Das Ferry-Dusika-Stadion wurde über Nacht zu einem der zentralen Unterkünfte für Flüchtlinge in Wien. Als sich die politische Situation um Österreich änderte, mussten sich die Helfer und Bewohner, als auch die Funktion der Gebäude selbst anpassen. Eine Fotoreportage über die Transformation zur Dauerunterkunft. Geschrieben im Dezember 2015.

Weil er Krebskrank ist hat wer ein Zimmer zugewiesen bekommen. In Wirklichkeit ist es ein Umkleideraum mit gerade einmal fünf Quadratmetern - aber dennoch: In der Fun-Halle müssen sich ganze Familien mit weniger zurechtfinden.

Weil er Krebskrank ist hat “Hadji” ein Zimmer zugewiesen bekommen.

Tür Nummer 6. Mohammed drückt die Klinke hinunter und bittet hinein. In gebrochenem Englisch erklärt der grauhaarige Iraker das Zimmer, das eigentlich keiner weiteren Erklärung bedarf. Eine dünne Matte liegt auf dem Boden.  Die Sonnenliege lehnt in der Ecke. „Auf dem Boden ist es besser”, sagt er. Die Sitzbank vereint die Funktion des Nachttisches, Büros und Wohnzimmers. Es liegen Reisedokumente zwischen Erdnüssen und Medikamenten darauf. Die rot-blauen Spinde beherbergen sein Hab und Gut. Wie lange er noch auf diesen fünf Quadratmetern leben muss, weiß er nicht.

Im Ferry-Dusika-Stadion in Wiens zweitem Gemeindebezirk hat Mohammed Niasi Unterschlupf gefunden, nachdem er die Millionenmetropole Mossul im Norden Iraks verlassen musste. Hier vom Fenster des ersten Stockes aus sieht man gegenüber liegend die sogenannte Fun-Halle – eine Sporthalle für Jugendliche, in der knapp 400 Frauen, Kinder und Väter in einer improvisierten Indoor-Zeltstadt leben. Mohammed ist einer von über 9000 Irakern, die die beschwerliche Reise nach Österreich auf sich genommen haben, um letzten Endes hier um Asyl anzusuchen. Hadji – “der Weise”, wird er liebevoll von den Leuten hier genannt, auch wenn er noch nie in Mekka war. Er setzt sich auf eine weitere Liege, die sich gerade so in dem Kämmerchen aufstellen ließ. In seiner Linken, mit einem großen Ring verzierten Hand, hält er einen kleinen Plastikbecher – in der Rechten eine Flasche neun Jahre alten Chianti. “Mein erster Drink seit über acht Monaten.”, sagt er und schenkt sich großzügig ein. Hier oben im Zimmer können wir ungestört reden. Über seine Familie, seine Flucht und seine Einstellung zum Islam. Weil er Krebs hat, erzählt er, bekam er von den Helfern den Komfort eines Einzelzimmers zugesprochen. Privatsphäre ist ein Luxus in diesem Kapitel des Flüchtlingslebens.

Sieht aus wie eine Wartehalle – Ist eine Wartehalle

© Thomas Hennerbichler

© Thomas Hennerbichler

Die knapp 350 anderen Männer die im Foyer des Stadions seit Mitte September untergebracht sind, können diesen Luxus nur für ihre Zukunft herbeisehnen. Aneinandergereiht schlafen sie auf denselben dünnen Matten wie auch Mohammed. Wenn nicht gerade Hunderte Menschen ihr Notquartier im Stadion aufschlagen, wird hier jedes Jahr der zweitätige Rad-Grand-Prix Vienna ausgetragen.  Das Ferry-Dusika-Stadion ist Österreichs einzige Bahn-Radsport-Anlage. Die Wände wirken kühl – manchmal durchbricht in diesen Tagen eine Kinderzeichnung oder ein Schild in arabischer Schrift die Tristesse des Grau. Das Licht der Neonbeleuchtung scheint grell. 24 Stunden am Tag, es kann nicht abgeschaltet werden. Bierbänke stehen in Gruppen zusammen und dienen in erster Linie zum Essen. Nur wenige sitzen länger darauf. Viele schlafen, manche lesen. Auf der Theke liegen ein paar Romane in englischer Sprache. Wenn eine Fußballpartie übertragen wird, rollen die Helfer auch manchmal einen Fernseher herbei. Dennoch ist der Alltag vom Nichtstun geprägt. Tage-, wochen- oder gar monatelang hier ausharren – das verlangt nach einem starken Willen.

