Der Winter ist angebrochen und wir wollen den Frost in guter Gesellschaft ausharren. Das Fuzzfest 2017 bietet mit ausgezeichnetem Stoner Rock und sympathischem Publikum die passende Gelegenheit dazu – hier trifft sich das Stoner Urgestein des deutschsprachigen Raums. Mit einem Fassungsvermögen von beihnahe 480 Personen schuf die SzeneWien hierfür nun schon zum zweiten Mal genügend Raum.

Fuzzy Friday – Tag 1 (Ein Wiedersehen)

In der Hauffgasse 26 im zehnten Wiener Gemeindebezirk ist die Stimmung bereits am Brodeln, als die erste Band einen gelungenen Einstieg vollendet. Mit ihren harmonischen Gitarrenriffs füllte die heimische Band Mothers of the Land schnell die Konzerthalle und heizten der Menge ordentlich ein.

Nach einer kurzen Pause übernehmen Ultima Radio die Instrumente, um ihr neues Revue-Album zu präsentieren. Mit ihrem ultimativen Auftritt sorgen die fünf Musiker ordentlich für Stimmung. Vielleicht sogar für etwas zu viel … wieder im Innenhof angekommen, erstarren wir plötzlich für einen Moment zu Stein, als neben uns jemand umkippt. Doch schon im nächsten Augenblick ist eine Handvoll hilfsbereiter Besucher zur Stelle, um Erste Hilfe zu leisten. Als der Unbekannte zu sprechen beginnt und Reaktionsvermögen zeigt, ziehen wir uns langsam zurück und finden uns, etwas verwundert über die vielen Ereignisse in der kurzen Zeit, im Saal mit dem nächsten Ottakringer vom Fass wieder.

Zwei Djembé-Trommeln und ein Didgeridoo werden auf die Stage getragen: Der nächste musikalische Ohrenschmaus muss wohl Triptonus sein. Sie präsentieren einen neuen Song und durch die großteils instrumentalen Klänge der sechsköpfigen Band tanzt sich das Publikum in Ekstase. Das T-Shirt des Bassisten weist schon auf den späteren Main Act des Abends hin, für den wohl die meisten erschienen sind. Bevor es jedoch so weit ist, lernen wir (DELAY) drei Vorarlberger kennen, die uns um ein Foto bitten. Wir stellen ihnen scherzhaft die Aufgabe „Stoner Rock“ zu versinnbildlichen. Gesagt, getan …

Anschließend heißt es Augen auf für The Flying Eyes. Die vier jungen Männer geben Vollgas bis zur letzten Nummer, obwohl dem geladenen Sänger und Gitarristen noch eine Saite reißt! Die Pheromone vor der Bühne sind beinahe schmeckbar, als die letzte ersehnte Band übernimmt – Mother’s Cake. Die heimische Gruppe aus drei Personen erzeugt eine wunderbare Fülle an Sounds und lässt sich als Main Act von der gefüllten SzeneWien feiern, bis sich der Fuzzy-Friday in der Nacht zerstreut.

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so-FUZZ-decated Saturday – Tag 2 (Grand Finale)

Angeschlagen, wie die Gitarrensaiten der letzten Nacht, wanken wir in die vertraute Szenerie. Es ist noch kaum was los, die Halle wirkt eigenartigerweise kleiner als mit all den Menschen die Nacht zuvor. Die Mitarbeiter und die wenigen Besucher wirken sehr entspannt und nutzen die bleibenden Minuten vor dem Ansturm für letzte Vorbereitungen oder einfach um in einem Buch zu lesen.

Das scheint ein guter Zeitpunkt zu sein, um sich ein paar Informationen vom Mitveranstalter Joni einzuholen. Erst meint er lachend, es habe sich nichts geändert im Vergleich zum letzten Jahr. Doch nach kurzem Nachdenken erwähnt er die verbesserte Organisation und die umfangreicheren Dekorationsarbeiten. Die Nachfrage im Vorverkauf sei trotz Fehlens eines internationalen Stoner-Rock-Urgesteins auch deutlich gestiegen, was sich an den 300-400 Besuchern pro Tag widerspiegelt. “Freitag war ausverkauft und Samstag knapp 350 Stonerheads.” Er schwärmt von der Community und erzählt von der Gründung des Labels „Panta Records“, die das erste Album von Mother’s Cake veröffentlichten. Als er dann noch die Künstlerin und Illustratorin (Missfelidae) der Plakate vom Fuzz-Fest sowie vom „Lake on Fire“ erwähnt, wird klar, dass die österreichische Stoner-Rock Szene sehr familiär und sozial miteinander verbunden ist.

