In der Doku „Weapon of Choice“ erzählt der Kärntner Regisseur Fritz Ofner von der Karriere der heimischen Glock-Pistole.

,,Weapon Of Choice” ist sicherlich eine der bedeutensten Dokumentationen zu Waffenherstellung und Waffenhandel, umso pikanter ist die Tatsache, dass das im Film behandelte Unternehmen ein österreichisches ist. In Deutsch-Wagram befindet sich das unscheinbare Fabrikgebäude, welches Jahr ein Jahr aus für die Erzeugung und den Export unzähliger Schusswaffen verantwortlich ist. Doch das Unternehmen ist nicht zugänglich, Nachforschende werden ignoriert oder verklagt.
Wir trafen den Regisseur und Autodidakt Fritz Ofner zu einem Gespräch im Wiener Café Weidinger.

Wie geht’s dir?

Ich bin ein bisschen erschöpft, die ganze Zeit Pressetermine und Publikumsscreenings. Der Film ist aktuell auf Pressetournee, letzte Woche hat er in England Kino-Release gehabt. Insofern geht es mir gut, aber ich bin etwas erschöpft von der ganzen Kino-Tour.

Ist ja nicht dein erster Film-Release, war das damals auch so ein Aufwand pressetechnisch?

Dieser Film hat viel mehr Relevanz in Österreich, insofern mehr mediale Aufmerksamkeit und einen größeren Kinostart. Ich hoffe auch, dass ihn viele Leute im Kino sehen können.

Dieser Film hat bis jetzt die größte Aufmerksamkeit erregt?

Genau. Gleich nach der Premiere dieses Filmes hat die internationale Presse darüber berichtet. Es waren Artikel in der Zeit und im Spiegel. Die Vorstellungen waren bislang alle sehr gut besucht. Es gibt ein reges Interesse der Öffentlichkeit daran, über dieses Thema Bescheid zu wissen. Das freut mich natürlich. Die Filme davor waren ja eher Nischenthemen und hatten nicht so einen breiten Zugang.

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Es hat ja sogar der Guardian drüber berichtet.

Ja genau. Das hat mich sehr gefreut, dass im Guardian eine Kritik dazu erschienen ist.

Gab’s aus dem nicht deutschsprachigen Ausland auch Interviewanfragen?

Interviewanfragen gab es noch nicht, aber wir arbeiten an einem internationalen Release, das dauert noch etwas. Da sieht es in ein paar Monaten vielleicht ganz anders aus.

Wird das dann mit Untertiteln ausgestrahlt?

Wir sind noch nicht sicher wegen der internationalen Verbreitung. Bislang wird meine Stimme untertitelt gezeigt, wir sind aber noch im Gespräch, ob wir für den internationalen Release meine Texte auf Englisch einsprechen, um den Film gerade im englischsprachigen Ausland leichter zugänglich zu machen. Das Ganze wird wahrscheinlich, weil ich doch einen ähnlichen Akzent habe, Werner-Herzog-mäßig klingen, aber das muss nicht unbedingt ein Nachteil sein, vielleicht ist es ganz lustig. Wir müssen es ausprobieren.

Du trittst im Film in Erscheinung, mit deiner Stimme aus dem Off. Wie kam es zu der Entscheidung, diese Parts persönlich einzusprechen?

Ich wollte einen Dokumentarfilm machen, der spannend wie ein Thriller ist, der in einer Film-Noir-Stimmung erzählt werden soll. Im Film Noir tritt der suchende Detektiv auf, der sich auf die Reise macht, um ein mysteriöses Vorgehen aufzuklären. In dieser Stimmung wollte ich den Film erzählen. Sowohl das Element, dass ich zum ersten Mal eine Off-Stimme verwende und den Text selber spreche, als auch die Art und Weise, wie ich die Kamera verwendet habe. Die Kamera ist im gesamten Film handheld, selbst bei Interviews, die irrsinnig lange gedauert haben, weil ich wollte, dass das ein sehr subjektiver Point Of View wird, wo die Kamera atmet, sie meine Bewegungen, mein Zittern mitträgt, und dass die Stimme immer wieder dazukommt, neue Informationen und Hinweise liefert und die Geschichte in eine neue Richtung drängt. Gleichzeitig bin ich aber auch abwesend, weil ich nicht vor der Kamera in Erscheinung trete, mich selbst nicht zum Thema mache, sondern wirklich nur der Observierende, der Wahrnehmende in dem Fall bin. Sechs Jahre hat der Film insgesamt gedauert. Fünf Jahre die Herstellung des Films, fast schon ein Jahr jetzt die Verwertung. Also insgesamt sind es sechs Jahre, die an Arbeitszeit in dem Projekt stecken.

