Nach ihrem Durchbruch vor drei Jahren melden sich Twenty One Pilots mit einem neuen Album zurück. Auf der Suche nach einem authentischen Weg vorwärts, führt das US-Duo mit ihrer fünften Platte „Trench“ seine Hörer in eine dystopische Welt der Allegorien. Mit gedämpfter Stimmung und detailreicher Produktion finden Tyler Joseph und Josh Dun ihren Weg, jedoch nicht ganz den, den so manche Interessensgruppen in ihrer Hörerschaft für sie gewählt hätten.

Der durch ihr viertes Album „Blurryface“ initiierte, raketenhafte Aufstieg der amerikanischen Band Twenty One Pilots verblüffte so einige. Von einer Genre schmelzenden Undergroundband, die sich selbst einmal scherzend als „Ukulele-Screamo“ bezeichnete, hin zu einem der gefragtesten modernen Pop und Rock Acts, war es ein ungewöhnlicher, wie rapider Werdegang. Doch irgendwo zwischen Tauchgängen in dutzende Genres wie Rap, Rock, Pop, Pop & Electronica, exzessivem Touring mit einer der besten Live-Shows aktueller Bühnen, und einer der intensivsten Fangemeinden der Musikwelt, kam der Durchbruch. Der unglaublich eingängige Mega-Hit „Stressed Out“ katapultierte Twenty One Pilots auf Nr. 2 der amerikanischen Billboard Charts und in den aktuellen Pop Zeitgeist. Dies auch noch deutlich intensiver, als so einigen klar war. Mit ihrer Fusion von modernem Pop-Rap und der Emotionalität, sowie Melancholie einer 2000er Emo-Band, spielten sie eine bedeutende Rolle für den Aufstieg des Emo-Raps, welcher zurzeit in den US-amerikanischen Charts breite Wellen schlägt.

Durch den spezifischen und rapiden Anstieg ihres Popularitätsgrades, entstand auch eine spannungsreiche Dreiteilung in ihrem Ruf: Den treibenden Wind hinter ihrem Erfolg bildet die „Skeletton Clique“, die Twenty One Pilots Die-Hard Fangemeinde, welche die Band lauthals repräsentieren, sei es, in ausverkauften Konzerthallen oder in Internet-Tastenkriegen gegen jeden, der die Werke der Band nicht zutiefst verehrt und wie religiöse Texte minutiös analysiert. Einen weiteren Erfolgsfaktor stellen die Menschen in den Wogen des Pop-Zeitgeists dar, die schnell Interesse an den eingängigen Refrains der Band fanden und dadurch für den Sprung in das ganz große Rampenlicht verantwortlich waren. Kritiker und Musik-Nerds hingegen, belächelten zu weiten Teilen den hyperaktiven Genre-Mix der Band oder verrissen ihn glatt.

Am Ende des äußerst erfolgreichen „Blurryface“-Album-Zyklus, standen Tyler Joseph und Josh Dunn unter dem Druck des Follow Up-Records, um ihre Pole-Position in der Indie-Musikwelt zu halten oder den Vorsprung weiter auszubauen. Nach einem Jahr der Stille kehrten sie im Juli diesen Jahres mit zwei großen Singles und einer äußerst kryptischen Webseite – welche die „Clique“ sofort nach Hinweisen zu durchforsten begann – auf die Bildfläche zurück. Sie bildeten die Vorboten ihres äußerst konzeptionellen 5. Albums „Trench“. Dies eröffnete durch Erwartungshaltung geprägte Fragen: Welchen Teil der Trichotomie ihres Ruhms werden sie ansprechen? Wird das Album alternativ oder poppig? Wird es einen neuen Hit in der Größe von „Stressed Out“ geben? Wird es „Blurryface“ übertrumpfen? „Trench“ beantwortet all diese Fragen – jedoch anders als erwartet.

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Die Eröffnung des Albums bietet der Alt-Rock Brecher „Jumpsuit“ mit verzerrten Bass Riffs, die auch auf einem Royal Blood Album ihr Zuhause finden könnten. Verbunden werden die Ausbrüche der Riffs durch druckvolle, sowie zarte Passagen, mit einer feinen und detaillierten Sound-Produktion. Wie zB. die Bridge in der Tyler Josephs Stimme ätherisch über die Spannung des Songs gleitet, bevor sie in einem finalen Riff-Angriff in Schreien explodiert, welche an die Screamo Bands der 2000er Jahre erinnern. So verspricht „Jumpsuit“ zu Beginn des Albums einen Tauchgang in Twenty One Pilots düstere, alternative Gefilde. Jedoch folgt „Trench“ nicht den Rock-Wurzeln des Openers, sondern fokussiert die alternative Seite der Band durch intelligentes Songwriting, clevere Texte und detailreiche Produktion.

Song 2 „Levitate“ zeigt diese Stärken durch ein Feuerwerk von Rap-Versen und fantastischem Sound-Design auf. Der Text des Liedes zieht den Hörer immer weiter in das Konzept des Albums hinein. Dieses präsentiert die dystopische Welt der DEMA, eine adaptierte Form der Dachma, die zoroastrischen Türme des Schweigens, welche vorrangig als Himmelsbestattungsstätten dienten. Die Körper der Verstorbenen wurden hier unter freiem Himmel aufgebahrt, um von Aasvögeln „in den Himmel getragen“ zu werden. Dies präsentiert sich im Album als eine Allegorie für die Welt der modernen Popkultur und deren Umgang mit Depression. „Neon Gravestones“ bildet das Herzstück dieser Thematik. Hier spricht Tyler Joseph über mediale Glorifizierung von Suiziden in der Musikwelt („My opinion, our culture can treat a loss like it´s a win; and right before we turn on them we give them the highest of praise and hang their banner from the ceiling, communicating, further engraving and earlier grave is an optional way, no.“), sowie von seinen eigenen Gedanken der Angst, Musikern wie Chester Bennington und Chris Cornell zu folgen. („Neon Gravestones try to call for my bones“). Dadurch wird „Neon Gravestones“ zu einem Statement, die Möglichkeit dieses Weges wegen der Entsagung jeglichen Ruhms, der von seinem Suizid kommen könnte, nicht zu akzeptieren. („Promise me this If I lose to myself you won´t mourn a day, and you´ll move onto someone else.“).

