Gschichtldrucker, Vorstadt-Casanova, Beisl-Poet. Ein neuer Suderer in der Wüste der österreichischen Dialektkunst, in den Fußstapfen von Wolfgang Ambros und Ludwig Hirsch, doch weit mehr als nur ein Gemeindebaugewächs. Voodoo Jürgens weiß mit seinen halbseidenen Wirtshausgeschichten und verrauchten Liebesgstanzeln zu begeistern.

Einer der neuen Großen der österreichischen Musikszene im Gespräch vor seinem Auftritt, am Donauinselfest 2018. Sein Werdegang, seine Einflüsse und ein Ausblick auf neues Material.

Wie würdest du dich bei einer Person vorstellen, die noch nie von dir gehört hat? Also wie geht’s dir, wer bist du, was machst du?

Ich stell mich ja selten dann so vor, ich bin da für Understatement. Mir gefällt der Ausdruck Gschichtldrucker ganz gut, oder Musikant. Ich schreib Geschichten im Wiener Dialekt, komm eher vom Folk. Ein Jahr lang habe ich das als Voodoo Jürgens alleine gemacht. Jetzt wächst die Band, wird immer größer. Wir spielen alles, was man so spielen kann.

Also die Band sind quasi die Haberer?

Na, es kommen heute ein paar. Der Nino aus Wien singt mit, der Ernst Molden, die sind eigentlich die Haberer. Die Band ist ja sowieso immer dabei, die Ansa Panier.

DSC_1728-3

In Bezug auf  Voodoo Jürgens, die Kunstfigur, wie viel Voodoo steckt in dir?

Ich mach eigentlich immer nur Sachen, bei denen schon was von mir dabei ist. Ich glaub man hat verschiedene Facetten, und man kann eine Facette hernehmen, und sich mehr drauf konzentrieren, sie quasi überspitzen. Daher würde ich sagen, es ist schon das Persönlichste, was ich bisher gemacht habe.

Wann hast du dich erstmals dazu entschieden, Musik zu machen? Wann wurde in dir der Wunsch wach: Jetzt möchte ich etwas kreieren? Seit 2010 gab es ja Veröffentlichungen mit Die Eternias, aber wie hat das vorher ausgeschaut?

Also ich bin ja in einer musikalischen Familie aufgewachsen, und das hat so mit 17 begonnen, und zwar über Musik, die mich interessiert hat.
Wie bei allen Dingen, wenn mir was getaugt hat, wollte ich’s auch selber machen. Früher war’s Skateboard fahren, dabei san die Knie a bissl im Oasch gwesen. [lacht] Dann hat das mit dem Musizieren angefangen: Die ersten Jahre überhaupt mal ein Instrument lernen. Cool war es, dass man da gleich in einer Band mit Leuten, die’s gelernt haben, bekannt war. Da hat man sich viel anschauen können. Was mir immer leicht gefallen ist, war Lieder schreiben. Ich war jetzt nie so virtuos auf einem Instrument, aber Texte machen, oder verstehen, wie ein Lied funktionieren könnte, das ging halbwegs.

Hat das schon in Tulln angefangen, oder erst als du nach Wien gekommen bist?

Das hat schon in Tulln angefangen und war eigentlich die Rettung, das wäre sonst nur trostlos gewesen. Ein guter Freund von mir hat da eine Art Proberaum gehabt, eine freie Zone, wo man machen konnte, was man wollte, da hat man sich jeden Tag getroffen und musiziert, da sind alle Instrumente herumgestanden.

Also ist Musik für dich mit Herkunft verbunden?

Na, würde ich jetzt nicht sagen. Man baut halt meistens ein, was man kennt. Wenn man in Tulln groß geworden ist, kann ich Geschichten von dort erzählen. Das liegt irgendwie auf der Hand, aber es muss jetzt auch nicht sein. Ich habe ja auch mit der anderen Band auf Englisch gesungen, weil wir herumreisen wollten, und uns gedacht haben, so können wir überall spielen.

Wann oder warum hast du dich dazu entschieden, im Dialekt zu singen? Warum in einem Wiener Dialekt statt in einem niederösterreichischen, wenn du ja aus Tulln kommst?