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Woher kam dein erstes Interesse daran?

Zum einen bin ich in den 90ern mit Hip Hop sozialisiert worden, aus dem Hip Hop Kontext war mir Glock als Wort ein Begriff, weil das so inflationär im Hip Hop verwendet wird. Ich hab das zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht damit in Verbindung gebracht, dass das eine Waffe aus Österreich ist. Darauf bin ich erst gestoßen, als ich immer wieder in Kriegs- und Krisengebieten unterwegs war. Es hat mich überrascht, dass überall wo Krieg und Konflikt herrscht, wo geschossen wird, dieses österreichische Produkt bekannt ist, aber hier in Österreich, wo es hergestellt wird, ist das überhaupt kein Thema. Das hat mich sehr gewundert, da Österreich sonst sehr stolz ist über jeden noch so unwichtigen Beitrag zum Weltgeschehen. Als Arnold Schwarzenegger etwa eine Manner-Schnitte in Terminator 2 isst, war das eine große Geschichte in Österreich, dass die Glock-Pistole in hunderten Hollywood-Filmen auftaucht und in tausenden Hip Hop Songs besungen wird, ist hier eigentlich völlig unbekannt gewesen. Das hat mich neugierig gemacht, was die Hintergründe dazu sind. Ich habe zu recherchieren begonnen und war völlig erstaunt über die Geschichte von Gaston Glock, seiner Erfindung, wie sie sich weltweit verbreitet hat und wie es die Firma mit ihrer Medien-Politik geschafft hat, dass die Öffentlichkeit in Österreich so wenig zu diesem Thema weiß.

In deinem Werk wird mehrmals von unterschiedlichen Interviewpartnern betont, dass bei der medialen Erwähnung Glocks meist unverzüglich geklagt wurde. Hat sich Glock zu diesem Film geäußert?

Wir haben die Firma über das Projekt informiert und haben eine Interviewanfrage gestellt, als Antwort haben wir einen Rechtsanwaltsbrief bekommen. Dann war klar, dass die Firma in keinster Weise mit uns kooperieren wird, ganz im Gegenteil, trotzdem war klar, dass wir herausfinden wollten, wie diese Firma funktioniert. Wir haben es dann geschafft, zwei ehemalige hochrangige Mitarbeiter zu finden, die beide im Streit aus diesem Unternehmen ausgeschieden sind. Das ist natürlich gefärbte Information, die man von diesen Gesprächspartnern bekommt, doch gleichzeitig geben diese Erzählungen einen sehr tiefen Einblick darin, wie die Firma funktioniert, wie der internationale Waffenhandel funktioniert und insbesondere wie die Denkweise in dieser Branche funktioniert. Das hab ich schon sehr spannend gefunden.

Hast du dir auch überlegt, bei den Mitbewerbern Steyr nachzufragen?

Nein, es war klar, dass dieser Film rein über die Firma Glock ist. Vom Volumen her ist Steyr außerdem verschwindend klein im Verhältnis zu Glock, vielleicht ein Zwanzigstel der Zahlen. Glock ist der große Player in Österreich, was Waffen und Waffenexporte anbelangt und darauf wollte ich meinen Fokus legen. Ich wollte auch als erzählerisches Experiment untersuchen, welche Geschichten sich alle um diese schwarze Plastikpistole herum erzählen lassen.

Hast du jemals um dein Leben gefürchtet?