Manche Geflüchtete sind bereits Mitte September hier. Am 14. September wurden laut einem Artikel in der Tageszeitung “Der Standard” 19.700 durchreisende Flüchtlinge auf österreichischem Staatsgebiet gezählt. Einen Tag später haben der Fonds Soziales Wien gemeinsam mit dem Stadion-Management das Foyer und die Halle nebenan für humanitäre Zwecke zur Verfügung gestellt. Als Transitquartier sollte es den vielen Menschen, die aus dem Süden kamen, für ein paar Nächte ein Dach über dem Kopf bieten, sodass sie dann weiterreisen können. Zu Tausenden erreichten sie über die Balkanroute die österreichisch-ungarische Grenze bei Nickelsdorf. Nach einem Aufenthalt in der Hauptstadt zogen die meisten von ihnen weiter – nach Deutschland und den nördlicheren Regionen Europas. Die Situation hat sich geändert als Ungarns Premier Viktor Orbán am 16. Oktober beschloß, die Grenze mit Kroatien zu schließen. Somit wurden die Flüchtlinge nach Slowenien umgeleitet. Von nun an betraten sie Österreich über den Grenzübergang Spielfeld in der Steiermark. Das Ferry-Dusika-Stadion hat mit Orbáns Entscheidung seine Funktion als Transitquartier verloren. Es zeichnete sich jedoch immer mehr ab, dass auch die Deutschen – vor allem die Bayern unter der Regentschaft von Horst Seehofer – in ihrer Aufnahmebereitschaft nachließen. Das sprach sich auch bei den Flüchtlingen herum, von denen nun auch immer mehr in Österreich bleiben wollen. Ende Oktober wurden wöchentlich über 2000 Asylanträge gestellt.Die Helfer in der Transitunterkunft im Stadion und der Fun-Halle mussten sich nun auf eine neue Aufgabe einstellen: die Menschen ab sofort dauerhaft zu beherbergen.

“Tage-, wochen- oder gar monatelang hier ausharren – das verlangt nach einem starken Willen.”

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Foto: © Thomas Hennerbichler

Ohne Freiwillige wäre das alles nicht möglich

Felix Junger hat diesen Wandel in der Logistik mit organisiert. Der Mittzwanziger mit gepierctem Nasenflügel hat auf seinem Pullover Festivalbänder aufgenäht. Als die Freiwilligen des Stadions die Arbeit aufnahmen, kam auch er hierher um zu helfen. Über die Facebook-Seite “wir helfen” von der Caritas am Westbahnhof, hat er von der Eröffnung einer neuen Notunterkunft erfahren. Felix ist also zum Bahnhof gekommen, an dem zu der Zeit Tausende Flüchtlinge von der burgenländischen Grenze zu Ungarn nach Wien gebracht wurden. Dort angekommen, setzten sich Helfer und Flüchtlinge in zwei Busse, luden soviel Wasser, Lebensmittel und Hygieneartikel ein, wie nur irgendwie möglich, und machten sich auf den Weg zum Ferry-Dusika-Stadion. Das ist nun zehn Wochen her. Mittlerweile ist Felix Teil des Organisationsteams, welches etliche weitere Helfer, ehrenamtlich arbeitende Ärzte und Sachspenden koordiniert. “Das funktioniert auch ausgesprochen gut”, sagt er. Sichtlich erfreut erzählt Felix, wie es den Helfern einmal binnen fünf Minuten gelang zwanzig neue Duschvorhänge aufzutreiben. Dies ist nur eines von vielen Erfolgserlebnissen, die dem Engagement der vielen hilfsbereiten Menschen zu danken sind. Dabei spielt Social Media eine große Rolle. Beinahe täglich werden Erlebnisse und Hilferufe aus der Unterkunft über Facebook und Twitter geteilt. Gegenseitig greifen sich die Teams von verschiedenen Notunterkünften bei der Suche nach Freiwilligen unter die Arme. Auch nach vermissten Personen wird gesucht. Und besonders essentiell: Menschen, die Kleidung zu verschenken haben, oder einen gigantischen Topf Gulasch gekocht haben, melden sich auf der Facebook-Seite, um zu helfen.

