Kaum eine Band polarisiert die Metal-Szene so sehr wie die schwedischen Maskenträger Ghost. Harsche Instrumentationen, die auf jeder Metalplatte ein Zuhause finden würden, hoher Singsang über dämonische Machenschaften und den Leibhaftigen, dazu poppig-eingängige Refrains, auf die selbst die Landsleute ABBA neidisch wären – das und noch wesentlich mehr lässt sich auch auf dem neuesten Werk Prequelle finden.

Ad Mortem Festinamus mit Saxophon-Solo und einem Haufen Ratten

Möchte man über das neue Werk des schwedischen Projekts Ghost sprechen, muss gezwungenermaßen auf die jüngsten Vorfälle im Umkreis der Band eingegangen werden. Tobias Forge, der lange Zeit als Sänger der Band galt, wurde verklagt. Was im Musikgeschäft nicht ungewöhnlich scheint, erhält jedoch einen bitteren Nachgeschmack, wenn dazu erwähnt wird, dass niemand geringerer als seine vorherigen Band-Mitglieder gegen ihn Klage erhoben haben. Turbulente Zeiten für Herren Forge also.

Ghost, eine Band, deren Bühnenshow und Auftreten auf den ersten Blick mindestens ebenso wichtig für ihren künstlerischen Erfolg scheint wie ihr musikalisches Schaffen an sich. Da wäre einerseits der ‘‘ständig wechselnde‘‘ Leadsinger, welcher mysteriöserweise nach jedem Wechsel die gleiche dünne, hohe, leichte, schrille Stimme behält – aber das kann doch nur Zufall sein! So wurde der bis vor kurzem noch als Leadsänger angeführte Charakter Papa Emeritus durch den scheinbar jüngeren und unerfahrenen Cardinal Copia ersetzt. Der komischerweise auch fast wie die Papas vor ihm klingt. Als Spiegelbild der römisch-katholischen Kirche ist der Cardinal selbstverständlich niederrangiger als die Papas vor ihm, die am Anfang einer Bühnenshow in voller Papstmontur die Feierlichkeiten zelebrieren – inklusive des groß prangenden Petruskreuzes aus dem Ghost-Logo auf der Mitra. Aber was nicht ist, kann ja noch werden. Vielleicht entscheidet sich Forge den doch deutlich jüngeren und mobileren Cardinal-Charakter länger als für ein Album beizubehalten, und ihn schlussendlich doch zu einem ‘‘echten‘‘ Papa zu ernennen – man darf gespannt bleiben. Möchte man mehr über die Hintergrundgeschichte und den Mythos hinter der Band erfahren, kann an dieser Stelle auf diverse Social Media Posts verwiesen werden.

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Andererseits – und da haben wir auch die Verantwortlichen der eingangs erwähnten Klage – sind da noch die sogenannten ‘‘Nameless Ghouls‘‘, welche die Begleitband für Tobias Forge stellen. Allesamt wie Papa hinter einer Maske verborgen, Masken, die sich gleichen, um die Uniformiertheit und Namenlosigkeit noch zu unterstreichen. Kleine Hörner ragen aus der Renaissance-Engeln nachempfundenen Maske, über stilisierte Münder verfügen sie nicht – ein weiteres Merkmal, um ihre Austauschbarkeit zu suggerieren.
Nun möchte man meinen, unter den Masken könnte man nach Bedarf jeden technisch versierten Musiker stecken – und tatsächlich dürfen auch schon einige Größen wie etwa Dave Grohl mit Forge auf der Bühne gestanden sein, unerkannt allerdings. Die Kernbesatzung dürfe jedoch von Opus Eponymous (dem ersten Album, 2010) bis Meliora (dem dritten Album, 2015) weitgehend gleichgeblieben sein. Forge solle laut Aussage der Kläger Gelder unterschlagen haben, und Ghost eher wie ein Solo-Projekt mit Leihmusikanten geführt haben, obwohl die Bandmitglieder kreative Beiträge zum Songwriting geliefert hätten.
Wie diese Verhandlungen verlaufen, wird sich noch herausstellen, was mit Album Nummer vier, Prequelle, allerdings gewiss ist: Ghost IST Tobias Forges Solo-Projekt. Und es gibt wenig, was Tobias Forge auf diesem Album nicht tut, und noch weniger, was nicht gelingt.