Heimelige Atmosphäre kommt auf, als die drei Mitglieder von Les Lekin sich vor ihrem Auftritt mehrmals umarmen. Noch eine intensive Gruppenumarmung, und der zweite Tag des Festes kann beginnen. Die zwei Männer an der Gitarre und am Bass werden vom Takt ihrer Drummerin geleitet, woraus sich ein gelungener und rein instrumentaler Einstieg ergibt. Mit dem Kreischen und den Obertönen der Gitarre beschallen sie die schnell wachsende Menge, die nicht zögert, näherzutreten. Es wird warm in der Konzerthalle! Ein Jammer aber, dass Les Lekin trotz starkem Jubel keine Zugabe spielen.

© Michael Kendlbacher

Savanah übernimmt mit einheimischem Dessert Rock. Die Visuals sind perfekt auf ihren Rhythmus abgestimmt. Produziert werden diese von Mitgliedern des neu gegründeten Kollektivs der „Analog Visuals Vienna.  Mit Overhead-Projektoren zaubern die Mädels und Jungs die passenden bunten Gebilde in allen Formen und Farben über die Bühne.

Die nächste Band bringt Abwechslung in das Line-up. Die Zwei-Mann-Band DŸSE aus Deutschland lässt ein enormes Klangspektrum mit Hardcorepunk als Basiselement erklingen. Ein elektronischer Fehler zu Beginn wird gekonnt mit interaktiver Improvisation überbrückt, die sich über den gesamten Auftritt erstreckt. BeatBox- und Call-and-Response Elemente sind Teil des Resultats, wenn DŸSE auftreten. Nach einer kurzen Geschichte über das Jammen mit Queens of the Stone Age spielen sie einen Song nach, der eine große Pogo-Menge entstehen lässt.

Das Fuzz-Fest ist aufgeheizt, genauso wie The Picturebooks, die wegen 40 Grad Fieber leider absagen mussten. An ihrer Stelle spielt der Main Act vom zweiten Tag Monkey3 gefühlt mindestens doppelt so lang wie geplant. Mit einer sphärischen Einleitung und hypnotisierenden Projektionen auf der Bass Drum vollenden sie einen rein instrumental ausgewogenen und würdigen Abschluss des Fuzz-Festes 2017.

Noch ein letztes Bier, weiter in den Innenhof, und plötzlich scheinen die Besucher wie vom Erdboden verschluckt zu sein. Der Security macht uns eindringlich klar, dass wir die Zigaretten noch fertigrollen können, sie aber bitte draußen rauchen sollen – Sperrstunde. So verläuft sich der Spaß leider viel zu schnell, nur das Gekicher kleiner Fangruppen hallt noch eine ganze Weile durch die Gassen Wiens.

Ein gelungenes Wochenende!

Ein Rückblick

Die Location der SzeneWien bietet viel Platz. Das Gefälle in der Konzerthalle macht die Bühne für alle gut sichtbar. Der Innenhof bietet Rauchern einen Ort für die entspannende Zigarette zwischendurch, auch wenn Heizpilze zum Warmhalten fehlen. Möchte man sich nicht zu viel entgehen lassen, bleibt ohnehin keine Zeit zum Erfrieren.

Das Fuzz-Fest zeichnet sich durch eine gute Auswahl großteils lokaler Bands aus, die von Live-Visuals untermalt werden. Aus diesem Grund ist das Fest perfekt dazu geeignet, heimische und benachbarte Stoner Rock Musik kennenzulernen, die leicht mit internationalen Acts mithalten kann. Wichtiger zu erwähnen ist jedoch das Publikum. Wer einmal auf einer Stoner-Rock-Veranstaltung war, wird wohl bei der nächsten einige Gesicht wiedererkennen und die offene, freundliche Art dieser Szene zu schätzen wissen. Es bleibt zu hoffen, dass noch viele Fuzz-Feste gefeiert werden!

Also dann bis nächstes Jahr …

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