Jedes Jahr aufs Neue wird Europa in eine regelrechte Manie getaucht wenn der Eurovision Song Contest ansteht. Das eine oder andere Mal war sogar was dabei, das man aus künstlerischer Sicht nicht mal als komplett belanglos abtun konnte – aber Europa war sich einig, dass der Sieger doch lieber aus der Schublade “Balladen der Subkategorie VII” zu ziehen ist. So musste ich miterleben als im Jahre 2000 der wundervolle Guildo Horn uns alle lieb hatte und seine Gefühle auf herzzerreissende Art und Weise nicht erwidert wurden. Alf Poier hatte 2003 mit seiner Ansicht, der Mensch würde zählen (was für Eier man auch braucht um so einen Unsinn zu verzapfen), leider auch nicht die Gunst der Volksmassen auf sich ziehen können. Drei weitere lange Jahre hat es dann gedauert bis sich 2006 dann endlich wieder mal etwas Licht auf die Mega-Stage gelegt hat und Finnland mit der Glam Metal Formation Lordi verdienterweise den ersten Platz abgesahnt hat.

Balladen und Song Contest – nicht zu trennen

Man merkt es mir schon an: ich habe für den Archetyp der Musikkategorie “Eurovision” – der verdammten Ballade – nicht einen Deut von Sympathie übrig, ja man kann sogar davon ausgehen, dass diese Antipathie auf den gesamten Event abfärbt. Das hat einerseits damit zu tun, dass es sich bei diesem Schauspiel von verklemmten Nationalismus in meinen Augen ja gar nicht um ein musik-zentriertes Ereignis handelt, sondern um einen Promo-Event der den pan-europäischen Pluralismus in ein Rüschenhemd ( an dieser Stelle sei nochmal auf die Ballade verwiesen ) steckt und mit einem herzhaften Tritt in die Rückenwirbel auf die Bühne der Weltöffentlichkeit kickt. Andererseits ist es genau diese Art von Musik, die dem Song Contest diesen Mindset anhängt, präzise in der vorgesteckten Comfort-Zone zu verharren. Zusätzlich dazu grenzen diese musikalischen Ausgeburten aus eben jenem konfliktscheuen Verhalten – bloss nirgends anzuecken, und ja möglichst die größtmögliche Masse für sich zu mobilisieren – an Tierquälerei, mit ihren unsäglichen Hochfrequenz-Duetten und überbordenden Synthie-Sonaten. Aber nicht zu viel sudern hier.

Pertti Kurikan Nimipäivät© by Tomi Tirkkonen

Und da kommen wir zum Kern der Sache

Heuer wird dieses Mega-Event in Wien abgehalten, nachdem sich unsere liebe bärtige Conchita letztes Jahr den ersten Platz in Kopenhagen ergattert hatte. Eigentlich wäre es mir auch heuer herzlichst egal, das Thema Song Contest – doch zieht Finnland mit einem überqualifizierten Beitrag meine Aufmerksamkeit auf sich – und auf einen klobigen Band-Namen: Pertti Kurikan Nimipäivät.

Meine Ohren leuchten auf als ich erkenne, welche fabelhafte Wahrheit sich hinter der Punk Band, die sich als PKN abkürzt, versteckt.
PKN ist ein vierköpfiges Gespann (Pertti Kurikka, Kari Aalto, Sami Helle und Toni Välitalo), wobei drei von ihnen das Down-Syndrom haben und einer Autist ist. Für sie ist Punk der Weg, um ihren Frust zu bekämpfen der sie im Alltag überkommt, wenn sie zum Beispiel mal keinen Kaffee serviert bekommen.

Allein dafür, den Mut zu haben, sich hinzustellen und als Quasi-Aussenstehender der Normalo-Gesellschaft zu präsentieren und laut ins Gesicht zu schreien: “Das geht mir am Arsch!” , allein dafür schon haben die Jungs Respekt und Wohlwollen verdient. Tatsächlich gibt es sogar einen Dokumentationsfilm über das Quartett welcher sich “Kovasikajuttu (The Punk Syndrom)” nennt und der „sehr schmalen Linie zwischen den sogenannten normalen Menschen und denen vom Rand der Gesellschaft“ Aufmerksamkeit verschafft. (Link führt zu einem Review auf variety.com)

Ehrlich gesagt kann ich es kaum nachvollziehen, wie es ist mit einer geistigen Behinderung zu leben. Aber ich denke mit einer “Handicapped Punk Band“ beim Eurovision Song Contest anzutreten erfordert eine ganze Menge Mut und vielleicht auch eine ganz ordentliche Portion Wahnsinn – im durchaus positiven Sinne.

Pertti Kurikan Nimipäivät

© by Tomi Tirkkonen

Die spinnen die Finnen

Kann es sein, dass die Finnen, die gerade einen Rechtsruck am politischen Parkett hinlegen, einfach den Stock trotz allem etwas weniger tief im Hintern haben? Zuerst Lordi, jetzt PKN – wo sind denn die Freaks aus den anderen Ländern? Warum bleibt es bei diesem einen Land das zum wiederholten Male eine kontroverse Musikantentruppe nach vorne schickt? Finnland zeigt, dass der Song Contest kein Konformisten-Festival für Hörgeschädigte sein muss, sondern durchaus eine Arena für gesellschaftlichen Diskurs sein kann. Und ich erwähne aus einem Grund nicht die Conchita und ihren Phönix in diesem Kontext: denn “Einmal ist Keinmal”. (Natürlich find ich die Symbolkraft die sie vor sich herträgt gut, denn auch die LGBT Leute haben Anerkennung und Respekt verdient – auch wenn ich Conchita’s Musik nicht so besonders finde.)

Ich will hier auch gar keine großen Anstrengungen unternehmen und versuchen den Song Contest mittels Suderei und Rumgerotze in eine bessere Richtung zu bewegen. Ich glaube dieser “Contest” ist den meisten Menschen die sich mit der Kunstszene auseinandersetzen ziemlich wurscht – maximal zu Belustigung wird reingezappt. Aber es wäre doch schön, wenn er seiner transnationalen Bedeutung gerecht werden würde und die Pluralität und Diversität Europas repräsentieren würde – nicht nur anhand von verschiedenen Volksmusik-Samples über den billigen Drumbeats – und das Ganze auch besser nicht zu ernst nimmt.

Pertti Kurikan Nimipäivät

© by Tomi Tirkkonen

Heuer gibt es keinen Wettkampf – Pertti Kurikan Nimipäivät haben schon gewonnen

Allein schon weil sie keine verdammte Ballade bringen. Und auch einen Daumen nach oben für die Finnen die nicht in guter Tradition irgendein Pop-Sternchen nach dem anderen auf der Eurovision Bühne verheizen.
PKN und Conchita Wurst haben gezeigt, dass es durchaus auch bei einem so banalen Ereignis wie dem Song Contest einen humorvollen, doch mit tiefer Ernsthaftigkeit beseelten Diskurs über gesellschaftliche Probleme geben kann. Das kann und muss so ein Event, wenn er schon dermaßen viel Zeit und Geld und Aufmerksamkeit verschlingt einfach bringen.

Und hier noch ihr prädestinierter Sieges-Hit:


PS: Ich mag Punk rein musikalisch nicht – darum enthalte ich mich an der Stelle eines Urteils über die musikalische Qualität der Truppe – aber seit wann geht’s denn bei ESC um Musik?

Vielen Dank an Li Nylen und Tomi Tirkkonen für die Bebilderung des Artikels! Schaut's mal bei ihnen rein, vor allem die Li hat noch viele andere coole Malereien auf ihrer Homepage am Start 😉

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