Die Dreharbeiten in Syrien, die es nicht in den Film geschafft haben, sind schon sehr brenzlig abgelaufen. Im Großen und Ganzen versuche ich in gefährlichen Gegenden Vertrauensleute zu finden, denen ich vertrauen kann, dass sie die Sicherheitssituation einschätzen können und dass sie auf mich Rücksicht nehmen. Deshalb gab es, bis auf die Dreharbeiten in Syrien, nicht wirklich akut brenzlige Situationen.

Was für ein Bild präsentierst du mit diesem Film?

Es ist ein Film, der den Waffen von ihrer Produktion in Österreich zu den Menschen und Orten folgt, wo sie verwendet wird, der aufzeigt, wie dieses Unternehmen zu diesem Global Player wurde. Aber es ist auch ein Film, der keine moralische Wertung mitliefern soll. Ich wollte Geschichten über diese Firma, über diese Pistole erzählen, ohne den Gestus eines Anti-Waffen-Aktivisten. Ich wollte einen Film machen, der den Zuseher in die Situation bringt selbst das Gesehene moralisch einordnen zu können und zu müssen. Ich erlebe das bei den Publikumsgesprächen, dass sich sehr lebhafte Diskussionen entwickeln, auch zwischen verschiedenen Standpunkten. Leute die pro Waffen, Leute die gegen Waffen sind, es entwickelt sich dabei ein Dialog. Weil der Film zeigt ohne zu werten, weil das Gesehene moralisch bewertet werden muss. Ich habe natürlich eine Meinung, die auch in den Montagen herauskommt. Mir war es wichtig, viele Zusammenhänge zu zeigen zum Beispiel wo die Waffe einschlägt und was das anrichtet, wenn die Kugel einschlägt. Ich wollte ein facettenreiches Bild rund um die Pistole zeichnen, ohne den erhobenen moralischen Zeigefinger und mit der Intention dem Zuseher selbst die moralische Wertung zu überlassen.

Auf der Webpage gibt es allerdings häufig den Vorwurf, dass der Film eine Anti-Waffen-Stellung beziehen würde. Wie kannst du dir das erklären?

Das Interessante ist, dass der Vorwurf von beiden Seiten kommt. Der Vorwurf, dass der Film anti-Waffen ist kommt häufiger. Es ist aber auch schon der Vorwurf gekommen, dass es eine Waffenverherrlichung ist. Im Publikum waren Friedensaktivisten und Anti-Rüstungsaktivisten, die diesen Film für ihre Arbeit verwenden wollten, aber auch Leute, die Glockbesitzer sind, die den Film als spannend empfunden haben, zwar als sehr kritisch, aber interessant. Jeder hat eine Meinung zu Waffen, auf die eine oder andere Art, weil es ein polarisierendes Thema ist. Der Film fordert heraus, die eigene moralische Position zu hinterfragen. Wenn er zu einem Dialog führen kann, dann ist das gut. Diese Kommentare auf Facebook, die sind fast ausschließlich von Menschen, die von dem Film gehört haben, ihn aber noch nicht gesehen haben. Wirklich interessant ist es dann, wenn man in Publikumsgesprächen erlebt, wie lebendig die Menschen diskutieren. Gestern etwa war ein 75-jähriger Glockbesitzer im Trachtenjanker, der aufgezeigt hat und sich pro Glock und pro Waffen ausgesprochen hat. Der ist nach dem Screening im Foyer mit einem 30-jährigen Hipster gestanden und sie haben sich angeregt über das Thema Waffenbesitz unterhalten. Der 30-jährige Hipster war pazifistisch eingestellt, der Glockbesitzer war pro Waffen eingestellt, sie haben sich lebhaft unterhalten. Wenn ein Film so etwas auslösen kann, einen Dialog zwischen sonst unversöhnlichen Lagern, dann hat er einiges geschafft. Das war gestern eine Szene, die mir richtig Freude gemacht hat.

