Das in Wien stationierte Space Rock Quintett “Solar Blaze” ist nun an diesem Punkt angelangt, an dem ein Langspieler her muss. Doch der Gipfelsieg über den herausfordernden Haufen an Arbeit, den das als Konzeptalbum gedachte Erstlingswerk darstellt, wird nicht leicht errungen werden.

NOT MY TEMPO. “Macht noch einen Take, aber ohne Denken – das hört man.” David nimmt den Finger von der Talkback-Taste am großen, funkelnden 24-Spur Tonpult. Ein Druck auf den roten Knopf lässt das virtuelle Band anlaufen. Die Hundertschaft von LEDs auf der Pegelanzeige beginnt sich zu bewegen. Auf dem Stück Papier worauf die handschriftlichen Notizen der vorigen Takes vermerkt sind, schaut es noch nicht optimal aus. Drummer Basti drückt den fortan monoton dahinschreitenden Kick-Schlägel ins Fell. Um “Virus Machine”, den wegen seiner notwendigen Tightness und physischen Herausforderung schwierigsten Track der Platte, aufs Platik zu bannen, mobilisieren die Musiker noch einmal all ihr jahrelang trainiertes Können und Rythmusgefühl.

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Auch wenn die fünf bereits versierte und erfahrene Musiker sind – man kann sich nicht genug auf eine Recording-Session vorbereiten. Neben einem adequaten Grad an Readiness, bedarf es ausserdem ein in sich stimmiges Team. Bereits 2012 nahmen Caro, Raini, Max, Basti und Paul eine EP namens “Seen the Light” auf. Auch wenn die Scheibe sie jetzt, da sie nun an ihrem bisherigen Opus Magnus feilen, die Augen verdrehen lässt – vieles was Solar Blaze zu diesem Konzeptalbum befähigt, wurde damals schon unter Beweis gestellt. Bereits bei dieser ersten Demonstration psychedelisch-funkigen Hörgenußes holte David Furrer das Beste aus den Proberaumaufnahmen heraus. Seine Expertise auf dem Gebiet der psychedelischen Rock-Musik und seine Art die Dinge anzugehen harmonieren bestens mit den Visionen der Band.

“Um “Virus Machine”, den wegen seiner notwendigen Tightness und physischen Herausforderung schwierigsten Track der Platte, aufs Platik zu bannen, mobilisieren die Musiker noch einmal all ihr jahrelang trainiertes Können und Rythmusgefühl.”

WIE MAN SICH BETTET SO SCHLÄFT MAN. Aber es ist nicht David, der den Grundstein für eine erfolgreiche Studio-Woche legen wird. Der wichtigste Mann am ersten Studiotag wird Oliver Kamaryt aka Öli sein – der Sound Engineer der GAB MUSIC FACTORY, wo die Platte ihren Weg in die Welt finden wird. Denn noch bevor die erste Schallwelle in Nullen und Einsen gewandelt werden kann, muss man all die Mikrofone einrichten und Unmengen an Kabel verlegen. Und für diesen ersten Tag nimmt man sich am Besten nichts anderes vor. Denn abgesehen von einer praktikablen Lösung mit der man die ganze Woche zu leben hat, geht es um ein ausgeglichenes Signal an allen Eingängen des Mischpultes und vor allem um den perfekten Drum-Sound. Dieser wird maßgeblich durch zentimetergenaue Position der Mikrofone bestimmt. Erfahrung und gute Ohren sind Trumpf.

Alleine das Schlagzeug benötigt zwölf Mikrofone. Und jedes wird mehrmals positionstechnisch optimiert und der dazugehörige Mischpult-Kanal sauber gepegelt. Damit die Verstärker der Saitenfraktion nicht auf die Mikrofone des Schlagzeugs übersprechen, sind sie in einem eigenen Raum untergebracht. Dort drüben entsteht aber das nächste Problem: aus unerfindlichen Gründen hört man ab und an einen russischen Radiosender über die Verstärker einstrahlen. Eine Theorie, warum das so ist, handelt von defekten Röhren im Marshall Top-Teil. Aber das wird zu technisch. Trotz aller Umsicht spielt der galaktische Zufall eben auch im sterilen Studioumfeld seine Rolle. Sind nun alle Mikrofone dort wo sie sein sollen, alle Kopfhörer-Monitor-Mixes perfekt gemischt und die Effektgeräte so optimal wie nur irgendwie möglich eingestellt, kann man sich verdienterweise einen Kaffee runterlassen – denn eine wichtige Etappe zum perfekten Album ist absolviert.

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WAHNSINN MIT METHODE. Das ganze Prozedere hängt stark von der präferierten Aufnahme- Methode ab. Während die einen die Songs präzise wie eine Ziegelmauer Stück für Stück auf dem Fundament eines Drum- oder Klick-Tracks hochziehen, schießen andere aus allen Rohren gleichzeitig in die Analog-Digital-Wandler der Audio-Workstation und versuchen die Energie einer Live-Performance zu verewigen. Solar Blaze und Produzent Furrer entschieden sich für Letzteres. Dieses Vorgehen stellt allerdings eine besondere Herausforderung für die Musiker dar.

