Im Frühling dieses Jahres hat das Wiener Hiphop-Label „Heiße Luft“ eine Split-EP released: Böser Wolf, Emil F. und Pi Papo flowen gekonnt über klassische sample-based Beats und liefern ein Gustostückerl ab. Wer auf textlich anspruchsvollen Rap steht, sollte sich „3 Ecken, 1 Elfer“ und „BIZANGO“ nicht entgehen lassen.

Die Wiener Wortakrobaten des 2017 gegründeten Labels Heiße Luft sind schon längere Zeit keine Unbekannten mehr. Mit der 2016 erschienen EP „Tiere sind cool“ bewiesen sie bereits ihr Können. Neben den Rappern Emil F. und Böser Wolf war auf dieser bunten Platte noch Großmeister Huhnmensch vertreten. Früher konnte man die Mitglieder dieser Collabo regelmäßig im 1Baumöbel antreffen, welches rückblickend als Talenteschmiede gelten kann. Die Golden Days der Freestyle-Sessions im 1Baumöbel sind vorerst gezählt. Viele weinen dieser Zeit nach – völlig zu Recht. Doch der Geist dieser Zeit lebt weiter: Auf 200 Stück handnummerierten 12″ Split-Vinyl-Platten mit Inlayposter, Sticker und Download-Code.

Seite A: 3 Ecken, 1 Elfer – 19hundertSchnee

Auf etwa 20 Minuten Spielzeit rappen Emil F. (Rap und Beatproduzent) und Pi Papo (Rap) über ihre Lebensanschauung, ihr Leben in Wien und neurotisches Zwangsverhalten. Wiener Rap mit verspielten Texten, die spontan an die guten alten Hits von Kamp denken lassen. Gesampelt werden Jazz- und Blues-, Old School- und Classic Hiphop-Themen. Emil F. und Niklas M., der ebenfalls als Beat-Producer auf dieser EP auftritt, beweisen ihr Händchen für eingängige, chillige Beats, die sich hören lassen können. Storytelling ist auf dieser Scheibe das Lieblingsmetier der beiden MCs: So beschreiben sie humorisitisch in „Affendynastie“ ihren Alltag als Rapper. Im „Owezahra Blues“ kommt ihre ambivalente Beziehung zur Donaumetropole zum Ausdruck. Neben dieser Nummer gehört auch noch „Altwiener Zinshaus“ zu den besten Tracks auf der Seite A. Die Rapper erzählen Geschichten von ihren kuriosen Nachbaren und dem desolaten Zustand des Hauses, in dem sie wohnen. Marian “Fant” Pototschnig hat sich um das Mixing und Mastering gekümmert und der Seite A ihren letzten Feinschliff verpasst.

„und man hört nicht mal das Knistern einer Plattenrille/

denn seit einem Monat herrscht im 5. Stock  jetzt Grabesstille/

Und nichts stört die Idylle, kein Wort und keine Silbe/

Als das Schild auf Pitzls Tür nach und nach vergilbte.“ (Emil F. )

Seite B: BIZANGO – Böser Wolf & Emil F.

Mit dem Eröffnungstrack „Eulen vor die Säue“ geben die beiden Rapper einen Vorgeschmack auf das, was uns, liebe LeserInnen, erwartet: Das Ende aller Tage. Begleitet wird die Apokalypse von einem atmosphärischen Beat und Texten, die poetische Qualität haben. Besonders ansprechend ist auch die zweite Nummer: „Papa Legba“ (№ 2) ist ein in den Vodoo-Religionen verbreiteter karibischer Geist, der die Menschen in der Stunde des Todes den Weg in die Unterwelt weist.  Die westliche Zivilisation ist ohnehin dem Untergang geweiht. Darum wird die Sinnsuche lieber gleich in ursprünglichen Naturreligionen und der Welt der Dämonen fortgesetzt.

 „Verflogen ist die Disney-Film-Romantik/

Seitdem die Männer keine Fischis mehr ans Land ziehen./

Sie warfen die Netze ins Arschloch der Karibik/

Und tauschten ihre Angeln gegen die AK-47.“ (Böser Wolf)

Mit „Teufel im Detail“ (№ 3) werden wir daran erinnert, vor wem wir uns zu hüten haben. Für den Track „Zurück in die Bäume“ (№ 4) haben sich die beiden prominente Unterstützung beim Label Honigdachs geholt: Kreiml & Samurai sowie Kapazunda. Düster und gespenstisch wird die Seite B mit dem Track „Kinderzimmerhorror“ abgeschlossen. Hierzu gibt es auch ein Video auf Youtube.

Westliche Zivilisationskritik hat Tradition im Hiphop. Man denkt hier nicht zu Unrecht an „Hurra, die Welt geht unter“ von K.I.Z. Vergleichbare Beispiele finden sich genug. Sophisticated? Auf jeden Fall! Wer jetzt noch behauptet, deutschsprachiger Rap hätte kein Niveau, hat so gut wie gar nichts verstanden. Emil F. liefert auch hier durchgehend starke Beats. Über Flow und Reimtechnik brauchen wir nicht zu streiten. Ihrer Vorliebe für Tiermetaphern und -vergleiche bleiben die Jungs treu. Denn Tiere sind cool. Für das Mixing und Mastering haben sie SterilOne ins Boot geholt.

Fazit

Böser Wolf, Emil F. und Pi Papo – letztere beiden sind 19hundertSchnee – haben ihre Hausaufgaben gemacht. Smarte Texte treffen auf solide Beats. Hier wird vom Label “Heiße Luft” eine runde Produktion abgeliefert.

19hundertSchnee – Owezahra Blues (feat. Böser Wolf):

Böser Wolf & Emil F. – Kinderzimmer Horror (feat. Nilo):

 

Infos und weiterführende Links

19hundertSchnee

Huhnmensch und Böser Wolf

HeisseLuftRecords

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