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Stichwort pro-Gun: Die Darstellung von der US-amerikanischen Waffenkultur, die Dame mit Shootingrange, andererseits der Verkäufer mit seinem vollgepackten Haus, verstehst du jetzt nach den Dreharbeiten die amerikanische Waffenkultur besser oder kannst du dir so eine Waffenkultur in Österreich vorstellen?

Ich glaube, dass diese Waffenkultur so eng mit der amerikanischen Geschichte verwoben ist, dass man das als Europäer kaum nachvollziehen kann. Durch den zweiten Verfassungszusatz ist das Recht verbrieft, Waffen tragen zu können. Die Frage des Waffenbesitzes ist eng mit der Frage der persönlichen Freiheit verbunden. Das hängt natürlich mit der Geschichte Amerikas zusammen. Jetzt in Europa, wo wir immer ein stärkeres Gewaltmonopol des Staates gehabt haben, als es in den USA der Fall war, wirkt es auf uns Europäer natürlich befremdlich. Ich hab bei den Dreharbeiten immer versucht, wenn ich mit den Waffenbesitzern zusammen bin, dass ich meine moralische Wertung nicht in die Dreharbeiten mitnehme. Ich versuche, die Welt durch die Augen meiner Protagonisten zu sehen und das im Film weiterzugeben. Jeder von diesen Waffenbesitzern hat sehr unterschiedliche Argumente gehabt, wieso sie die Waffe verwenden. Für die Waffentrainerin ist die Glockpistole ein Mittel des Feminismus, um den Machtunterschied zwischen Mann und Frau auszugleichen, für den Waffenhändler ist das Argument der Angst ganz groß. Das ist etwas, was ich auch in Österreich spüre, die Verunsicherung, die immer größer wird, was dazu führt, dass sich immer mehr Leute bewaffnen wollen. Angst ist sicher eine ganz große Triebfeder. Bei dem ehemaligen Gangster, für den ist die Pistole ein Mittel, um gesellschaftliche Unterschiede zu nivellieren, ein gesellschaftlicher Aufstieg, der nur über die Verwendung der Pistole führt. Ich hab das spannend gefunden, mit welchen Bedeutungen diese Pistole aufgeladen wird. Was die Menschen darüber erzählen, erzählt in weiterer Folge sehr viel über die amerikanische Gesellschaft.

Je öfter man eine Waffe benutzt, umso süchtiger wird man, es ist sozusagen der Dämon in der Waffe. Ziehen solche Waffen schlechte Dinge an?

Das ist natürlich immer die Frage der Agency, ganz eine wichtige Frage. Wenn man es vollkommen wertfrei betrachtet, ist eine Pistole ein tragbares Tötungswerkzeug. Da ist keine moralische Wertung dabei, das ist die einzige Sache, die du mit einer Pistole machen kannst, die hat keine sekundäre Verwendung. Dieses Werkzeug macht etwas mit dir, es gibt dir Macht. Und je nachdem in welchen Händen, in welchem Kontext dieser Gegenstand dann auftaucht, macht er etwas mit dem Menschen. Ein bisschen, wie die Herr-der-Ringe-Diskussion. Dieser Ring gibt ihnen vermeintliche Macht, aber führt sie auf die dunkle Seite. In der Praxis ist es natürlich auch so. Wenn du eine Waffe zu Hause hast, besagt jede Statistik, dass eine Waffe den Haushalt nicht sicherer macht, sondern die Möglichkeit besteht, dass diese Waffe irrtümlich losgeht, in die Hände von Kindern kommt, jemand in einem Streit zu dieser Waffe greift, oder wenn er deprimiert und betrunken ist Selbstmord begeht. Die Wahrscheinlichkeit, dass das passiert, ist mit einer Waffe zu Hause natürlich viel größer. Insofern hat diese Waffe eine eingeschriebene Funktion, die zum Ausdruck kommen will. Leute auf dem Schießstand tun nichts anderes, als das Töten zu simulieren. Die Agency, die dem Objekt eingeschrieben ist, ist die Möglichkeit zu töten. Wenn die Möglichkeit präsent ist, ist die Wahrscheinlichkeit da, dass sie in diesem Sinne verwendet wird.

