“From the dusty mesa her looming shadow grows” – pünktlich um 6 Uhr früh haucht mir mein Wecker eine Whiskeyfahne in Form des “True Detective” Titelsongs ins Gesicht. Eine freundliche Erinnerung den Bus nicht zu verpassen.

Ein paar Zigaretten und vier Schlafattacken später hocke ich mit Mothers Cake zum wiederholten Male in der verdammten orangenen Karosse. Ich fühle mich betrogen. Von Ruhm und Glorie, Nightlinern und fetten Bühnen war die Rede als man mir, die Augen wässrig, von der geplanten Support-Tour für Limp Bizkit erzählte. Und jetzt hocke ich in dieser rostigen Karre, auf dem elendig langen Weg nach Stuttgart – beschämt von meiner Naivität nicht imstande einfach die Tür aufzureißen und mit einem geschickten Abrollmanöver das Weite zu suchen. Als ich mir die Tränen aus den Augen wische formt sich in der Ferne eine Autobahnabfahrt. Wattens. Wenige Kurven später erblicke ich im goldig schimmernden Morgenlicht eine Flotte schwarzer Straßenkreuzer. Ein erleichterter Grinser formt sich in meinem Mundwinkel.

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WENN DEIN LEBEN IN JEMAND ANDERS KALENDER STEHT

Eigentlich konnte mir keiner der Band sagen, warum wir uns auf einmal in einem 26 Liter schluckenden 22-Tonner mit gefliesten Badezimmer und zwölf Schlafkojen befanden. Irgendwie wurde das ganze Spektakel auf mysteriöse Weise im Hintergrund eingefädelt. Nur eines war klar: die Band musste sich nicht wie branchenüblich bei der Tour einkaufen. Zweistellige Tausenderbeträge gehen da zuweilen über den Tisch, “nur” um sich der – nervös auf die “eigentliche” Band wartende – Crowd zu offenbaren. Wäre auch Irrsinn gewesen, zumal die Soundgenres von Limp Bizkit und Mother’s Cake – NuMetal und ProgRock – nicht zu 100% zusammenpassen. In der Szene spricht man da vom “Fit”.

Zwar war die Tour von vornherein schemenhaft klar – den genauen Timetable hatte jedoch maximal Manager Stefan im Blick. In dessen Kalender findet sich auch das Leben der drei jungen Musiker eher wieder als in deren Smartphones. Die Jungs wussten zwar welche Stadt, jedoch nicht unbedingt welche Art von Gig auf sie wartete. Warum auch – Crowd, Bühne, Equipment – und der Abend läuft. Auf den heutigen Auftritt in Stuttgarts Porsche Arena bereiten wir uns mit Dokumentationen über Meth brauende und exotische Flug-Schlangen snipernde Taliban in FullHD vor. Fahrer Dirk regelt das mit dem Kontakt zur Realität – Traktion heisst das im Fachjargon.

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In “Stuggi” angekommen, war zunächst mal Auskundschaften angesagt. Der Busfahrer hat sich schonmal aufs Ohr gehauen damit er seine gesetzlich vorgeschriebenen Ruhezeiten einhalten kann, die Band checkt Backstage, Catering und die Bühne aus. Das Timing ist gut, bald nach Ankunft gibt es den Soundcheck von Limp Bizkit zu hören, nachdem 73 “Yeah’s” die Line-Arrays ausreichend gepegelt hatten. Die Production-Crew lötet Kabel, stemmt Boxen – die Halle wird stundenlang mit Nebel aus der Maschine vollgepumpt. Wozu das – weiss wieder niemand. Bis ein Instrument in die Hand genommen werden muss, wird sich der große Zeiger noch einige Male im Kreise drehen. Das Warten macht die Leute mürbe – und die wohlwollende Ersatz-Mutter hinterm Catering-Stand rückt das Bier nicht sehr leichtfertig heraus. Auch sie hat das Ziel im Blick. Irgendwann darf auch Mother’s Cake ihr Setup checken. Der bandeigene Lichttechniker Joe gibt der Programmierung der custom-build Neonröhren-Lichtanlage den letzten Feinschliff. Von Firmwares und Patchen ist die Rede. Alles nicht so easy wie es am Abend den Anschein hat. Ganze zwei Stunden lang darf sich die Supportband um ihren Krempel kümmern – Monitore einrichten, Snares stimmen, Kabel verlegen, Reparaturarbeiten am Equipment durchführen. Ein Luxus der nur mit einer perfekt abgestimmten und hochproffesionellen Crew möglich ist.

Abgesehen von einem leisen “Servus” bei der Gulaschkanone und einem romantisch-flüchtigen Blickkontakt auf den Gängen des Backstagelabyrinths bekomme ich vom Star des Abends, Fred Durst, nicht viel mit. Abgesondert, auch von der restlichen Crew, lebt er mit seinen engsten Vertrauten woschenlang in dem schwarzen Strassenungeheuer und kommt nur hervor wenn das Essen duftet oder die Crowd kreischt. Wir Unwürdigen sind sowieso auf der anderen Seite der Arena – maximal weit weg vom VIP Bereich – untergebracht. Dafür näher am Catering. Kurz vor dem Auftritt des Headliners wird der Limp-Flügel der Porsche Arena zur “No-Flight-Zone” – denn Fred muss seine Kräfte sammeln um sie taktweise seinen Fans entgegenspitten zu können.

