Die Wiener Extrem-Metal Formation mit dem klingenden Namen “Manège Noir” haben Anfang November ihr aus gegebenem Anlass flott produziertes Album “MMXV” released. Dazu wollten wir mehr wissen und haben uns mit drei Viertel der Band im edelschimmligen Cafe Bendl für ein kurzes Interview getroffen.

Dass Jörg Varga es versteht bei seinen Projekten stets auf eine hochqualitative Besetzung vertrauen zu können, hat er erst vor Kurzem mit Call the Mothership unter Beweis gestellt. Diesmal hat er sich mit Kerim Lechner (Krimh, Septic Flesh, Behemoth), seinem ehemaligen Band-Buddy von Thorns of Ivy – einer Symphonic Black Metal – zusammen getan, um den immer währenden Durst nach Kreativität zu stillen. Gemeinsam mit Thomas Feanis (Call the Mothership, Thiary) am Bass und Chris Breetzi (Kill the Lycan, Vokill-Covers Channel auf Youtube) als Vokalisten sind alle Weichen richtig gestellt, um mit brachialen Deathcore gegen die Ignoranz der Mehrheitsbevölkerung anzugrowlen.

“Er lässt Züge auf seine Saiten fallen”

Wie ist die Idee für Manège Noir entstanden?

Kerim: Angefangen hat das Ganze eigentlich als der Jörg und ich uns mal beim Museumsquartier getroffen haben und den Wunsch hatten musikalisch wieder mal etwas zu machen. Es war aber für uns nicht nur die Musik, sondern vor allem auch ein politisches Projekt. Man muss sich nur anschauen, was da draußen gerade alles abgeht. Es war Zeit aufzuzeigen, was falsch läuft und nicht alles hinzunehmen was die da oben fabrizieren. Diesen Ansatz wollten wir mit Musik verbinden. Wir wollten ein Projekt kreieren, das diese Themen musikalisch untermalt. Und da war uns klar, das wird etwas Hartes, Schweres und Langsames – dass wir nichts Schönes darin haben wollten.

Jörg: Das Ganze ist über drei Monate entstanden, davor war gar nichts vorhanden. Nur eine Idee und das Bedürfnis, dass wir zwei Musik machen. Aus diesem schlichten Bedürfnis heraus haben wir gesagt ‘machen wir das Beste daraus!’. Er macht die Drums, ich mach alles andere. Aber dann dacht ich mir, ich möchte den bestmöglichen Vokalisten in dem Projekt haben, der mir zugänglich ist und war dann der Breetzi dabei. Und ich will den bestmöglichen Bassisten – deswegen der Thomas. Der Unterschied ist: wenn ich Bass spiele, klingt das immer ein bisschen happy, und er…. er lässt Züge auf seine Saiten fallen. Das hat in dieses Projekt sehr gut reingepasst.

Kerim: Das Coole an dem Projekt ist, dass relativ schnell Songs entstanden sind und jeder voll gepusht hat. Sei es von den Songs her, den Lyrics, oder das Ganze aufzuziehen – Artwork und Konzept – Wir wollten ein Produkt von hoher Qualität schaffen, sodass auch das Image hinten und vorne passt. Wir haben ja noch ein Leben neben Manège Noir. Wir haben Jobs und noch weitere Bands in denen wir spielen. Trotzdem, dass jeder soviel Ansporn gehabt hat, da so viel Energie reinzustecken in seiner Freizeit – das finde ich ist das Besondere an dem Projekt. Und da bin ich dann auch schon sehr stolz drauf, dass es so leiwand geworden ist.

“Die paar lulu Songs da”

Wie ist die Produktion abgelaufen?

Kerim: Es war insofern wieder mal was Neues, weil ich mit dem Jörg ewig nichts mehr gemacht hab, also haben wir uns zusammen in den Proberaum gehockt und gespielt. Im Prinzip haben wir das so gemacht wie die meisten Bands – teils daheim arbeiten, teils im Proberaum. Das heißt die Songs die ich geschrieben habe, sind bei mir praktisch im Wohnzimmer entstanden. Beim Jörg im Speziellen haben wir uns dann im Proberaum verschanzt und alles gemeinsam ausgearbeitet.