Ihr habt zwei Leute organisiert, die das Unternehmen im Streit verlassen haben, einerseits den US-CEO, andererseits Panama-Charlie. Wie lief das ab?

Nachdem klar war, dass von Glock niemand mit uns sprechen wird, aber es dennoch Teil des Films sein sollte zu verstehen wie dieses Unternehmen funktioniert, haben wir versucht ehemalige Mitarbeiter zu rekrutieren. Einer von ihnen, Paul Chinusa, wurde erst wenige Monate vorher aus dem Gefängnis entlassen. Ein Researcher in den USA hat Kontakt mit ihm aufgenommen. Er hat den Erstkontakt hergestellt, ich habe mit ihm lange am Telefon diskutiert, ihm vom Projekt erzählt. Er war bereit, seine Geschichte zu erzählen. Dieses Interview sieht aus wie ein Gespräch. Im Endeffekt haben wir an vier aufeinanderfolgenden Tagen, jeden Tag stundenlang miteinander geredet. Das Interview ist sehr lange geworden, sehr in die Tiefe gegangen. Im Film sieht man jetzt nur kleine Ausschnitte, aber er erzählt wirklich faszinierende Dinge, zum Beispiel das erste Mal als eine Glockpistole 1991 verwendet wurde. Dieser Amoklauf hat viel mediale Aufmerksamkeit bekommen. Der Umstand, dass dieses Verbrechen mit einer Glockpistole verübt wurde, hat viel dazu beigetragen, dass diese Waffe in den USA bekannt wurde. Die Leute sehen einen Amoklauf im Fernsehen, denken sich, der hat eine gute Waffe gehabt und kaufen diese Waffe. Das ganze wird zu einem wahnsinnigen Marketing-Effekt für den Waffenhersteller, was unglaublich perfide ist. Dieses Interview gibt einen guten Einblick in die Funktionsweise des Waffenhandels.

Der Zweite im Film, Charles Evett, Spitzname Panama-Charlie, war Treuhänder von Glock in Luxemburg. Den Spitznamen hat er, da er ein weltweites Netzwerk von Briefkastenfirmen aufgebaut hat, besonders in Panama, um Steueroptimierung zu betreiben. Evett habe ich im Gefängnis interviewt. Er war bereits 13 Jahre in Haft. Er wurde verurteilt einen Mordanschlag auf Glock in Auftrag gegeben zu haben. Dieser hat 1999 in einer Parkgarage in Luxemburg stattgefunden. Dort wurde Gaston Glock von einem ehemaligen Fallschirmjäger und Profi-Wrestler mit einem Gummihammer attackiert. Ein Vorfall, der extrem viele Fragen aufwirft, aber auch sehr tiefe Einblicke in die Welt des Waffenhandels gibt und in die Welt der internationalen Finanztransaktionen.

Diese Geschichte wirft viele Fragen auf. Wenn man einen Mordanschlag unternimmt, wieso mit einem Gummihammer? Es war ein reiner Indizienprozess. Spartacus hat nie zu Protokoll gegeben, dass er dort gewesen wäre, um Glock zu attackieren. Panama-Charlie sagte auch nie, dass er einen Mordanschlag durchführen wollte. Es gab einige Indizien. Panama-Charlies Visitenkarte wurde im Auto von Spartacus gefunden. Allerdings, welcher Auftragsmörder fährt mit der Visitenkarte des Auftraggebers zum Tatort, um dann mit einem Gummihammer den Anschlag zu verüben? Was für eine Geschichte! Es gibt total viele offene Fragen zu dem Thema. Es wurde vor einem Geschworenengericht in Luxemburg verhandelt und ist durch mehrere Missionen gegangen. Panama-Charlie und Spartacus wurden verurteilt, das ist Tatsache. Wir haben viel Zeit damit verbracht in Luxemburg die Akten zu sichten, Zeugen und Anwälte zu befragen. Allerdings können wir das 15 Jahre später auch nicht aufklären, das ist nicht unsere Intention. Diese Geschichte wirft allerdings ein interessantes Schlaglicht auf das Milieu des Waffenhandels. Tatsache ist, dass viel Geld geflossen ist.

