Das Pohoda Festival feierte dieses Wochenende seinen 20. Geburtstag. Es hat sich in all den Jahren den Ruf eines Kultfestivals erarbeitet. Mit ganz eigenem Charme und einer für Festivals dieser Größenordnung ganz ungewohnten weil beruhigten Atmosphäre zeigt das Pohoda, dass es nicht immer Sodom und Gomorra sein muss.

Langsam krabbelt die Sonne auf der Hinterseite des Schlosses von Trencin empor. Noch reichen ihre wärme spendenden Strahlen nicht zum Gelände des Pohoda-Festivals, wo sich eine Schaar von 2000 Festivalbesuchern vor der Hauptbühne versammelt hat und sich mehr oder weniger auf den Beinen hält. Es ist kurz vor fünf Uhr morgens. Ein letztes Mal in diesem dieses Jahr wird die Lautsprecher-Anlage der Bühne aktiviert. Der Schlägel der große Glocke auf der Hauptbühne des Festivals schlägt dreimal auf das laut erklingende Metall. Vrbovskí vítazi stimmen ein, des Festivals vorerst letztes Dreiviertelstündchen hat geschlagen.

Eine alte Schaufel hält als tiefer-gestimmte 2-saitige Metal-Axt her, der Spülkasten einer Toilette produziert einen Tiefbass, der die Landschaft zum Beben bringt. Mit selbst zusammen gestöpselten Instrumenten verleihen sie der geschundenen Arbeiterseele auf komikhafte Art Ausdruck. Ein jedem in der ehemals sozialistisch geprägten Slowakei ist ihr Name ein Begriff. Genau so wie auch das wohl klingende Pohoda, das soviel wie “entspannt” bedeutet.

Mit 30.000 zahlenden Gästen war das Festival heuer restlos ausverkauft. Seit 1997 wird der alte Flughafen Trencin einmal im Jahr zur Partyzone verwandelt. Lange Jahre harter Arbeit haben das Festival zu einer Institution werden lassen. Die meisten die einmal hierher gekommen sind, sind auch das nächste Jahr wieder dabei. Das mag daran liegen, dass sich das Festival weniger als österreichische Musikgelage über sein Line-up definiert. Dem Wort “Pohoda” alleine schon hängt das zeitlose Wesen einer Lebensart an. Es wird einem nicht das Gefühl gegeben, hier als Konsument vollgestopft und ausgequetscht zu werden. Das Pohoda will, dass man glücklicher nach Hause geht, als man hergekommen ist.

Mit einem Rahmenprogramm, dass seinen Namen redlich verdient, bietet das Festival mehr, als in der Hitze auf das Zu-spät-Kommen der nächsten Band zu warten. Zuallererst mal eine anständige Campingsituation. Ohne dass man nach dem letzten Konzert Angst haben müsste, jemand wäre in das mobile Heim gestolpert, hätte es als Toilette verwendet oder einen halb-witzigen Spruch drauf gesprayed, spaziert man durch eine angenehme Zeltlandschaft die zwar von Leben erfüllt ist, aber Einem nicht an einen schlecht gecasteten Endzeit-Film erinnert.

Saubere Toiletten auf einem Festival. Das muss man sich fast – wenn es nicht trotzdem unappetitlich wäre – auf der Zunge zergehen lassen. Kombiniert mit einer Feld-Welt-Küche aus aller Herren Länder ist um das leibliche Wohl vorzüglich gesorgt. Nach der Systemerhaltung kann man sich ganz genußvoll dem interaktiven Part des Festivals widmen.

Es gilt Talk-Runden beizuwohnen (besonders unterhaltsam für alle die des Slowakischen nicht mächtig sind), den letzten Trend der NGOs in der NGO-Passage zu erfahren, sich im Europazelt über die immer noch bestehende EU informieren. Es gibt Musik-Workshops und gratis Sonnencreme. Von einem unermüdlichen Klavierstimmmeister in Schuss gehaltene Stubenflügel stehen für die nächste Jamsession zur Verfügung. Frisch aufgespannte Leinwände warten darauf mit Farbe beglückt zu werden. Und vieles mehr. Auf dem Pohoda gilt es die schönen Dinge des Lebens zu genießen – und das hat nichts mit schlechtem Asia-Food oder Bungeejumping im Vollsuff zu tun.

Fast Fünfzig Fusskilometer lang haben wir das Pohoda-Festival abgegrast, um zu diesem Moment die Sonne hinter dem Schloss aufgehen sehen. Begleitet wurden wir die ganze Zeit über von netten Menschen und toller Musik. Viele Acts kannte ich nicht. Und das beschert mir immer die größte Festival-Vorfreude – das Unerwartete, das Überraschende und das Unbekannte welches mir auf dem Pohoda immer wieder begegnet.

Ein persönlicher Rückblick über das Pohoda 2016

Der Überraschendste Moment Als Verschluss des Bierfasses den Geist aufgab und eine Fontäne flüssiger Semmeln Richtung Zeltdecke emporschoss.

Der schlechteste Gig The Prodigy. Und ich mag DnB.

Das beste Timing Als wir um vier Uhr früh noch die absolut letzten Tassen dieses grandios mit Liebe zubereiteten Cappuccino ergatterten.

Der Moment an dem du um dein Leben fürchtest Als die allerorts beliebte Thrash-Metal Band Čad begann, in der Garage das erste Riff anzureissen. Die hatten sogar Verzögerung weil sicherheitshalber noch Securities und Absperrgitter herbeigeschafft wurden – das machte die Meute der Anhänger nicht gerade besonnener.

Das beste Konzert MY BABY. Fuzzgetriebener Disko-Sound mit Gitarre und Drums. Hat den Nagel auf den Kopf getroffen.

Bilder der letzten drei Jahre auf dem Pohoda Festival