Jörg: Jeder hat seine Hausaufgaben bekommen. Als wir den Bass produziert haben, hat das der Thomas im Alleingang zuhause gemacht. An einem Tag haben wir uns alle zusammengehockt und am anderen Tag den Bass getrackt. Dadurch, dass jeder von uns sehr eigenständig arbeiten kann, ist das ganze recht dezentral passiert. Es war nie so, dass wir alle vier in einem Proberaum gesessen sind und gemeinsam einen Song spielten. Das ist nie passiert.

Kerim: Man muss auch sagen, dass wenn wir das so gemacht hätten, wir bis heute noch nicht fertig wären. Da würde so viel Zeit draufgehen bis alle an einem Termin zusammenkommen. Außenstehende denken sich vielleicht: ‘Die paar lulu Songs da, das geht ja ganz schnell’. Aber es geht nicht nur um die Songs, es geht um die Message, um den Zusammenhang mit dem Artwork. Es muss alles passen, speziell bei diesem Projekt.

Jörg: Dazu kommt noch das ganze Soundbuildig – wie soll das ganze Ding klingen? Das was man hört und was man sieht auf einen Nenner zu bringen – das war die Challenge.

Thomas: Der Einzige, der die Hackn hat bei diesem Album ist der Kerim, eigentlich.

Kerim: Warum?

Jörg: Naja, du hast die physische Arbeit.

Thomas: Der Kerim hat die physische Arbeit. Wobei, auf die Trommel draufhauen kann ich auch.

Jörg: Die Arbeit hat der Breetzi auch, aber bei ihm hat’s nie so gewirkt als wäre es anstrengend. Der recordet seine Vocals im Sitzen!

Kerim: In der Unterhose!

Manège Noir 2

Jörg, Breetzi, Kerim und Thomas sind Manège Noir

“Ein Elefant rennt dir übers Gnack”

Warum klingt dieses wütende MMXV wie es klingt?

Thomas: Metal war immer schon geeignet dafür, gescheit mit dem Fuß auf den Boden zu stampfen und was anzusagen. Eben weil er schon immer einen gewissen Ruf des Outsiders gehabt hat – ideal um Leute vor den Kopf zu stoßen. Das hat sich heute aber leider geändert, das muss man auch sagen. Metal hat sich zu großen Teilen in Richtung Mainstream entwickelt, wie man beispielsweise an Metallica oder Slayer sieht – das hören “normale” Leute jetzt auch schon. Wir machen halt einfach Metal. Es kam uns nie in den Sinn das Ganze in Form einer Symphonie zu präsentieren. Das Feeling, dass das Thema hat, ist einfach kalt und trostlos. Diese kalten, trost- und hoffnungslosen Sachen laufen komplett falsch. Ich persönlich hätte mir kein anderes Format vorstellen können, als das, das wir gewählt haben. Das ist nichts bei dem ich happy Mukke machen will, das ist nichts bei dem ich grooven möchte. Das ist etwas wo ich sau-angefressen bin – Wenn ich darüber nachdenke, kommen mir die Adern aus dem Hals! Da will ich keinen Funk und keinen Jazz machen. Es ist fucking aggressiv, weils wirklich wütend macht. Und jeder der sich mit dem Thema beschäftigt, sollte wütend sein! Denn da gehts um sehr, sehr wichtige Sachen. Deswegen ist für unseren Zweck der Extrem Metal die beste Musikrichtung, die wir wählen hätten können!

Kerim: Wir wollten einfach dieses Trostlose, Monotone und diese Angepisstheit musikalisch untermalen. Es war klar: Es müssen grindige Akkorde, also ein hartes Stück sein! Diese Härte haben wir dadurch erreicht, dass wir einfach langsam sind. Und auch dadurch, dass wir 8-Saiter verwendet haben, die nochmals heruntergestimmt haben, so dass es eine ungewohnte Atmosphäre bekommt. Alles klingt tief und beängstigend, so als ob dir ein Elefant übers Gnack rennt.

Jörg: Manège Noir ist unsere Interpretation was klassischer Black Metal ist, nur halt in die neue Zeit gehoben. Dadurch ist es fast monoton. In manchen Reviews war genau das der Negativpunkt. Das eben zu wenig Variation da ist.