Da gibt’s eigentlich keinen Unterschied zwischen Tullner Dialekt und Wiener, das ist zwanzig Minuten voneinander entfernt, da spricht man nicht wesentlich anders. Meine Mutter hat ja immer in Wien gearbeitet, der Freund von ihr hat auch in Wien eine Wohnung gehabt, also ich war dann auch viel in Wien, das war immer so mein zweites Ding.

Dialekt hat mich immer schon interessiert, aber in jungen Jahren habe ich das nicht wirklich gesehen, die Möglichkeit, wie ich das einsetzen soll. Das hat sich alles irgendwie komisch angefühlt. Die meisten Sachen, die ich gekannt habe, waren irgendwie so behaftet, da wollte ich selber gar nicht hin. Oder die musikalischen Einflüsse waren einfach andere zu der Zeit.

Aber irgendwann ist dann der Knoten aufgegangen. Wie kann ich mit der Sprache umgehen, dass es für mich angenehm ist, und ich sehr präzise das ausdrücken kann, was ich sagen will.

DSC_1732-3

Und damit platzierst du dich ja eindeutig in der österreichischen Musikszene.

Naja, ich sehe es eher so, und das ist ja das coole an Musik: Ich habe die Voodoo-Lieder in London auch schon gespielt, und den Leuten hat’s getaugt. Es gibt auch immer so Abende mit Exotika. Die Leute hören sich an, was man da und dort spielt. Das ist schon etwas, was funktioniert. Aber klar, wenn man jetzt nach dem Text geht, ist es begrenzter.

Wobei du auch durchaus im deutschsprachigen Ausland gefragt bist.

Also in Bayern funktioniert‘s so gut wie hier, in den Großstädten kommen auch relativ viele Leute zu den Konzerten. Am Land kommen auch ein paar Leute, aber nicht in der Dimension wie heute etwa. Aber das alleine ist eh schon cool genug, dass es im Schwabenland jemanden interessiert, was ich da auf Wienerisch dahersinge. Ich glaube, das ist auch so ein Ding mit dem Wienerischen. In Deutschland versteht man halt so Wortfetzen davon. Also es ist nicht eine komplette Fremdsprache. Deshalb glaube ich, hat das so einen eigenen Reiz für Deutsche.

Da wir gerade über die österreichische Musikszene gesprochen haben: Wie ist denn dein Verhältnis dazu? Gibt es da alte Helden für dich? Leute, mit denen du gerne Musik machen würdest? Zum Beispiel Wolfgang Ambros?

Hm, den Ambros habe ich vorgestern getroffen, der ist ziemlich geschwächt leider, mit Gehstock und so. Aber es ist schon ein flashiges Erlebnis gewesen, ihm einmal die Pfote zu schütteln und so, zu wissen, dass er meine Nummern auch kennt, und sie sich einmal angehört hat. Er hat sich eh auch mal dazu positiv geäußert. Ich schätz das, was er macht, vor allem seine frühen Sachen, mit den 80er Sachen kann ich eher weniger anfangen. Da gibt’s auch vereinzelte Nummern, aber vor allem das Frühwerk.
Der Qualtinger ist immer der große Einfluss von mir gewesen, und ganz früher André Heller, das war immer so mein Bezug. Ludwig Hirsch, Danzer, auch gut, es hat alles so seine Zeit. Als ein ganz ein Junger war das nicht so der Rieseneinfluss, aber das kommt dann alles schön langsam, da erweitert sich der Horizont. [lacht]

Die Frage wurde dir sicher schon öfters gestellt, aber was sagst du zu Jugo Ürdens, heimlicher Favorit oder eher Konkurrenz?

Na weder noch. Es ist am Anfang ein bisschen komisch gewesen, dass es jetzt jemanden gibt, der auch diesen Udo Jürgens-Schmäh hat. Aber wir haben uns einmal getroffen, und er macht sein Ding. Und es gibt mittlerweile einen Ouzo Jürgens glaube ich auch noch. Na, es ist jetzt keine Konkurrenz. Wir waren mal gemeinsam zu einer großen Udo Jürgens-Gala eingeladen, und das ist das Letzte was ich machen würde, dass wir uns da nicht gemeinsam hinstellen, das wäre ja lächerlich.