“Der Staat ist überfordert. Das wissen wir. Doch damals, als es noch ein Transitlager war, hat man es eher verstanden, dass ein Großteil der Arbeit von Freiwilligen kommt”, sagt Felix. Er legt seine Stirn in Falten. “Doch jetzt, als Dauerunterkunft, mit Leuten, die in die Grundversorgung fallen und für die der Staat eigentlich zuständig wäre, wird es schwieriger zu verstehen warum wir noch hier sein müssen.”, sagt er und spricht das aus, was sich viele freiwillige Helfer denken.  Sobald ein Flüchtling einen Asylantrag stellt, hat er den Anspruch in die “vorübergehende Grundversorgung” aufgenommen zu werden. Die Leistungen umfassen Verpflegung im Wert von 5€ am Tag und ein Taschengeld in der Höhe von 40€ pro Monat, wenn er in betreuten Unterkünften wie dem Stadion wohnt. Darüber hinaus bekommt er auch, unabhängig von der Wohnform, medizinische Leistungen und Betreuung zugesprochen. Die Freiwilligen fühlen sich in dieser schwierigen Situation alleine gelassen. Ihre Kräfte schwinden langsam. Der “Sommer der Hilfsbereitschaft”, wie die Süddeutsche Zeitung in einem Artikel vom 21. Oktober titelte, neigt sich dem Ende zu. In dem Artikel bringen Freiwillige in Berlin ihre Enttäuschung und Frustration zum Ausdruck. “Man spürt, dass bei vielen die Luft raus ist. Es wird schwieriger Menschen zum Kommen zu motivieren. Sie nehmen sich Urlaub oder die Uni fängt wieder an”, sagt Felix und erklärt sich somit den Engpass an Helfern. Auch die emotionale Belastung wiegt schwer. Gelegentlich im Stress aufflammende, ethnische Konflikte trüben das Bild der solidarischen Harmonie. So viele Menschen verschiedenster Nationalitäten auf engstem Raum ohne Ausweichmöglichkeit zu beherbergen stellt das Gemeinschaftsgefühl auf die Probe. Im Ferry-Dusika-Stadion kümmern sich nicht spezialisierte Freiwillige um Menschen, die sich in prekärer Notlage befinden. Deutschkurse, psychologische und medizinische Betreuung sowie Kinderprogramme verlangen nach professioneller Unterstützung und staatlicher Finanzierung. “Es hat einen bitteren Beigeschmack, dass es in der Frage der Grundversorgung dermaßen auf die Freiwilligen ankommt”, resümiert Felix, “Dafür freut es mich umso mehr, dass es so gut funktioniert”.


“Es hat einen bitteren Beigeschmack, dass es in der Frage der Grundversorgung dermaßen auf die Freiwilligen ankommt”


Damit meint er zum Beispiel die von Freiwilligen fast jeden Tag veranstalteten Deutschkurse. Oder die vom ehemaligen Ladenbesitzer Ahmed in der Fun-Halle organisierte Kleiderausgabestelle. Diese quillt geradezu über mit gespendeten Jacken, Baby-Pyjamas und Unterwäsche. Beinahe täglich bringen Menschen Säcke voller Textilien. Mitte Oktober ist es um die Privatsphäre noch schlecht bestellt. Mit Liegen, Stühlen und Bänken werden kleine Hütten errichtet, die nur notdürftig eine Familie beherbergen können. Der Arbeitersamariterbund (ASB) hat von Beginn an die institutionelle Betreuung der Flüchtlingsunterkunft übernommen. Doch erst ab Anfang Dezember, als der ASB das freiwillige Organisationsteam auch immer mehr vor Ort abzulösen beginnt, kann man das Engagement auch räumlich spüren. Die Hilfsorganisation besorgt Stockbetten und Bauzäune. Kinder fahren nun auf Mini-Scooter durch die Gänge der neu errichteten Bauzaun-Parzellen. Ungefähr fünf Quadratmeter groß sind die aneinandergereihten Gehege, die mit Tüchern blickdicht gemacht werden. Die Halle fühlt sich täglich weniger an wie ein Zeltlager, sondern viel mehr wie die Gänge und Flure eines Wohnhauses. Neue, größere Waschmaschinen werden vom ASB herangeschafft. Man merkt den Entwicklungen an, dass sie auf eine längerfristige Betreuung der Flüchtlinge ausgelegt sind. Auch die Professionalisierung der Organisation ist zu spüren. So werden zum Beispiel die Zugangsregelung für Journalisten verschärft und regelmäßige Teammeetings optimieren den Ablauf. Jede noch so kleine Verbesserung hilft den hier lebenden Menschen.