Kerim: Das wollten wir aber! Das war die Idee!

Jörg: Dieses repetitive, monotone ist ja recht typisch für klassischen Black Metal. Und man muss ja nicht in jeden Song alle möglichen Elemente die einem zur Verfügung stehen reinbuttern, nur um zu zeigen, dass man’s eh kann. Das wollten wir definitiv nicht. Das wäre nur reines Fanpleasing. Thomas, was sagst du zu den Reviews?

“Das war die Idee!”

Über Reviews

Thomas: Das Problem mit den Reviews war, dass die Leute schon mal so angefangen haben, vonwegen ‘die Supergroup von Jörg, Kerim und Breetzi’.

Kerim: De ja eh.. Vollidioten sein.

Thomas: Was ja eh auch stimmt. Aber das Problem war, dass die Leute erwarten haben, dass der Kerim jetzt eine Stunde durchblastet, der Jört Riffs schreibt, wo’s dir das Hirn weghaut und der Breetzi von cleanen Vocals bis zum tiefsten Growling alles macht. Das war aber einfach nicht die Idee, die Leute haben nicht verstanden oder berücksichtigt, dass die Intention nicht war, geheim die ärgsten G’schichten reinzupacken, sondern dass es einfach ein wirklich straightes Ding ist.

Kerim: Einfach simpel! Viele Leute haben nach diesen versteckten argen technischen G’schichten gesucht – die gibt’s aber nicht.

Jörg: 280er Sweeps und so!

Thomas: Wir wollen keinem Reviewer unterstellen, sie hätten’s nicht gecheckt. Aber viele Leute wollten da halt unbedingt etwas interpretieren, was einfach nicht da ist. War zwar zum Teil ziemlich amüsant. Aber die eigentliche Intention war halt nicht technisch das Ärgste rauszuholen, sondern eine Aussage damit zu machen!

Jörg: Es geht um Songwriting, Spannungsbögen. Solche Sachen.

Thomas: Durch die Band waren wir über jedes Review sehr happy. Wir sind happy mit jedem, der sich damit beschäftigt hat.

Kerim: Nächste Frage!

Manège Noir 1

“The In-The-Fress-Effect”

Wie viel vom Sound kommt aus dem Computer?

Jörg: Es ist tight eingespielt, aber nicht extra auf’s Grid editiert. Der Computer ist prinzipiell in jedem Aspekt drin. Gitarre, Bass und Drums sind direkt ins Interface rein. Der Thomas zieht immer ein bisschen, was die Songs ein wenig schneller macht, was cool ist. Editing-mäßig ist nicht so viel passiert – dem Norbert Leitner – unserem Produzenten – haben wir von Anfang an gesagt: ‘Bitte, bitte, bitte keine Schnittgewitter – nicht alles schön!’. Es soll dirty und nicht so aufgeräumt wirken.

Kerim: Es sollte natürlich modern klingen. Das bedeutet auch, dass es eine gewisse Tightness haben sollte. Vor allem bei dem Low Tuning hat man nicht viel Spielraum – wie modern macht man’s, wie viel Grind bringt man rein.

Jörg: Das sieht man beim Gitarrensound. Die ‘Fettn’ kommt von einem Amp und das definierte Hochmittige ist eine digitale Amp-Simulation. Das macht unseren Gitarrensound aus.

Kerim: Der Bass ist auch über ein Plugin. Ansonsten die üblichen Schmäh’s: Kompressoren, Reverb und so weiter. Aber es war uns wichtig, dass es eine gewisse Ehrlichkeit und Dirtyness drin hat. Dann wirkt alles auch noch härter, weißt du? Wenn man zieht oder langsamer wird – dann ist das wie eine Watsch’n, aber eben eine, die eine Millisekunde zu spät kommt.

Jörg: Auf einem Beat hast du dann mehr Fläche. Also nicht so Meshuggah-mäßig, wo alles auf dem Grid daherkommt, sondern es passiert ein bisschen davor und ein bisschen danach. Das macht den Punch ein bisschen fetter.

Kerim: Das nennt man auch den “In-The-Fress-Effect” – Copyright Stephan Grill.