Die Vorabsingle „Nico And The Niners“ geht näher auf die Geschehnisse in der DEMA Welt ein. Ein Song, der an die Durchbruchssingle „Stressed Out“ erinnert, jedoch lyrisch, anstelle eines Nostalgietrips, kryptische Passagen über den Verlass der DEMA und den Beitritt der Untergrundbewegung Banditos enthält. Auf diese geht auch der gleichbetitelte Song „Banditos“ näher ein, welche Tylers Unterstützer und die „Skeletton Clique“ verkörpern. Das Konzept bleibt auch hier vorrangig allegorisch. Eine Entscheidung, die sich durch das ganze Album zieht. Die Details der Geschichte überlässt Tyler Josef dem Hörer. Dies jedoch führt an Ecken des Albums zu einem sehr losen Umgang mit seinem Konzept. „Smithereens“ ist ein niedliches kleines Liebeslied über Tyler Josephs Ehefrau, das gute Sounds bringt, aber weder klanglich noch inhaltlich ganz in das Album hinein passt. Ähnliches gilt für das Pop-orienterte „The Hype“, ein von Tyler Josephs Ukulele geführter Song, der einen weiteren Schub von Positivität in die Klangwelt des Albums bringt, welches sich sonst in gedämpfte Sounds und Melancholie hüllt. Jedoch bringt er wenig Katharsis, sondern klingt einfach etwas uninspiriert. Ebenso der Song „Cut My Lip“, welcher trotz großartiger Produktion, wie eine „Blurryface“ B-Seite klingt. Die Aufgaben des positiven Ukulele Songs und des Tributes an vergangene Alben erfüllt der Song „Legend“ deutlich besser. Dieser zeigt eine rührende Hommage an Tyler Josephs Großvater, der durch seine Abbildung auf dem 3. Album „Vessel“ große Beliebtheit in der Fangemeinde erlangte.

Auch etwas außerhalb der DEMA Geschichte präsentiert sich der Song „Pet Cheetah“, der jedoch durch ein fantastisches Zwischenspiel, von einem getragenen Mitsingrefrain und Phasen von düsteren Produktionsangriffen, mit der besten Soundgestaltung des Albums zu einem absoluten Highlight dessen wird. Thematisch beschreibt der Song die kreative Schaffensphase des Albums. Im Kontrast zum Vorgängeralbum, an welchem mehrere erfolgreiche Produzenten mitdokterten, produzierten Twenty One Pilots „Trench“ in Eigenregie in Tyler Josephs Heimstudio. „Pet Cheetah“ zeigt in seiner Klangdichotomie den Balanceakt der Schaffenskreativität zwischen einer fokussiert-analytischen Arbeitsweise und obsessiven Phasen „am Rande des Wahnsinns“ – welche Tyler Joseph für tagelange Strecken ohne Pause im Studio durchhielt.

Auch in den Pop-Orientierten Songs „Chlorine“ und „Morph“ zeigt die Band ihre Fähigkeit, eingängige Melodien mit kreativem Songwriting zu kombinieren. Hier erkennt man deutlich die Elemente, die zum Erfolg von „Blurryface“ führten, jedoch verfeinert durch einen Fokus auf dezente, detailreiche Entwicklungen in den Songs. „Leave this City“ bildet den Ausklang des Albums. Ein spannungsreicher Song, der nicht ganz zu dem Klimax kommt, den er verspricht, dadurch aber wie eine Überleitung in das, was die Hörer der Band in Zukunft erwarten wird, wirkt.

„Trench“ präsentiert sich als thematische, sowie klangliche Fortsetzung von „Blurryface“, jedoch mit weniger Fokus auf Pop-Sensibilitäten und direkt-mitreißendes Songwriting. Im Gegenzug setzt das Duo auf ein erweitertes Klangdesign und subtilere Spannungsbögen der Songs. Ein Wandel, der in der Dreiteilung ihrer Hörerschaft neugewonnene Reaktionen zeigt. Die kritische Rezeption des Albums zeigt deutlich positivere Ergebnisse als beim Vorgänger. Auf der anderen Seite, blieb im Aufbau zum Release des Albums und auch jetzt in den Wochen danach, der große Sprung an die Spitze der Charts aus. Die „Clique“ taucht währenddessen wie ein Bibelkreis tief in die konzeptuellen Tiefen des Albums ein und zeigt sich bereits extrem textsicher in Youtube-Videos der aktuellen Tour – wie immer eigentlich.

Für mich – irgendwo zwischen Kritiker und Casual-Fan – bringt das Album einen gelungenen Mix aus Konzept, eingängigen Melodien und fantastischer Produktion, jedoch werden manche Songs klar von anderen überstrahlt. „Trench“ zeigt sich so als ein vielseitiges Album, das Qualität für die meisten Hörer bringt, egal wo sie sich in der Trichotomie befinden.

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