Eat me, drink me

Fans bangten nach der Meldung, die Kernbesetzung hätte Ghost verlassen, verständlicherweise ob der Qualität des Songwritings. Unkenrufe und nahezu Schadenfreude stellte sich ein, dass Forge nun wohl ohne kreativen Input seiner ehemals anonymen Mitschreiber wohl ein wenig auf dem Trockenen sitzen würde. Sämtliche Zweifel können allerdings mit Prequelle ausgeräumt werden.

Schwer fällt es, separate Songs aus dem Gesamtwerk auszuwählen, einerseits, da die Länge in Ghost-üblicher Manier mit 10 Songs (einer davon ein kurzes Intro, Ashes) kompakt und destilliert ausfällt, andererseits da alle Titel die durchwegs hohe Qualität halten können. Wer den musikalischen Werdegang der Schweden verfolgt hat, erkennt im Klang von Prequelle den Abschluss einer musikalischen Transformation, der mit der LP Meliora 2015 ihren Ausgang nahm, mit der 2016 veröffentlichen Popestar EP einen monolithischen Glanzpunkt erreichte, und nun auf Prequelle abgeschlossen scheint. Nebenbei bemerkt befindet sich auf dieser EP der grenzgeniale Track Square Hammer, einer der künstlerischen Höhepunkte Ghosts. Es mag sein, dass Ghost den Heavy Metal / Doom Metal Sound von Opus Eponymous weitgehend vergraben hat. Auch dreht sich nicht mehr der gesamte lyrische Inhalt um Satan und den Rest der infernalen Bande (obgleich Reste selbstverständlich noch vorhanden sind – ‘‘Lucifer, whispering / silently into your mind / who walks behind‘‘ – und mit dieser Zeile auch auf geniale Weise auf Black Sabbath, die Urväter des metallischen Pseudo-Satanismus, verweisen – ‘‘What is this that stands before me?‘‘), dennoch behält das Album durchwegs den für den Metal typischen düsteren Tenor bei. Die ikonischen Ghost-Orgeltöne wurden weitgehend durch Synth-Klänge ersetzt – auf den ersten Moment etwas irritierend, allerdings durchaus in den Kontext des Albums passend. Die Gitarren- und Bass-Klänge fallen dennoch gewohnt etwas zu hart und verzerrt für ‘‘einfachen‘‘ Hard Rock aus. Ghost bleibt den Heavy Metal-Grundkompetenzen treu. Songtechnisch werden allerdings neue Höhen erreicht. Im Vergleich zu Opus Eponymous-Zeiten erscheinen die opulenten instrumentalen Arrangements (welche teilweise schon an Kompositionen von Hans Zimmer denken lassen, etwa das Intro von Pro Memoria) beinahe schon blumig – bei näherem Hinschauen entpuppt sich die bunte Farbe aber dann doch als Eiterbeule.

Neu sind auch vollständig instrumentale Tracks, die wie eine Art Spielwiese für Forge wirken, und auch eine klare Hinwendung zu Prog-Elementen bedeutet, mit denen bereits auf Meliora geliebäugelt wurde. Unterstrichen wird das etwa vom verstärkten Synth-Gebrauch – und einem vollkommen unerwarteten, äußerst gelungen integrierten Saxophon-Solo, zu hören auf dem ersten instrumentalen Stück Miasma. Hier musste er nicht auf die Songstruktur des Verse-Chorus-Bridge-Schema zurückgreifen, oder sich Gedanken um Texte machen, demensprechend ausufernd und wuchernd fallen die beiden Stücke auch aus, ein klarer Höhepunkt des Albums, und zwar in solch einem Ausmaß, dass man sich kurz Gedanken darüber macht, wie wohl ein vollständig instrumentales Ghost-Projekt klingen würde – nur um schnell zu realisieren, dass man Forges hohes Gesinge über Satan und die Welt schmerzlich vermissen würde.

