimme, genau wie der von ZZ Top” machte wohl von Anfang an jegliche Annäherungsversuche des Neo-Groupie’s zunichte, die Band lehnte dankend ab.

Taktischer Rückzug ins Hotel.

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Tag 3

Aufstehen. Frühstück. Abfahrt.

Die Fahrt nach München ist zumindest nicht die längste auf der Tour, ausserdem gönnt sich die sengende Hitze der Vortage eine Pause. Nichtsdestotrotz waren es weitere vier-fünf Stunden im orangenen, leicht verrauchten, leicht windigen Cake-Mobil, dessen einziger Luxus herunterkurbelbare Seitenfenster in der vorderen Sitzreihe sind. Der letzte Gig der Tour findet in der Münchner “Import-Export Kantine” statt. Anfangs noch recht spärlich besucht – zum Teil wegen eines am gleichen Areal stattfindenden DIY-Bike-Events, der die Besucher dazu einlädt monströse Fahrrad-Konstrukte selbst zu testen – fanden sich zu Konzertbeginn aber doch eine ziemliche Masse an Leuten in dem kleinen Kulturcafé ein. Relativ schnell hatte die Band das Publikum auf ihrer Seite. Kids in der ersten Reihe strecken Yves die Mano Cornuta entgegen, Headgebangt wird in der zweiten Reihe. Es gibt eine Zugabe zur Zugabe, nachdem sich die Kinder, nach dem ersten Abgang, der Instrumente ermächtigten und sich auf und dran machten Jan’s Snare-Fell zu killen. Eine Zigarette, ein Bier, Heckklappe zu.  Abflug nach Hause.

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Zum Schluss bleibt nur zu konstatieren

Mother’s Cake haben das Zeug, und da sind sich alle deren qualifizierte Meinung ich einholte einig, um es zu schaffen. Sie haben den perfekten Sound, sie haben die Songs, sie haben das Understatement und die Skills. Das notwendige Druchhaltevermögen stellen sie auch unter Beweis. Und sie schaffen es den Leuten mit ihrer unglaublich guten Bühnenshow das Wasser im Mund zusammenlaufen zu lassen. Was “es schaffen” dann im Endeffekt bedeutet, kann ich nicht feststellen. Aber auf jeden Fall sollte sich eine Klimaanlage im Bus ausgehen.

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