Egal ob nationale oder internationale Künstler – drei Werke, bei denen du sagst, die sind in deinem Leben wichtig?

Der Klassiker: Die Velvet Underground-Bananenplatte, hat sehr viel bewegt bei mir. Bei Bob Dylan ist es immer schwierig, eine rauszugreifen, da habe ich die frühen Sachen eigentlich eh immer auf und ab gehört. Von den neueren Platten waren dann die Peaches eine wichtige Sache [Anmerkung der Redaktion: The Moldy Peaches], das hat die Anti-Folk Türe, welche in New York abgegangen ist, aufgemacht, das hat mir sehr getaugt. Vor allem das Home Recording-Ding, das es leiwand klingen kann, wenn man einfach im Schlafzimmer aufnimmt.

DSC_1682-3

Und hast du einen Lieblingsfilm? Vielleicht einen Film, der die Ästhetik von Voodoo einfängt?

Geschichten aus dem Wiener Wald ist ein ganz guter österreichischer Film. Aber ist ein bisschen ein älterer Film schon. Oder das falsche Gewicht, da spielt auch der Qualtinger, das spielt in der k&k Zeit, in kleinen Dörfern, mit Märkten, grindiger Fischmarkt, das ganze Hemd voller Blut, man kann das fast riechen, es ist so gut gemacht irgendwie. Sehr sehenswert.

Ganz kurz zu deiner 2016er Platte Ansa Woar : Wie ist es zu dem Titel gekommen?

Naja, man braucht halt einen Titel. [lacht] Ich habe zu der Zeit bei meinem Vater gewohnt – ich habe sogar letztens erst das Büchlein gefunden, in dem ein paar Titel für das Album zur Auswahl gestanden sind. Aber es ist irgendwie so vom Zigaretten-Schmuggel abgeleitet. Die guten Stangen sind die Ansa Woar. Dann hat’s die Zweier Woar gegeben, die hat man eh rauchen können. Aber dann hat’s auch, wenn’s amal ganz oasch hergegangen ist, die russische Marlboro gegeben, die kannst halt echt nicht rauchen. Die ist halt so schlecht nachgemacht, Lungenröster.

Auf dem Cover sieht man deinen Vater und noch eine Dame. Warum hast du dieses Cover gewählt?

Das war der letzte Schliff, als ich mich endgültig dazu entschlossen habe. Ich hab mit 30 circa eineinhalb Jahre mit meinem Vater zusammengewohnt. Er hat schon einen Einfluss darauf gehabt, dass ich die Platte so mach, mit dem Spruch, den er hat, seiner Vergangenheit.
Ich wollte eigentlich so ein Plattencover machen wie von The Doors, Strange Days. Da hat man nirgends den Namen eingesetzt, sondern der ist quasi im Foto drinnen. So wollte ich das auch machen. Und da ist eben die Idee gekommen mit dem Cafè Voodoo, das man das machen könnte. Und so alleine posen wollte ich auch nicht. Dadurch, dass er so einen großen Einfluss drauf gehabt hat, hab ich mir gedacht, inszeniere ich ihn. [lacht]

Mit deinem Vater hast du dich ja ausgesöhnt. Die männlichen Charaktere in deinen Texten werden aber generell eher negativ gezeichnet. Gewohnheit oder Überzeugung?

Ich weiß nicht. Wenn du das so siehst, es passiert halt irgendwie so. Es hat jeder etwas Liebenswertes, und auch seine Schwächen, oder Dinge, die wieder nicht so cool sind. Ich weiß auch nicht, ob ich das bei den Frauen weniger stark gezeichnet habe. Der Ansatz war aber, dass man die Figuren relativ neutral hinstellt, ohne eine Wertung. Sie machen halt einfach die Geschichte, die man gehört hat, ob’s jetzt gut ist oder nicht. Ich finde das beste Beispiel ist bei Tulln der Stadtparkfredl, der dir 500 Schilling gegeben hat. Ich weiß nicht, ob ich das gemacht hab, oder irgendwer anderer. Es wird eigentlich nicht erzählt. Das ist dann eher die Fantasie von den Hörern. Ob das cool von ihm war oder nicht, das ist jedem selber überlassen.