Textlich geht es wie weiter oben schon erwähnt zwar nicht mehr nur um Satans Caffè-Kränzchen, aber zumindest um seinen näheren Freundeskreis und seine liebsten Freizeitaktivitäten. Es wird eine mittelalterliche Endzeit heraufbeschworen, herbeigeführt vom schwarzen Tod, von Hexerei, verdrehtem Glauben, und von Ratten, vielen, vielen Ratten. THEM RATS!
Bekannt dürfte sein, dass die lyrischen Ergüsse von Ghost nicht unbedingt ernste Töne anschlagen, ja oft bewusst mit Augenzwinkern versehen sind. ‘‘don’t you forget about dying / don’t you forget about your friend death / don’t you forget that you will die‘‘ ist zwar nicht unbedingt eine textliche Glanzleistung, von Forges hüpfender Stimme vorgetragen brennt sich die Passage dennoch in die Erinnerung. Textstellen wie ‘’let me bewitch you all night’’ [Dance Macabre], ‘’the Luddites shun the diabolical / a fecal trail across the land’’ [Faith], ‘’while you sleep in earthly delight / someone’s flesh is rotting tonight’’ [Witch Image] vertrösten dagegen wieder, und zeigen, dass Forge durchaus auch in der Lage ist, komplexe Texte, welche seinem musikalischen Werk gerecht werden, zu verfassen.

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Die Gesamt-Qualität der 10 Tracks, wie bereits erwähnt, bleibt konstant hoch, besondere Erwähnung verdienen allerdings Faith, Dance Macabre und Helvetesfönster.
Faith präsentiert zunächst einen steinharten, marschierenden Riff, den man eher auf Opus vermuten würde als auf dem neuesten Ghost-Werk. Zurecht, denn der Track ist mit Abstand der metallastigste auf Prequelle. Der orgelunterstützte, hoch melodische Singsang-Refrain ruft allerdings wieder ins Gedächtnis, welche Entwicklungen das Projekt seit 2010 durchlaufen hat. Generell könnte dieser Chorus-Part, mit deutlicher Orgelunterstützung, so auch auf dem zweiten Album, Infestissumam, vorhanden sein. Nach einer virtuosen Bridge, dem zweiten Chorus folgend, kann dieser Track wohl Fans aller drei vorhergehenden Werke von Ghost für sich gewinnen. Das geknurrte ‘‘FAITH IS MINE‘‘ als Kernstück des Refrains lässt wieder hoffen, dass Ghost eventuell tatsächlich einmal das heiß ersehnte Black Metal-lastige Projekt veröffentlichen könnten. Irgendwann einmal. Wobei man fast vermuten möchte, dass Forge sich von dem doch recht engen Genre-Korsett Black Metal etwas eingeschnürt fühlen könnte. Chorale Klänge schließen dieses wunderbare Stück ab, und lassen doch eine heimliche Sehnsucht nach Opus Eponymous-Tagen zurück.

Dance Macabre, der Track welcher als zweite Vorab-Single veröffentlich wurde, könnte vorsichtig als etwas polarisierend bezeichnet werden. Beim erstmaligen Hören fragt man sich unweigerlich, ob man sich nicht doch im falschen Film befindet bzw. bei der Songauswahl verklickt hat. Mit einer Instrumentation, die so auch Bon Jovi oder Guns ‘N‘ Roses zu Gesicht stehen würde, enorm eingängige Vers-Chorus Strukturen und einem Refrain, der eine ganze Arena (oder eher Leichenhalle) erschüttern könnte, versucht Forge wohl an die Dimensionen von Square Hammer anzuknüpfen, welche sich allerdings als unerreichbar erweisen. Stattdessen gelingt dennoch, ob absichtlich oder nicht, einer der energetischsten und tanzbarsten Tracks des ganzen Ghost-Repertoires. Wurde damals auf Infestissumam zu Secular Haze noch Walzer und zum genialen Lamourhatscher Ghuleh / Zombie Queen eng umschlungener nachmitternächtlicher Liebschaftler getanzt, möchte man sich hierbei die einengende Kleidung (bzw. Kutte) vom Leibe reißen und leicht bekleidet (sowie stark geschminkt) die eigene Sterblichkeit und den nahenden Untergang mit gnadenlos lasziven Tanzbewegungen, die irgendwo zwischen Disco und Headbangen liegen, zelebrieren. ‘‘wanna bewitch you in the moonlight‘‘, was dem Cardinal auch durchaus gelingt, wenn man sich auf den doch etwas hörgangfreundlicheren Grundtenor des Songs einlässt, zumal der typische Ghost-Sound durchaus vorhanden ist, nicht zuletzt dank der gut platzierten Orgelpassagen im Refrain. Es muss ja nicht immer gleich Mummy Dust oder Con Clavi Con Dio sein. Die Gelüste nach solchen Klängen sollten auch mit Faith zu stillen sein.