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Die große Digital-Uhr – der Herzschlag für die gesamte Crew –  zeigt viertel vor Acht – Showauftakt für die Tiroler. Jan’s Subbass Samples erfüllen die gesamte Halle und die Klangwellen beugen sich bis an die Bundesdeutsche Grenze. Joe macht sein Ding – und ohne es zu wissen haben er und ich einen Tanz zu tanzen – den Tanz der Photonenbändiger. Kein Patzer. Kein Tritt auf die Schuhe. Doch ich merke Verhaltenheit bei der Band – der “Fit” schlägt zu. Die erste Reihe, bestehend aus Hardcorefans, scheint die musikalische Darbietung der Vorband zu verschmähen. Ain’t nobody got time for that. Die wissen halt, dass ihr Fred und Konsorten hinter der Bühne bereits die Stimmbänder lockern. Nichtsdestotrotz –  wieder einmal eine fulminantes und vor allem sehr gut besuchte Mother’s Cake Show – wenn auch in der Bugwelle Limp Bizkits.

Die Zigarette nach dem Auftritt tut gut. Etwas Abwechslung vom Bühnennebel. Ich sponsor einen solchen raren Glimmstängel dem stämmigen Trucker aus England, der seinen Produktions-Laster gleich neben unserer mobilen Behausung geparkt hat. Es stellt sich heraus, dass er das eigentliche Mastermind hinter der ganzen Show ist. Er hat alle Karten in der Hand – oder besser das gesamte Equipment im Laderaum. Er macht das Ganze schon lange. Lässt sich nicht mehr stressen. Und kommt auch nie zu spät. Er erzählt gern – diesmal von seiner letzen Tour mit One Direction. Wie kacke er die findet, ausser dem Einen der sich dazu herablässt sich nach einem Konzert bei der Productioncrew zu bedanken. Er erzählt von den 167dB die ab dem ersten Anschlag bei einem ihrer Gigs aus minderjährigem Munde gemessen wurden und sogar einen komplett verpatzten Song überschrien – ein Jumbojet beim Abheben schlägt irgendwo bei 120dB aus. Und dass es bei diesen hysterischen Girlies smarter ist, sie bei drohendem Umfallen einfach am Boden aufschlagen zu lassen. Denn sobald man der Minderjährigen mit den Armen hinter den Rücken fährt, läuft man Gefahr sich eine Klage wegen Belästigung einzuhandeln, welche als Druckmittel benutzt wird um sich in den Backstage zu schleusen. Selbst ein Schild mit dem Bandnamen an der Windschutzscheibe eines Trucks kann bei falscher Vorgehensweise die Polizei auf den Plan rufen. Shit you not.

THE NIGHT IS HOLPRIG AND FULL OF TERROR

Um halb Eins in der Nacht heisst es “Call to Bus” – wer zu spät kommt, den fressen die Groupies. Kaum schlägt die Uhr zur vollen Stunde steigt Fahrer Dirk in die Eisen und peilt das nächste Ziel an. Hannover. Wir trinken im mobilen Wohnzimmer des mobilen Hauses die vernachlässigbare Anzahl an mobilen Bieren – die wir hastig der bereits putzenden Catering-Mama entreissen konnten – und bereiten uns auf das Hauptabendprogramm vor: James Bond Classics. “Dr. No” enttäuscht mit traurigem Boss-Fight – “From Russia with Love” lehrt erstklassigen Sexismus gepaart mit salonfähigem Alkoholismus. Ohh James! Eher früh wie spät werden die Kojen aufgesucht. Die Gefahr, beim nächsten Abheben mit dem Kopf anstatt im weichen Kopfpolster am – durchaus weniger weichen – Mittelgang aufzuschlagen wird gekonnt ignoriert.

Desorientiert und über-klimatisiert berühren meine Füße nach einigen Stunden den Teppich im noch dunklen Schlafabteil. Der ungewohnt ruhige Boden und die Tatsache dass ich das Motorengerumpel vermisse lässt mich annehmen, wir hätten unsere Destination erreicht. Die ungewohnte Abstinenz von Genussmitteln am Vortag schlägt sich nun in einer erfreulich guten Feinmotorik nieder, welche mir das Herablassen des ersten Kaffee des Tages erleichtert. Die getönten Scheiben lassen mich im Glauben, bei Verlassen des Busses im Pisswetter zu erfrieren. Doch als ich die Heimat auf Zeit verlasse verdampft mir fast der Kaffee aus der Tasse und es scheint als hätte Nord-Deutschland gar nicht mal so mieses Wetter. Eben jenes werden wir den Rest des Tages genießen. So früh schon “on location” zu sein bedeutet: Mehr James Bond – auschecken sämtlicher Catering-Variationen – vielleicht noch eine Doku schauen – bisschen Soundcheck – in der Sonne chillen. Der Tag schleppt sich so dahin. Und dann – Bumm: auf einmal Showtime. Da ich dieses mal die Chance nutzen wollte auch ein paar Fotos von Fred & Co. einzusammeln, musste ich mich durch die verhasste Konzert-Bürokratie kämpfen. Wobei der Kampf hauptsächlich darin bestand Chef-Producer Royal ausfindig zu machen und ihn einen Wisch zum Unterschreiben ausdrucken zu lassen. Letzten Endes macht mir aber meine kurzerhand geplante Abreise einen Strich durch die Rechnung, denn als mich Runner Robert zum Bahnhof bringen will, fängt die Show von Limp Bizkit gerade erst an. Viel Stress um (fast) nichts.

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Unterm Strich ist so eine aufwendige Tour doch ein sehr erfahrungsreiches Erlebnis. Nichts neues wenn man schon mal einen Gig in einer Absacker-Kneipe mitbekommen hat – aber einfach eine ganz andere Dimension. Man lernt viele tolle neue Fremdwörter – kommt mit Leuten aus der ganzen Welt des Rock in Kontakt und obendrauf bekommt man so schicke Access-All-Areas-Sticker die man sich auf die Hose kleben darf/muss – die dann genauso “restlos” zu entfernen sind wie der Tinnitus den man sich in den paar Tagen einfängt.

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