Wenn ich dein Lied ,,In deiner Nähe‘‘ ins Spiel bringen darf: Wann spielst du den Jimmy Cool?

Jeder spielt den Jimmy Cool gerne einmal. Gerade in der Liebe ist man dann aber verletzlicher, und kommt dabei mal vielleicht runter von dem harten Typen und wird ganz zahm. [lacht]

Auch wenn die Antwort sicher schwerfällt: Welcher Titel ist dein persönlicher Favorit? Gibt es einen Live-Favoriten von dir?

Das variiert halt irgendwie, aber eigentlich ist Drei Geschichten vom Cafè Fesch so eine Konstante.

Wenn weitere Veröffentlichungen als Voodoo Jürgens kommen, hast du da schon konkrete Pläne? Eine Ahnung, in welche Richtung es musikalisch gehen soll? Neue Einflüsse, Experimente?

Es wird sich musikalisch verändern, alleine schon weil die Band sich erweitert hat. Jetzt sind wir als Band unterwegs, das war auf der vorherigen Platte nicht der Fall. Bezüglich musikalischer Einflüsse, man hat immer so Phasen, wo man etwas gerne hört, ich glaube es wird ein bisschen jazziger werden. Vielleicht teilt man’s auch ein bisschen auf. Ich denke es immer als Platte, so quasi A- und B-Seite. Vielleicht macht man eine Seite, die eher akustisch mit Gitarre ist, so mit Geschichten, und die andere Seite, die mehr so einen jazzigen Band-Klang hat.

Kannst du da schon was verraten? Gibt es einen Zeitplan?

Nächstes Jahr mach ich’s. Im Herbst 2019 wird’s rauskommen. Ich habe ein Büchlein, wo ziemlich viele Nummern drinnengestanden sind, das habe ich verloren, etwa vor einem Monat. Somit muss ich wieder von vorne anfangen. Die guten Ideen kann man irgendwie so halb wieder raufholen.

Sowohl Tom Waits als auch Bob Dylan kann man als Einflüsse von dir bezeichnen. Ist ein Vergleich mit deinem Stil berechtigt?

Was ein Einfluss ist, muss im Endeffekt nicht immer unbedingt so eindeutig in der Musik zu hören sein. Da geht’s um eine Art, wie man mit Dingen umgeht, und das kann man auf seine eigene Person irgendwie umlegen. Ich finde nur das reine Abkupfern halt zach, wenn man das dann so raushört. Aber das die beiden sehr große Einflüsse sind, stimmt schon – grade wenn man eine Mundharmonika reintrötet, ist man schnell mal bei Dylan. Ist halt einfach so.

Und zum Abschluss noch ein ganz aktuelles Thema: Du hast einmal gesagt, Voodoo Jürgens ist definitiv auch politisch. Was sagst du zum 12-Stunden-Tag?

Wieso habe ich das jetzt gewusst, dass jetzt etwas mit der Regierung kommt? Oasch Regierung! [lacht]

Gschissen, hat mich voll aufgeregt. Es sollte in die Richtung gehen, dass die Leute weniger arbeiten. Es gibt eh genug Arbeitslose. Man sollte drauf hinarbeiten, dass die Leute sich das aufteilen. Sie könnten dann leiwand Sachen mit ihrer Freizeit machen, sich selbst verwirklichen. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass das funktioniert. Im Endeffekt wird man, glaube ich, nur ausgebeutet bis zum Gehtnichtmehr. Wenn du einmal 12 Stunden gehackelt hast, geht’s auch ein anderes Mal rein. Es ist ja nicht so, dass man ein anderes Mal früher geht. Denn wenn irgendwo viel Arbeit ist, dann hängst du in dem drinnen. Da kannst als Arbeitnehmer nicht sagen: das taugt mir jetzt nicht. Also lächerlich, geht voll in die falsche Richtung. Aber es war auch nichts anderes zu erwarten von der Kasperlpartie.

DSC_1742 black&white

Wir bedanken uns für das Interview und wünschen viel Spaß beim Auftritt.

Comments

comments