Helvetesfönster (Deutsch: Höllenfenster, der seitlich offene Schlitz bei mittelalterlichen Kleidern, durch den ein Blick auf die darunter verborgenen Körper der so bekleideten Frauen erhascht werden konnte, im damaligen Verstehen selbstverständlich ein äußerst sündiges Verhalten) kann als Ausnahmeerscheinung betrachtet werden, nicht nur auf Prequelle, sondern auch im Hinblick auf das gesamte Ghost– Œuvre. Der zweite Instrumental-Track auf dem Album, welcher es schafft, auf der Dauer von 5:55 Minuten eine ganze Welt unterzubringen: Von anfangs Burzum-ähnlichen, an Dungeon Synth angelehnten, melancholischen Synthesizerklängen, über eine Mittelpassage mit klar von Queen inspirierten Klavier-Elementen mit süßlichen Harmonien und vollen Melodien bis hin zu einem Ende mit Folk-anmutenden instrumentalen Elementen (mit einer akustischen Gitarre, die von niemand geringerem als Opeth-Bandleader Mikael Åkerfeldt ins Feld geführt wird), die ein Gefühl von Erinnerung an ferne, vergangene Zeiten heraufbeschwören. Es ist eine bewundernswerte Leistung, all diese Elemente kohärent, sogar äußerst anmutig, in einem Song dieser Länge zu verpacken. Es bleibt fraglich, ob Forge jemals wieder ähnliche instrumentale Gefilde betreten wird, es wäre durchaus wünschenswert. Ein wahrlich herausragender Track, welcher durchaus als das Herzstück des Albums bezeichnet werden kann.

Fazit

Mit Prequelle liefert Tobias Forge mit Ghost das vermutlich variationsreichste Werk der Band ab. Zwar kommt das Album nicht ganz an an das Magnum Opus Meliora aus 2015 heran, ist diesem aber dicht auf den Fersen. Es ist auch bezeichnend, dass eine der aktuell relevantesten Gruppen des Metal-Genres sich beinahe vollständig von Genre-Konventionen und Erwartungshaltungen gelöst hat. Zwar wird von Forge nicht das Rad neu erfunden, allerdings die bourbonische Pestwelle in einer beinahe schon an Rock Opera erinnernden Dimension greifbar gemacht. Wenige Alben aus dem Metal-Genre schaffen es so sehr wie Prequelle, mit teilweise zuckersüßen Melodien, und gleichzeitig klebrig-eitrigen Texten, ein konstant spannendes, äußerst abwechslungsreiches Hörerlebnis zu bieten, welches Lust auf mehr zurücklässt. Es bleibt zu hoffen, dass Forge die Möglichkeiten, die der Progressive Rock für sein Projekt bietet, weiter ausschöpft, und es idealerweise dabei schafft, alte Einflüsse wie Doom Metal und Occult Rock beizubehalten. Es wäre für zukünftige Werke wünschenswert, dass Ghost neue musikalische Gefilde erforscht, wie Psychedelic Rock (oder vielleicht doch endlich Black Metal – man darf noch hoffen), die augenscheinlich ideal zu Forges Vision von Ghost passen würden.
Bis dahin, ‘‘if you have Ghost, you have everything‘‘!

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Infos und weiterführende Links

Ghost FB

Ghost Official

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