Wie war die Trauerfeier für den schwarzen Jungen, wie bist du da dazugekommen?

Wir haben viel Zeit im Westen von Chicago verbracht. Die Westside ist eine Gegend mit hoher Gewaltrate, mit hoher Gangaktivität. Derek Shotgun Brown führt dort ein Boxprogramm in seiner Garage, um Kinder aus den Gangs herauszuholen: ,,Put down the guns, put on the gloves.‘‘ Der Kollege von Shotgun Brown, Reverent Robinhood, ist ein Prediger im schwarzen Anzug, ein ehemaliger Drogendealer. Die beiden versuchen gute Arbeit in ihrer Community zu leisten. Reverent Robinhood hat uns Zugang zu diversen Leuten in der Community verschafft. Wir haben viel Zeit mit den Protagonisten verbracht, mit den Kindern Shirts gemacht, Pizzaabende, viel abgehangen, damit sich die Leute an uns gewöhnen. Wir haben auch gewusst, dass der 4. Juli der blutigste Tag dort ist, der Unabhängigkeitstag. Unser Fokus war so oder so auf den Kindern, wegen der Box-Schule. Dort in der Nachbarschaft ist ein Siebenjähriger, Morry Brown, erschossen worden. Ihm ist im Endeffekt auch der Film gewidmet. Die Kugel hat eigentlich dem Vater gegolten, ein x-mal vorbestraftes Gangmitglied. Der Vater war mit dem Sohn auf der Straße, der Junge ist erschossen worden. Sehr oft kommt es zu Racheakten. Man redet nicht mit der Polizei, sondern nimmt das Gesetz selber in die Hand. Kurz darauf haben wir die Stadt verlassen, also wissen wir nicht, wie es ausgegangen ist. Aber alle haben uns gewarnt, dass es in den nächsten Tagen gefährlich wird, weil es zu Vergeltung kommen wird. Wir waren eben bei der Trauerfeier des Kindes. Die Trauerfeier war auch sehr an die Öffentlichkeit gerichtet. Es waren vier oder fünf Kamerateams dort, die live berichtet haben. Wenn ein siebenjähriges Kind erschossen wird, sind das selbst in Chicagos Westside große Nachrichten. Das stellt einen der wenigen Momente dar, in denen die Leute der Westside Aufmerksamkeit bekommen haben. Eine derart marginalisierte Gegend, sehr schlechte Jobaussichten, Bildung und Infrastruktur, deshalb wollte man dieses Leid wohl der Öffentlichkeit zeigen. Ich war bei der Trauerfeier mitten drinnen, hatte aber überhaupt nicht das Gefühl, dort nicht willkommen zu sein. Die Trauerfeier war an die Öffentlichkeit gerichtet und sehr ergreifend. Ich habe mit der Kamera zu zittern begonnen, der Gospel, der dort gesungen wurde, ist mir so in die Knochen gefahren. Ich bekomme jetzt noch Gänsehaut, wenn ich daran denke. Es war eine sehr ergreifende Situation.

Eine abschließende Frage noch: Wie viel Geld denkst du muss Glock spenden, damit er ein reines Gewissen bekommt?
(nach einer längeren Pause) Könnte man sich ein reines Gewissen mit Geld kaufen, hätte der Ablasshandel im Mittelalter auch funktioniert. Ich habe nie mit Gaston Glock gesprochen, aber das wäre eine der Fragen, die ich ihm gestellt hätte. Was zum Beispiel in seinem Kopf vorging, als er gehört hat, dass Breivik mit seiner Waffe 69 Kinder erschossen hat. Denn eigentlich hat Breivik gezeigt, wie effektiv die Pistole ist, wie schnell und zielsicher man damit schießen kann. Das wäre eine meiner Fragen an ihn, wie es ihm da geht, wenn er solche Dinge hört, wenn er hört, was mit seiner Waffe passiert.

Vielen lieben Dank!

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