Die meisten Musiker träumen davon, gemeinsam mit ihrer Ikone eine Single zu produzieren. Für einen österreichischen Rapper ist dieser Traum im August 2014 in Erfüllung gegangen. Wir alle kennen ihn, diesen ohrwurmerzeugenden Song mit dieser unverkennbaren  orientalischen Melodie, in dem ein verstorbener Austropopstar plötzlich wieder zum Leben erwacht und den Refrain schmettert.  Gemeint ist der Song „Zwischen Zeit und Raum“  von Nazar, welcher nach der Erscheinung in den deutschsprachigen Radios auf Hochtouren  lief. Das markante Duett mit Falco schaffte es bis auf Platz 2 der österreichischen Charts (in Deutschland immerhin auf Platz 3).

Nazar und sein Feature mit dem Falken sind mehr oder weniger omnipräsent. Die erste Frage, die uns spontan zu diesem Thema eingefallen ist, ist folgende – Darf man sowas überhaupt?

Prinzipiell gibt es kein Gebot, das besagt, du sollst keine Songs von Toten featuren.  Einfach ist es für Nazar aber mit Sicherheit nicht gewesen, an Falcos Original von „Königin von Eschnapur“ heranzukommen, da er in seinem Feature eine bisher unveröffentlichte Strophe  und den Refrain des Songs benutzen durfte. Das Projekt hat der Organisator des Wiener „Popfest“ Wolfgang Schlögl in die Wege geleitet. Ihm verdankt Nazar die notwendigen Connections zu Thomas Rabitsch, Falcos ehemaligen Keyboarder und Produzenten. Durch ihn ist der österreichisch-iranische Künstler an die unveröffentlichten Textstellen von Falco-Songs gelangt. Nachher hat Nazar noch Angelegenheiten mit dem Label Sony und mit dem Falco-Nachlass geklärt.

An diesem Punkt denken sich vermutlich einige von euch, von wegen Kindheitstraum, der will doch nur fette Kohle machen.

Tatsächlich muss Nazar auf jegliche Rechte an dem Duett verzichten, was so viel bedeutet wie, er verdient sich eben nicht dumm und dämlich mit der Single. Rechte an „Zwischen Zeit und Raum“ besitzen Thomas Rabitsch sowie Sony und Falcos Stiftung.  In einem Interview verrät Nazar, dass er sogar für die Nutzungsrechte geblecht hat.  Dabei sollte aber nicht vergessen werden, dass dieses Duett mit einem Star seiner Karriere als Musiker nicht unbedingt geschadet hat. Außerdem ist der Musiker so in den Genuss gekommen, was es heißt, in einem Aufnahmestudio zu arbeiten, in dem einst eine Legende gestanden hat. Nazar hat bei der Produktion seiner Single in dasselbe Mikrofon gesungen, in das bereits der Falke höchstpersönlich weltberühmte Töne gespuckt hat.

So weit so gut. Aber wie hätte Falco dieses musikalische Experiment gefunden?

Da teilen sich die Meinungen vermutlich in alle nur denkbaren Richtungen. Die einen hassen Nazar für dieses virtuelle Duett, die anderen vergöttern ihn dafür. Dem Rapper ist bereits vorgeworfen worden, dass Falco mit größter Empörung auf dieses Projekt herabschauen würde. Thomas Rabitsch vertritt zu diesem Punkt die Ansicht, dass Falco das Feature auf jeden Fall interessant gefunden hätte, zumal Nazar diesen Song völlig neu interpretiert hat. In einem Interview hat das junge Talent erzählt, dass er sich kurz vor dem Tod von Falcos Mutter ihre Einverständnis für das Projekt eingeholt hat. Die Frage, wie der Falke selbst zu dieser kreativen Neugestaltung seines Originals stehen würde, wissen allerdings nur die Götter.

Wie der Titel schon vermuten lässt, geht es in Nazars Single darum, dass man einen Zeitsprung erlebt. Man lässt sich fallen – und fällt in eine Zeit zwischen dem Original von 1995 und dem Hier und Jetzt. Das Feature findet sich auf dem Album „Camouflage“, wo es um die alltäglichen Masken geht, derer wir uns bedienen, die Tarnung, die wir in unserem Leben verwenden, um unsere Mitmenschen zu täuschen.

 

Mit diesem Feature hat Nazar für Abwechslung in der deutschsprachigen Musikszene gesorgt, immerhin ist es alles andere als alltäglich, ein Feature mit einer verstorbenen Poplegende zu produzieren. Vor ihm ist überhaupt erst zwei Künstlern die Ehre zuteil geworden, im Duett mit Falco zu singen. Da wären  zum einen Desiree Nosbusch mit der 1984 erschienen Single „Kann es Liebe sein?“ und zum anderen Brigitte Nelsen mit der 1987 erschienen Single „Body Next To Body“. Beide Songs wurden aber mit Falco gemeinsam produziert, nicht so bei Nazar. Ob das österreichische Talent mit diesem Schritt wirklich seinen Traum erfüllt hat oder doch kommerzielle Gründe dahinterstecken sei dahingestellt, und ob er mit dem Featuren von toten Popikonen einen Meilenstein gelegt hat, wird die Zukunft zeigen. Falls es in ein paar Jahren geradezu ordinär geworden ist, seine Karriere mit solchen Features zu pushen, dann habt ihr eure Antwort. Was wir auf jeden Fall jetzt schon wissen, ist, dass Künstler gerne mal auf ein Duett mit einem Superstar zurückgreifen, um ihren eigenen Bekanntheitsgrad zu steigern, nur eben mit Lebenden.



About Nazar:  Ardalan Afshar wird 1984 in Teheran, Iran geboren. Sein Vater fällt im Golfkrieg, woraufhin seine Mutter mit ihm und seinem Bruder nach Österreich flüchtet. Im ansehnlichen Alter von 22 Jahren beginnt er seine Karriere als Rapper unter dem Pseudonym Nazar. Seine Songs breiten sich im Internet bereits nach kurzer Zeit wie ein Lauffeuer aus. 2012 erreicht Nazar seine erste Top-Ten-Platzierung in den deutschen Charts und in den darauffolgenden Jahren gewinnt er zweimal den Amadeus Award. Sein aktuelles Album „Camouflage“ befindet sich in Österreich auf Platz 1, in Deutschland auf Platz 2. Im Jahr 2014 produziert der Rapper das virtuelle Duett „Zwischen Zeit & Raum“ mit Falco, wobei die Beats von den deutschen Musikproduzenten Djorkaeff und Beatzarre stammen. Das Original „Königin von Eschnapur“ (1995) ist bis dato eine nicht weit verbreitete Single, das erstmals auf dem Album „Verdammt wir leben noch“ 1999, also nach Falcos Tod, erscheint.

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