Um allzu großen Frust unter den Kopfhörern abzuwenden, haben sich die Künstler gezielt vorbereitet. Denn Studiozeit kostet – und die will man nicht mit Songwriting vertrödeln. Überhaupt kann man sich die Vorstellung, im Studio könne noch groß experimentiert werden, abschminken. Hier ist Leistung und Präzision gefragt. Die finanziellen Ressourcen und auch die Geduld der Produktionsverantwortlichen ist leider endenwollend. Über Wochen hinweg hat David Furrer die Band bei den Vorbereitungen im Proberaum unterstützt. Sein Input hat maßgeblich dazu beigetragen, die Songs fit fürs Vinyl zu machen. Und da fielen reichlich Späne von der Feile, denn das Vorhaben die teilweise zehn bis zwanzig Minuten langen Tracks der Space-Rock Gang auf die Platte zu schneiden steht im Konflikt mit der Physik. Denn die besagt: je leiser und hochfrequenter der Ton, der rauf soll – desto länger kann die Scheibe laufen. Das Signal braucht physikalisch einfach nicht so viel Platz. Und umgekehrt: will man nun ein dynamisches Signal mit satten Bässen , wird der Platzbedarf dementsprechend höher. Und so wird mit dem Produzenten bei den letzten Proben um Song-Minuten gefeilscht und Tonqualität gegen Komposition abgewogen. Das Ergebnis: die psychedelischen, zehn Minuten langen, sich genießerisch aufbauenden Jam- Passagen bleiben den Live-Shows vorbehalten.

“Es ist pervers. Den ganzen Tag rumwarten und dann hochmotiviert die Aufnahme machen. Wie soll das gehen?”, fragt sich Max.

 

KUMMERSPECK. So wichtig das Coaching vor dem Studiotermin auch ist – der Produzent hat sich dann zu beweisen, wenn die Gemüter in die emotionale Todeszone emporklimmen. Und “Virus Machine” reizt das Stressabsorbtionspotential der Protagonisten ziemlich aus. Die schwierigen Tempo-Wechsel, das konditionell ermüdende Finale und der monotone, doch tighte Groove fordern ihren Tribut bei den Musikern. Wenn es emotional kritisch wird im Aufnahmeraum, ist zielorientierte und einfühlsame Führung aus der Regie Geburtshilfe für das werdende Konzeptalbum. Das ist der Nachteil der Live-Studio-Aufnahme: Ein Fehler auf einem Kanal führt zu einem kompletten Reset aller fünf Musiker. Trotz digitaler Editierbarkeit wird hier auf bestmögliches Ausgangsmaterial geachtet. Da geht es auch um Stolz, um die Ehre und natürlich um den guten Ton.

Immer wieder werden willkommene und auch dringend benötigte Pausen eingelegt – für die Psycho-Hygiene. Die Kaffemaschine erfährt Hochkonjuktur. Während die fünf Musiker in der Sonne Kraft tanken für den nächsten Take, bleibt der Produzent im von Lavalampen erhellten Regieraum und bereitet eine Hörprobe vor, die später frisch gestärkt dikutiert werden kann. Man mag sich als Aussenstehender wundern, was Eingeweihte an den fettesten Riffs und schmattigsten Drum-Orgien auszusetzen haben. Bevors es weitergeht wird manchmal einzeln an Songparts gearbeitet, oder die Gitarre minutenlang bis aufs letzte Hertz gestimmt. Der Perfektionismus ist ein Luder. Temperaturschwankungen im Aufnahmeraum auch. “Es ist pervers. Den ganzen Tag rumwarten und dann hochmotiviert die Aufnahme machen. Wie soll das gehen?”, sagt Max – ohne es allzu ernst zu nehmen. Immerhin merkt man ihm auf Band die Widrigkeiten des Studio-Daseins nicht an. So ganz ohne Entbehrung geht es nicht. Eine ganze Woche lang wird im Studio quasi gelebt, nur geschlafen wird zuhause. Dafür schweisst sich eine Arbeitsgemeinschaft zusammen, die nicht nur familiäre Ausmaße annimmt, sondern sogar essentiell für das finale Produkt ist.

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LAND IN SICHT. Am Ende des Tages nehmen Solar Blaze erleichtert die Kopfhörer ab. “Virus Machine” ist im Kasten. Aber man merkt ihnen an, dass der Track ihnen alles abverlangt hat. Um die Stimmung zu heben, besinnt man sich auf die Höchstform des Vortages: der fast schon legendäre Take des unter dem Arbeitstitel “Tschurifetzn” bekannten Schlüssel-Songs der Platte zaubert wieder ein schelmisches Grinsen in die Gesichter. Der Zehnminüter wird durch den Seitenwechsel geteilt und beinhaltet den kritischen Story- und Klangfarben-Twist der das Konzept trägt – aus der Dystopie ins psychedelische Wunderland wird die Reise gehen. Es wird noch bis in den späten Herbst dauern, bis ein Normalsterblicher das Produkt dessen genießen können wird, das in dieser einen Woche im Tonstudio seine ersten Lebenszeichen von sich gab. Bis es soweit ist, liegt noch viel Arbeit vor allen Beteiligten. Mastering, Coverdesign, Produktion, Marketing. Die Recording-Session im Studio – so aufreibend und definierend sie auch ist – ist letzten Endes der kleinere Teil der Arbeit, die in einem full-length Konzept-Album einer jungen Space-Rock Band steckt.