“Das einzig Schöne an dem Projekt”

 Über die Bedeutung der schwarzen Manège

Jörg: Ohne jetzt auf einen spezifischen Song eingehen zu wollen: Ein Thema das die EP sicherlich normt, ist diese Opferhaltung. Diese ‘ach, die da oben sind so böse, und die machen alles Böse und die sind gegen mich und ich bin allein und ich kann nichts machen’. Dieses ‘Ach, ich Armer’ – was es ja nicht unbedingt ist. Sondern es ist noch immer die Masse der Leute, die mit ihrem lethargischen Verhalten des Nichts-tuns und des Passieren-lassens böse Dinge ermöglichen. Das steht über dem Ganzen. Opferhaltung. Dass wir Täter und Opfer zu gleichen Teilen sind. Darum gehts. Manège Noir ist die Metapher für dieses Zirkuskonstrukt, dass alles nur Schein, Trug und Ablenkung ist. Für das Weltgeschehen gibt es eine Bühne auf die alle schauen, wo das ganze Wichtige passiert. Es gibt verschiedene Darsteller, und einen Direktor – den ‘Evil Deceiver’, der das alles steuert.

Kerim: Und eine Band!

Jörg: Und eben ein großes Publikum, welches auf die Tricks hereinfällt. Und wenn du sagst, etwas ist schwarz, dann pervertierst du es eigentlich. Ein Zirkus sollte eigentlich einen positiven Vibe haben, außer jemand hat eine Clown-phobie – dann eher nicht. Und indem du einen Zirkus in ein dunkles Licht rückst, kann es auf einmal sehr bedrohlich wirken. Das ist alles Schauspiel, und es gibt einen Trick der alles verschwinden lässt.

Kerim: Es klingt einfach leiwand! Der Name ist das einzig Schöne an dem Projekt.

Jörg: So im Kontrast zur Mukke.

“Immer hinterfragen”

Von der Grenze zwischen Verschwörungstheorien und Mainstream

Jörg: Es gibt keine Grenze, es ist ein Bereich irgendwie. Wir sind uns alle einig, dass jede Form von Extremismus und Fanatismus kacke ist. Wenn sich da jemand zu sehr reinsteigert in diese Verschwörungstheoretikerkreise und sich dermaßen dagegenstellt, dann bauscht sich das selbst hoch, und er rutscht dann genau auf die andere Seite. Wenn er dann nur noch an seiner Meinung festhält, das ist dann genau so wie Mainstream Media, nur halt von der anderen Seite.

Thomas: Die, die damals sagten 9/11 wäre ein Inside-Job gewesen, erscheinen heute schon wieder in einem anderen Licht. Die Grenze ist teilweise kaum auszumachen und der Grat sehr schmal. Es gibt schon Leute, die versuchen an den Mann zu bringen, dass etwas ganz anderes am Werken ist, als man glaubt. Es ist nur schwer es als richtig oder falsch zu werten.

Kerim: Kritik ist so oder so wichtig. Wie es der Jörg schon gesagt hat, alles was fanatisch und extrem wird, egal ob links, rechts, oben oder unten, ist schlecht. Man sollte auf jeden Fall immer hinterfragen und nicht alles hinnehmen, was einem vorgekaut wird, was aus den Nachrichten oder dem Freundeskreis kommt. Man sollte darüber nachdenken und sich eine eigene Meinung bilden. Jede Form von Extremismus verfälscht die Wahrheit und kreiert Probleme, weil du deinem Gegenüber was aufs Aug’ drücken willst. Einfach mal reflektieren, vielleicht hat ja der Andere auch ein bisschen recht, vielleicht ist es nicht so dramatisch wie ich es sehe.

Thomas: Es gibt halt immer den Unterschied zwischen Menschen, die wirklich die Wahrheit wollen, und Leute die anderen ihre Meinung aufzwingen wollen. Letzteres ist immer falsch. Das ist für mich die Grenze zwischen Verschwörungstheoretikern und Menschen, die einfach nur wollen, dass die Wahrheit ans Licht kommt.

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Bonus

MMXV könnt ihr auf der Bandcamp Seite gratis herunterladen. Ein Geschenk an die Menschheit sozusagen.

Ein Review desselben findet ihr auf Stormbringer.at oder bei demonic-nights.at.

 

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