“Fünf Quadratmeter groß sind die aneinandergereihten Parzellen, die mit Tüchern blickdicht gemacht werden.”

 

Limbo

Wird ein Asylwerber zum Asylverfahren zugelassen, wird er einer Unterkunft in einem der Bundesländer zugewiesen. Doch die Schutzsuchenden im Foyer des Ferry-Dusika-Stadions und der benachbarten Fun-Halle, insgesamt an die 800 Menschen, werden für unbestimmte Zeit hier improvisiert untergebracht. Bis weitere Unterkunftsplätze von den österreichischen Gemeinden und privaten Quartiergebern in Zusammenarbeit mit der Politik geschaffen werden. Viele nehmen dieses Schicksal resigniert hin. So auch der alte Niasi, der mittlerweile vor der Halle steht und mit seinen irakischen Freunden dem kollektiven Zigarettenkonsum frönt. Aus der Geldtasche zückt er eine weiße Karte. Wenige Flüchtlinge haben stattdessen eine graue, ziemlich viele dafür eine grüne Karte in ihrer Geldtasche. Die graue ist für subsidiär Schutzberechtigte. Die grüne Karte ist für Menschen die sich am Anfang der Zulassung zum Asylverfahren stehen. Wenn alles gut geht, wird die grüne gegen die begehrte weiße Karte ausgetauscht, so wie sie Mohammed nun in der Hand hält. Dieses Stück Plastik steht für zwei Dinge. Dafür, dass sein Asylverfahren im Gange ist und er für die Dauer des Verfahrens in die Grundversorgung aufgenommen wurde. Und dass er nun für unbestimmte Zeit im Limbo des Asylwerber-Statuses hängen wird. Bis irgendwann ein Urteil über seinen Schicksal gefällt wird.

“So I wait. Not a Problem”, sagt Mohammed schulterzuckend während er an der krummen, selbstgedrehten Zigarette zieht. Ein Junge mit einem Pullover der Band Walls of Jericho düst mit seinem Dreirad hinter ihm vorbei. Auf seinem Rücken steht zu lesen: “We’re all f*cked”.◼︎

Foto-Gallerie

Viele verschiedene Schicksale und Geschichten treffen in den Wartehallen des Ferry-Dusika-Komplexes aufeinander. Einige davon sind in den Bildunterschriften beschrieben. Auch ein herzliches Dankeschön an Thomas Hennerbichler, der auch maßgebend an der Bebilderung der Geschichte und der Idee beteiligt war.

 

Weiterführende Links

Artikel in der Tageszeitung “der Standard”: 200 000 Menschen auf der Flucht passierten im September Österreich (Gudrun Springer, 7.10.2015)

Über Subsidiär Schutzberechtigte: Webseite des Bundeskanzleramtes (Stand: 1.1.2015)

Über Ausweise und Dokumente im Asylverfahren: Webseite des Bundeskanzleramtes (Stand: 27.7.2015)

Statistik Austria: Asylanträge 2015 (vorläufige Ergebnisse) nach Monat der Antragstellung und Staatsangehörigkeit

About The Author

Julian Haas
Editor-in-Chief

Ursprünglich in der Nähe von Innsbruck, Tirol geboren, hat es ihn nach einer Weile in den Bergen in die einzige Metropole auf österreichischem Terrain gezogen. Nachdem er die Kamera für sich entdeckt hat und fünf Jahre später dem Journalismus verfallen ist, steht die Gitarre etwas mehr in der Ecke als üblich. Aber Doom, Breakbeat und Jazz gehören nach wie vor zum Workflow.

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