(Dies ist eine Übung für die Universität Wien // UE MUME 2016 – Khomenko)

Flink wühlen sich Tobias’ Finger durch die Platten. Mit konzentriertem Blick versucht er wieder ein Schnäppchen aus dem unendlichen Meer an Langspielern zu fischen. Er ist auch immer auf der Suche nach Veröffentlichungen des Labels “Constellation Records”. Aber heute hat er kein Glück. Vielleicht war schon jemand anders schneller, vielleicht ist er einfach in den falschen Laden gegangen. Unverrichteter Dinge zieht der Liebhaber analoger Tonträger-Kultur wieder von dannen, die Tür klingelt beim rausgehen einmal leise

Unauffällig schmiegt sich der SUBSTANCE Record Store in die Fassaden der Westbahnstrasse ein. Man könnte dreimal daran vorbeilaufen, ohne auch nur den Hauch einer Ahnung zu haben was man denn dabei verpasst. Drinnen tut sich ein Universum an Musik auf. Auf Vinyl und Plastik, sogar auf Magnetband kann man hier noch Werke von Künstlern aus aller Welt erstehen. Wirkliche Individualisten haben noch den Kassettenspieler zuhause, der Weihnachtsshopper im Stress greift zur CD – der Kenner und Aficionado allerdings, der landet früher oder später bei den auf Vinyl gepressten Langspielplatten.

Wenn er sich nicht gerade auf seine Nachtschicht im Wiener Club “Grelle Forelle” vorbereitet, steht Wolfgang Auer – kurz Wolf – im Substance hinter dem Tresen und versorgt die Besucher mit Schwarzem Gold und seiner Expertise. Auch wenn er ungern Hörtipps gibt, weil er der Meinung ist, dass es keinen Sinn macht sich über den Geschmack eines Anderen ein Kaufverhalten anzueignen, hat er doch einen beachtenswerten Einblick in das Getümmel auf dem Schallplattenmarkt.

Und das Getümmel wurde in den letzten Jahren immer mehr. Dass die Schallplatte zurück ist, obwohl sie nie weg war; das wird seit Jahren immer wieder gerne in der Musikpresse verarbeitet. Doch das Volumen, mit dem die Vinylproduktion seit ihrer Renaissance im Jahr 2007 mittlerweile aufwarten kann ist noch viel beeindruckender. Jahr für Jahr werden mehr Platten gepresst, und mehr Platten verkauft. Im Dezember 2016 hat in Großbritannien die Schallplatte sogar mehr Handelsvolumen als Digitale Downloads. Auch dadurch, dass sich Streaming auf Platz Eins geschoben hat.

Anteile physischer Tonträgermarkt in Österreich (Quelle: ifpi.at)

Jonathan Gabler, Chef des Wiener Rock-Labels Panta R&E, sieht allerdings auch eine Gefahr in der schnellen Expansion des Marktes. “Man hat in der Szene schon Sorgen vor einer Blase”, dämpft er mit Nüchternheit die Euphorie. Denn auch wenn viele Indie-Labels und -Bands sich das in Rillen-ins-Vinyl-Ritzen immer öfter antun, und immer weniger auf den Chargen sitzen bleiben, so sind es die Major Labels – Warner Brothers und Sony um nur die größten zu nennen – die auf längere Sicht den Vinylmarkt eventuell wieder in die Liebhaber-Ecke verdammen könnten. Denn es waren vor allem Nachpressung bereits auf CD erschienener Werke und Bestseller Alben, welche die Anzahl der auf dem Markt befindlichen Langspieler in den letzten Jahren so schnell ansteigen ließ. Wenn die Majors ihre Aufträge wieder reduzieren würden, drohe der Kollaps. Falls all diese Nachpressungen nicht den durch den aktuellen Boom erwarteten Verkaufszahlen gerecht werden können, sind die Presswerke, die nach Jahrzehnten des Dahinvegetieren wieder große Investitionen in die Infrastruktur tätigen, in der unsäglichen Situation Kapazitäten zu unterhalten welche die kleineren Indielabels nie ausfüllen werden können.

Aber darüber macht sich im SUBSTANCE niemand wirklich Gedanken. Hier in der Wiener Westbahnstrasse freut man sich, dass das Lieblings-Musikmedium wieder die Beachtung erfährt, welches es sich verdient. Das Schöne am Vinyl, da sind sich alle einig, ist, dass man wieder etwas in den Händen hält: das große Cover, das Herausnehmen der großen schwarzen Scheibe und das bedachtsame Niederlegen auf den Plattenspieler um die Nadel mit einem dumpfen Geräusch auf die Rillen zu legen. Und jetzt laufen die Geschäfte mit dem Schwarzen Gold auch wieder ganz ordentlich. Ungefähr die Hälfte des Umsatzes macht SUBSTANCE aber nicht im Laden, sondern per Mail-Order. DISCOGS heisst die Plattform, welche als Ebay für LPs am treffendsten umschrieben werden kann. Hier treffen Privat- und Geschäftsanbieter auf eine stetig steigende Anzahl an Diggern – den Goldgräbern der Vinylszene – um zum Teil für exorbitante Summen Schallplatten auszutauschen. Eine ungespielte Jazz-Rarität kann auf Preise im Tausend-Euro Bereich emporklettern. Platten können, etwas Verständnis für die Materie vorausgesetzt, als Wertanlage dienen.

Plattenläden in Wien

“Wenn das Geld mal knapp ist, verkaufe ich halt mal ein, zwei Platten”, meint Corinna, selbst Verkäuferin im SUBSTANCE. Auch wenn man damit nicht schnell reich werden kann, so hilft Einen ein bisschen Feingespür am Plattenmarkt über das eine oder andere Budgetloch hinüber. “Besonders Jazz-Reissues, die gerne von alten, reichen Männern gesammelt werden, lassen sich gut verkaufen. Und Metal. Denn die Ur-Metaller sind mittlerweile auch schon Fünfzig und haben Geld. “, erklärt Corinna ihre Anlagestrategie.


 

Tobias ist mittlerweile zuhause angekommen. Auch wenn er diesmal keine Neuentdeckung zwischen die anderen 300 LPs einreihen kann, hat er noch Ungeöffnetes von letzter Woche rumliegen. Kurzerhand reisst er das Plastik herunter, hievt die violett schimmerne Debutplatte der italienischen Math-Core-Band ZEUS mit geschickten Bewegungen aus der Hülle auf den Plattenteller und meint: “Das interessante ist übrigens, dass ich mir bei Vinyl die Songtitel nicht mehr merke. Ich weiss nur noch die Rille“. Dann beginnt die Scheibe sich zu drehen. Es knistert.